RODEO IN MONTANA

RODEO IN MONTANA

 

 

Es geht um acht Sekunden. Für uns nicht viel mehr als ein Augenaufschlag, für den Rodeoreiter eine kleine Ewigkeit. Acht Sekunden,  solange muß er auf einem wild buckelnden Pferd oder auf einem ungestümen Bullen reiten, um als Sieger zwischen Mensch und Tier hervor zu gehen. Ist es Tierquälerei oder ein Volksfest aus dem „alten“ Wilden Westen?

Zugegeben – es gibt eine Menge Bedenken gegen Rodeos: Die Pferde und Bullen würden großen Stress und arge Schmerzen erleiden müssen. Einige Gegner meinen auch: „Das sind keine Wildpferde, sondern eher Zirkuspferde, und sie buckeln nicht, um den Reiter abzuwerfen, sondern um den lästigen Flankengurt abzustreifen, der ihren Unterleib einschnürt. Beim Bullenreten ist es das Gleiche“.

die „Pick Up Girls“, Vorbereitung auf das Rodeo

Cowboys, Büffeljäger und Indianer

 

Doch allen Kritiken zum Trotz finden in den USA, in Kanada und Australien jährlich an die tausend Rodeos statt. Diese Reiterfeste wirken wie ein Bote aus jener fernen Epoche, als das Zureiten eines Mustangs noch zum Prestige jedes Cowboys gehörte. Dazu kommt noch, dass Rodeos Garant für Spektakuläres sind, sodass nicht nur Reitenthusiasten diese Festivitäten besuchen. Und nicht zuletzt bieten sie nicht nur eine farbenprächtige naturalistische Szenerie, sondern auch eine symbolhafte Arena für Patriotismus und Mut. Bei großen Veranstaltungen verteilen die Organisatoren mehrere Millionen Dollars an Preisgeldern, und hunderttausende Zuschauer vermeinen für ein paar Stunden einen Hauch des „alten“ Wilden Westens zu verspüren. Und wo sonst kann man den amerikanischen Westen auch heute noch so hautnah erleben, wie in Montana. Schon bei Nennung dieses Namens denkt man an Cowboys, Büffeljäger und Indianer. Montana ist einer der dünstbesiedelsten Bundesstaaten der USA, fast 390.000 Quadratkilometer groß, größer als Deutschland, und von weniger als einer Million Menschen bewohnt. Es war bis  1803  ein Teil der französischen Kolonie Louisiana, einem riesigen Gebiet westlich des Mississippi. Die USA kauften die ganze Kolonie von Napoleon Bonaparte, und Montana wird dann 1889 der  41. Bundesstaat der USA. Im 19. Jahrhundert war es Schauplatz blutiger Indianerkriege. Noch 1876  besiegten die Lakota-Sioux, unterstützt von anderen Stämmen, unter den Häuptlingen Sitting Bull und Crazy Horse das  7. US-Kavallerieregiment unter General George Custer am Little Bighorn. Erst am 29. Dezember 1890 konnte die US-Armee die Indianer endgülig in die Knie zwingen: Bei Wounded Knee in South Dakota nahm das 7. Kavallerieregiment grausame Rache für die Niederlage am Little Bighorn und metzelte hunderte Frauen, Kinder und Männer der Lakota-Sioux nieder.

Rodeoatmosphäre

Rodeos – Volksfeste im Westen der USA

 

Zehn Meilen westlich von West Yellowstone liegt in einer weiten Ebene das Rodeogelände. Hier findet keine Großveranstaltung mit Millionen von Dollars an Preisgeldern statt, wir würden es eher als Dorffest bezeichnen. In einem kleinen Holzverschlag sitzt der Kassier, dann ein weiter Platz zum Parken, eine Menge Pick-Ups mit Pferdeanhängern stehen schon da, anschließend Pferde- und Rinderkoppeln, eine große eingezäumte Arena mit den Startboxen für die Reiter, die Tribünen und  ein hohes Gerüst mit einer Plattform für den Ansager. In einer Holzhütte bereiten einige Helfer prächtige Steaks mit Bratkartoffeln vor, und Bier gibt es dazu natürlich auch. Vor der Braterei stehen Tische mit Bänken, es ist zwar noch eine gute Stunde bis zum Beginn, doch hier herrscht schon reger Betrieb.

ein nicht ungefährlicher Sport

Ich besorge mir eines dieser tellergroßen Steaks mit Bratkartoffeln, dazu ein Bier und jongliere beides zu einem Tisch, an dem noch Platz ist. Nur ein Mann sitzt dort. Mit einer einladenden Handbewegung ermuntert er mich, Platz zu nehmen und macht mich noch auf die Zutaten Senf und Chilli aufmerksam, die auf dem Nebentisch stehen. Mein Tischnachbar ist mit einer dunklen Lederweste und  einer aus dem gleichen Material geschneiderten Hose bekleidet, den breitkrempigen schwarzen Stetson mit einem silbrig glänzenden Hutband hat er tief in die Stirn gezogen, sodass seine Augen fast verdeckt sind. Das Gesicht ist hellbraun, und er hat langes schwarzes Haar – ein Indianer, denke ich.

Wir kommen ins Gespräch, und als er erfährt, dass ich aus Europa komme, beginnt er über sich zu erzählen, so als hätte er in dem von weither gereisten Fremden endlich den aufmerksamen  Zuhörer gefunden. Er träte oft bei Rodeos auf, mit indianischem Federschmuck für Ross und Reiter. Bei diesem Rodeo hier würde er nichts verdienen, und ein Essen für ihn und Futter für sein Pferd, das sei ihm zuwenig. Aber bei größeren Rodeos würde er ein gutes Geschäft machen.  Er sei vom Volk der Cheyenne und werde von den Seinen Honiahaka genannt, nach einem Häuptling der Cheyenne, den er sehr verehre. Sein Blick ist dabei etwas verträumt in die Ferne gerichtet, vom  Treiben ringsumher scheint er keine Notiz zu nehmen, und dann sagt er wie beiläufig: „ But it’s all over“.  Und nun wolle er die  Eröffnung hier nicht versäumen, er steht auf, klopft mir noch leicht auf die Schulter und geht weg, in Richtung Tribünen.

 

America The Beautiful

 

America the Beautiful

 

Um acht Uhr eröffnet der Platzsprecher das Turnier. Das Eingangsgatter wird geöffnet,  ein Mädchen galoppiert mit einer amerikanischen Fahne in die Arena, dreht einige Runden und bleibt dann stehen vor den Zuschauertribünen stehen. Es wird die inoffizielle Hymne der Amerikaner gespielt: „America the Beautiful“, dabei bleibt kein Kopf bedeckt, und bei vielen liegt die rechte Hand über dem Herzen.

Acht Sekunden

 

Oben auf dem engen Gitterverschlag der Startboxen hocken schon geschäftige Männer mit ihren breitkrempigen Cowboyhüten. Einer von ihnen gleitet in den Sattel des nervös tänzelnden Pferdes, das in der engen Box nicht ausweichen kann. Ein anderer öffnet das Gatter, und das Pferd stürmt mit dem Reiter in die Arena. Das Ross springt mit allen Vieren in die Höhe, schlägt mit beiden Beinen nach hinten aus,  versucht vor allem, den straff angezogenen Flankengurt abzustreifen und als Nebeneffekt, auch den Reiter abzuschütteln. Acht Sekunden muss der Cowboy oben bleiben und darf sich dabei nur mit einer Hand an einem Strang, der am Halfter befestigt ist, festhalten. Dieser Reiter schafft es. Der Lohn: langanhaltender Applaus von den leidenschaftlichen Zuschauern. Sofort nehmen die zwei „Pick Up Men“, die Abholreiter, das bockende Pferd in ihre Mitte, der Rodeocowboy wechselt zu dem neben ihm galoppierenden Helfer hinüber, der andere öffnet den straff angezogenen Flankengurt. Daraufhin beruhigt sich das Pferd ziemlich rasch. Das alles dauert nur wenige Sekunden. „Saddle Bronc Riding“ nennt man diese Disziplin. Ohne Sattel versuchen die Cowboys beim „Bareback Riding“ auf Pferden und beim „Bull Riding“ auf Stieren ihr Glück. Eine weitere Disziplin ist „Break Away Calf Roping“, das heißt Kälberfangen, dabei müssen zwei Reiter ein Kalb mit dem Lasso einfangen, einer wirft ein Wurfseil über den Kopf, der zweite um ein Hinterbein des Tieres.

 Eleganz der Bewegung – die Cowgirls

 

Die Eleganz der Bewegungen eines galoppierenden Pferdes, und die Ästhetik der Harmonie zwischen Mensch und Tier kann man bei all diesen Disziplinen nicht sehen – das kann man jedoch beim „Barrel Race“ erleben: Drei in dreiecksform aufgestellte Tonnen müssen so schnell wie möglich umritten werden. Und wieder sind es Frauen, die für das Pferd ein viel größeres Einfühlungsvermögen als Männer aufbringen und die den Rodeos einen neuen Weg zeigen. Dieser Bewerb ist die Domäne der Frauen, und diese Disziplin wird immer beliebter, das zeigt der begeisterte Applaus der Zuschauer für die Cowgirls.

 
„Im Leben eines Indianers gibt es keine schlechten Tage. Auch wenn die Zeiten noch so schwierig sind – jeder Tag ist gut. Weil du am Leben bist, ist jeder Tag gut.“(Henry Old Coyote, Crow-Indianer)
 

Den Cheyenne habe ich an diesem Abend nicht mehr gesehen. Erst am nächsten Tag erfahre ich in einem Buchgeschäft in West Yellowstone: Honiahaka heißt Kleiner Wolf, und der Indianer nach dem er sich nannte war einer der tapfersten Kriegshäuptlinge in den Indianerkriegen im  19.Jahrhundert. Er hieß bei den Cheyennes: „Oh-cum-ga-che“.  In der Schlacht am Little Bighorn war er Verbündeter der Lakota-Sioux.

„It’s all over“, sagte der Cheyenne zu mir, als er sich verabschiedete und meinte damit wohl, dass sein Volk nie wieder so frei und unabhängig das eigene Leben bestimmen können wird, wie vor den Indianerkriegen, als der Rote Mann der unumschränkte Herrscher über die Weiten des nordamerikanischen Westens war. Herrscher ist nicht das richtige Wort, denn die Indianer fühlten sich nicht als Bezwinger der Natur, sondern als ihr gleichberechtigter Partner.  – Diesem indianischen Weltverständnis gibt die Zivilisation der Weißen keinen Raum.

Back Home Again

 

In  den Rocky Mountains, in 2.000 Metern Höhe, ist es um diese Zeit, es ist schon nach zehn Uhr abends, auch im August  ziemlich kühl. Das Publikum ist trotzdem von den Darbietungen begeistert, niemand würde vorzeitig weggehen, wo sich die Akteure doch soviel Mühe gemacht haben – auch das ist eine liebenswerte Tugend der Menschen hier im Westen.

Die weite Ebene um uns herum verschwindet in der Dunkelheit, keine Lichter von Siedlungen, fast menschenleer ist das Land, und aus den Lautsprechern tönt John Denver’s Country Song „Back Home Again“ – Rodeo in Montana, für Cowboys, Touristen und Träumer.

 

bei West Yellowstone, Montana

 

 

 

 Franz Haslinger

 
West-Yellowstone, 08/2008
copyright©franz.haslinger@yahoo.de

 

 

Franz Haslinger
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