1.500 Kilometer mit 30km/h

Neufundland-Labrador (Teil 2)

Der nördliche „Pfannenstiel“

„The Nordic Panhandle“, so wird die nordwestliche Halbinsel Neufundlands genannt. Wie ein ausgestreckter Zeigefinger ragt sie gut 500Km in den Nordatlantik hinein. Die winzigen Siedlungen der Ostküste sind nur per Boot zu erreichen, wohingegen sich an der Westküste ein Ort an den anderen reiht, von Deer Lake  bis St. Anthony im hohen Norden. Die gut ausgebaute Route 430, fast immer als Küsten-Panorama-Straße, nennt sich „Viking Trail“.Im Gros Morne National Park

Gros Morne National Park

Der untere Teil der Halbinsel wird beherrscht vom „Gros Morne National Park“, so benannt nach dem höchsten Berg Neufundlands mit seinen 806m Höhe.

Als UNESCO Weltkultur- und Naturerbe konnte der Park, in dessen Grenzen immerhin acht kleine Gemeinden beheimatet sind, nunmehr sein 40. Jubiläum feiern. „Welterbe im Hinterhof“ lautet das Motto des Jubiläumsjahres als Anspielung auf die vielfältigen Veranstaltungen.  In den beiden Visitor Centers und den Parkgemeinden reiht sich das ganze Jahr über eine Veranstaltung an die andere (Gemäldeausstellung oder Konzert) mit überregionalen wie auch lokalen Künstlern.

Daneben steht die Geologie im Zentrum des Interesses, denn dieser Nationalpark wird auch als „Skelett der Erde“ bezeichnet. Wanderungen, geführte und nicht geführte, gehen entlang der vulkanischen Küstenlinie oder zu Fossilienfeldern, auch als „Geister eines verloren gegangenen Ozeans“ bezeichnet. Die früheren Fjorde, heute ohne Meereszugang zu riesigen Binnenseen mutiert, erinnern an die norwegische Fjordgebirgswelt. Vom Boot aus gleitet der Blick rund 600m an kahler, steiler Felswand in den Himmel.

Nicht umsonst zählt der Park „Sieben Wunder“ (bewusst nicht: Weltwunder) auf: „Den an die Erdoberfläche gestülpten Meeresboden“, d.h. die kahlen Tafelberge als Scheiben eines ehemaligen Kontinents; „Die Unterseelawinen“ aus Sandstein“; Die o.g. „Früheren Fjorde“; Die „Vulkanische Küstenlinie“ (s.o.); den „Ehemaligen Kontinent“, so die Bezeichnung für die Range Mountains; Die „Geologischen Zeitzonen“, also Gesteinsablagerungen verschiedener Erdzeitalter; und schließlich den verheißungsvollen Begriff  „Tropischer Meeresboden“ mit seinen Sandstränden und aus Kalkstein geformten tropischen Riffs.

Als Urbevölkerung hatten unter anderem auch hier die Mi’kmaqs, weit vor den Wikingern, geschweige denn den Europäern, das Sagen. Kein Wunder also, dass fast aus jedem Waldstück, Felsenbogen oder See eine entsprechende Legende hervorlugt.

Innuchuk-Innu Symbol für Mensch

Ab in die Tundra

Genauso wandelt sich die Natur, je nördlicher die Reise geht. Überwiegend niedrige, von Wind und Wetter zerzauste Tannenwäldchen bilden die Flora dort, wo sich in den Mooren eine kleine Erhöhung ergibt. Lichtet sich der Baumbestand dann mal wieder, bietet er den Lebensraum für Elche. Viele Hinweisschilder rufen zu umsichtiger Fahrweise auf, zumal die nicht gerade kleinen Tierchen schon mal unvermutet die Fahrbahn überqueren. Die entsprechenden Unfallstatistiken sprechen eine deutliche Sprache.

Der Blick aufs Thermometer zeigt als sonnige Mittagstemperatur doch bereits 6°C an, abends und nachts nähert man sich wieder dem Nullpunkt, was die Einheimischen nicht davon abhalten kann, in T-Shirt und kurzen Hosen herumzulaufen. Sommerliche Wärme ist eben nur eine Sache der Interpretation.

Hoch droben in der Nordspitze darf man nicht den Besuch der historischen Stätte „L’Anse aux Meadow“ versäumen.

Die äußerste  grüne Nordspitze heißt nicht umsonst „Bucht der Wiesen“. Wir hatten Glück und konnten bei der klaren, kalten Luft jenseits der Meeresenge am Horizont das Südufer Labradors erkennen. Das sah noch nach sehr viel Winter aus

Aber erst einmal aktivieren wir all unsere Fantasie und versetzen uns in das Jahr 985 n.Chr. Der Kaufmann Bjarni Herhólfsson hat soeben Segel gesetzt, um von Island nach Grönland zu fahren. Ein Sturm brachte das Schiff vom Kurs ab und trieb es südwärts bis an eine recht baumreiche Küste. Überwintern wollte er hier nicht, fuhr als trotz Spätsommers zurück nach Grönland. Wenig später verkaufte er sein Schiff an Leif Eiriksson, den Wikinger. Durch die Schilderungen des Kaufmanns neugierig geworden, brach der Wikinger im nächsten Sommer auf in Richtung des heutigen Neufundlands. Er erhoffte sich ein großes Geschäft mit Holz, welches die europäischen Siedler zum Bau ihrer Häuser benötigten. Soweit erzählt es die Wikingerlegende

Und so soll es gekommen sein, dass  hier eines schönen Sommertages vor rund 1.000 Jahren die Wikinger anlandeten. Von Grönland kommend, wählten sie die Nordspitze der Halbinsel als  Ausgangspunkt für weitere Expeditionen. Unter der Führung von Leif Eiriksson errichtete die Gruppe von 60-90 Männern ein provisorisches Lager aus Torfhäusern. Es diente als Überwinterungslager. Doch die Wikingerträume sowohl bezüglich weiterer Expeditionen wie auch des erwarteten Holzhandels gingen nicht so recht in Erfüllung, denn sie waren ja nicht die ersten, die das Land für sich reklamierten. Die Urbevölkerung, besonders Stämme der Innu, Beothuk und Mi’kmaq machten ihnen das Leben schwer. Nach einigen Jahrzehnten – die Wikingerpopulation war bereits auf ca. 500 Bewohner angewachsen – zogen sie dann unter dem wachsenden Druck der Einheimischen wieder ab, nicht ohne vorher ihr gesamtes Siedlungsgebiet durch Feuer zerstört zu haben. Historisch handelt es sich um den fast einzigen, durch Funde wirklich belegbaren Siedlungsplatz dieses nordisch-europäischen Volkes auf Neufundland.

Und wer dann nach der mehrstündigen Besichtigung dieser ehemaligen Wikingersiedlung noch immer nicht genug hat vom Lebensstil dieser langbärtigen Haudegen, dem sei noch ein kurzer Besuch in dem kleinen Fischerort Norstaed empfohlen (liegt gleich um die Ecke). Hier kann er die „Anlandungsbedingungen“ der Boote  in dem kleinen historischen Hafen nachvollziehen.

EisbergeEisberg im Doppelpack

Das Städtchen St. Anthony rühmt sich, die „Hauptstadt der Eisberge“ zu sein. Die Kleinstadt mit seinen Küsten und Caps bietet in der Tat eine gute Möglichkeit diese Naturwunder zu beobachten, sei es von Land aus, sei es auf einer (sehr teuren) Bootsexkursion. Man sollte hinzufügen, dass diese Nordspitze nicht der einzige Ort für die Sichtung von Eisbergen ist. Die  etwas südöstliche „Notre Dame Bay“ mit den Orten Fleur de Lys, La Scie und Twillinggate (nennt sich ebenfalls „Iceberg Capital“) bietet ebenso gute Chancen und erheblich preiswertere Schiffsexkursionen. Denn diese gesamte Region liegt an der „Iceberg Alley“.Ehemalige Walfangsiedlung Red Bay

Gemeint ist mit der „Eisbergallee“ der kalte Labradorstrom, der von Grönland kommend an der Südküste Labradors sowie der Nordküste Neufundlands vorbeizieht hinein in den offenen Atlantik, d.h. eine Strecke von ca. 2.500km. Auf dieser Route treiben im Frühjahr und Frühsommer die „Reisenden der Arktik“. Dabei sind sie nicht zufällige Tagesreisende. Nein, seit Tausenden von Jahren sind sie bereits in Bewegung, zunächst    in Form von Eisschichten als „strömende Gletscher“ Grönlands, dann bis zu drei Jahre lang als „schwimmende Berge“.Labrador-Impression 1

Wenn sie an den Küsten Neufundlands und Südlabradors vorbeidriften, haben sie bereits eine Atlantikreise von ungefähr zwei Jahren hinter sich. Der Schmelzprozess hat sie oft schrumpfen lassen auf Autogröße („growlers“) oder größere Maulwurfhügel („bergy bits“), bis sie dann später ganz aufgetaut sind. Imposanter sind dagegen schon die Eisberge vom Umfang eines Hauses. Diese Eisbergformate sind gut von der Küste aus oder auf Bootsexkursionen zu bestaunen. Viele jedoch, die Eisberge von „Titanic-Format“, gleiten majestätisch offshore dahin, also viele Meilen entfernt draußen auf offener See. Mit bloßem Auge nur bedingt identifizierbar, bieten sie beim Anblick durch ein Fernglas einzigartig Faszinierendes:  Wunderschöne, blau-weiße Giganten, von Wasser, Wellen und Wind geformt, gleichen sie Kathedralen samt Kuppeln und Bögen, Burgen mit Türmen und Zinnen oder gar Gebirgslandschaften.

Nun darf man sich dieses   Naturschauspiel nicht so vorstellen, dass sichtbar von einem Beobachtungspunkt aus Dutzende von Eisbergen vorbeiparadieren. Jährlich lösen sich von den Grönlandgletschern etwa 300 bis 500 „überlebensfähige“ Eisberge. Statistisch hieße die Anzahl, dass pro Tag ein bis vielleicht zwei Eisberge an einem Ort vorbei treiben, sofern sie unterwegs nicht schon geschmolzen sind. Von einem Aussichtspunkt bei St. Anthony hatten wir besonderes Glück. Insgesamt fünf umfangreichere „gefrorene Wasserspeicher“ waren gut sichtbar, ein sechster Riese, einer „Ölplattform“ ähnlich, recht deutlich mit Fernglas auszumachen.

Labrador Labrador-Abendstimmung in der Taiga

Im Volksmund wird dieser Landstrich nur „Big Land“ genannt. Und mit seinen sich nordwärts Richtung Arktik   erstreckenden 300.000km² bei nur 30.000 Einwohnern erkennt  man auch schnell warum. Wenn man wissen möchte, wie die Welt aussah, bevor die Spezies Mensch auftauchte, dann ist dieses das passende Reiseziel: Ausgedehnte Lehmflächen bedecken die ursprüngliche, karge Landschaft,   wellig, felsig, tiefste Tundra und Taiga.  Bis ca. 1960 stellten die ursprünglichen Innu-, Métis und Innuit-Stämme den Großteil der Bevölkerung, abgesehen von einigen „Langzeit-Europäern“, Nachkommen der früheren Einwanderer. Besiedelt waren eigentlich nur die Küstengebiete. Das Landesinnere zeigt sich fast ausschließlich als  jungfräuliche Natur.

Doch das Bild hat sich in den vergangenen Jahrzehnten erheblich gewandelt. Drei neue Orte – Retortenstädte –  sind zwischenzeitlich mitten in der Wildnis entstanden. Alle verdanken ihre Geburt jeweils einem „Projekt“. Hierbei handelt es sich um die Doppelstadt Happy Valley – Goose Bay in Zentrallabrador, 300Km weiter westlich um Churchill Falls und schließlich ganz im Westen um die Zwillingsstadt Wabusch-Labrador City.Labrador-Impression 3

Nordische Schnupperstunden

Nach fast drei Wochen der Erkundung Neufundlands verabschieden wir uns von diesem Teil der Nordprovinz, um von St. Barbe aus (ziemlich in der Mitte der Nordhalbinsel) per Schiff quer über die dort nur ca. 18Km breite Labrador-Meeresenge in die noch nördlichere Provinzregion  zu gelangen. Die relativ kleine Autofähre geht ein bis zwei Mal am Tag, also muss man telefonisch oder per Internet rechtzeitig Tickets reservieren.

Unser „gesichteter“ Eindruck noch von Neufundland aus, bestätigte sich nach der Ankunft rasch. Eigentlich befinden wir uns ja auf ziemlich dem gleichen Breitengrad wie Paris oder London. Aber „hier oben“ hatte der Winter den Landstrich doch noch erheblich fester im Griff als auf Neufundland. Die Mittagstemperaturen waren noch einmal um einige Grad fast auf den Nullpunkt gefallen, mit großflächigen Schneeresten allerorten. Bei dichtem Nebel und starken Sturmböen war der Einstieg alles andere als wettermäßig herzlich.TransLabradorHWy - Schwarzbär

Der Baumbestand ist noch einmal reduziert und um die Hälfte gekürzt bzw. das Doppelte gelichtet  worden, Tundra eben. Genau das passende Umfeld für Karibuherden. Sie fühlen sich in dieser subarktischen Lebenswelt sehr wohl. Elche und Schwarzbären haben ihr Revier eher in Zentrallabrador mit dichterem Baumbestand, besonders in der Region zwischen Cartwright, Happy-Valley-Goose-Bay und Churchill Falls. Was für uns sicherlich noch aufregend war, nämlich dass ein großer Schwarzbär im Ort Goose Bay mitten am Tag über die Straße lief, ließ die Einheimischen kalt. Sie sind es gewohnt.

1.500 Kilometer mit 30km/h

Bevor es nun wirklich auf den insgesamt ca.1.700Km langen TransLabradorHighway (TLH) geht, mussten wir uns ein Satellitentelefon besorgen. Diese Notfalltelefone sorgen im Ernstfall dafür, dass man eine Direktverbindung zur nächsten Polizeistation bekommt, nicht mehr und nicht minder. Die Apparate können kostenlos an mehreren Stellen ausgeliehen werden, gegen Vorlage verschiedener Dokumente wie Führerschein, Personalausweis und Kreditkarte sowie der Angabe der wahrscheinlichen Rückgabestelle. Wir haben unser Notfallset im Northern Light Inn in L’Anse Au Clair ziemlich direkt am Fähranleger erhalten. Das eigene Mobiltelefon, europäisches oder nordamerikanisches Modell, kann getrost ausgeschaltet bleiben, denn eine Netzabdeckung ist nicht vorhanden.Auf dem TransLabradorHWy

Und ein Glück hatten wir sie, die Notfallverbindung.  Nachdem auf der bisherigen Strecke eine stattliche Anzahl an „Reifenleichen“ am Wegesrand zu entdecken waren, verabschiedete sich auf einsamer Strecke natürlich auch an unserem Fahrzeug ein Reifen. Der Rest lief dann aber glücklicherweise ziemlich unkompliziert ab, nicht zuletzt auch dank der tatkräftigen Unterstützung einer jungen Dame vom Canada Government Service. Sie ließ uns auch gleich wissen, wo wir uns geograpisch befänden: „Half on the way to nowhere / Auf der Häflte der Strecke ins Nirgendwo“.  Es wurde ein Reifenservice in Port Hope Simpson angedrahtet (ca. 1,5Std. Fahrtzeit). Der dichtere Ort Cartwright (nur 70km entfernt) hatte keinen solchen. Was morgens um 10.00Uhr begann, war um ca. 17.00 Uhr glücklich beendet.TransLabradorHWy-geschafft-den Reifen

Eigentlich wollten wir uns am Fähranleger in dem überall groß angepriesenen Visitor Center „Gateway to the North“ mit noch notwendigen Informationen versehen, bevor es in die Einsamkeit geht, z.B. über Auftankmöglichkeiten für Diesel, Versorgung mit Propangas, Straßenzustand insbesondere der Küsten fernen Streckenabschnitte über Schotterstraßen (nur 10% des TLH sind geteert), mittelfristige Wetterprognose u.v.m. Aber wie so vieles hier, es war geschlossen. Öffnungszeiten? Fehlanzeige! Nachfrage, wann es evtl. geöffnet werden könnte? Gleiches Resultat! Also greifen wir wieder auf Auskünfte der Einheimischen zurück.

Gerade beim Tanken sollte man sich immer gleichzeitig erkundigen, wo die nächste Zapfsäule steht, Für Diesel doppelt nachfragen, denn man erhält oft unterschiedlich Auskünfte. Die Hilfsbereitschaft geht aber dankenswerter Weise oft so weit, dass an der nächsten Tankstelle angerufen  (zumindest erhält man die entsprechende Telefonnummer) und wegen der möglichen Versorgung mit Diesel nachgefragt wird.

„Gravel Road/Schotterstaße“ heißt der Schlüsselbegriff für den TLH, hin und wieder noch ausgeschmückt durch „Rough Road“. Das bedeutet eine fest gefahrene Sandpiste, die regelmäßig mit Schotter abgestreut wird. Kommt die „rough road“ noch hinzu, dann ist die Piste übersäht mit Schlaglöchern oder quer zur Fahrbahn sich ziehende Spurrillen. Es fährt sich dann wie auf einem Waschbrett, akustisch untermahlt durch die Knirschtöne der Reifen auf dem Schotter und gelegentlich einen Schlag, wenn ein Schlagloch mal wieder partout nicht zu umfahren war. Optimiert wird dieses Erlebnis zusätzlich dadurch, wenn heftige Regengüsse oder öfter noch Schneeschauer die Fahrbahn in eine unberechenbare Schmierseifenpiste verwandeln.

Ein Glück ist die Strecke so gut wie nicht befahren, so dass man meistens sowohl auf der  linken wie auch rechten Spur dahinrollen kann, je nach Straßenzustand. Gefahr für die Windschutzscheibe ist allerdings im Verzug, wenn Gegen- oder Überholverkehr sich zeigt. Die einheimischen Fahrer kennen alle Tücken natürlich besser als wir „Labrador-Greenhorns“. Entsprechend richten sie dann natürlich auch ihr Tempo aus. Besonders die LKW donnern mit gut 70km/h einem entgegen oder an einem vorbei. Die einsetzenden Steinaufwirbelungen sind entsprechend. Da hilft oft nur rechts ran, so gut es geht, tief durchatmen und sich die Staubwolke erst einmal setzen lassen. Schaden kann laut Aussagen von Labradorianern auch nicht, in diesen Momenten einen breiten, weichen Gegenstand von innen an die Windschutzscheibe zu drücken. Das soll das Glassplitterrisiko um die Hälfte verringern. Tja, und so ist man denn gut beschäftigt auf dieser oftmals eintönigen Strecke. Da fällt es dann auch gar nicht mehr ins Gewicht, dass 30km/h eigentlich als Geschwindigkeit für verkehrsberuhigte Zonen dienen soll und nicht für „Fernreisen“. Bis 2015 sollen aber weitere Streckenanteile geteert werden. Es liegt  wie überall nur am Geld.

Labrador Coastal DriveLabrador-Impression 2

So heißt der südliche Abschnitt zwischen L’Anse Au Clair bis Battle Harbor und im zweiten Abschnitt gen Norden bis Cartwright. In dieser Region, immer noch stark französisch geprägt, hat sich viel der europäischen Kolonisation abgespielt. Dies wird unter anderem deutlich am Beispiel des heutigen National Historic Site „Red Bay“, wo Ende des 16.Jahrhunderts der Walfang „erfunden“ wurde. Basken waren die ersten, die diese Tiere hier jagten, an Ort und Stelle zerlegten, verwerteten und das aus dem Fett gewonnene Öl in Fässern zurück nach Europa schifften. Die Belieferung mit Tranöl sicherte im damaligen europäischen Raum unter anderem das Betreiben von Öllampen.   Dabei brachten die Walfänger sich aus Platzgründen die Eichenholzfässer in Einzelteilen mit und „schraubten“ sie erst in den jeweiligen Fanggebieten zusammen, IKEA im Frühstadium.

Seine Fitness steigern kann man beim Besteigen des „Point Armour Lighthouse“ (aus bis zu zwei Meter dicken Steinmauern erbaut von 1855 bis 1858). Nach knapp 150 engen Stufen bietet sich natürlich ein grandioser Rundblick, sofern nicht gerade einmal wieder dichter Nebel aufgezogen ist. Man sollte wissen, dass Labrador zu den an Nebel reichsten Regionen Nordamerikas gehört mit statistischen 200 Tagen im Jahr.

Der noch immer funktionierende Leuchtturm wurde zum Provincial Park umfunktioniert. Die nicht unkorpulente Gästeführerin, ohne die man den Turm nicht besteigen darf, erklettert diese Stufen rund 10 Mal pro Tag, erspart sich nach eigener Aussage somit jedes Fitnessstudio. Ihr Tagesrekord läge bei 23 geführten Treppentouren.

Die vielen kleinen verstreut liegenden Fischerorte preisen oftmals lediglich einige Wanderwege oder Aussichtspunkte an. Und hat man erst einmal den Marktflecken Port Hope Simpson hinter sich gelassen, folgt auf den kommenden 200km nichts anderes als Tundra, Tundra, Tundra. Erst dann zeigt sich der kleine Ort Cartwright, eigentlich kaum erwähnenswert, hätte nicht im ausgehenden 18. Jh. ein Kapitän gleichen Namens durch seinerzeit moderne Fischfangmethoden ein wenig mehr Betrieb und Wohlstand in die Gemeinde gebracht. Aus Dankbarkeit hat man dann die Siedlung nach ihm benannt.

Zentral- und WestlabradorElchkalbElchmama

Wenn auch der Coastal Drive offiziell erst in Happy-Valley-Goose-Bay endet, so führt die Straße ab Cartwright eigentlich nur noch durch Binnenland. Das „Projekt“, welches den Ort Happy Valley-Goose Bay aus der Taufe hob, ergab sich während des zweiten Weltkrieges. Die USA, Kanada und England bauten hier nämlich  einen Luftwaffenstützpunkt, sozusagen als  Sprungbrett vor einer Atlantiküberquerung.  Den Doppelort  mit seinen gut 7.000 Einwohnern nutzen auch heute noch Amerikaner, Kanadier, Deutsche und Holländer als Air Base und Trainingslager für Tiefflüge.

Am prachtvollen Lake Mellville mit seinen Sandstränden gelegen, ist die Stadt ein wichtiges Einkaufs- und Verwaltungszentrum Labradors.

Lohnender für einen Besuch  präsentiert sich das Fischerdörfchen North West River (ca. 30km entfernt). Es galt im 18.Jh. als Schmelztiegel der labradorianischen Kulturen. Früher wie heute ist der Ort Endpunkt jeglicher Straßenverbindungen. Weiter in die nördlicheren Siedlungen wie Rigolet oder Nain geht es dann nur noch per Schiff (sommers) oder per Flugzeug. Als „must see“ erwies sich das Labrador Interpretation Center mit dem angegliederten Heritage Museum.

250 Kilometer weiter westlich baute man in den 1960ger Jahren ein riesiges Wasserkraftwerk, welches heute mehr als 50% der Strombedarfs von Labrador abdeckt. Dadurch entstand dann der Ort Churchill Falls.

Nicht weniger Reißbrettform hat der Doppelort Wabusch-Labrador City. Er verdankt seine Existenz der größten Eisenerz-Tagebaumine Nordamerikas. Erste Funde datieren von 1890 her, Abbaurechte erwarb die Iron Ore Company dann 1936, ab 1958 wird dort geschürft. Früher hieß der winzige Ort Lac Carol; 1996 wurde er in Labrador City umgetauft und zählte 2012 rund 8.500 Einwohner, bei wachsender Tendenz.

Nun, schön anzuschauen sind sie alle nicht, diese drei „künstlichen Wohnflecken“. Doch man sollte nicht negieren, dass sie Wirtschaftskraft in die sonst ärmliche Region bringen und damit einen bescheidenen Wohlstand. Es wird auch damit gerechnet, dass sich in Zukunft die Zusammensetzung der  Bevölkerung erheblich verändert.  Denn viele der Arbeitsplatz bedingten „Zugereisten“ lassen sich hier mit Haus und Familie nieder.

Hier endet  das „nördliche Abenteuer“. Um wieder zurück in den „Süden“, an den Sankt Lorenz Strom bei Baie Comeau in der Provinz Québec zu gelangen, müssen wir erst einmal noch 550 Kilometer auf der Route 389 strikt südwärts zurücklegen. Davon dann später mehr. Weiter soll es anschließend  Richtung Zentralkanada bis Winnipeg gehen mit einem eventuellen Abstecher an die Hudson Bay.

Wolf Leichsenring

 

Wolf Leichsenring

Gabriele & Wolf Leichsenring „Die Welt ist ein Buch. Und wer zu Hause bleibt, liest nur eine Seite darin“, lautet ein Spruch des weltoffenen Heiligen Augustinus (354-430 AD). Gabriele & Wolf Leichsenring sind lesefreudig. Mit einer einzigen Buchseite haben sie sich noch nie zufrieden gegeben. Wohnmobilisten seit nunmehr 30Jahren – und somit völlig „hoteluntauglich“ - blättern sie stetig im „Buch der Erde“, haben sich darin bereits recht vielfältige Kapitel erarbeitet. Sie reisen überall dorthin, wohin das Wohnmobil sie trägt. Dabei scheuen sie nicht davor zurück, ihr WoMo auch einmal für eine längere Schifffahrt verladen zu lassen, z.B. nach Nordamerika. Seitdem sie ihren früheren beruflichen Pfaden (Lehrtätigkeiten) den Rücken gekehrt haben, stehen Langzeitreisen in fernere Ecken unseres Erdballs auf dem Programm. Mit der Zeit würden sicherlich viele der gewonnen Impressionen im Nebel der Erinnerungen verblassen oder gar gänzlich verschwinden. Um dem vorzubeugen, werden Berge von Fotos geschossen und regelmäßig Reiseberichte geschrieben. Damit nicht genug! Anfragen von Zeitungsverlagen ließen und lassen sie „live von unterwegs“ berichten. Blogs, sowohl auf der eigenen Website ( http://ga-wo.leichsenring.net/reisen/ ) wie auch schwerpunktmäßig für den Reisebuchverlag „traveldiary“, Hamburg, ergänzen das Schreibprogramm. Somit erscheint es dann nur konsequent, dass derartige Aktivitäten schließlich in der Publikation mehrerer Bücher mündeten mit den Themenschwerpunkten „Nordamerika“ und „Marokko“. Als gefragte Dozenten berichten sie in Form von DiaVorträgen über ihre Reisen, wobei die Zuhörerschaft sich entweder den eigenen Erinnerungen hingeben, auch einmal neue Pläne schmieden, ihren Wissensdurst stillen oder sich einfach in Träumereien fallen lassen kann. Bewährt hat sich Arbeitsteilung der beiden Globetrotter: Mit ausgeprägtem, motivsicherem Blick bannt Gabriele Leichsenring das Gesehene und Erlebte in ihre Kameras. Die entsprechenden Texte stammen aus der Feder von Wolf Leichsenring. Und so arbeiten sich diese neugierigen, vom Fernweh heimgesuchten Weltenbummler durch das dicke Buch des Globus‘. Wer aber auch eine andere – künstlerische – Seite dieser beiden Reiseautoren kennenlernen möchte, der rufe einfach deren weitere Website auf: http://ga-wo.leichsenring.net/kreativ/