Auf 10.000 Fuß

Auf 10.000 Fuß

Inder auf dem Gipfel

Inder auf dem Gipfel

Wir sind auf 10.000 Fuß. Ein Inder posiert vor einem lebensgroßen Aufsteller des Filmes „Dilwale Dulhania Le Jayenge“, der Shah Rukh Khan neben einer Bollywood-Schönheit zeigt. Lässt man den Blick schweifen, bleibt er am Natural Buddha hängen, der dem chinesischen Kunstturner Dunghua Li zu Olympischem Gold in Atlanta verholfen hat. Eine Etage tiefer lassen sich Asiaten in landestypischer Tracht ablichten und an meinem Hals baumelt ein Amulett Guru Rinpoches, der Reisende schützen soll.

Nein, wir sind nicht schon wieder im Himalaya, wir sind in den Schweizer Alpen, auf dem über 3.000m hohen Titlis über der mondänen Berggemeinde Engelberg.

Auf 10.000 Fuß

Auf 10.000 Fuß

Doch die Schweizer Idylle scheint fest in internationaler Hand. Asiatische und arabische Reisegruppen füllen die Bahnen, die zum Gipfel des Gletschers führen, um ihr Bergweh zu stillen, US-Amerikaner aus Aspen, Colorado sitzen auf der Skihütte am Nachbartisch während ich bei drei Einheimischen Platz gefunden habe, die nach ihrem Käsefondue ein Schümli Pflümli brauchen und mich zu einem ebensolchen einladen. Der Kaffee mit Pflaumenschnaps schmeckt lecker, doch den erhitzten Alkohol spürt man sofort. Kurven fahren könne man damit nicht mehr, aber geradeaus ginge schon noch, klären die Spender mich auf.

Über den Wolken ...

Über den Wolken …

Bis -20 Grad Celsius wies das Thermometer in den letzten Tagen auf dem Gipfel des Titlis aus und ich bin heilfroh über die Funktionswäsche, die ich letzten Sommer bei der Baltic Sea Circle Rallye in einem norwegischen Supermarkt nahe der Lofoten kaufen musste, um nachts in unserem alten Feuerwehrauto nicht zu erfrieren, und die mich besser zu wärmen scheint, als die Markenwäsche verschiedene Skibrands. Doch am letzten Tag des Jahres zeigt sich der Gletscher von seiner besten Seite. Die Wolken hängen auf rund 2.000m Höhe, auf dem Titlis strahlt sie aus stahlblauem Himmel und wähnt einen weit oberhalb eines Meeres aus weißer Watte.

So wage ich nach einigen Abfahrten an den Gletscherliften auch die Rotegg, eine der steilsten (die steilste?) Abfahrten der Alpen, eine Skiroute, die durch die beiderseitigen Felswände immer im Schatten liegt und meist harscheste Bedingungen aufweist. Doch natürlich bin ich nicht unvorbereitet, bin diese Strecke ja schon einmal gefahren – vor 26 Jahren. Als ich vom Gletscher an die Kante zur Einfahrt in die Rotegg wedele, shuffelt mein iPhone von Coldplays „Paradise“ zu Sido und Adel Tawils Live-Version von „Der Himmel soll warten“ und ich frage mich, ob das Gerät einen Neigungswinkelmesser hat.

Um Mitternacht stehen wir an einer Schneebar, stoßen mit Hunderten anderen Reisenden mit Prosecco an und bestaunen die Feuerwerke im Tal und von den Berstationen in der sternenklaren Engelberger Nacht. Happy New Year, alles Gute für ein abenteuerlustiges Jahr 2015!

Höhenangst?

Höhenangst?

Dass mein iPhone zumindest keinen Temperaturfühler hat, merke ich am nächsten Tag, als die Bedingungen nach und nach schlechter werden, sich am Neujahrsnachmittag die Wolken zuziehen und Schnee fällt. Mein iPhone begleitet dies mit cubanischem Reggae von Kola Loka. Doch auch damit lässt sich die Rotegg ein weiteres Mal meistern.

Am frühen Neujahrsabend führt unser Weg vorbei an der Schaukäserei in die prachtvolle Kirche des Benediktinerklosters Engelberg. Im Jahre 1120 gestiftet, zählt die Abtei zu den ältesten Ansiedlungen Engelbergs und so schreibt man auch einem Mönch die Erstbesteigung des Hausberges Titlis zu. Die heutige barocke Klosteranlage entstand um 1729 und das riesige Kirchenschiff ist prall gefüllt an diesem Abend. Das mag an der Neujahrsmesse liegen, vielleicht aber auch erneut an der musikalischen Begleitung. So hat auch mich weniger das religiöse als das touristische Interesse in meiner Skiausrüstung hierher geführt. Und wahrlich wird der folgende Jodel-Gottesdienst ein einmaliges Erlebnis!

Und doch werde ich morgen das Musikalische lieber wieder meiner iTunes-Bibliothek überlassen und mich abwechslungsreich die alpine Bergwelt hinab tragen lassen …

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