Colorado Plateau – Indianerland und Naturparks (Teil 3)

Colorado Plateau – Indianerland und Naturparks (Teil 3)

Teil 3: Die Anasazis – Antelope Canyon

 

 

Die Navajos gebrauchten die englischsprachige, abfällige Bezeichnung „enemy ancestors“, das heißt soviel wie „feindlicher Vorfahre“, daraus machten die Archeologen: „Anasazis“ . Niemand weiß, woher sie kamen und wohin sie gingen.  Sie waren die ersten Pueblo-Indianer auf dem Colorado Plateau und sie gelten als die Vorfahren der Hopis, deren Reservat heute mitten im Navajoland liegt.

 

                                            Betatakin, Anasazis-Pueblo im Tsegi Canyon, Navajo Monument in Arizona

 

Navajoland

Wenn man auf der 261er nach Süden fährt, erreicht man etwa 20 Kilometer nach dem Monument Valley den Highway 160, die klassische Route durch das Navajo-Land. Es ist keine Autobahn nach unseren Vorstellungen, sondern eine zweispurige Landstraße durch eine wüstenähnliche Landschaft, auf die alle Attribute zutreffen, die diese Einöden charakterisieren: Einsamkeit, Kargheit  und eine Vielfalt von Landschaftsformen, in einer faszinierenden Farbenharmonie, wie sie nur von wenigen Malern erreicht wird – auf Landkarten ist sie zu Recht als Panoramastraße ausgewiesen. Nach dem March Pass zweigt die 564er nach Norden zum Navajo National Monument ab – ein Park mit archäologischen Highlights aus die Anfangszeit der Besiedlung des Colorado Plateaus durch Indianer.

 

Anasazis und Hopis

Anfang des 2. Jahrhunderts, als in Europa das römische Reich gerade seine größte Ausdehnung erreichte, tauchte in der Four Corners Region ein Indianervolk auf, wurde dort sesshaft, betrieb Ackerbau und Viehzucht und baute eindrucksvolle Pueblos: die Anasazis. Bis heute ist ungeklärt, woher sie kamen und wohin sie Anfang des 14.Jahrhunderts wieder verschwanden. Im Navajo Monument liegt der Tsegi Canyon, aus dessen Wänden meißelten die Anasazis ihr Pueblo heraus, Betatakin genannt. Sie lebten dort nur 50 Jahre, dann verließen sie das Pueblo – so wie alle übrigen Anasazis ihre Pueblos auf den Colorado Plateau verließen. Betatakin kann man heute im Navajo National Monument vom gegenüberliegenden Rand des Tsegi Canyons gut betrachten. Die Hopis, wie die Anasazis ebenfalls Pueblo-Indianer, gelten als ihre Nachfahren. Sie meinen, die Anasazis seien nirgendwo hingegangen, sondern sie würden sich noch immer in ihren unzugänglichen Canyons aufhalten. Zwischen Pueblo-Indianern und Navajos gab es immer Streit um Land, heute haben die Hopis endlich ihr eigenes Reservat, das allerdings rundherum vom Navajo-Land eingeschlossen ist.

 

                                                                                         Lower  Antelope  Canyon,  Arizona

 

Der Antelope Canyon

Vom Navajo National Monument kann man direkt zur 98er kommen, ebenfalls eine imponierende Panoramastraße, auf der ich nach Norden Richtung Lake Powell fahre. Nach etwa 100 Kilometern qualmt auf der rechten Seite die Navajo Generating Station, die Navajos betreiben auch ein eigenes Kraftwerk, und etwas danach ein unscheinbares Hinweisschild: „Upper and Lower Antelope Canyon“. Rechts von der Straße, beim Lower Canyon, scheinen weniger Besucher zu sein. Auf einer Schotterstraße erreiche ich den fast leeren Parkplatz. Glück gehabt! In einer kleinen Holzhütte sitzt ein Navajo-Mädchen und kassiert 26 Dollar Eintritt. Dann geht es etwa eine halbe Stunde zu Fuß auf einem steinigen Weg zum Abgang in den Canyon. Immer wieder hört man Stimmen, die aus dem Boden zu kommen scheinen. Die Öffnung des Canyons ist an einigen Stellen so schmal, dass man den Felsspalt, aus dem die Stimmen zu hören sind, erst sieht, wenn man unmittelbar davor steht.

 

                                     die Navajos halten kurz inne, bevor sie den Antelope Canyon betreten

 

Auf einer steilen, schmalen Treppe steigt man dann in den Canyon hinunter. Es wird zunehmend dunkler und unten angekommen, etwa 25 Meter tiefer, ist man zunächst sprachlos – man befindet sich in einer anderen, in einer unwirklichen Welt. Die Wände der Schlucht sind wie Schraubflächen, die sich durch den ockerfarbenen Sandstein winden, manchmal berühren sich die beiden Seitenwände fast, sodass man Mühe hat hindurchzuschlüpfen. Am Fuße des Canyons herrscht ein Halbdunkel, nach oben wird es immer heller, an manchen Stellen kann man durch den Spalt den Himmel sehen. Das Farbenspiel des Steins beginnt am Grund mit einem Violett, dann dunkles Ocker, das weiter oben in helles Rosa übergeht und wenn man direkt nach oben schaut, schillert der Stein in einem zarten Gelb. Wasser und Wind haben den Stein unnachahmlich, ästhetisch geformt; es ist ein einmaliges Lichterspiel, das gegen Abend bei untergehender Sonne zu einem furiosen Feuerwerk wird. Die Navajos, vor allem die Älteren, halten eine Weile inne, um sich zu sammeln, bevor sie den Antelope Canyon betreten. Bei Gewitter werden beide Canyons überschwemmt, das Wasser fließt danach wieder rasch in den Lake Powel ab, einem fast 300 Kilometer langen künstlichen See, der durch Aufstau des Colorado Rivers  entstand. Der Lower Antelope Canyon wird wegen seiner Formen auch „corkscrew“, „Korkenzieher“, genannt, die Navajos nennen ihn „spiral rock arches“, in ihrer Sprache heißt das „Hasdeztwazi“. Doch all die Namen können dieses einmalige Naturwunder nicht beschreiben – die Farbenspiele der „spiraligen Steinflächen“ muss man gesehen und erlebt haben – es ist eine einzigartige Schöpfung der Architektin Natur.

 

                                                               Lower  Antelope  Canyon  im  Navajo Reservat,  Arizona

 

Wie lange man sich für das Colorado Plateau auch Zeit nimmt, sie wird immer zu kurz sein, da sind noch die Wunder der „Großen Treppe“ offen, mit Grand Canyon, Zion und Bryce – der  einzige Trost beim Abschied ist der Vorsatz: irgendwann einmal wiederzukommen.

 

 

Franz  HASLINGER

Page, im August 2008

                                                 

 

 

 

 

 

 

Lake Powell                                                                                                                                            Grand Canyon, vom Nordrim aus

 

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Franz Haslinger
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