Kapitän China
Dieser Beitrag nimmt an der Wahl der besten Reiseberichte China teil. Am Ende des Berichts könnt Ihr Eure Wertung abgeben!
Eine Übersicht der teilnehmenden Berichte findest Du hier.
Wir hatten vier verregnete Tage in Guilin verbracht. Unsere Sachen konnten wir nicht mehr vollständig vom Schlamm befreien und auch die feuchte Kälte, die hier Mitte März noch herrschte, steckte uns in den Knochen. Nun, wir hatten uns vom tiefen Süden Chinas ganz anderes Wetter erhofft, aber auch Nebel und Regen sind wunderbar melancholische Naturereignisse, die einer Landschaft wie den Karsthügeln der Region am Li-Fluss einen ganz speziellen Charme verleihen. Unsere Zeit in China neigte sich langsam dem Ende zu und so bestiegen wir unseren Zug zurück nach Shanghai. Beim Einsteigen regnete es immer noch. Doch bepackt mit herrlich duftendem Bananenbrot, welches sich anscheinend als kulinarisches Highlight für die vielen Europäer, Amerikaner und Australier den Weg in die regionale Küche gebahnt hat, machte uns die Nässe nicht mehr viel aus und so bezogen wir die Betten in unserem Schlafwagen. Wie immer wurden wir neugierig beäugt. Ein junges Paar, beide blond und blauäugig, das sich ganz selbstverständlich auf seine Betten kracht, das Gepäck verstaut und die weiteren Weggefährten, mit denen man die nächsten 20 Stunden verbringen wird, mit einem freundlichen Lächeln begrüßt.
Da unsere Betten unter der Decke des Zuges sich nicht gerade zum Sitzen eigneten, machten wir es uns an einem Tisch und auf zwei Klappstühlchen am Fenstergang bequem. Hier konnte man aufrecht sitzen und aus dem Fenster schauen bis man Rückenschmerzen bekam. Außerdem entging einem kein Mitarbeiter der Eisenbahngesellschaft, welcher auf kleinen Wägelchen Obst, Getränke, andere Leckereien, wahlweise auch Fensterputzlappen oder Leuchtkreisel feil bot.
Zu Abend hatten wir schon in einer fragwürdigen Kantine in der Nähe des Bahnhofs gegessen und da inzwischen der Mond hinter den dicken Regenwolken aufgegangen sein musste, lehnten wir jegliches vorbeifahrendes Essen dankend ab und machten uns zum Zähneputzen ans Ende des Abteils auf. Hier treffen sich neben Toilette und Waschraum außerdem die Raucher, obwohl man im gesamten Zug natürlich nicht rauchen darf. Doch als Nichtrauer sollte man an dieser Stelle gütig darüber hinwegsehen, da doch somit der Geruch der Klos zumindest ein wenig überdeckt wird. Wie wir so vor uns hinschaukelnd auf ein frei werdendes Waschbecken warteten, sprach uns ein Chinese um die 55, mit runden, roten Wangen und einem freundlichen Lächeln auf Englisch an und wollte wissen, wo wir denn herkämen. Sein Tipp, Australien, lag ein wenig aus der Bahn, war aber natürlich nicht ganz abwegig und nach einem kurzen Small Talk über Deutschland, das er nicht geraten hatte, in seiner Liste waren noch Schweden und Großbritannien, wünschte er uns eine gute Nacht und wir verzogen uns in unsere Kojen. In den Nachbarkabinen wurde noch auf improvisierten Spieltischen um die Wette geknobelt bis die Lichter Punkt 22 Uhr gelöscht wurde. Wir folgten den luminaren Vorgaben der chinesischen Eisenbahngesellschaft, was somit ein kollektives „zu Bett gehen“ implementierte, und ließen uns vom Rattern des Zuges begleitet allmählich ins Traumland sinken.
Am nächsten Morgen vom Dröhnen und Knattern der Parolen geweckt, die von kleinen, lauten chinesischen Kindern durch die Lautsprecher zu unseren müden Ohren drangen und uns zu Fleiß und Ordnung aufforderten, trollten wir uns wieder zu unseren Sitzplätzen auf dem Gang, um dort den Rest des Tages zu verbringen. Auch Kapitän China, so nannten wir den rotwangigen Englisch sprechenden Chinesen vom gestrigen Abend, nachdem er uns noch erzählt hatte, dass er auf einem Schiff arbeite, war wieder auf den Beinen und begrüßte uns mit einem fröhlichen, aber noch zaghaften Guten Morgen, während ein vorbeilaufender Zugbegleiter lauthals neue Zahnbürsten anpries.
Nach einer Weile schlürfte Kapitän China schon wieder durch unser Abteil, aber diesmal um sich etwas länger mit uns zu unterhalten. Wir sprachen über dieses und jenes, Studium, seine Reisen auf dem riesigen Containerschiff, das er durch die Weltmeere navigierte, und er fragte alles, was man als neugieriger Chinese einen Ausländer noch fragen würde, wenn schon mal einer vor einem steht. Nachdem der Kapitän zwischendurch wieder einmal seine Frau in ihrem Abteil besuchen war, kam er nach einigen Stunden noch einmal vorbei, um uns nicht nur als Dank für die nette Unterhaltung zuvor eine DVD über die Natur Guilins zu schenken, sondern auch um uns eine Einladung zum Essen auszusprechen. Er schlug vor, dass wir ihn am nächsten Tag 10 Uhr vor seinem Appartement in Shanghai treffen und dann zusammen in ein Restaurant fahren. Wir freuten uns, nicht ohne ein wenig Skepsis angesichts der überschwänglichen Gastfreundlichkeit, und willigten natürlich ein. Glücklicherweise konnten wir das Mittagessen noch auf 11 verlegen, um auch wirklich pünktlich am nächsten Morgen bei ihm frisch geduscht und hungrig vor der Einfahrt zu warten.
Zur Mittagzeit trafen wir den Kapitän dann noch einmal mit seiner Frau im Speisewagen. Diesmal waren die beiden jedoch sehr schüchtern und zurückhaltend und auch wir wollten nicht aufdringlich wirken und so machten wir uns schon einmal Gedanken über ein geeignetes Gastgeschenk und darüber was der kommende Tag wohl mit sich bringen würde.
Als wir uns am darauffolgenden Morgen in Shanghai schon relativ früh in Richtung Pudong aufmachten, war es noch märzlich trüb. Wir hatten uns vor dem Eingangstor seiner Appartement-Siedlung verabredet, da es zwischen den ganzen neuen, gesichtslosen Türmen nicht das Leichteste gewesen wäre ein chinesisches Klingelschild unter chinesischen Klingelschildern zu finden.
Wir machten der deutschen Pünktlichkeit alle Ehre und standen auf den Punkt vor der bewachten Schranke der Einfahrt. Dann kam der Kapitän, diesmal in Uniform, die ihn wirklich schmückte und auch eine gewisse Autorität verlieh. Zu unserer Überraschung war er nicht mit seiner Frau gekommen, sondern stellte uns seinen fähigsten Maat vor. Er meinte, seine Frau, sein Sohn und einige Verwandte würden etwas später zu uns stoßen und wir würden schon einmal vorausfahren. Während wir überlegten, wie viele Verwandtschaftsgrade anlässlich unseres Erscheinens noch zusammengetrommelt wurden, riefen wir ein Taxi, das uns zum Restaurant bringen sollte. Der Taxifahrer behauptete zwar sich auszukennen, schaffte es aber trotzdem mehrmals im Kreis zu fahren und sogar Passanten nach dem Weg zu fragen um uns letztendlich doch vor dem gewünschten Gebäude abzusetzen.
Da standen wir nun zu viert vor einem weiteren Wolkenkratzer. Der Kapitän hatte eine Einkaufstüte in der Hand. Der Matrose sprach kaum Englisch, aber das Restaurant hatte gerade die Rolltreppe angemacht, die uns ins kulinarische Paradies befördern sollte. Es war inzwischen 12 Uhr, wären wir früher aus dem Taxi gestiegen, hätten wir die Rolltreppe selbst erklimmen müssen oder vor verschlossenen Türen gestanden. Jetzt aber betraten wir einen völlig leeren Fresstempel, der sich über zwei Etagen erstreckte, und begaben uns in ein Separee um ganz chinesisch erst mal mit einem grünen Tee die gesellige Runde in Schwung zu bringen. Wir saßen nun in einem mit dunklem Holz verkleideten Raum um einen dieser riesigen runden Tische herum, auf denen man die Speisen dreht und warteten auf die Verwandten, während uns permanent zwei Kellner umschwirrten. Aus dem Fenster konnte man eine Kreuzung im kühlen Märzwetter Shanghais beobachten oder je nach Anlass den riesigen Flachbildfernseher an der Wand anstarren. Wir beschränkten uns jedoch aufs Kennenlernen, während wir Erdnüsse und Algen als kleine Vorspeisen genossen. Endlich offenbarte der Kapitän auch das Geheimnis seiner Einkaufstüte. Er hatte ein paar Flaschen kalifornischen Rotwein dabei, eine Flasche Baijiu, chinesischen Schnaps, und einige Flaschen Fruchtsäfte. Als wir ihn erstaunt anschauten, sagte er uns, es gäbe diese Sachen hier im Restaurant nicht und deshalb bringe man sie sich eben selbst mit. Selbstverständlich hatte das Restaurant auch eigene Weine, doch die wären nicht nach seinem Geschmack. Er war also durchaus ein Mann von Welt, unser Kapitän.
Wir saßen schon eine Weile, da trudelten die ersten Familienmitglieder ein. Zuerst eine Tante und ein Onkel zusammen mit Frau und Sohn des Kapitäns, dann der Bruder, der ebenfalls in der Seefahrt tätig war und während des Essens ständig mit seinen zwei Blackberrys rumhantierte, mit seiner Frau aus Vancouver. Ein wenig später kamen dann noch eine Tante und ein überaus lustiger Onkel mit seiner Tochter, sodass wir am Ende 13 Personen waren und das Separee, in dem wir uns befanden, aus allen Nähten platze. Auch wenn sonst in China Unmengen von Menschen in der kleinsten Hütte oder dem kleinsten Fahrzeug einen Platz finden, entschied die Familie, man müsse umziehen. Umgehend siedelten wir in ein größeres Separee in der zweiten Etage um. Der kreisrunde Tisch war jetzt noch ein wenig größer und runder, der Fernseher hatte sein Format behalten und auch das Holz schien dasselbe zu sein, aber genug Platz hatten nun alle.
Dann wurden Getränke eingeschenkt. Da man als guter Gast nichts ablehnt, stand nun ein Glas Kokossaft vor uns, eine ganz normaler Multivitaminsaft und natürlich ein Glas Rotwein. Wir prosteten uns alle zu und wurden nun noch einmal ausführlich vorgestellt, auf Englisch, was eher untypisch ist. Aber in dieser Familie von Welt schien das gar keine weiteren Umstände zu machen. Zu meiner linken saß meine Freundin, gleich neben ihr der Kapitän mit seiner Frau. Zu meiner rechten saß der Sohn des Kapitäns, der seinen Abschluss in den USA gemacht hatte, aber seltsamerweise das schlechteste Englisch von allen sprach und sonst auch recht schüchtern wirkte. Neben ihm saß eine Cousine, die Englisch studiert hatte, aber ebenfalls zu schüchtern zum Sprechen war und dann folgten reihum Tanten und Onkel, die alle fröhlich vor sich hinplauderten. Erst wurden noch Fragen über die wichtigsten biografischen Dinge gestellt, was in China auch schnell mal das Einkommen der Eltern mit einbezieht. Relativ schnell aber wurden die Themen dann wirklich Chinesisch und
der Tisch teilte sich in zwei Lager. Auf der einen Seite saßen wir mir dem Kapitän, der versuchte, uns irgendwie mit seinem Sohn zu verkuppeln, damit wir beste Freunde werden und er auch Kontakte in Deutschland hat. Auf der anderen Seite war die Familie, die den Sohn nach seinem abgeschlossenen Studium nun ebenfalls verkuppeln wollte, das natürlich aber mit einer Frau, mit schnellstmöglicher Hochzeit nach einer kurzen Kennenlernphase. Frauen werden in China ja bekanntlich immer knapper.
Die Gespräche glitten somit immer mehr in die Shanghaihua, den Dialekt der Shanghaier, ab und der Kapitän musste nun für uns dolmetschen, womit uns auch ein wenig das ungewollt krampfhafte, aber natürlich gutgemeinte Freunde werden ein bisschen erspart blieb.
Das Essen wurde inzwischen auch peu à peu hereingetragen. Der Kapitän und seine Frau sowie die Onkel hatten es vorher an einem riesigen, knallbunten und wundervoll dekorierten Buffet herausgesucht, auf lebende Fische in Aquarien gezeigt und schließlich eine Orderliste beim Kellner eingereicht. Nun war der Tisch mit den Tellern, Schüsseln aus Porzellan und Holz gut gefüllt. Vor uns standen nun Schwein mit Chiliöl, Hühnerfüße, Schweinemagen, eingelegte Ente, sowie Entenfüße, grünes Gemüse, uns viel leider kein deutscher Name dafür ein, Muschelchen, Abalonen, der von uns so betitelte Hirnrettich gefüllt mit etwas, das man Brei nennen könnte, Knoblauchzehen eingelegt, Oktopus in einer roten Soße, ein scharfer Fisch, noch ein Fisch mit Nelken, gebackenes Rind, Fleisch in Aspik, Garnelen, Schwein süß-sauer, Jaozi, sprich Teigtaschen, Baozi, bei uns würde man gefüllte Hefeklöße sagen, und zum Abschluss eine Suppe und irgendein Reisgericht, nur um das Gros dieser köstlichen Tafel einmal zu umreißen. Wir aßen also fleißig alles, was man uns in die Schüsseln tat und tranken alles, was man uns eingoss, denn wie es in China so Sitte ist, füllt man seinem Nachbarn das Schälchen, sei es mit Reis, einer Delikatesse, die er kosten soll, oder ganz banalen Getränken wie Tee, weil des Nachbars Schälchen grad durstet. So schmatzen wir alle fröhlich vor uns hin und keiner machte auch nur irgendwelche Anstalten zu kichern als der Onkel einige wirklich passable Rülpser von sich gab. Alle schwelgten in asiatischer Glückseeligkeit, denn am Ende dreht sich hier alles um Essen.
Gut gefüllt mussten wir uns letztendlich wegen der Begrenztheit unserer Mägen ergeben und brauchten den Reis nicht einmal anzurühren. Das ersparte uns wiederum einen Fauxpas zu begehen und aus Versehen Stäbchen im Reis stecken zu lassen, was von den Chinesen als Todesomen gedeutet wird. Außerdem stellt man seinen Gastgeber sehr zufrieden, wenn man sichtlich voll sozusagen aufgibt, obwohl noch genug Essen für eine Fußballmannschaft auf dem Tisch steht. So zeigten sich am Ende also alle zufrieden und glücklich, außer mit den ungeklärten Hochzeitsplänen des Sohnes. Doch der wollte ja auch noch gar nicht heiraten und Hochzeiten zu planen, obgleich man noch nicht einmal eine Freundin hat, ist für Männer in China wahrscheinlich genauso langweilig wie für Männer in Deutschland.
Langsam machten sich die leicht angetrunkenen Onkel, was nach dem Trinken eines chinesischen, meist 50-prozentigen Schnapses kein Wunder ist, auf den Heimweg und auch für uns war es langsam Zeit zu gehen. Um die Rechnung, wie es in China auch schon mal üblich sein soll, wurde sich nicht geprügelt. Aber es wurde natürlich diskutiert, wer denn nun zahlen solle, obwohl ja eigentlich schon vorher klar war, dass es diesmal dem Kapitän die Brieftasche erleichtern sollte.
Wir verabschiedeten uns also, bedankten uns an die 20 Mal und unsere Wege trennten sich. Der Kapitän schreibt nun fast jede Woche fleißig E-Mails mit Bildern von Reisevorträgen und erfreut unsere Postfächer somit immer wieder mit riesigen Datenmengen. Sein Sohn hat immer noch nicht unsere E-Mail Adressen von seinem Vater bekommen oder, wie ich glaube, er traut sich eben nicht zu schreiben. Aber wir haben ja auch nicht die seine. Wir warten jetzt einfach darauf, dass der Kapitän mal wieder in Deutschland ankert und wir uns, in Anwesenheit unserer Familien, revanchieren und unserem Kapitän hier genauso unterhaltsame Stunden in einem deutschen Restaurant bieten können, wie wir sie damals in Shanghai erleben durften.
Dieser Beitrag nimmt an der Wahl der besten Reiseberichte China teil.
Aktuelle Jury-Wertung: 2,5
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