Der Bolivianische Bus oder: die Geschichte einer Liebe

Der Bolivianische Bus oder: die Geschichte einer Liebe

Ich bin weder die Erste und mit Sicherheit auch nicht die Letzte, die über das Abenteuer „Busfahren in Bolivien“ schreibt. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle dem bolivianischen Bus im Allgemeinen und vor allem im Besonderen einen eigenen Eintrag widmen. Nachdem mich der BB (Bolivien Bus) auf zahlreichen ruckeligen Fahrten, auf steinigen Wegen und in schwindelerregenden Höhen begleitet hat, ist er mir doch sehr ans Herz gewachsen. Unsere erste schicksalhafte Begegnung hatten BB und ich direkt nach der argentinischen Grenze, in der kleinen bolivianischen Stadt Villazón. Von dieser Stadt weiß ich eigentlich nur zu berichten, dass sie einen überfüllten Busbahnhof hat, in dem natürlich nur Bargeld akzeptiert wird; dass die Wechselstuben nach 18 Uhr schließen und dass ich eine sehr verzweifelte Stunde damit verbracht habe mitsamt meinem Gepäck einen funktionierenden Bankautomaten (MIT Geld) zu finden. Ich gebe zu, meine allgemeine Laune mag von diesen kleinen Details sowie von einer 10-stündigen Busfahrt ein wenig getrübt gewesen sein, als BB und ich uns das erste Mal begegneten. Ich will ehrlich sein: es war Abscheu auf dem ersten Blick. Angefangen von meinem Rucksack, der meterweit durch den Staub gezerrt wurde, um anschließend auf dem Dach (!) mit Kordeln (!!) befestigt zu werden, über den überfüllten Innenraum, in dem sich schätzungsweise drei bolivianische Großfamilien (à 15 Personen) tummelten – mitsamt ihren Babys, Taschen, Decken, Essensvorräten für 3 Monate bis hin zur Feststellung, dass ich in den nächsten 12 Stunden Busfahrt ohne Klo auskommen werden müsste. Mit zunehmender Fahrt, bemerkte ich noch kleine weitere Details. Das fehlende Busklo wird dadurch kompensiert, dass man ca. alle 2 Stunden für eine Pinkelpause brutal aus dem Schlaf gerissen wird. Die Lichter werden angeschaltet, die drei Großfamilien schälen sich aus ihren Sitzen, marschieren zur Toilette und geschlossen wieder zurück, um sich wieder auf den Sitzen zu stapeln (ein Prozess, der jedes Mal etwa eine halbe Stunde in Anspruch nimmt). Weiterhin konnte das Fenster an meiner Seite nicht geschlossen werden, ein kleines aber feines Detail, wenn man auf 4.000 Höhenmetern und Außentemperaturen um ca. -15 Grad unterwegs ist und dabei die Klimaanlage des Busses auf „kalt“ gestellt ist. (Später sollte ich feststellen, dass es keinen einzigen BB gibt, in dem ALLE Fenster funktionieren und man irgendwie immer das Glück hat, genau an dem kaputten Fenster zu sitzen.) Als ich nach 14 Stunden (pinkelpausen-verzögerungsbedingt) endlich aus dem Bus steigen konnte, in dem ich mit Sicherheit die kälteste Nacht meines Lebens verbracht habe, konnte ich weder Finger noch Füße vor lauter Kältestarre bewegen. Nein, BB und ich würden hier und jetzt sicherlich keine wunderbare Freundschaft beginnen. In Sucre, meinem Ziel in Bolivien, angekommen, machte ich dann schnell Bekanntschaft mit den kleinen Schwestern und Brüdern des BB – den Micros (Stadtbussen). Hier habe ich erstaunt gesehen, wie behende Bolivianer bei ca. 70 km/h auf die Busse auf- und abspringen (mit Koffern, Tüten und Babys im Gepäck) und dabei mit einer Hand lässig dem Busfahrer das Geld für die Fahrt in die Hand drücken – ohne dabei hinzufallen. Ehrlichkeitshalber muss ich gestehen, dass ich bei geschätzten 100 Fahrten, mindestens 95 Mal entweder hingefallen, gestolpert, über jemanden gefallen bin oder alles fallen gelassen habe. Ich habe auch noch nicht herausfinden können, nach welchen Kriterien die Ecken, an denen die Busse halten stündlich wechseln und wie alle anderen bolivianischen Mitfahrer dies zu wissen schienen, während die MicroBBs ständig an mir vorbeifuhren. So staunte und lernte ich. So war ich denn auch für meine nächste größere Reise mit BB besser ausgerüstet. Nach einer gründlichen Umfrage, hatte ich das beste Busunternehmen, also das mit den neuesten (oder besser gesagt: mit den am wenigsten alten) Bussen ausfindig gemacht. Ich reservierte einen Platz am Gang und betrat den BB mit drei T-Shirts, zwei Pullovern, einer Jacke und einer Sicherheitsjacke sowie mit Mütze, Schal und Handschuhen … und wurde sogleich von einem Hitzeschlag fast umgeworfen. Der Busfahrer hatte beschlossen, die Heizung voll aufzudrehen und ich konnte ein wenig die Verzweiflung der italienischen Reisenden vor mir verstehen, als sie feststellte, dass sie das Fenster nicht AUFmachen konnte. An dieser Stelle musste ich an den Satz einer anderen Bolivien-Reisenden denken: „In Bolivien muss man jeden Tag, egal wohin man geht, mit Sommer-, Winterkleidung, Regenjacke und Badeanzug unterwegs sein, denn man weiß nie was der Tag bringt.“ Und so zuckte ich also mit den Schultern und entledigte mich einiger meiner Kleidungsschichten. Ach, BB, so schlimm ist es ja gar nicht mit Dir! Die nächste Strecke führte mich von der Minenstadt Potosí in den Süden Boliviens, nach Uyuni, ca. 8 Stunden Fahrt auf unasphaltierten Straßen (ich frage mich immer noch, wo genau eigentlich die asphaltierten Straßen in Bolivien sein sollen). Hier hatte BB schon die nächste Überraschung für mich im Petto. Aus organisatorischen Gründen, muss man in Bolivien 30 Minuten vor Abfahrt am Terminal sein, um genug Zeit zum Aufladen des Gepäcks zu haben. Tatsächlich habe ich jedes Mal erlebt, dass zwar die Fahrgäste pünktlich waren, die Busse aber regelmäßig erst 30 Minuten NACH der geplanten Abfahrtszeit ankamen. In diesem speziellen Fall, kam der Bus gar nicht und die Fahrgäste wurden auf zwei andere Busse umverteilt. Das Chaos war perfekt. Der generelle Brauch, Sitzplätze doppelt zu vergeben, hatte sich gerade um ein Vielfaches multipliziert, was dazu führte, dass jeder Fahrgast mindestens zwei Mal seinen Sitzplatz wechseln musste und eine französische Touristin schließlich weinend vor lauter Verzweiflung auf den Busfahrer einschlug. Nachdem auch ich meinen Sitzplatz vier Mal gewechselt hatte und der Bus nach einer Stunde immer noch nicht fahrbereit war, stellte sich heraus, dass ich der Grund allen Übels war. Offensichtlich hatte man mich in den falschen Bus verfrachtet, sodass ich mit plötzlicher windeseile, umgeladen wurde (mein Rucksack wurde von einem Dach aufs nächste geschleudert) und mit Sicherheit 20 bolivianische und eine französische Feindin hatte. Ich weiß nicht, ob mich hier schon die bolivianische Gelassenheit angesteckt hatte, aber ich fand die Situation unglaublich komisch und freute mich fast schon auf meine nächste Reise mit BB – wir waren jetzt ja schließlich schon fast Freunde. Und so kam denn auch schweren Herzens die Abschiedsfahrt von Bolivien nach Chile. Eine Reise, die 1 Stunde verspätet startete, in der mein Gepäck drei Mal umgeladen wurde, wir zwei Mal den Bus wechselten und 4 Stunden wartend auf einen Bus an der bolivianisch-chilenischen Grenze verbrachten. Und dann kam Chile: ein hochmoderner Bus, pünktlich, ausgestattet mit funktionierender Klimaanlage, einem Sitzplatz pro Person, perfekt isolierten Fenstern, Fernseher und Menü an Bord. Und hier wurde mir schlagartig klar: der chilenische Bus hat keine Persönlichkeit! BB – ich vermisse Dich!!!

 

Marinela Potor

Klein, Quirlig, Quietischig - so zog ich 2010 aus Deutschland aus, um die Welt zu entdecken. Und landete dabei in Chile. Es war Liebe auf dem ersten Blick! Nun dreh ich hier in diesem südlichen Amerika so meine Runden, als rollender Stone sozusagen. Alle kleinen und großen Abenteuergeschichten halte ich dabei in diesem Blog fest!

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