Von Stieren, Heiligen und anderen Geschöpfen

Von Stieren, Heiligen und anderen Geschöpfen

Ich bin der festen Ansicht, dass man Feste feiern muss, wie sie fallen. Mit dieser Einstellung bin ich anscheinend goldrichtig in Bolivien. Denn hier wird wohl so ziemlich jeder katholische Heilige gefeiert, der jemals in der Bibel erwähnt wurde. Ich finde das auch richtig – wer nimmt sich denn auch heraus, einige Heilige als wichtiger als andere einzustufen. Ich bin für absolute Gleichberechtigung und von daher auch gleich mit von der Partie, als ich zur Feier des heiligen Santiago eingeladen werde – an einem Montag. Meine Freundin Martina ist ganz nervös, weil sie das erste Mal offiziell eingeladen ist und zwei Stier-Brote backen muss. Mir ist nicht ganz klar, was ein heiliger Santiago (über dessen Heiligkeit ich mir bis heute nicht ganz im Klaren bin) mit Broten in Stierform zu tun hat, aber das ist auch nebensächlich. Schließlich hat sogar meine Chefin beschlossen mitzukommen und so machen wir das Hostel nachmittags um 14 Uhr zu, um auch rechtzeitg zur Stier-Feier anzukommen. Ich habe ein wenig recherchiert und gelesen, dass hier die göttlichen Erscheinungen gefeiert werden. Besagtem Santiago erschien im Schlaf sein verstorbener Bruder als Stier. Als ich Martina und Roxana davon erzähle schauen sie mich allerdings sehr ungläubig an und sagen, dass Santiago ein sehr mächtiger Heiliger sei, der uns vor Hexen und bösen Kräften beschützt. Christliche oder Indio-Interpretation – mir soll’s recht sein, hauptsache es wird gefeiert. Gegen 15 Uhr kommen wir schließlich zu einem kleinen Ort außerhalb Sucres. Der Ort der Feier ist unschwer zu erraten: einfach den dröhnenden Bässen der Stereoanlage folgen (in Bolivien scheinen die Lautstärkeregler grundsätzlich nur einen Mechanismus zu kennen: voll aufgedreht). Im Haus angekommen, ist das erste was wir sehen ein Tisch, als Altar aufgebaut, auf dem sich die Stierbrote stapeln. Vor dem Alter zünden die Gäste Kerzen an, zu Ehren Santiagos. „So, und jetzt geht’s ans Trinken“, strahlt mich Roxana an. Das heißt in diesem Fall, jeder Gast hat zwei Plastikwannen vor sich, eine voller Chicha, die andere mit Puro gefüllt. Chicha ist ein süßliches Gebräu aus Mais gegoren (und wird je nach Tradition mit Hühnerbrühe oder Kuhdung zubereitet – was ich zum Glück erst Wochen später erfahre). Während die Chicha noch recht harmlos ist, ist Puro eine tödliche Mischung aus 95%igem Alkohol (die kleinen Plastikflaschen, in denen er verkauft wird steht extra der Hinweis „potable“, also „trinkbar“) und irgendeinem süßen Saft. Der Begriff „Saft“ muss hier auch noch näher erläutert werden als chemische Bombe aus Farbstoff und Zucker. Nun wird dies nicht einfach so getrunken, das wäre nicht im Sinne des heiligen Santiagos. Die gesamte Feiergesellschaft sitzt im Stuhlkreis bis einer anfängt, aus seiner Wanne zu trinken. Der erste Schluck wird auf den Boden geschüttet, zu Ehren von Pacha Mama (Mutter Erde). Dabei schaut der Trinkende die nächste Person an, für dessen Glück und Gesundheit er trinkt. Diese wiederum nickt, um dies anzunehmen – was auch gleichzeitig heißt, dass man als nächster an der Reihe ist, um zu trinken. Ein Nein oder Ablehnen des Getränks gibt es hierbei nicht (zu anderer Gelegenheit und im Studentenalter wäre dies ein wunderbares Trinkspiel gewesen). Nun habe ich die besondere Ehre die einzige „gringa“ in diesem Kreis zu sein, was so viel heißt, wie: mit jedem der ca. 50 Anwesenden (die Anzahl steigt dabei minütlich) muss ich mehrmals anstoßen. Nach zwei Stunden, in denen ich weder meinen Platz verlassen, noch auch nur ein einziges Glas ablehnen darf, werden meine Gaben an Pacha Mama immer großzügiger. Der Fußboden ist mittlerweile auch eine große gelbliche Pfütze, gelber klebriger Saft tropft von meiner gesamten Kleidung. Nach dem stechenden Geruch zu urteilen, ist die gelbe Flüssigkeit am Boden nicht ausschließlich Alkohol – ich vermute nicht jeder der Anwesenden hat so eine starke Blase, das er zwei Stunden trinken durchhalten kann, ohne auf Toilette zu gehen. Mittlerweile hat eine ältere Senora beschlossen, dass sie nur noch mit mir trinken will. Sie kann sich kaum noch auf den Beinen halten und schwankt bei jedem Schluck mehr. Ich kann mein Glück kaum fassen, als ich auch noch Gesellschaft von einem älteren Herrn bekomme. Profil: ohne Zähne, dafür aber mit Koka-Blättern im Mund. Während er sehr intensiv auf mich einredet, landet dabei die hälfte des Kokas in meinem Gesicht. Weder Roxana noch Martina erweisen sich hierbei als besonders hilfreich. Denn ich kann den Mann nicht verstehen und vermute, er spricht Quechua, aber selbst meine Dolmetscherin sind ratlos, sodass ich zu seinem Wortschwall nur brav nicke und „sí“ sage und dabei unauffällig den Koka-Spuck-Salven versuche auszuweichen. Als sich die Senora benachteieligt fühlt und die beiden in einem Streit um meine Aufmerksamkeit aneinander geraten, nutze ich meine Chance, um endlich aufs Klo zu wanken. Bei meiner Rückkehr und nach nahezu drei Studen ununterbrochenen Trinkens hat die Gastgeberin endlich ein Einsehen und serviert das Essen. So schnell und so freudig habe ich noch nie so riesige Fleischmengen verzehrt (der Vegetarier-Gott möge mir für diese Sünde vergeben). Während die gesamte Festgemeinschaft selig schmatzt, wird der Boden gesäubert. Jetzt wird getanzt. Man stelle sich nun 70 volltrunkene Personen vor, wie sie versuchen sich halbwegs rhythmisch zu bewegen, ohne dabei hinzufallen. Zum Glück habe ich mit den beiden älteren Herrschaften zwei gute Stützen an meiner Seite. Trotzdem bin ich heilfroh, als mich Roxana und Martina aus der schwankenden Menge herauswinken – es wird Zeit aufzubrechen. Zum Abschied bekomme ich noch ein Stierbrot als Geschenk in die Hand gedrückt. Wunderbar – so habe ich noch etwas Proviant für den Heimweg. Als ich denn erleichtert im Taxi an meinem Stier knabbere, fangen sowohl Martina als auch Roxana an zu lachen: „Sie hat vom Stier gegessen! Marinela, das heißt, dass Du nächstes Jahr wieder zum Stierfest herkommen musst!“ Ich schlucke und denke: Chicha, noch mehr Chicha und spuckende Männer … und sage: „Prima, nächstes Jahr bin ich auf jeden Fall wieder dabei. Solche Feste kann man doch nicht auslassen!“

 

Marinela Potor

Klein, Quirlig, Quietischig - so zog ich 2010 aus Deutschland aus, um die Welt zu entdecken. Und landete dabei in Chile. Es war Liebe auf dem ersten Blick! Nun dreh ich hier in diesem südlichen Amerika so meine Runden, als rollender Stone sozusagen. Alle kleinen und großen Abenteuergeschichten halte ich dabei in diesem Blog fest!

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