Neuseeland: Highway Rock
Der neuseeländische Straßenverkehr ist bereits ansatzweise mit seinem ganz eigenem, recht anregendem Charakter erwähnt worden. Recht schnell kam auch für mich die Zeit, aktiv daran teilzunehmen. Die grundlegende Voraussetzung für ein solches Unterfangen bieten die vielfältigen Gebrauchtwagen-Angebote Aucklands, reichend von den üblichen verdächtigen Seitenstraßen-Anbietern bis zu den unterschiedlichsten car fairs, die regelmäßig ein breites Spektrum an Verkäufern und Käufern anziehen. Von fahrbereiten Wracks über aktuelle Modelle bis zu liebevoll gepflegten oder auch böse modifizierten Oldtimern – den äußerst beliebten vintage cars amerikanischer oder britischer Bauart – finden sich Fahrzeuge ab einem Preis von 200$. Allerdings werden in Neuseeland selbst seit Jahren keine Autos mehr gebaut, so dass man auf asiatische Importware angewiesen ist. Wer einen halbwegs ausgebauten Sushi-Van jenseits einer Laufleistung von 200.000 km sucht, wird vielleicht bei einem Preis ab 3.000$ fündig. Festland-Europäern sei in diesem Zusammenhang der Kauf eines Gefährts mit Automatikgetriebe empfohlen, da man so seine volle Aufmerksamkeit den ganzen Geisterfahrern da draußen widmen kann. Zum Kaufpreis des Autos selbst kommt eine Gebühr für die Ummeldung des Fahrzeugs von 20 – 30$, die samt allen anderen Formalitäten unbürokratisch direkt vor Ort abgewickelt werden kann. Neben den für Deutsche nach wie vor traumhaft erscheinenden Spritpreisen und den durchaus aufzubringenden Steuer- sowie WoF-Gebühren ist auch eine Kfz-Versicherung namens Third Party Fire and Theft empfehlenswert, die je nach Modell zwischen 450$ und 1.000$ pro Jahr kostet. So gerüstet kann man sich auf die Highways, Steilkurven und ungezählten Kreisverkehre der beiden Hauptinseln machen. Zudem erwirbt man mit dem eigenen Fahrzeug für moderate Kosten den entscheidenden Vorteil gegenüber Mietwagen, dass man sich für jede Straße entscheiden kann, die man sich und den Stoßdämpfern zumuten mag. Viele der abgelegenen, aber überaus sehenswerten Ecken des Landes sind nach wie vor nur über unsealed oder gravel roads zu erreichen, deren Schlagloch-durchwachsene Qualität nicht zuletzt auch stark vom Wetter abhängt. Das Befahren eben solcher wird angesichts der zugelassenen Geschwindigkeiten und des tatsächlichen Verkehrstempos wohlweislich seitens der meisten Autovermietungen untersagt. Aber auch diese Bestimmung wird weitestgehend als grobe Richtlinie aufgefasst, dahingehend lernen auch Touristen schnell. Doch immer daran denken – wenn auch sonst nur wenige Verkehrsregeln eingehalten werden, so sollte man sich an diese eine strikt halten: Links fahren! Im eigenen Interesse. Denn die Trucks hier haben zwar nicht ganz die Ausmaße der australischen Road Trains, können aber mit ihrer brachialen Mack™-Bulldogge auf dem mannshohen, massiv verchromten Kühler recht überzeugend daherkommen. Einen ungewohnten Anblick und zudem ein Mysterium der neuseeländischen Highways stellen die häufig zu beobachtenden logging trucks dar, die bei Leerfahrten ihre Anhänger auf der eigene Ladefläche transportieren. Wie die da hinkommen, ist wohl ein gut gehütetes Berufsgeheimnis. Ob sie da in einer der schneller gefahrenen Hakenkurven bleiben, ist eine ganz andere Frage, die den Respekt vor diesen gewichtigen Verkehrsteilnehmern beträchtlich erhöht. Übrigens haben die meist zweispurigen Straßen selten einen Mittelstreifen. Aber man will ja auch ein gewisses Maß Abenteuer, oder?!
Gut möglich, dass das Straßenbild und speziell die vielen kleinen und großen Plakate, Schilder, Banner und Fahnen Beträchtliches über die Bewohner eines Landes aussagen – zumal die Kiwis ein unternehmungs- und reiselustiges Volk sind und Mobilität ein Grundbedürfnis zu sein scheint. Tatsächlich sprechen die diversen, mit Vertrauen erweckenden bis humoristischen Fotos von den betreffenden Maklern versehenden Immobilien-zu-Verkaufen-Schilder von einer in Bewegung befindlichen Gesellschaft. Vermutlich ebenso wie die allgegenwärtigen Prospekte für Outdoor-Aktivitäten, die keineswegs nur von Touristen in Anspruch genommen werden. Kein Wunder, denn jeder der kurvigen Landstraßenkilometer könnte schon in neue, beeindruckende Landschaft samt eigenem Klima und jeder Menge Natur führen. Also wird – gelistet nach gefühlter Häufigkeit und Intensität – gecampt, gefischt bzw. ge-whitebaited, gesegelt, gebiked, gerannt, gegolft, gewandert, gesurft, getaucht, geschwommen und gejagt, als wenn es kein Morgen gäbe – und dass, obwohl man sich in Neuseeland tatsächlich als Erster davon überzeugen kann, dass der nächste Morgen nicht unangemeldet wegbleibt. Sind soweit alle nötigen Vorbereitungen abgeschlossen, kann man sich auf den Weg machen, das Land zu erkunden. Wenn man das frühmorgens tut, dann bietet sich einem gleich folgendes, recht drolliges Naturschauspiel. Der vermutlich am häufigsten anzutreffende Vogel der neuseeländischen Nordinsel ist leider weder der Kiwi noch der Kea, sondern eine Art in der Größe einer Amsel, allerdings wie ein zu heiß gebadeter Beo aussehend. Schwarz bzw. dunkelbraun-verwaschen gefiedert mit weißen Flügelspitzen und gelben Sicheln an den Seiten des schwarzen Kopfes, lungert dieser Zeitgenosse mit großem Enthusiasmus auf Landstraßen und Highways herum. Und wenn sich ein Auto nähert, macht er gerade einen so kleinen Satz zur Seite, dass ihm immer noch der Fahrtwind die Läuse aus dem Gefieder bläst. Er könnte zwar auch wegfliegen – wie sich das für einen Verwandten des legendär feigen Huhns gehört – aber er ist einfach zu faul und setzt seine Flügel nur ein, wenn er schon fast die Präsenz des Reifengummis auf seiner Krallenspitze spüren kann. Dieser Herumtreiber nun trifft sich anscheinend im Morgengrauen mit Artgenossen zu Dingen, die offensichtlich niemanden sonst etwas angehen. Denn wenn man sich so einem Pärchen motorisiert und somit recht bestimmt nähert, vollführen sie die beschriebene Übung – jeder zu einer Seite der Fahrbahn – um sich kurz darauf wieder in der Mitte zu treffen. Ich habe das im Rückspiegel überprüft. Wie auch immer, es soll ja auch Menschen geben, die Verkehr mit Verkehr verwechseln. Nun ja. Wenn man nun weder Zeit- noch Routenplanung unterworfen ist, besteht durchaus die Möglichkeit, sich einfach treiben zu lassen. Denn es gibt nahezu überall etwas Interessantes oder zumindest Ungewöhnliches zu erleben. Zudem sind durch sachverständige Einheimische als solche auserkorenen Sehenswürdigkeiten meist relativ eindeutig ausgeschildert – auch wenn es manchmal noch am Feinschliff und der letzten Konsequenz der Verkehrsführung vermissen lässt. Das heißt letztendlich aber nur, dass man sich nicht zu sehr auf Hinweisschilder verlassen sollte und eine lokale Straßenkarte empfehlenswert ist. Solche werden über das landesweit recht dichte Netz von i-Site information centres in jeder relevanten Ortschaft kostenlos zur Verfügung gestellt, wenn man sich denn nicht von der einrahmenden customer information, also Werbung, stören lässt.
Diese Erfahrungen machend, verlasse ich Auckland zunächst in Richtung Westen, wo man nach einer knapp einstündigen Fahrt durch die sich stetig ausbreitenden Vororte der größten Metropole Neuseelands die Waitakere Ranges erreicht. Dieser bergige Küstenstreifen, dessen mit dichtem Busch bewachsene Erhebungen bis zu 500 Höhenmeter erreichen, hält schon die ersten Möglichkeiten bereit, die einzigartige Natur Neuseelands hautnah zu erleben. Von einem der kleinen Parkplätze am Waitakere Scenic Drive, der über sehr kurvige und sehr steile Straßen an die Westküste führt, lässt sich nach einer gemächlichen einstündigen Wanderung durch dichten Bergwald einer der unzähligen Wasserfälle bestaunen, der allerdings nicht eben einzigartig Fairy Falls benannt wurde. Auch hier ist die Ausrüstung mit festem Schuhwerk und regenfestem Überwurf zu empfehlen, da es im neuseeländischen bush – durchaus mit Regenwald zu übersetzen – zu jeder Jahreszeit sehr frisch und feucht werden kann. Und auch ein unfreiwilliger Abgang von den rutschigen Pfaden entlang des Baches scheint durchaus möglich, wenn auch nicht unbedingt erstrebenswert. Ich kann mich dahingehend beherrschen, erfahre aber dafür, wie undicht das Blätterwerk angesichts eines monsunartigen neuseeländischen Schauers sein kann. Weiter auf dem Highway erreicht man nach einer weiteren halben Stunde Fahrt den kleinen Küstenort Piha, der hauptsächlich wegen seiner schwarzsandigen Strände und der bestens fürs Wellenreiten geeigneten, bissigen Brandung erwähnenswert ist. Neben einem kleinen, aber recht komfortabel ausgestatteten Campingplatz mit angrenzendem grocery store, den ich auch für meine erste Freiluftübernachtung nutze, sind nur eine verrammelte Bar mit takeaway, ein Surfshop, ein kleines Teilzeit-Postamt sowie diverse Ferienhäuser zu finden. Ohnehin bietet Piha einen ersten, aber nicht den letzten Eindruck einer verschlafenen Ortschaft, die hauptsächlich aus den saisonal bewohnten Ferienhäusern namens baches der frischluftfanatischen Bevölkerung besteht. Leider gelingt es mir nicht, eines der wenigen verbliebenen Exemplare der hier hartnäckig ansässigen Little Blue Penguins [Kororā] zu Gesicht zu bekommen. Doch dies ist nicht der einzige Ort, wo ich die kleinen Racker theoretisch live und in silbrig-blauer Farbe erleben kann, denn auf der Südinsel haben sich weiterer überschaubare Kolonien gehalten. Trotzdem, dafür entschädigt werde ich nur sehr gering durch den Fund eines toten Flossvogels eben jener Spezies am Strand meiner nächsten Station Leigh an der Ostküste. Nur wenige Kilometer nördlich von Auckland liegt mit dem Goat Island Marine Reserve vor der Rodney Coast ein kleines Paradies für Taucher und solche, die es werden wollen. Aber auch, wenn einem zu viel fremdes Wasser um den Leib Unbehagen bereitet, ist der silbrige Sandstrand am Fuße der felsigen Steilküste mit Blick auf die geschützte Insel alleine einen Besuch wert, auch wenn auf dem Weg die engste mir bekannte Steilkurve der Insel zu befahren ist. Auf einem Gebiet von neun Hektar erhebt sich mit Goat Island [Hawere] eine dicht mit prächtiger Vegetation bepackte Insel, die ganz den Nistplätzen der Seevögel vorbehalten ist. Die Umgebung der Insel kann schnorchelnderweise oder per Glasbodenboot erkundet werden. ›Die Fische füttern‹ bleibt hier nicht nur eine spöttisch-maritime Redensart, denn die feuchten Schuppenträger fressen hier wirklich aus der Hand. Wer lieber noch mehr Abstand zu den sich eventuell irrenden Meeresjägern für angemessen erachtet, der kann sich mit der recht kurzweiligen Beobachtung der Kormoran-Kolonie in den Bäumen über der Abbruchkante der Steilküste begnügen. Unterhaltsame und weitestgehend friedliche Vögel scheint es hierzulande überall zu geben. Nur der Vollständigkeit halber möchte ich noch erwähnen, dass ich bei meiner vorbereitenden Reiselektüre auch auf jenen detaillierten Vorschlag für folgende wahnsinnig aufregende Freizeitaktivität im weiter südöstlich abgelegenen Gisborne gestoßen bin: »…people climb into a tough metal cage, which is partly lowered into the water where mako sharks lurk. Standing chest deep, you get around half an hour in the water – quite long enough – ducking down with a mask and snorkel or regulator to observe these curious three-metre-long, eighty-kilo killing machines. There’s a fifty-percent refund in the unlikely event of not seeing any sharks… and, as the sharks are attracted with food thrown into the water, this food-people connection can have more worrying implications for local surfers.« ?! Ich bin eigentlich bislang nicht paranoid, aber food-people connection? Damit haben sich meine Pläne hinsichtlich erster Wellenreit-Versuche an den Surfstränden um Gisborne vorerst erledigt.
Jene Gestade an der Ostküste nördlich von Auckland, die vom Hauraki Gulf umspült werden, erinnern an einen ausgefransten Schwamm und verhalten sich auch ganz ähnlich. Mal liegen die weitläufigen Buchten, die die Küstenlinie Neuseelands auf beträchtliche 15.100 km (Näherungswert) ausdehnen, wie ausgelutscht als mudflats – Watt? Genau! – unter den Kielen der vielen Boote, um sich wenig später wieder taktvoll mit weit gereister Feuchtigkeit zu füllen. Wasser mit Charakter eben, nicht immer verfügbar wie ein ordinärer Baggersee. Auf dem kleinen Campingplatz in Sandspit, einer der kleinen Küstensiedlungen, werde ich auf der Herrentoilette in ein Gespräch verwickelt. Normalerweise bin ich eher für kontemplative Ruhe und Diskretion an diesen ehrwürdigen Orten, nehme aber dankbar eine Einladung von Keith an, einem sehr freundlichen Aucklander auf Familienurlaub. Er braucht scheinbar einmal kurze Ferien vom Urlaub und schlägt vor, in zwanzig Minuten mit mir zu einer Kayaktour in den nahen Matakana Harbour aufzubrechen. Das schlanke Kajak aus dem umfassenden Sportgeräte- und Outdoor-Fundus der Familie, das mir netterweise zur Verfügung gestellt wird, ist zunächst recht wackelig, aber wozu sonst habe ich während des Studiums klassische Rudererfahrung gesammelt. Sogar an Verpflegung in Form einer Wasserflasche und ein paar Schokoriegeln in der Schwimmweste wurde gedacht. Auch wenn sich das Wetter recht windig und nasskalt präsentiert, genieße ich die Ruhe in den mangrovigen Flussarmen und die gelegentliche Unterhaltung mit Keith, der wie viele Neuseeländer schon diversen Berufen nachgegangen ist, darunter Tischler und Umweltchemiker. Im Gestrüpp des Ufers ist eine Vielzahl an Wasservögeln zu beobachten, deren Namen ich nicht zu erraten vermag. Nur selten ist in der Ferne das Grummeln eines Motors zu hören; vielleicht ein Farmer auf dem Weg zu seinem auswärtig speisenden Vieh. Allerdings geht uns auf dem Rückweg das Wasser – jenes unter dem Rumpf – wegen plötzlicher Ebbe aus, so dass wir die Boote den letzten Kilometer tragen müssen. Aber das war es wert. Die Abwesenheit des Wassers entblößt interessante Felsformationen entlang der Bucht, die einer wüsten Mondlandschaft mit kleinen Felsenpools gleicht – prähistorischen Eierkochern nicht unähnlich. Der mit Muscheln bewachsene Fels ist nicht besonders für nackte Füße geeignet, aber was dich nicht umkippen lässt, macht die Sohlen härter. Wie man so sagt. Die Bäume, die sich hartnäckig und naturgemäß standfester als wir zwei Boots-tragende, rasierte Affen in die Steilküste krallen, dienen einer ganzen Horde kleiner, lauter Vögel als Zuhause. Vielleicht handelt es sich um Neuseeland-Schlüpfer (Xenicus longipes), die tatsächlich so heißen und zur illustren Familie der Schreivögel gehören. Viele der Gesteinsformationen im Bereich der Tide sind dicht mit scharfkantigen Muscheln verkrustet, die den Laien an Austern erinnern, über dessen kulinarisches Innenleben ich allerdings nur spekulieren könnte.
Das nahe, etwas verschlafene Städtchen Warkworth ist so etwas wie das regionale Zentrum, umgeben von ansehnlichen vineries, und trotzdem nur in der Hochsaison um Januar und Februar wirklich belebt. Eigentlich ist die recht britisch wirkende Kleinstadt aber aus folgendem Grund erwähnenswert. Wenn man als Langzeitcamper in Neuseeland unterwegs ist, macht man schnell die Erfahrung, dass es keineswegs so einfach ist wie gedacht, einen als Campervan genutzten Kleinbus mit dem Luxus der Elektrizität zu versorgen. Zwar haben alle kommerziellen Campingareale auch Stellplätze mit externer Stromversorgung – so genannte powered sites – allerdings nur mit solch überdimensionierten Rundsteckern kompatibel, die der nicht-campende Europäer lediglich aus der Industrie kennt. Hier können ausschließlich professionell mit stationärem Stromanschluss versehene Wohnmobile eingestöpselt werden. Und da hat man sich gerade auf das verkniffene Gesicht der handelsüblich dreipoligen NZ-Schlitzstecker eingestellt. Wenn man nun aber versucht, trotzdem an Saft zu kommen, scheint man plötzlich vor einem scheinbar unlösbaren Problem zu stehen. Denn einige Campingplatzbetreiber bieten zwar teilweise selbst entworfene Adapter verschiedener Bauart gegen Kaution an, um beispielsweise das Innere eines Zeltes mit Strom zu versorgen, aber eben keineswegs alle. Und verboten ist das obendrein, wie mir versichert wird. Auf wiederholte Nachfrage, wo denn so ein wunderbar sachdienliches Utensil zu erwerben sei, bekommt man eine Vielzahl an unterschiedlichen Antworten: KEINESWEGS hier… vielleicht im nächsten Campingladen… oder aber im Werkzeughandel… wenn überhaupt, dann unbezahlbar kostspielig… wahrscheinlich aber beim Elektronikhändler, mit etwas Glück… kann allerdings mit Sicherheit nur vom Elektriker des Vertrauens maßgeschneidert werden… eigentlich aber gar nicht… vielleicht Selbermachen… in jedem Fall aber hochgradig illegal… wieso überhaupt Strom? Tatsächlich dauert es zwei Monate und 283 Anfragen (etwa), bis ich mit freundlicher Unterstützung einer freiwilligen Mitarbeiterin des i-Site information centre Warkworth einen Elektriker auftreiben kann, der ein solches Ansinnen zumindest für statthaft hält. Schon am gleichen Abend erhalte ich einen fröhlichen Anruf von Jim Morrison. Ein Zeichen?! Nein, der freundliche Elektriker mit dem pelzigsten Nasenrücken, den ich je gesehen habe – er hat da Etwas für mich gefunden, was mir weiterhelfen könnte. Und tatsächlich, es half. Nun war ich stolzer Besitzer eines Adapterkabels, dessen Nutzung mir mutmaßlich von mindestens drei neuseeländischen Gesetzten und einem persönlichen Erlass der Queen untersagt wird – aber damit bewege ich mich offensichtlich noch voll im üblichen Rahmen. Danke, Jim.
Weiter der überall und marketinghäufig als Twin Coast Discovery Route benannten Schleife der Highways , und die Ostküste nach Norden folgend, passiert man Wellsford, Te Hana und Mangawhai: Im besten Fall Kleinstädte, die aber durchaus Grundbedürfnisse des Durchreisenden zu befriedigen in der Lage sind. Wenn man Glück hat, spielt das Radio den einzig zu empfangenen Radiosender namens »The Rock«. Über moderne Klassiker und die unvermeidlichen Castingshow-Produkte des vereinigten Commonwealth hinaus wird allerdings nur wenig Abwechslung geboten – aber immerhin besser als selber singen. Doch auch die häufig geschalteten Werbespots haben einen gewissen Unterhaltungswert, der deutlich über Hörübungen aus dem Englischunterricht hinausgeht. Konsequent auch, dass landesweit an vielen Ortseinfahrten auf lokale Radiosender hingewiesen wird, die dann eine ganze weitere Option neben Rock und Aus bieten. Landeinwärts Richtung Nordwesten nähere ich mich der Kauri Coast, denn jede Gegend braucht schließlich einen Namen. Auch wenn sie hauptsächlich aus flachem bis hügeligem Kumara-Anbaugebiet, Weideland und dem nördlichen Teil des mangrovigen Kaipara Harbour besteht. Aber wer oder was sind eigentlich Kauri? Fleischfressende Muscheln? Oder Zuchtziegen für Kebab-Fleisch? Oder doch eine Unterart des Agathis Australis und somit ein ziemlich großer Baum? Eben. Schon die alten Maori haben an dem bis zu 50 Meter hohen und sehr massigen Baumriesen zu kauen gehabt, bzw. an seinem Harz. Und sie haben ihre Kriegskanus [Waka] für bis zu 80 Krieger plus Ruderer aus seinem Holz geschnitten. Auch heute noch wird zu Repräsentationszwecken – z.B. am Waitangi Day, dem nationalen Feiertag Neuseelands – die grimmige Gesichtstätowierung [Moko] angelegt und rhythmisch das Paddel geschwungen. Gleich nach den gigantischen Redwoods Kaliforniens die größte existente Baumart, konnten einzelne Kauri-Exemplare 2.000 Jahre alt werden – bis der langsam rottende Fuß des Stammes das wachsende Gewicht nicht mehr tragen konnte. Oder bis die bushmen-Pioniere verschiedenster Herkunft mit ihren Sägen und Ochsengespannen kamen und die praktischerweise bis über 30 Meter gerade und astarm gewachsenen Riesenstämme für ihre Zwecke einkassierten, z.B. zum Verkauf als Schiffsmasten. Auch zur Möbelproduktion eignet sich das Holz auch heute noch besser als das der nordamerikanischen Baumriesen. Doch das Leben als bushmen war hart – wie man sich das Pioniertum eben vorstellen mag: Bei jedem Wetter morgens um sechs Uhr aufstehen bis zum Frühstück um halb sieben, dann von 7:00 bis 17:00 Uhr sägen, hacken, schleppen, nach Moskitos und sandflies schlagen. Samstags nur acht Stunden. Sonntags Zeit zum Jagen, Wäschewaschen und der Wartung der unentbehrlichen Werkzeuge. Als Verpflegung gab es hauptsächlich Tee, Brot, Butter, jam und zu besonderen Anlässen Corned Beef. Wenn ein Waldgebiet abgeholzt war, zogen die Männergesellschaften samt Koch-, Schmiede- und Schlaf-Hütten weiter zum nächsten Kahlschlag-Opfer. So lange, bis ausgewachsene Kauri-Exemplare nur noch konserviert in Sümpfen zu finden waren. Tatsächlich ist bekannt, dass in Teilen des neuseeländischen Northlands bis zu drei Schichten abgelagerten Kauriwaldes übereinander liegen. Natürlich wurde auch diese Entdeckung umgehend kommerziell genutzt. Und so folgten die gumdigger den bushmen, um den Boden, der schon praktischerweise von störender Vegetation befreit war, auf der Suche nach fossilen Brocken des Kauri-Harzes umzugraben. Diese dem Bernstein ähnlichen copal-Funde konnten – da wie gesagt von recht stattlichen Bäumen – leicht die Größe eines Medizinballs umfassen und auf Grund ihrer Entstehung vor mindestens 40 Millionen Jahren unterhaltsame Dinge wie Geckos, handtellergroße Spinnen oder anderes monströses Getier enthalten. Allerdings ging auch diese natürliche Ressource irgendwann unweigerlich zur Neige. Doch schon zu diesen Zeiten waren die praktisch veranlagten Siedler mit dem Konzept des Recyclings vertraut. Die einfachen Hütten der bushmen wurden dann kurzerhand als Schafschererhütte oder Molkerei weiter verwendet – eben je nachdem, was der neue Zeitvertreib gerade erforderte. Viel mehr Alternativen dazu gab es nicht. Gerechterweise soll hier nicht verschwiegen werden, dass auch die Maori schon vor der Ankunft der weißen Pakeha mit Nachdruck abholzten und brandrodeten, um große Gärten und Nutzpflanzungen anzulegen. Freilich unter einer Maxime, die der Durchschnittspolitiker heutzutage worthülsig als ›nachhaltig‹ bezeichnen würde: Maori jagten z.B. einen Vogel namens Huia – um sich mit seinen Schwanzfedern als Statussymbol zu schmücken – nur genau so lange, bis der Bestand in einem Gebiet bedroht war. Dann wurde eine Jagdsperre [Rāiwi] ausgesprochen, um der Art Gelegenheit zu geben, sich zu erholen. Das funktionierte so lange, bis weiße Siedler den Wald dermaßen dezimiert hatten, dass der Huia keinen Lebensraum mehr fand und umgehend aus Protest und Mangel an Alternativen ausstarb. Erschöpfende und mal mehr, mal weniger sachdienliche Informationen zum Baum, seiner damaligen und heutigen Verwertung sowie dem Leben der frühen Pioniere und Siedler der Umgebung bietet das durchaus zu empfehlende Matakohe Kauri Museum. Zu dem tagesfüllenden Angebot gehört eine umfassende Kauriharz-Sammlung, die Kettensägen-Wall of fame sowie drollige Ausstellungs-Belebungs-Puppen, die – natürlich, denn es handelt sich ja schließlich um Real New Zealand Heritage – in einigen Fällen sprechen können. Dabei bleibt offen, ob diese von gleicher Meisterhand gefertigt wurden wie die ganz hervorragenden ›Mad Veggies‹, die dem arglosen Passanten in der etwa 20 Kilometer entfernten, beschaulichen Dorfschaft Ruawai auf dem Dach einer Lagerhalle auflauern und zur Vitaminaufnahme bewegen sollen. Da fährt man nichts Böses ahnend durch die ansonsten recht einschläfernde Landschaft, und dann so was. Jedenfalls stellt eine der überlebensgroßen Gemüse-Figuren auf dem Dach die Sättigungsbeilage namens Kumara dar, die hier an vielen Farmzufahrten frisch und günstig feilgeboten wird und seit jeher neben Meeresfrüchten die traditionelle Hauptnahrungsquelle der Maori ist. Auch wenn die Darstellung der rötlich-braunen Knolle aus der Familie der Süßkartoffeln etwas zweidimensional geraten ist, steht sie zumindest unter der Dusche, das muss man ihr zugutehalten.
Da die Ortschaft Matakohe neben dem Kauri-Museum, zwei Cafés, einer Driving Range für den landläufigen Golfer und einem aussichtsreichen Friedhof für alle nicht mehr an Infrastruktur oder gar Attraktionen zu bieten hat, bleibt einem nur der nahe Campingplatz, um die Masse an Kauri-bezogenen Informationen angemessen zu verarbeiten. Und dann das: Sterling Heights, Matakohe Top 10 Holiday Park – das Dienlichste an Sauberkeit und Ordnung, was ein neuseeländischer Campingplatz meiner Erfahrung nach zu bieten hat. Gelegen am Heck der Heide – oder besser auf ihm – thront das äußerst gepflegte Grundstück geradezu idyllisch auf einer Hügelkuppe inmitten von Schafsweiden. Neben einem Objekt, welches verdächtig an einen Abwassertank erinnert, wächst eine beachtliche Bananenstaude und verbreitet deutlich mehr Urlaubsstimmung als alle Topfexoten im Angebot deutscher Baumärkte zusammen. Knapp einen Kilometer von der Landstraße nach Dargaville entfernt ist es hier sehr ruhig ganz ohne Verkehrs- oder Kinderlärm, zumal sich das umgebene Vieh mit leisen Fürzen begnügt und nicht wie anderenorts schallförmige Umweltverschmutzung betreibt, als ginge es direkt und ohne Betäubung zur Schlachtbank. Doch besonders die Camping-Annehmlichkeiten wie Küche, Toiletten und Waschküche sind so sachdienlich ausgestattet, sauber und ordentlich, dass selbst ich nur wenig zu verbessern hätte. Und nahezu jeder Stellplatz des relativ kleinen Campingareals bietet Stromanschluss, Picknicktisch, Trinkwasserhahn sowie einen feinen Ausblick auf die Ausläufer des nahen Kaipara Harbours. Und das alles zum gängigen Standardpreis inklusive Inselfeeling. Genau richtig also, um meine jüngste Anschaffung in Ruhe zu begutachten, nämlich ein eigenartiges Souvenir aus dem nur einen Kilometer entfernten Museumsshop: Schokoladen-Kokos-Haufen mit der doch verwegenen Bezeichnung New Zealand Squash‘em Possums. Der Packungstext lehrt uns: »The Brushtail Possum is a nocturnal marsupial that was introduced to help establish the New Zealand fur trade. Although their coats are soft and fluffy, their numbers have reached epidemic proportions resulting in the stripping of New Zealand’s lush green native forests. As a consequence, New Zealand’s unique bird life has been decimated by the destruction of their habitat. It is estimated that possums chew through around 7 Million tons of vegetation in a year. So help the poor kiwi and if you should see a possum scuttling across the road – show no mercy!« Und was sagt der Neuseeländer, wenn man ihn diskret darauf anspricht, dass diese eigentlich recht drollig wirkenden Pelzbewohner doch recht wenig für ihre ungewollte Existenz in Neuseeland können? Tough titties, mate – Pech!
Wirklich interessant wird es für mich am nächsten Ort auf meiner Route an der Ostküste, dem Städtchen Waipu gegenüber den Hen & Chicken Islands – und dies nicht auf Grund der feinsandigen weißen Strände, die sich entlang der Küste von Waipu Cove an der Bream Bay erstrecken. Auch nicht, weil die Häuserwände hier so stimmungsvoll und doch plakativ bemalt sind. Sondern aus Tradition. Und weil der schottische Reverend Norman McLeod im frühen 19. Jahrhundert das heimische Wetter, die häufigen Hungersnöte und die sich verschärfenden Highland Clearances satt hatte, seine Bibel samt Gemeinde einpackte und vom nordschottischen Ullapool über mehrere Stationen wie Nova Scotia, Capetown und Adelaide nach Neuseeland gesegelt wurde. Hier im Nordosten Neuseelands erwarteten die kleine Gemeinde von der spärlich besiedelten Westküste der schottischen Highlands gemäßigtere und lebensfreundlichere Bedingungen als zuvor. Das wird jedes Jahr mit den Annual Waipu Highland Games zelebriert, die in meinem Beisein immerhin zum 136. Mal im Namen der Waipu Caledonian Society ausgetragen wurden. Und zwar so: Schon bei meiner frühmorgendlichen Ankunft in Waipu treffe ich an der Hauptstraße auf Trupps mit bagpipes und drums bewaffneter Rockträger beiderlei Geschlechts, die sich und ihre Instrumente warm spielen. Auffällig ist, dass die Trommelstöcke der marching bands meist adrett von jungen, kräftigen Mädchen gewirbelt werden, während die hohe Kunst des Pipers scheinbar den erfahrenen Herren vorbehalten ist. Nach dem Kauf einer Zweitageskarte – wenn schon, dann richtig – erhalte ich Zutritt zum zentral gelegenen Caledonian Park, der den Rest des Jahres über dem heimischen Rugbyteam als Raufplatz dient und dementsprechend karg möbliert ist. Jetzt aber erstreckt sich zu meiner Linken eine Gasse gesäumt von Zeltpavillons, die mit den Bannern und Wappen der einzelnen in Neuseeland vertretenden Clans versehen sind. Und tatsächlich ist meine Verwandtschaft auch da! Der Clan Donnachaidh, sozusagen Dachverband der Clans Robertson, Reid und Duncan, ist mit einem eigenen Zelt vertreten. David Reid, der Präsident der Vereinigung, die die Interessen der Clanmitglieder in unterschiedlichen Bereichen vertritt, ist ein sehr freundlicher kleiner Mann im ureigenen Tartan des Clans. Er gibt mir enthusiastisch Auskunft über Herkunft, Ländereien, Geschichte und Mitglieder meiner zugegebenermaßen teilweise recht indirekten und fremden Clan-Verwandtschaft – der momentane Clan-Chief ist gebürtiger Haitianer. Davids freundliche Einladung zum Whisky musste ich leider ablehnen, aber ich bin mir sicher, dass er den einen oder anderen Abnehmer gefunden hat. Ich jedenfalls hatte ja noch etwas vor. Im Rahmen der Highlandgames wird nämlich nicht nur auf nordschottische Weise musiziert, getanzt, Haggis verspeist und Scotch vernichtet, sondern auch auf traditionelle Art unter dem Banner des St Andrews Cross die Kräfte gemessen. Acht verschiedene Disziplinen stehen auf dem Programm, dass in den zwei Tagen auch den Australasien Highland Heavyweight Championship beinhaltet, ein direkter Wettstreit dreier australischer gegen drei neuseeländische Kraftprotze im kurzen Karierten. Zunächst aber wird den aktiven Teilnehmern der Veranstaltung ein 22 lb schwerer »Highland Stone« anvertraut, dessen sich bald wieder in bekannter Kugelstoß-Technik zu entledigen ist – möglichst ganz ohne den Wettkampfrichter niederzustrecken. Das gelingt den massigen Schwerathleten in landesfarbenen T-Shirts und ihren fliegenden Röcken auch, wobei sich schon hier klare Tendenzen abzeichnen. Weder Körpergröße, die bei rund der Hälfte der Teilnehmer an die zwei Meter reicht, noch Kampfgewicht scheinen entscheidend, sondern vielmehr die wohl-trainierte Technik am martialisch anmutenden Sportgerät. Diejenigen, die die Bewegungsabläufe fließend und routiniert vollführen, bringen einfach deutlich mehr Distanz zwischen sich und den plötzlich verschmähten Riesenkiesel, der zuvor noch zärtlich gepudert am Hals gewogen wurde. Auch die nächsten beiden Disziplinen, der »22 lb Heavy Hammer« und der »16 lb Caledonian Hammer«, erinnern sehr an Szenen, die auch bei den olympischen Sommerspielen nicht gänzlich deplaziert wirken würden. Allerdings hantieren die Kraftsportler hier mit deutlich rustikaleren Gerätschaften. Der »Heavy Hammer« ist eigentlich eine grobe Metallkugel an einer rostigen Kette mit einem ebenfalls eisernen Griff, der jeder Burgverlies-Tür bestens stehen würde. Beim Caledonian Hammer hingegen handelt es sich um ein etwas kleineres Rundgewicht, fest montiert an einem gekürzten Besenstiel. Beide werden mit unterschiedlicher Technik geworfen, wobei die Rotation des Athleten jedes Mal für einen lustigen Auftriebseffekt im traditionellen Beinkleid sorgt. Noch ungewöhnlichere Szenen erwarten den Zuschauer bei den nächsten beiden sportlichen Herausforderungen, die dem modernen Hightech-Leistungssport noch fremder zu sein scheinen. Man kann heutzutage alles Erdenkliche im Fernsehen verfolgen – muskulöse Männer in Röcken, die ganze Baumstämme im bodennahen Luftraum kreiseln lassen oder mit einer Mistgabel einen Strohsack über ein Hindernis schaufeln, war meines Wissens aber noch nicht Objekt einer Sportübertragung. Und eben darum geht es beim Highlight des Nachmittags: Nach dem traditionellen ›Toasting the Caber‹, bei dem ein gerade gewachsener Baumstamm mit Scotch ›getauft‹ wird, um ihn irgendwie aerodynamischer zu stimmen, geht es los. Der erste neuseeländische Athlet, ein mehrfach siegreicher Highland Games Champion und Polizeioffizier, übernimmt den caber genannten, geglätteten Baumstamm, der bereits von zwei ausgewachsenen Helfern mit einigem Kraftaufwand in die Senkrechte gestemmt wurde. Das Langholz wird sodann mit der Schulter abgestützt, während der hingekauerte Sportler versucht, drei Dinge gleichzeitig zu tun: Den 80 bis 120 pounds schweren und etwa 18 feet langen Waldbewohner auszubalancieren, ihn mit beiden Händen vom Boden zu wuchten und in den Handflächen sicher zu stabilisieren. Schon das allein bietet einen nicht zu leugnenden Unterhaltungswert. Der anschließende Anlauf über das Rugbyfeld – mal mehr und oft weniger gradlinig – dient neben der Balancefindung auch der Ansammlung kinetischer Energie, kostet aber scheinbar eine ganze Menge Kraft und Kondition. Da es hier aber nicht darum geht, wer den längsten – ääh – Atem hat, wird der nun folgende, entscheidende Teil der Übung unter den aufmerksamen Blicken zweier ebenfalls traditionell gekleideter Kampfrichter vollführt. Wenn noch genügend Kraft vorhanden ist, sollte der caber in einer explosiven Bewegung in die Luft geschleudert werden. Was die unmittelbare Einflussnahme des Athleten betrifft, ist die Übung damit abgeschlossen. Hat das schmalere Ende des Baumstammes nun die Hände verlassen, sollte er in der Luft so rotieren, dass er nach der Landung mit dem dickeren Ende vom Werfer weg zeigt. Nur wenn das der Fall ist, wird der Versuch als geglückt gewertet. Die Feinheiten der hier angewandten Ziffernblatt- und Grad-Wertungen lassen Sie sich bitte vom sachkundigen Schotten Ihrer Wahl bei einer guten Flasche Malt Whisky erläutern. Die Anstrengungen der Teilnehmer und -Werfer wurden jedenfalls vom Publikum – bei wachsenden Ausmaßen des Holzes und der Anzahl der nach drei vergeblichen Versuchen ausscheidenden Athleten – mit zunehmender akustischer Anteilnahme gewürdigt. Die nächste, ›Tossing the Sheaf‹ genannte Herausforderung der kraftvollen Herren ließ die erhitzten Gemüter wieder etwas abkühlen, was angesichts der sich zum Angriff formierenden Nachmittagshitze nur Recht sein konnte. Denn für diese Beschäftigung mit unverkennbar landwirtschaftlichem Ursprung benötigt man eine Mistgabel, einen 20 lb schweren Strohsack und Kandidaten, die bereit sind, immer wieder ein höhenverstellbares Reck zu überwerfen. Hier kommt es besonders auf eine ausgefeilte Technik an, die man sich am besten bei der Haferernte in der Einsamkeit der schottischen Highlands aneignet. Die letzten drei Disziplinen erforderten wieder etwas mehr Schweiß von den Teilnehmern, wobei das so genannte ›Gaelic Deadweight‹, welches wiederum aus dem breitbeinigen Stand über das Reck im Rücken des Sportlers befördert wird, seinem Namen nicht ganz gerecht wurde – keine Todesopfer. Alles in allem also eine feine Sache mit Unterhaltungswert und kultureller Bedeutung, wie mir versichert wurde. Wäre ich nicht noch gesundheitlich etwas angeschlagen, hätte ich zu gerne selbst an den Amateurwettkämpfen teilgenommen, die immer unmittelbar nach den gemeldeten Kraftsportlern die Chance zum Selbstversuch boten. Neuseeland gewann übrigens den offiziellen Ländervergleich knapp – sonst wäre es wohl unvermeidlich zu Ausschreitungen der zur Hälfte bereits pensionierten Zuschauer gekommen. Trotzdem unvergessliche Eindrücke, mit denen ich meinen Weg zu den langsam verklingenden Tönen der bagpipes fortsetze – entlang der zerklüfteten und mit vielen kleineren Inselfleckchen garnierten Ostküste Neuseelands.
Insgesamt 14.803km führt Felix Reid in seinem Buch “Grüner wird’s nicht” 1 Jahr lang durch Neuseeland – mehr im Buch…


