Irischer Reisere(i)gen

Irischer Reisere(i)gen

Mein Blick schweift über die Bucht von Baltimore und auf das Baltimore Castle. Es ist keine besondere Burg, kein Schloss, es ist ein Festungsbau aus grauem Stein, wie es Zigtausende in Irland gibt. Besonders dagegen ist das Frühstück, das vor mir auf dem Tisch steht. Üppiges Irish Breakfast mit Würstchen, Spiegelei, Tomate, Pilzen, Blut- und Leberwurst hatten wir fast jeden Morgen in den letzten 14 Tagen, so dass ich mich spontan für Kipper entschieden habe, als dies im Slipway B&B in Baltimore zur Auswahl stand.

Beacon Baltimore„Es ist das erste Mal, dass jemand sie bestellt“, verkündet Wilmie, unsere aus Holland stammende Gastgeberin. Mit ihrem Mann, der sich als Tiefseetaucher den Lebensunterhalt verdiente, hat sie in vielen Ländern Europas und darüber hinaus gelebt, bevor sie in Baltimore an der irischen Südwestküste sesshaft geworden sind.

Ich war gerade zu einem Morgenspaziergang zum Beacon unterwegs, einer massiven weißen Steinnadel, die in den Zeiten vor der Entwicklung von Leuchttürmen Seefahrern den Weg in die Bucht weisen sollte, als die Fischräucherei aus dem Nachbarort meine drei Frühstücksbücklinge angeliefert hat. Nun liegen sie vor mir auf dem Teller, schmecken gut, rauchig, frisch, aber natürlich auch mit einer Fischnote, die mich noch einige Stunden an diesem Tag begleiten wird.

Wenn ich unsere bisher 14-tägige Reise Revue passieren lassen sollte, würde ich mir unter Irlandfans wahrscheinlich wenig Freunde machen. Vielleicht ist Irland in Europa das, was man von Singapur in Relation zu Asien sagt, überlege ich. Singapur sei „Asien light“, ein Schmelztiegel, der von ganz Asien ein Stück bietet, aber von allem eben nur ein Stück. Ist Irland also ein „Europa light“? Fjorde und Klippen wie in Norwegen nur kleiner, Burgruinen und Abteien wie in Schottland nur weniger beeindruckend, Landstriche wie in der englischen Countryside nur touristischer, hügelige Weiden wie im Sauerland, Serpentinen wie in den Alpen und Strände wie an der Nordsee nur schlechtwetteriger.

Aber ich darf die Pubs, die Menschen und die verspielten kleinen Ortschaften nicht vergessen, werde ich dann zu hören bekommen. Und recht haben sie. Irland hat den Reiz einer Insel, die schlicht und ergreifend rundherum Meer bietet, rund herum Küste, große Teile davon nicht geschützt von der Nähe zu England, sondern offen der weiten See ausgeliefert. Entsprechend rau ist die Küste, entsprechend rau sind die Menschen. Entsprechend zahlreich sind aber auch die Küstenorte, einer pittoresker als der nächste, alle mit den bunt gestalteten Häusern, den farbenfrohen Fronten der Läden und Pubs. Und das Essen in irischen Pubs haben wir weit besser erlebt, als der Ruf des britischen Essens im Allgemeinen ist – und als unsere Erfahrungen aus dem englischen Backcountry belegen können.

Was die irischen Pubs jedoch mehr auszeichnet als das Essen, ist die endlose Vielfalt an Bier- und Cidersorten, die leider auch immer wieder mit Carlsberg, Heineken und Becks aufwarten, aber eben auch mit Guinness, Smithwicks (Kilkenny) und mit zahllosen weniger bekannten, kleineren Brauereien oder auch Craft Bieren, und natürlich die Live-Musik. In jedem Ort, in jedem kleinen Pub wird am Wochenende Livemusik geboten, in größeren Ortschaften kann man fast täglich damit rechnen, das irgendeine Bar an diesem Abend an der Reihe ist. Sei es mit traditioneller irischer Musik, sei es mit einem Gitarre spielenden Sänger mit großem Repertoir, mit einer Coverband oder sei es einfach mit einer Jam-Session, zu der jeder sein Instrument mitbringen darf und bei der das halbe Dorf dann irische Weisen spielt – während die andere Hälfte des Dorfes, ihr Pint in der Hand, in die Melodie einstimmt.

Slieve LeagueWenn man von Irlands Landschaft spricht, vom Wild Atlantic Way, von Connemara, Dingle, dem Ring of Kerry oder Mizen Head, muss man sich dagegen bewusst werden, dass Irland nicht mehr das letzte Backpackerziel Europas ist – zumindest nicht zur Hauptsaison. Hotelburgen starren einen immer wieder an, die nur von Horden von Bussen gefüllt werden können, die auch regelmäßig ihre Kreise ziehen, die meisten Straßen sind nicht mehr die kleinen ummauerten Wege zwischen Schafsweiden sondern sind gut ausgebaut und man hat den Eindruck, dass manche Orte zu klein sind für die Anzahl an Souvenirläden, die es dort gibt. Doch das gute an Irland: Es wird immer und allerorten mindestens noch ein Pub mehr geben, als es schon Souvenirshops gibt.

Irland ist es gut gelungen, seine wilde Westküste zu vermarkten, fast jedem verbliebenen Stein ein braunes Schild zu verpassen, auch wenn mancher mit Selbstironie erkannt hat, dass es doch Steine gibt, die zwar alt sein mögen – und vielleicht trotzdem keine Geschichte haben ;-)

Nothing happened hereNicht zuletzt ist ein Irischer Reisereigen aber vor allem wetterabhängig. So haben auch wir auf unserer Tour unser Fähnchen nach dem Wind gerichtet, hatten immer die Wetterapp vor Augen und den Blick in den Himmel gerichtet. Manchmal hat man dabei die Hand vor Augen nicht gesehen und sind wir im Morgennebel nach Connemara aufgebrochen, haben uns im Mittagsregen mit Horden von Touristen durch die Kylemore Abbey geschoben, um im Nachmittagsnebel die Halbinsel zu umrunden, trockenen Fußes am Abend in Oughterad am Lough Corrib zum Pub zu spazieren und zu späterer Stunde in den Regen zu treten und zurück zum Bed & Breakfast zu laufen. „4 Seasons in a day“, Irland hat oftmals 4 Jahreszeiten an einem Tag aufzubieten, sagt man.

So lernen wir auch, die Tage dann lang werden zu lassen, wenn das Wetter es zulässt, entdecken den Giants Causeway oder die Cliffs of Moher in den sonnigen Abendstunden, steigen gleich 2x zum Slieve League auf, um uns beim zweiten Mal einzureden, dass die Sicht aber bestimmt zumindest ein bisschen besser sei, als noch am Tag zuvor. Und wenn der Connemara Nationalpark einfach nicht aus Nebel und Regen auftauchen will, so wird eben am nächsten Tag in der Karstlandschaft des Burren der Mullaghmore Mountain bestiegen.

Und natürlich hatten wir auch traumhaft schöne Tage und manchmal hat gerade bei den Highlights Irlands das Wetter mitgespielt!

Unsere persönlichen Highlights:

Puffins auf Skellig Michael1. Skellig Michael oder Great Skellig (separater Bericht/Bilder hier) ist eine steile Felseninsel 12 km vor der Küste Kerrys, in einer knappen Stunde vom Hafen von Portmagee erreichbar – wenn die See und das Wetter dies zulassen. Denn der Atlantische Ozean ist rau hier und Skellig Michael ist ein Abenteuer, das man nur bei gutem Wetter wagen sollte. Auf der Insel erwarten einen dann die faszinierenden Ruinen einer Klostereinsiedelei aus dem 7. Jahrhundert, zur richtigen Saison Zigtausende von brütenden Puffins (Papageientaucher) und ein Drehort des Weltraumepos Star Wars Episode 7. Angeblich soll diese unwirtliche Insel Heimat der Jedi-Akademie im bald erscheinenden nächsten Krieg der Sterne-Film sein. Dank des UNESCO-Schutzes für die Insel (pro Tag maximal 230 Besucher zugelassen, dank der Witterung nur wenige Tage im Monat, an der sie überhaupt angefahren wird), wird Skellig aber wohl kaum zu einem neuen Tataouine-Pilgerort werden können.

Giant's Causeway, Nordirland2. Die Causeway Coastal Route ist eine Scenic Route in Nordirland, die von Belfast über die UNESCO Welterbestätte Giant’s Causway bis zu Magilligan Point führt. Dabei hat man auf dieser Tagestour fast ununterbrochen das Meer im Blick, sei es an Hafenpromenaden, sanften Ständen, hinter Feldern oder steilen Klippen. Höhepunkte der Route sind unzweifelhaft die Normannenfestung von Carrickfergus, die Basaltsäulen des Giant’s Causeway, das malerische Hafenstädtchen Portrush und die Lost Place-Ruinen des Mussenden Temple über der Irischen See.

3. Unweigerlich in die Top 3 muss das irische Publeben. Immer eine breite Auswahl Bier und Cider am Zapfhahn, verbinden viele Pubs Kneipe mit Gasthof oder Restaurant. Fish & Chips gibt es immer und überall, Burger, ein Irish Stew, manchmal indische Einflüsse in der Küche und manch einer bietet auch Pizza an, die nach allem anderen als Convenience Food aussieht. Aushängeschild eines irischen Pubs ist aber die Live-Musik. Gespräche an der Bar verstummen, die Blicke lösen sich von den Sportübertragungen auf den Fernsehern und das Essen wird zur Seite geschoben, wenn eine Combo zu Gitarre, Fidel und Tin Whistle greift. Und bei so manch einem Volkslied bleibt selbst das Pint auf dem Tresen stehen, das sämtliche Kehlen mit den Zeilen des Songs gefüllt sind …

Irischer ReisereigenZusammenfassend bietet Irland mit Belfast, Dublin und Galway Städte und Städtchen, die allesamt lebenswert und gut zu Fuß zu erkunden sind, mit unzähligen Küstenörtchen Plätze, an denen man Tage verbringen kann, um anzukommen oder auch auf besseres Wetter zu warten, bietet jahrtausendealte Steingräber, verfallene Burgen, Abteien und Häuser, ringsherum eine Küste, die zerklüftet zwischen steil abfallenden Felswänden und sandigen Stränden abwechselt, zeigt einem wie tropisch grün es in unseren Breitengraden wuchern kann, wenn der Regen nur fleißig genug gießt und wartet allerorten mit einem Gastgeber auf, der ein Bett in seinem B&B frei hat und einem am nächsten Morgen ein Frühstück bietet, dass eine Mittagspause überflüssig werden lässt.

Wer immer also auf eine Sonnengarantie verzichten kann und bereit ist, sein Fähnchen in den Wind zu hängen, dem erschalle der Irische Reisesegen!

Jens Freyler
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