Der Argentinier an sich– Eine Feldstudie

Der Argentinier an sich– Eine Feldstudie

Der Argentinier an sich ist unerträglich. Denn, zweitens, der Argentinier ist arrogant und überheblich im Allgemeinen und im Besonderen noch mehr. Das behauptet zumindest der Chilene an sich. Für mich war es also an der Zeit, die Probe auf’s Exempel zu machen und den großen Bruder auf der anderen Seite der Anden aus nächster Nähe zu studieren.

 

Station 1: Mendoza

Nachdem ich meinen Anreisetag zum dritten Mal verschieben musste, steige ich endlich aus dem Bus in Mendoza. Hier erwartet mich Carina. Zumindest hoffe ich das, denn mittlerweile weiß ich selbst nicht mehr, für welchen Tag ich mich eigentlich angekündigt habe. Sie klingt denn auch überrascht als ich sie anrufe: „Oh, Du bist schon da. Ich bin jetzt leider nicht zu Hause.“ „Na großartig!“, denke ich und stelle mich schon auf eine Nacht in einem ungemütlichen Hostel am Bahnhof ein. Doch weit gefehlt! „Ich bin grad bei Freunden, komm doch einfach erstmal hierher.“ Gesagt, getan. 15 Minuten später bin ich mitten in einem typisch argentinischen Freitag Abend gelandet – beim Grillen. Auf dem Grill werden mindestens 5 Kilogramm feinstes argentinisches Fleisch pro Person gebrutzelt. Ich überlege, ob jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um zu erwähnen, dass ich kein Fleisch esse, doch ich verschiebe das auf später. Ich komme auch gar nicht dazu, denn sofort werde ich ins Salat machen (ich werde also nicht verhungern müssen) und Wein einschenken eingebunden. Grillen ist so etwas wie ein heiliger Ritus in Argentinien. Mehr als alles andere ist es ein Anlass, um sich mit Freunden zu treffen und einen schönen Abend gemeinsam zu genießen. So ist es denn auch nicht so wichtig, dass das Fleisch erst zwei Stunden später endlich fertig ist. Da ich nun doch mit der Sprache herausrücken muss, werden mir mit mitleidigem Blick „nur“ das gegrillte Gemüse und ein paar Würstchen serviert (Würstchen gelten hier und in ganz Lateinamerika übrigens nicht als Fleisch, genau so wenig wie Hühnchen, Hackfleisch oder Fisch). Das kann ich nun wirklich nicht ausschlagen ohne einen ernsthaften politischen Konflikt zwischen Argentinien und Deutschland zu riskieren. Würstchenglücklich und weinseelig sinke ich einige Stunden später ins Bett und finde den Argentinier an sich bisher sehr herzlich und gastfreundlich.

 

Station 2: Córdoba

Mein nächster Halt in Argentinien ist die Universitätsstadt Córdoba. Auch hier habe ich meine Gastgeberin Elisa mit stets wechselnden Reiseplänen schon zur Verzweiflung getrieben. Als ich ihr schließlich meine endgültige Ankunftszeit durchgebe (8 Uhr morgens), sagt sie nur: „Trinkst Du Tee oder Kaffee zum Frühstück?“ Und so erwarten mich denn bei meiner Ankunft auch eine strahlende Elisa nebst herrlich dampfendem Kaffee. Großartig! Elisa verliert auch keine Zeit, um mich gleich schon zum Mittagessen und Abendessen (für die komplette Woche) einzuladen. Elisa hat es sich eindeutig zur Aufgabe gemacht, die perfekte Gastgeberin zu sein. So habe ich denn auch einige Tage später mehrere personifizierte Stadttouren bekommen, wurde zum Tanzen, zu Konzerten und zum Essen ausgeführt. Rundum zufrieden (und bestimmt auch rundER als zu meiner Ankunft) reise schließlich weiter.

 

Station 3: Salta

Salta ist eine größere Stadt im Norden Argentiniens, umgeben von einer sagenhaften Andenkulisse und vielen kleinen Bergdörfern. Hier lande ich im Hostel „Alquimia“ und wie es mittlerweile normal zu sein scheint in Argentinien, lande ich auch noch am selben Abend am Familiengrill der Hostelbesitzer. Mittlerweile zur flexiblen Vegetarierin konvertiert, knabbere ich glücklich an meinem Würstchen und sippe an meinem Mate. Mate ist in Argentinien ähnlich heilig wie das gegrillte Rindfleisch. Die tee-ähnlichen Kräuter werden in einen speziellen Becher gefüllt, mit heißem Wasser (und Zucker) aufgefüllt und aus einem metallenen Strohhalm getrunken. Dabei trinken alle Anwesenden reihum aus demselben Becher. Es ist fast noch schlimmer „nein danke“ zum Mate zu sagen als zum Grillfleisch. Egal ob man ihn also mag oder nicht (ich mag ihn, zum Glück), hier heißt es nippen und trinken.

Am nächsten Morgen hat die Hostelfamilie beschlossen, mich auf eine Tour durch die anliegenden Bergdörfer mitzunehmen. Ich stelle fest, gegen den Argentinier im Allgemeinen und vor allem im Besondern hat man keine wirkliche Chance zum Widerspruch. Zwei Tage später habe ich offensichtlich mittlerweile meine dritte argentinische Adoptivfamilie gefunden und ich darf nur Richtung Bolivien weiter ziehen als ich hoch und heilig verspreche (auf Grillfleisch und Mate), dass ich wieder kommen werde.

 

Nach diesen Feld-Erfahrungen schließe ich meine Studie mit folgenden Schlussfolgerungen ab: Erstens, der Argentinier an sich ist GROSSARTIG. Zweitens, nutze NIE einen Chilenen als Quelle über Argentinien!

 

 

 

Marinela Potor

Klein, Quirlig, Quietischig - so zog ich 2010 aus Deutschland aus, um die Welt zu entdecken. Und landete dabei in Chile. Es war Liebe auf dem ersten Blick! Nun dreh ich hier in diesem südlichen Amerika so meine Runden, als rollender Stone sozusagen. Alle kleinen und großen Abenteuergeschichten halte ich dabei in diesem Blog fest!

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