Ylang Ylang

Ylang Ylang

Dieser Beitrag nimmt an der Wahl der besten Reiseberichte 2008 teil. Am Ende des Berichts könnt Ihr Eure Wertung abgeben!

Eine Übersicht der teilnehmenden Berichte findest Du hier.

„Irenchen, wasss machen wir hier?“

Mein Name ist Irene … und ich bin weder klein, noch niedlich. Irenchen nennt er mich (bis heute), wenn er etwas besonders unbequemes klären möchte.

Was wir hier machen? Er fragt, was wir hier machen? Wir befinden uns soeben in der Ankunftshalle des Flughafens Antananarivo auf der viertgrößten Inselt der Welt – Madagascar. Unsere Urlaubsreise hat noch nicht wirklich begonnen, und Peter schielt zur Maschine, die für den Rückflug nach Europa gefertigt wird!

Jetzt heißt es „äußerste“ Geduld mimen, Gelassenheit ausstrahlen und unbedingt lächeln! Und … ach ja … ihm helfen. Es ärgert ihn primär, daß die Werkstatt, in der er gerade jetzt so wunderbar Autoteile zusammenschrauben könnte, unerreichbar ist. Wir sind nicht nur in dem so genannten 8. Kontinent gelandet, nein … auch noch auf einem Inselstaat, in dem sich wahrscheinlich in den nächsten 10 Tagen niemand finden lässt, der mit ihm über ach so interessante Autoteile diskutieren kann! Dann – und das bestärkt den Ärger massiv – hängen an ihm 7 kleine schokobraune Kinder nebst unserer ultraleichten Reisetasche und ein mit (extrem wichtigen) Autozeitschriften überfüllter schwerer Rucksack. 7 braune Kinder bedeutet 14 kleine braune Hände, die sich zwischen Peter’s Hemd und Brusthaaren auf der Suche nach Wärme (sage ich) / Portemonaie (sagt mein Mann) machen. 14 dunkle Äuglein über 7 lustige Mündchen, weiter unten 14 zappelnde (Bar-)Füßchen.

Er hängt sie ab. Laut! Mir ist klar: die (seine) Beherrschung hat definitiv ihre Grenzen erfahren. Draußen warteten die sprachlustigen Väter der sprachlustigen Kinder mit ihren knallgelben Taxis. Jeder davon versuchte uns mit 100 prozentiger Ganzkörper-Mimik zu überzeugen, daß er der einzig richtige Fahrer für uns sei. „No, merci“ … kein Taxi. Wir sind doch keine Neckermann-Turisten ! Wir nehmen – natürlich – den Bus in die Stadt. Stadt hört sich zivilisiert an. Stadt hat Kultur. In Städten kann man was trinken, und sich umschauen.

Peter saß beengt mit der Reisetasche auf dem Schoß an der fast undurchsichtig verstaubten Fensterseite, und war komplett verstummt. Der Bus fuhr – gemessen an der Laufgeschwindigkeit eines Dackels – ein stolzes Tempo. Der rote Staub (auch) an den Innenscheiben sickerte durch die Luftfeuchtigkeit knapp an Peter’s Knie vorbei zu Boden, wodurch allerdings die Sicht nach aussen keineswegs transparenter wurde ! Die Frage, was wir hier machen, beugte sich zwar immer noch über die Augenbrauen meines Begleiters, aber es war ihm sicher klar: sie – die Frage „wasss wir hier machen“ – verbal zu wiederholen, würde ihm sowieso keine zufriedenstellende Antwort einbringen. So stummte er vor sich hin, bis wir die Stadt vor uns hatten. Antananarivo. Was für ein Wort! Erst am Ende unserer Reise, nachdem ich mir (und anderen) zig mal diese Ortsbezeichnung zusammengestottert habe, erfuhr ich, dass die Inselbewohner ihr Wirtschaftszentrum kurz-knapp liebevoll „Tana“ nennen.

Info: Antananarivo (alte französische Bezeichnung: Tananarive), wörtlich übersetzt „die Stadt der Tausend“, ist seit Beginn des 19. Jahrhunderts, als Antananarivo noch eine Ansiedlung am Fuße des Hügels von Analamanga mit dem heutigen Rova-Palast war, die Hauptstadt Madagaskars. Heute ist sie die einzige Millionenstadt (fast 2 Millionen Einwohner im Einzugsgebiet) und wirtschaftliches, sowie politisches Zentrum Madagaskars. Die Stadt liegt im zentralen Hochland Madagaskars und erstreckt sich mit ihrem Stadtkern über sieben Hügel mit einer Höhe zwischen 1250 m und 1450 m, die die Unterstadt und die flachere Umgebung um bis zu 200 m überragen. Das Umland ist das bergige Kerngebiet des Merina-Volkes und beherbergt viele alte Siedlungsorte und Königssitze. Vier große Flüsse durchqueren das Gebiet um Antananarivo von Osten nach Nordwesten, der Mamba etwa 7 km nördlich von Antananariva, der große Fluss Ikopa 5 km südlich und der Sisaony und Andromba südwestlich.

Zurück zum Standort: Völlig ziellos liefen wir durch einen Markt. Die Kultur konnten wir nicht sichten, und das Umschauen beschränkte sich auf unser Gepäck, da wir befürchteten, am Ende dieses Labyrinths nur noch aus uns selbst in zwei Hosenbeinen zu bestehen.

Fluchtort (wie auch unsere Rettung) war ein kleines Reisebüro, daß wir an einem Strassenrand entdeckten. Dieses bestand aus einer Theke mit 2 dahinter kichernden jungen Damen, und einem linksseitig schräg (oder schief … wie man es nimmt) platziertem (für jeden Europäer wunderschön antikem) Kirschholz-Schreibtisch; darüber ein vierarmiger Riesenventilator, der die feuchtwarme Luft drehte, darunter – das war klar – der „Manager“ des Ladens. Sein weißes Lächeln, mitten aus brauner Haut, in dunkelblauer Uniform, sah so einladend aus, daß keinerlei Zweifel offen blieben:

Wenn er uns die tropische Insel Nosy Be („große Insel“) ca. 40 km vor der Nordwestküste Madagaskars empfiehlt, dann müßen wir da auch hin ! Wir haben 8700 km hinter uns gelassen. Eine Stunde = 600 km sollen noch dazu … na, denn … Flugbuchung (sofort!), Rückfahrt zum Flughafen (gleich!) und Abflug Richtung Norden (heute noch!).

Nosy Be – „die Insel der Düfte“ – sagte der lächelnde Manager. (Dass alle, die uns ab diesem Zeitpunkt begegneten, auch lächelten, lag nicht nur daran, daß Peter’s Augenbrauen sich mittlerweile begradigt hatten, sondern auch an der Natur der Insel-Bewohner).

Die zweite Landung an diesem Tag brachte uns in ein – so kam es uns vor – wenn auch bewohnt, dennoch unberührt unschuldiges Terrarium. Dieses Mal: „Oui, taxi s’ il vouz plait“ … liesen wir uns durch ein satt-saftiges Naturreservat in „unsere“ Hütte bringen.

Nirgends auf der Welt, so erinnere ich mich, kam mir das Wort Paradies jemals passender vor, als auf diesem Fleck. Nirgends ! Ein staubloser, da feuchter, roter Erdweg führte uns durch (an Ur-Ur-Urwäldern) angrenzende Gewürzplantagen. Nie werde ich den betörenden intensiven Duft von Nosy Be, und die dafür verantwortliche magnolien-ähnliche Blüte der Ylang-Ylang Bäume, vergessen !

Interessant. Man sagt: Es gibt kaum einen Duft, der so intensiv riecht wie die großen gelben Blätter des Ylang-Ylang-Baumes. Man verbindet sofort Erotik mit diesem Aroma. Übersetzt heisst Ylang Ylang „Die Blume der Blumen“. Sie regt die Sinne (und die Sinnlichkeit) an.

Die eher bescheidene Einrichtung der Schlafhütten der von einer Zuckerrohrplantage umgebenen Anlage „Chanty Beach“ passte nicht zu dem großzügigen Ambiente des Gasthauses: die dickgepolsterten bunten Kissen der Bambus-Sessel in der auf Stelzen gebauten Empfangsebene (Halle kann man zu einem nach 3 Seiten offenen Raum nicht sagen) luden ein sich fallen zu lassen, und dieses mit einem frischen Longdrink in die Nacht auszudehnen. Anschließend sorgten die Sterne für genügend Licht, um durch den Sand in unser „Bungalow“ zu tapsen.

Gute Nacht ! Eine gute Nacht ohne Motorengeräusche. Eine gute Nacht mit dem Meer. Das ist wirklich eine wirklich gute Nacht … !

Zum Frühstück wunderte ich mich über den Kürbis. Serviert mit einer Mammut-Zitrone. Ich war mir für uns beide einig, daß müsse es nun wirklich nicht zum Kaffee sein. Aber gut, wenn das Brot auf sich warten lässt, dann probieren wir schon mal das, was uns unaufgefordert serviert wird. Die Kürbiswürfel entpuppten sich als köstliche Papaya, und die Zitrone war eine gemein getarnte gelbe Orange.

Unsere „Aha’s“ wurden von einem älteren Paar am Nebentisch aufgenommen und kommentiert. Mit jedem Wort kamen sie – ganz unaufdringlich – auf den Sitzbänken näher gerutscht, bis wir uns von deren sprudelnder Begeisterung zu verschiedenen Ausflügen – natürlich inkl. deren unaufdringlicher Begleitung – motivieren liessen. Uns wurde von Ausflug zu Ausflug klar: sie brauchten uns ! Bei den gegebenen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung war man (also, das unaufdringliche reifere Londoner Pärchen mit dem immer wieder gern erwähntem Haus auf Malta (Mooolta), und wir, von denen einer langsam wußte, daß es gar nicht schlimm war hier zu sein) nicht unglücklich darüber, sich beiseite zu wissen.

Und dann – endlich – erlebten wir Madagaskar. So, wie ich es mir von klein auf erträumt hatte: Wanderungen durch den Dschungel, Baobabs (afrikanische Affenbrotbäume) besichtigen, und immer Ylang-Ylang einatmen! Die nur auf Madagsakar und den Komoren beheimateten Lemuren (Feuchtnasenaffen) bestaunen, Schlangen begegnen, und … wou! … ich entdecke an Bäumen hängende Plastikspielzeuge, die Kinder wohl vergessen hatten? Wie gut sie gemacht sind! Ich bin begeistert. Peter schüttelt mit dem Kopf. „Das Plastik lebt“, sagt er. „Es verändert seine Farben, und bewegt unkoordiniert asymmetrisch unabhängig voneinander seine Augen“. „Die Länge der Zunge entspricht seiner Körperlänge“. Ups … Chamäleons?

10 Tage auf Madagaskar ist so was von zu kurz !!! Wir pressen die Zeit aus.

Mit einem kleinen Motorboot fahren wir ca. 30 Min. zur Lemureninsel Nosy Komba, (auf madagassisch Nosy Ambariovato): ein Kraterkegel mit 5 km Durchmesser zwischen Nosy Be und dem Festland. Mein Herz *freu* springt aus der Fassung, als sich ein Maki (Lemur) auf meine Schulter setzt. Mir ist, als wolle er mir ein Geheimnis ins Ohr flüstern. In Wahrheit aber findet er meine Sonnenbrille komisch, und schleudert sie durch die Luft.

Ein weiterer Tagesausflug wird festgelegt: Naturreservat Lokobe, (das immer noch die ursprüngliche Vegetation der kleinen Insel bewahrt hat), welches sich im Südosten der Insel Nosy Be, 7 km östlich von Hellville mit einer Fläche von 740 ha, befindet. Eine besondere Attraktion sind die Riesenbäume Canarium Madagascariense und Potameia Crassifolia, die Höhen von 40 m erreichen.

Willkommene Pause von „House-on-Mooolta“-Stories: Wir paddeln selber – jedes Pärchen für sich – auf einer Piroge (Einbaum).

Info: Das Wort Piroge ist abgeleitet vom französischen pirogue. Mit Pirogen werden weite Distanzen zurückgelegt. So nimmt man beispielsweise an, dass Madagaskar vor ca. 2000 Jahren mit Pirogen von Indonesien/Borneo aus besiedelt wurde. Ein drittes Boot wird von einem durchsingenden liebenswerten Vater mit Kleinkind gepaddelt. Darauf wird unser Tages-Proviant mitgenommen, denn auf dem Reservat wird für uns kulinarisch gegrillt: Fleisch und Fisch und Bananen. Es gibt auch importierte Fanta in Flaschen. Der kleine Junge, völlig unbeeindruckt des Gesanges, so als gehöre es einfach dazu, spielt (was auch immer) den ganzen Weg durch mit einer befestigten Bodenlatte im Bootsinneren. Er streckte dabei seinen Mini-Hintern in die Luft. Bis heute fasziniert mich dieses in Erinnerung versiegelte Bild: Ein Kind. Kopfunter stehend. Beschäftigt mit einer unbeweglichen Holzlatte. Das windelumhüllte Popöchen ragt raus. Dazu ein Vater, der unbeirrt 2 Stunden lang laut singt.

Unser einheimischer Reiseleiter erinnert mich an Tarzan (in dunkel). Er ist hyperaktiv, kennt sämtliche seltene Pflanzen (woraus alles Lippenstift gefertigt wird … ?) und macht uns erst auf die Riesenschlangen aufmerksam, wenn sie direkt vor unseren Wimpern baumeln. Ein Otto-Normal-Europäer haftet im Dschungel die Augen zu Boden. Es ist doch schon mühselig genug zwischen Schlingen und Wurzeln gangsicher zu funktionieren ! Wie soll man da noch auf herabhängende rotbraune Boas achten! Einen deutschen Otto mit einer 3m langen Schlange zu erschrecken macht einem Sakalava Spass. „Sakalava“ bedeutet „Leute aus dem Tal“, und ist eine der 18 madagassischen Volksgruppen.

Zwischen-Eintrag: Die Menschen hier sind weder Afrikaner, noch Asiaten. Es sind Komoren, Franzosen, Inder, Chinesen. Sie sind während der letzten 2000 Jahre eingewandert. Über die Jahrhunderte haben sich die Volksgruppen vermischt. Nach Nosy Tany Kely (Wasserschutzgebiet / Unterwasser-Reservat, reich an diversen Fisch-, Korallen- und Algen-Arten) fuhren wir mit einem Wassertaxi (Motorboot) zum Schnorcheln. Üblicherweise reisst man beim Staunen den Mund auf. Das ist beim Schnorcheln aber nicht vorteilhaft. Man staunt also lautlos und ganz allein für sich vor sich über diese Vielfalt an Fisch-, Korallen- und Algenarten hin: „Wie kann ein Wasser nur so klar sein?“ und / oder „Wie können Fische nur so bunt sein?“ und schließlich … „Wie kann ein einziger Sonnenstich uns beide nur so abfertigen und indifferent auf die Matrazen fallen lassen?“ Peter und ich konnten uns in der Folgenacht nicht um das Klo streiten … wir waren zu kraftlos dazu ! Sieger war immer der Erste. Punkt.

Aber ein Besuch der Insel-Hauptstadt Hell-Ville (Andoany) und seinen Kolonialbauten konnten wir am nächsten Tag nicht auslassen. Amüsant: Peter betreibt zu Hause ein Abschleppunternehmen. Jede Anhängerschraube – so scheint mir – ist vom fachgerecht- deutschen TÜV abgesegnet. In Hell-Ville sehen wir einen Kollegen aus dieser Branche mit einer dort üblichen Transportmethode: eine von einem Zebu (Buckelrind) gezogene (nicht ganz horizontal gelegene) Kutsche (ohne Heckklappe, natürlich), auf der ein stark antiquierter 2m hoher Kühlschrank angeliefert wurde … und – staun! – dabei eine „pouss-pouss“ (aus Asien hergebrachte Rischka) überholte, die min. 10 km/h drauf hat!

Und dann die letzte Nacht in Antananarivo: das Abendessen im Hotel IC Inn schmeckt nach Europa. Ich schlafe ein, und hoffe, dass sich der kleine Junge mit seinem hochgestreckten Mini-Gesäß im Boot niemals von den in 4 Varianten zubereiteten Frühstücks-Eiern eines 5* Hotels beeindrucken lässt.

Was bleibt: Eine Nase, die sich nach Ylang-Ylang sehnt. Und gemischte Emotionen aus „So fern von unserem regulierten Leben, so weit weg von allen täglichen Reglementen, so nah am Paradies … „

Dieser Beitrag nimmt an der Wahl der besten Reiseberichte 2008 teil.

Aktuelle Jury-Wertung: 2,33

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