Mit dem Motorrad durch Argentinien
Es tat richtig gut, mal einen Tag nur zu relaxen, die Fettpölsterchen im Pool treiben zu lassen, lecker zu essen (die günstigen Fleischpreise werden wir in Deutschland vermissen) und einfach faul in der Sonne zu liegen. Auch die gemachten Eindrücke zu ordnen, ohne dass schon wieder neue hinzukommen war sehr wichtig und half uns, „da oben“ ein wenig Speicherplatz freizumachen.
Aber jetzt heißt es wieder aufsitzen, wir sind schließlich zum Motorradfahren hier.
Heute ist Nikolaus, mal sehen was er für uns auf dem Programm hat. Kaum aus der Stadt heraus, packt er 95 Kilometer Piste inklusive zwei Wasserdurchfahrten aus dem Sack. Teils gut, aber dann wieder Wellblech und Tiefsandstücke – einfach schön. Viele Wellblechetappen fahren wir jetzt stehend und recht zügig, was besser für uns ist und auch für die Motorräder. Man fährt quasi nur oben auf den Wellen, aber das kostet Kraft. Ein wenig Mitleid hat das Wetter mit uns und die Sonne wird erstmals auf unserer Reise von Wolken verdeckt.
Die Landschaft heute ist nicht wirklich spektakulär oder wie sehen es nicht mehr. Riesige Täler und Ebenen mit unendlich langen Geraden. Auch die Vegetation ist nicht gerade aufregend, hier und da ein paar Kakteen und Sträucher.
Wieder nass geschwitzt in den dicken Klamotten treiben wir unsere Fs die letzten 100 Kilometer auf einwandfreiem Asphalt nach Santa Maria. Ab 90 km/h auf dem Tacho lässt sich Angelas Moped nur noch schwierig handeln und bricht öfter wippend wie ein widerspenstiger Gaul mal links mal rechts zur Seite aus. Das Federbein hat heute auf der Piste wieder richtig gelitten. Sie ist immer noch zu schwer – nicht Angela, das Moped.
Nachdem wir unsere Zelte auf dem Campingplatz in Santa Maria aufgestellt haben, packen wir unsere gesamte Ausrüstung aus und legen alles vor uns hin. Es sieht aus wie auf einem Trödelmarkt. Wir müssen unsere Ausrüstung abspecken und so wird alles Überflüssige ausrangiert, um es nach Hause zu schicken. Gar nicht so einfach, denn für alles was wir mitgenommen haben, wurde vorher genau überlegt ob es einen Platz im Alukoffer bekommt. Am Postamt dann der nächste Schreck, man verlangt für ein 10kg Paket nach Deutschland umgerechnet 60 €. Nein, das machen wir nicht und verschenken lieber einen Teil der Ausrüstung.
Etliche Kilos leichter und mit diesen gut verteilt, starten wir am nächsten Morgen. Salta, auch „die Hübsche“ genannt, soll unser nächstes Ziel sein. So wie schon in den vergangenen Tagen, bekommen wir erst einmal Schotter unter die Räder. Ist das zum wachrütteln oder so? Ich weiß es nicht! Aber nach einer Stunde ist Schluss damit für heute. Wir folgen der Straße durch einen 90 Kilometer langen roten Sandsteincanyon.
Leichte Kurven und bizarre Felsformation in allen erdenklichen Rot-, Braun- und Ockertönen verzaubern uns. Ein wild hupender, mit dem Daumen nach oben win-kender Lkw-Fahrer ist die einzige Begegnung auf dieser grandiosen Strecke. Schon wieder eine der schönsten Strecken auf unserer Reise? Einfach gigantisch!
Es wird grüner, je näher wir Salta kommen. Weidefläche so weit das Auge reicht, mehr als man in Deutschland Platz dafür finden würde. Von hier kam also unser Mittagessen der letzen Tage, von den legendären Rinderherden links und rechts der Straße. Kurz vor Salta plötzlich ein anderes Bild, fast wie schneebedeckte Wiesen, doch es sind weiß blühende Tabakfelder in enormem Ausmaß. Und ich rauche nicht mehr – welch ein Jammer!
Wir stürzen uns ins Verkehrsgewühl der 450.000 Einwohner zählenden Provinzhauptstadt. Nur immer schön zusammen bleiben. Zwischen Hunderten von bunten Schildern, auf denen alles Mögliche angeboten, bzw. darauf verwiesen wird, entdecke ich das Schild „Centro“. Das kann nicht verkehrt sein, wenn wir eine Bleibe suchen.
Scheinbar völlig achtlos, fährt hier jeder wie er will, einfach mehrfach hupen, das scheint das Wichtigste zu sein. Die meisten Autos sind Taxen und die scheinen irgendwie ganz anderen Regeln zu gehorchen. Der reinste Moloch. Ziemlich nahe an der Plaza entdecken wir ein Hotel, saubere Zimmer und vor allem einen Platz für unsere Mopeds. Kein Problem versichert man uns – Tiefgarage – und tiefer und steiler geht es wirklich nicht! Als das schwere, rostige Rolltor quietschend geöffnet wird, schauen wir eine Schräge hinunter mit rund 35 Grad Gefälle – ohne eine gerade Fläche unten.
Draußen können die Motorräder aber nicht stehen bleiben, also Sturzflug und als die Bikes am „Hang“ stehen, werden sie mit Holzklötzen abgestützt, damit sie nicht vom Hauptständer fallen. Echt krass! Und drehen können wir hier unten auch nicht, also werden wir sie morgen rückwärts hinauf schieben müssen. Also gut frühstücken bei 280 Kilo das Stück!
Wie schon so oft, bekommen wir ein Vierbettzimmer, diesmal in der sechsten Etage, was sich später als Glücksgriff herausstellt. Frisch geduscht und mal ohne Motorradsachen, schlendern wir durch die quirligen Gassen der Stadt. Mit den vielen Bauten aus der Kolonialzeit hebt sich Salta wohltuend von den mitunter recht eintönigen argentinischen Städten ab. Verzierte Fenstersimse und Portale schmücken niedrige Gebäude. Im historischen Stadtkern, neben der palmengesäumten Plaza, erhebt sich unübersehbar die gelb gestrichene Kathedrale.
Eindrucksvolle Kolonialgebäude reihen sich aneinander, Straßencafés laden zum Verweilen ein. Hunderte von Geschäften, mit von Waren überfüllten Schaufenstern, aus denen gnadenlos laute Musik auf die Straße schallt, locken einen Menschenstrom, der nicht abreißen will. Zu Hause würden wir so etwas meiden, aber nach der Abgeschiedenheit der vergangenen Tage ist es recht abwechslungsreich. Bis um Mitternacht bummeln wir nach einem guten Abendessen durch das Gewühl. Unten auf der Straße geht es noch bis zwei Uhr in der Nacht so weiter, aber durch die Höhe unseres Zimmers ist der Lärm halbwegs zu ertragen.
Wann schlafen die Argentinier eigentlich, stellt sich mir die Frage, als um sechs Uhr in der Früh die Stadt lautstark erwacht. Jetzt ist es aber genug und gerne sehe ich die Hübsche im Rückspiegel verschwinden, als wir auf die Ruta 51 zu steuern.
Langsam steigen wir immer höher und wieder werden wir erst einmal auf Schotter wach gerüttelt. Zahlreiche Lkws kommen uns auf der teilweise nur 3,50 Meter breiten Piste aus den Bergen entgegen. Die Jungs können richtig gut fahren und lassen sich nicht aus der Ruhe bringen, wenn die Anhänger bei dem Tempo durch den Schotter schlingern. Wieder werden wir mit viel Licht, Hupen und Gesten gegrüßt, wenn wir in die fast undurchdringlichen Staubfahnen der Trucks eintauchen. Luft anhalten und „Gas ist rechts“.
Die Piste hat ein Ende.
Ab jetzt geht es richtig in die Anden oder auch die Zentralkordilleren, wie diese Region genannt wird. Die Provinz Salta besitzt immerhin acht Sechstausender. Fast parallel zur RN 51 verlaufen die Schienen des „Tren a las Nubes“ (Zug in den Wolken).
Die Bauzeit dieses Projektes – Salta mit dem Stillen Ozean zu verbinden – betrug 27 mühevolle Jahre. 1921 begannen 1.300 Arbeiter aus aller Welt mit dem Bau, und um die 3.200 Höhenmeter zu überwinden mussten 1.328 Kurven, 44 Brücken und Tunnel gebaut und 855.000 Schwellen verlegt werden. Eine zu damaliger Zeit technische Meisterleistung.
Auf den vegetationsarmen Hängen links und rechts der Straße ragen Hunderte Kakteen in allen Größen wie Stacheln in das wolkenlose Blau. Es geht höher und höher und die dünne Luft macht unseren Mopeds ganz schön zu schaffen. Ständig in den unteren Gängen und mit Vollgas, trotzdem kriechend, erreichen wir die Passhöhe des Abra Blanca (oder Munanopass) mit 4.080 Meter. Das Passfoto für die Andenkenswand Zuhause ist ein Muss. So hoch waren wir bisher noch nie.
Wir genießen diesen Ausblick auf die ab hier beginnende Punaebene, aber die dünne Luft macht nicht nur unseren Mopeds zu schaffen, auch wir merken einen deutlichen Leistungsverlust. Jede Bewegung fällt schwer und alles nimmt man mit einer gewissen Verzögerung wahr. Knapp unter der 4.000 Meter Grenze geht es weiter. Von den ursprünglichen 50 PS unserer BMWs sind zurzeit nur etwa 30 Pferde aktiv. Wie eine Mondlandschaft aber trotzdem faszinierend ist diese riesige menschenleere Hochebene.
Wir erreichen San Antonio de los Corbes auf 3.775 Meter. In dieser überwiegend von Indios bewohnten, ehemaligen Bergarbeitersiedlung gibt es eine Tankstelle, zwei kleine Läden, einen Bankautomat, einen PC im Gemeindehaus, der mit einer riesigen Schüssel am Internet hängt, und ein relativ neues Hostel für Durchreisende. Sonst gibt es in dem vorletzten Ort vor Chile nichts, gar nichts. Alles ist mit einer grauen Staubschicht überzogen und sieht dreckig und vergammelt aus. Es ist schon später Nachmittag, also beschließen wir zu bleiben und nisten uns im Hostel ein.
Rainer Riddering und seine drei Begleiter reisen in unserer Neuveröffentlichung “Mit dem Motorrad durch Südamerika” auch durch Bolivien, Chile und Peru…


