Die Hauptstadt Gangtok und der Osten

Die Hauptstadt Gangtok und der Osten

Phodong Kloster, SikkimWie so oft im Leben, kommt es anders als geplant. Jetzt, ein Jahr später, zieht mich der Osten mit Sikkims Hauptstadt in seinen Bann. Denn eine Hauptstadt ist immer etwas Aufregendes. Ich meine nicht den Straßenverkehr, der wegen enger Straßen aus den Nähten zu platzen scheint. Das gibt es woanders auch. Was ich dagegen anziehend finde, ist das Gemisch von traditionellem Charme und Moderne. In dieser Stadt ist beides spürbar: das Flair eines Handelsknotenpunktes aus Zeiten der Seidenstraßen und des Handels mit Tibet ebenso wie Attribute unserer Zeit mit ihren technischen Errungenschaften. Eine fällt jedem Fremden von Ferne auf: die Seilbahn. Ursprünglich hat man sie für die Parlamentsabgeordneten eingerichtet, damit die mühelos ihren Arbeitsplatz hoch über der Stadt erreichen können. Heutzutage dürfen auch Touristen zuweilen die Seilbahn benutzen. Das lohnt sich allein wegen der Aussicht. Tenzing hatte die Aussicht im vergangenen Jahr treffend beschrieben: Gangtok ist tatsächlich die Stadt auf der Kuppe eines Berges. Das ist übrigens auch die Übersetzung des Namens „Gangtok“ aus der Bhutia-Sprache. Inzwischen nimmt die Stadt nicht nur die Kuppe des Berges ein. Sie hat den gesamten Berg vereinnahmt. Auf der Kuppe befinden sich jetzt unter anderem das Parlamentsgebäude, Verwaltungsgebäude, auch der Palast des ehemaligen Königs, des Chogyal, ein dazugehöriger Tempel und Park. Von der Seilbahn aus sieht man, wie sich das Häusermeer der Hauptstadt, einschließlich des Vorortes Tadong, über den gesamten Berg bis hinunter an den Fluss Ranipool ausbreitet.

Nachdem ich einen ersten Eindruck von Gangtok gewonnen habe, mache ich es mir in meiner Unterkunft bequem und lese wie so oft unterwegs die Tageszeitung. Häufig schon habe ich auf diese Weise Interessantes über das Leben der Menschen in der betreffenden Region gefunden und konnte so einige Erfahrungen ergänzen oder relativieren. Sehr oft habe ich durch die Zeitung Anregungen für weitere Unternehmungen gefunden. Und tatsächlich: Ich finde einen Bericht, der etwas mit Trekking und Rettung Verunglückter zu tun hat. Beim genaueren Lesen steht mein Entschluss fest: Zu den Leuten, die offensichtlich sehr viel für Trekker, Bergsteiger und in gleichem Maße für den Naturschutz tun, muss ich gehen, muss mich mit ihnen unterhalten. Besonders beeindruckt hat mich die Beschreibung, wie eine verunglückte Touristin aus unwegsamem Gebiet gerettet, versorgt und ins Krankenhaus der Hauptstadt gebracht worden ist. Eigentlich nichts Besonderes, weil in solchem Fall überall gängige Praxis. Nur was darüber hinaus folgte, war völlig anders, und es hat meinen Eindruck, den ich von den Menschen Sikkims bisher gewonnen hatte, verstärkt: Die Touris-tin wurde von Angehörigen der Rettungsorganisation im Krankenhaus rund um die Uhr wie eine Familienangehörige betreut. Das ist etwas, das man in unseren Breiten nicht kennt, weil es nicht ins Organisationsschema passt. Dafür ist keine Zeit, und es sind ohnehin andere zuständig. Die äußeren Umstände, aber auch die Gemeinschaft schaffende ethische Lebensgrundlage ist eine andere in diesem Land. Und sie mag, wie ich selbst im Hochgebirgsurwald erfahren habe, mit dem buddhistischen Karuna, der Liebe und dem Mitgefühl für alles Seiende, zusammenhängen.

Anderntags bitte ich Mukund, mir ein Treffen mit Vertretern der Organisation, welche die Touristin gerettet und betreut hat, zu vermitteln. Wir haben Glück und werden noch am gleichen Tag zu einem Gespräch eingeladen. Unweit der Fußgängerzone landen wir im unscheinbaren Büro der TAAS (Travel Agents Association of Sikkim). Erst einmal bin ich skeptisch und frage mich, ob das die richtigen Gesprächspartner sind, denn die Bezeichnung lässt auch andere Deutungen zu, beispielsweise: „Vereinigung von Reisebüros“. Mukund, den ich frage, beruhigt mich: „Wir sind hier bestimmt an der richtigen Adresse.“ „Diese Organisation ist in dem Zeitungsartikel genannt.“

Nach freundlichem Empfang werden wir erst einmal gebeten, auf die zuständigen Herren zu warten. Das gibt mir Gelegenheit, mich auf das Kommende einzustellen und die Atmosphäre dieses einfachen, aber zweckmäßigen Büros zu schnuppern. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen. Einige der Ankommenden verschwinden hinter einer Tür uns gegenüber. Nach einer Weile werden wir durch ebendiese Tür in einen – ich reibe mir verwundert die Augen – Klassenraum geführt. An der Wandtafel deutsche Wörter, dazu ein Lehrer, der mich mit: „Guten Tag. Schön, dass Sie zu uns gekommen sind“, begrüßt. Die freudige Überraschung, unvermutet meine Muttersprache zu hören, lässt mich erst einmal nach Worten suchen. Dann aber entwickelt sich ein munteres Gespräch, an dem sich auch die Lehrgangsteilnehmer mit Fragen beteiligen. Denn wir sind im Seminar für Deutsch gelandet. Die Freude, dass sie ihre bereits erworbenen Sprachkenntnisse anwenden können, ist unverkennbar. Am liebsten wäre ich noch länger mit ihnen zusammen geblieben, aber ich wollte die leitenden Herren der TAAS, die hinter und neben mir standen, nicht allzu lange warten lassen.

„Sie organisieren auch Sprachkurse für Ihre Touristenbetreuer?“, ist meine erste Frage, als wir in einem anderen Raum zusammensitzen. „Nicht nur. Im Augenblick bauen wir das Bergrettungswesen aus. Es muss noch effizienter werden.“ „Noch effizienter? Ich habe in der Zeitung gelesen, wie Sie verunglückte Touristen betreuen“, staune ich. „Das ist bei uns so üblich“, antwortet er bescheiden kurz, um zu ergänzen: „Diese und andere Schulungen sollen dazu dienen, allen Touristen, die wir als unsere Gäste betrachten, den Aufenthalt so erlebnisreich, sicher und so angenehm wie möglich zu gestalten. Deswegen führen wir Schulungen für alle uns angeschlossenen Reise-Agenturen durch.“ „Und wie viele Reise-Agenturen sind das ungefähr?“, möchte ich wissen, um mir ein Bild von der Größe der Organisation machen zu können. „Das lesen Sie am besten in dieser Broschüre nach“, und mein Gesprächspartner überreicht mir eine nicht eben dünne Broschüre über seine Organisation. Am Schluss dieses Büchleins sind alle angeschlossenen Reise-Agenturen namentlich aufgeführt. Und ich staune: genau 159 sind es. „Da haben Sie aber eine ganze Menge Schulungsarbeit“, murmele ich beeindruckt. „Das ist wichtig für unser Land, weil die meisten Regionen noch unverdorben sind, was nicht allein die Landschaft, sondern in gleichem Maße die jeweiligen Kulturen betrifft. Dass zudem bei uns Naturschutz groß geschrieben wird, versteht sich von selbst. Sikkim mit seiner vielgestaltigen Landschaft ist ein Land des Friedens und der Ruhe. Deswegen legen wir großen Wert auf Schulungen, in denen alle Mitarbeiter lernen, unseren Gästen diese wertvollen Erfahrungen zu vermitteln; daher auch die Sprachkurse, nicht nur in Deutsch“, erläutert mein Gesprächspartner die wichtigsten Ziele seiner Organisation. „Und was alles, außer Sightseeing, kann ein Tourist in Sikkim unternehmen?“, möchte ich genau wissen „Vielerlei, auf sportlichem Gebiet gibt es Trekking, Bergsteigen, Mountainbiking, Rafting. Naturliebhabern bieten wir die Möglichkeit, Vögel zu beobachten. Kulturell Interessierte können die Vielfalt unserer Ethnien an den jeweiligen Feiertagen erleben oder buddhistisches Mönchsleben in unseren zahlreichen buddhistischen Klöstern“, zählen andere auf, die sich inzwischen zu uns gesetzt haben. Obwohl unverkennbar, wer hier das Sagen hat, ergibt sich eine rege Gesprächsrunde. Und mir tut es leid, als ich mich verabschieden muss, weil mein Magen knurrt. Vor lauter Erzählen und Berichten habe ich beinahe die Lunch-Time im Hotel verpasst.

Es bleibt gerade noch Zeit für einen Spaziergang durch Gangtoks Fußgängerzone, durch die Mall. Sie ist Mahatma Gandhi gewidmet und heißt offiziell „M.G.Marg“. Abgesehen vom offiziellen Fremdenverkehrsbüro, sind selbst auf dieser Flaniermeile zwischen einer Vielzahl von Shops, Hotels, Restaurants, Bars, Internet-Shops einige Trekkingbüros zu entdecken. Gleich hinter dem Fremdenverkehrsbüro sieht man das Denkmal der Einheit. Es erinnert an die Blutsbrüderschaft zwischen den Bhutias und Lepchas, die zwischen Khye Bumsa, dem Bhutia-Prinzen, und Thekong Tek, dem Stammesfürsten der Lepchas, in Kabi Longtsok besiegelt worden ist. Und meine Gedanken wandern zurück an den Anfang meiner Reise, als mir Mukund unten, an der heiligen Quelle von Legship, die Geschichte von Khye Bumsa und Thekong Tek erzählt hat. Dabei spüre ich, wie sehr mir inzwischen dieses kleine Land ans Herz gewachsen ist.

Nachmittags machen wir einen Ausflug zum Tashi View Point unweit der Hauptstraße in den Norden. Damals, vor einem Jahr, auf der Fahrt aus dem Norden Sikkims nach Gangtok, war es schon zu dunkel für einen Besuch dieses bei Touristen beliebten Ortes gewesen. Diesmal habe ich Glück mit dem Wetter und kann sogar die in weiter Ferne aufragende, faszinierende Silhouette des Kangchenjunga-Massivs bewundern. Und noch einen Ausblick schenkt mir der Tashi View Point: Fast zum Greifen nah leuchten die hellen Mauern des Klosters Phodong aus dem dichten Grün der Wälder. Jenes Kloster, das die Erinnerung an Alexandra David-Néel pflegt, der berühmten Tibetforscherin, auf deren Spuren ich unversehens war.

Margarete Franz hat im Norden Indiens ihr zweites Zuhause. Nach „Abenteuer Assam“ ist die Neuerscheinung „Faszinierendes Sikkim“ bereits ihr zweites Buch im traveldiary Reiseliteratur-Verlag…

Margarete Franz
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