Millionen und der kleine Gott

Millionen und der kleine Gott

DrachentänzerWieder ist eine Woche um und so langsam beginne ich schon, mir Gedanken zu machen, wie ich meinen ganzen Hausstand und meine „Einkaufserfolge“ wieder nach Hause bringe. Was gibt es diesmal zu berichten? Einerseits viel, andererseits passt es nicht wirklich zusammen und gibt keine runde Sache. Na was soll’s, dann gibt es heute eben Kurzepisoden:

1. Der Geburtstag des Kleinen Gottes
Der Samstag war durch eine Bruncheinladung etwas zerrissen, so dass ich erst spaet loskam und mir nur noch einen Spaziergang durch Gelang und Katong vorgenommen hatte, 2 Stadtteile, in denen noch die urspruengliche Bevoelkerung der Region dominiert, naemlich Malayen und Straits Chinesen (nicht weil sie auf der Strasse leben, sondern an der Strasse von Johor, der Meerenge zwischen Malaysia und Singapur). Der Rest Singapurs ist mit 73% der Gesamtbevoelkerung von 4 Mio. fest in der Hand emigrierter „Festlandchinesen“.

Der Spaziergang war nett, eine lebendiges Viertel, Marktstaende, Garkuechen und einige gut erhaltene Shophouses. Ziemlich am Ende meines Rundgangs sah ich auf einem Parkplatz eine Gruppe junger Maenner in gelben, mit Flammenmustern ueberzogenen Anzuegen trainieren. Ich ging hinueber, sah ihnen zu, und mutmasste, dass die Bewegungen zu einem Drachentanz gehoerten. Ich fragte nach und lag nur knapp daneben. Ein Loewentanz war es, der Auftritt findet heute abend statt, jeder koenne kommen. Natuerlich wollte ich! Herauszufinden wo es ist war allerdings ein Problem. Bukit Merah (ein anderer Stadtteil). Meine Singapur-Karte wurde auf dem Boden ausgebreitet und ich zeigte Ihnen wo wir sind und wo Bukit Merah ist. Ziellos steuerten die Finger ueber die Karte und ich merkte, dass sie Singapur zum ersten Mal in dieser Form skizziert sehen. Ich gab Ihnen Referenzpunkte, half nichts. Die LKW-Fahrer mussten her. Auch diese wahren mit der Karte nicht unbedingt vertraut, aber wussten zumindest den Strassennamen. Alles klar, 7:30 Uhr dort. Und ich solle auf die in gelber Kleidung achten. Ach?

Nur noch eine Stunde, die U-Bahn zu weit weg, also ins naechste Taxi und nach Hause, duschen, kurze Shorts gegen lange Hosen gewechselt (nicht wegen der Temperatur, sondern weil ich nicht wusste, was bei einem solchen Tanzgottesdienst statthaft ist) und rein in das naechste Taxi. Bukit Merah View heisst das Ziel.

Die Strasse finden wir und an einer Kreuzung vor 4 grossen gelben Flaggen mit chinesischen Schriftzeichen laesst er mich raus. Ja, hier sind wir richtig, die Flaggen erkenne ich wieder, sie waren an den LKWs der Loewentaenzer befestigt. Eine grosse Festhalle steht auf dem Huegel hinter den Flaggen, ich klettere hinauf und sehe eine Gruppe Karatekas vor dem Gebaeude trainieren. Das wird ja mal ein Rundum-Asien-Programm heute abend! Ich betrete die Halle und sehe ein riesiges Buffet aufgebaut, bestuhlte Tische und ueber der Buehne ein „Deepavali“-Plakat haengen. Deepavali ist indisch, Karatekas haette ich eher nach China oder Japan sortiert und der Lion Dance ist auf jeden Fall chinesisch. Bin ich hier richtig? Doch schon hat mich ein Inder eingefangen. „Ja, tolles Programm, Buffet, natuerlich solle ich reinkommen.“ „Wie teuer?“ „10 SGD (5 Euro)“. Angenehmer Preis fuer ein Buffet mit Abendprogramm. „Und wann ist der Lion Dance?“ „Lion Dance gibt es hier keinen!“ Ich bin falsch!

Ich steige vom Huegel also wieder runter und sehe gegenueber ein Hawker Centrum (Ansammlung von Essensstaenden), aus dem Musik schallt. Da ich noch nichts zu essen hatte, ist das auf jeden Fall eine gute Wahl, auch wenn die 7:30 Uhr schon ins Land gezogen sind. Und tatsaechlich, umringt von Essenstaenden ist ein freier Platz, auf dem etwa 80 Asiaten Square Dance vorfuehren. Ich bestelle mir Chicken Rice und ein Bier und schaue zu – bis mein Blick auf ein Plakat faellt: Line Dance. Lion Dance – Line Dance? Hatte mir mein Englisch einen Streich gespielt? Nein, die Typen waren ganz klar in Loewen-/Drachentanz-Klamotten gekleidet! Ich werde unsicher und frage die Besitzerin „meines“ Essensstandes. Aber nein, sie wisse nicht wo das ist, ich solle einen Taxifahrer fragen. Tolle Idee, ich bin ja mit einem gekommen, der es auch nicht wusste.

Ich ueberlege, ob ich jemanden Fragen sollte, was auf den 4 grossen gelben Fahnen mit den chinesischen Schriftzeichen steht. Vielleicht steht ja da „Loewentanz, 500 m rechts“ oder so. Ich behalte es mir als Plan B, verlasse das Hawker-Centrum durch einen anderen Ausgang und stehe vor einem chinesischen Zelttempel, in dem ich die Trommeln droehen hoere. Na toll! Hoffentlich habe ich nicht alles schon verpasst.

Ich haste hinueber und presche mitten in den Drachentanz rein. Eine rote Tanzgruppe steht an der Seite und ich weiss nicht, ob sie schon fertig sind oder erst nach der gelben dran sind, die gerade wild den Drachen wirbeln lassen, der die Sonne um die Welt jagt (so funktioniert das naemlich mit dem Tageslicht!). Im Moment muss er gerade woanders sein, denn inwischen ist es Stockdunkel hier. Es ist unglaublich, was ich zu sehen kriege, welche Akrobatik, welche Artistik, vielleicht 10 Jungs wirbeln den Drachen auf Stangen durch die Luft, jeder zweite dreht sich um, springt seinem Gegenueber auf die Huefte, laesst seinen Koerper zurueckfallen bis der Kopf den Holzboden beruehrt – und der Drachen wirbelt unveraendert ueber ihn, keine Erschuetterung im Fluss der Bewegung, nichts, die Sonne wird weiter gejagt. Die Traeger (die ebenfalls den Drachen wirbeln) lassen sich auf die Knie nieder, so dass ihre Hueftbesatzer jetzt auf dem Boden liegen, sich herumrollen, auf die Knie aufrichten und diejenigen die eben noch Traeger waren sich als Bruecke ueber die Schultern ihrer Nachbarn legen – und der Drache wirbelt weiter, die Trommeln droehnen, die Sonne tanzt um die Erde, Schweiss rinnt ueber ihre Gesichter, was ich nur zu gut verstehen kann. Wir sind in Singapur, es ist eine schwuele Nacht mit knapp 30 Grad Celcius, die Feuer tun ihr uebriges und dies hier ist Leistungssport!

Irgendwann verschwindet der Drache im Tempelhinteren und bewaffnet mit Wasserflaschen kommen die Artisten zurueck. Alle gruessen mich, sind begeistert, dass ihnen ein Kaukasier (so werden Weisse hier bezeichnet) quer durch die ganze Stadt gefolgt ist, dass sie einen Cheerleader haben. Das wird mir natuerlich gedankt, ich soll doch was von dem Wasser trinken, soll mir doch einen Stuhl nehmen, lehne aber beides dankend ab. Dafuer verzichte ich nicht auf die Einweisung in den Taoismus, die ich ueber den ganzen Abend hinweg von verschiedenen Lehrern erhalte. Zwei aus der Tanztruppe, ein Anwohner, ein selbstaendiger Elektriker und ein mindestens 90-jaehriger Opa wenden sich nach und nach an mich und erklaeren mir, was ich gerade erlebe. Es ist der Geburtstag des Kleinen Gottes, der eigentlich der unbedeutendste von den 4 Hauptgoettern ist (Muttergott, Guter Gott, Wuetender Gott sind die anderen drei), der aber an diesem Tag ueber die anderen herrschen darf.

Drei junge Maenner, deren nackte Oberkoerper vollstaendig mit Tatoos bedeckt sind, betreten die Buehne und werden in eine Art Trancezustand versetzt. Sie verkoerpern das 3-jaehrige Kind, das 7-jaehrige Kind und den heranwachsenden Sohn. Die drei sind nicht mehr auf dieser Welt, ob es durch Drogen oder durch andere Riten passiert, kann oder will mir keiner beantworten, aber getreu nach dem Motto „Kindermund tut Wahrheit kund“ wird dem Erwachsenen, der den dreijaehrigen verkoerpert (u.a. mit Schnuller im Mund) jetzt die Zunge angeschnitten, da das Blut dass er heute nacht vergiesst alle Anwesenden beschuetzen soll. In seiner Trance empfindet er keine Schmerzen wird mir versichert und so fanatisch wie er danach wieder an seinem Schnuller nuckelt, glaube ich das auch. Das Blut wird auf Gebetsblaetter gestrichen, die an allen vier Ecken des Zelttempels in Brand gesteckt werden, jeder der jetzt drin ist, ist beschuetzt. Ich bin drin …

Ploetzlich Trommeln, Rasseln, Schellen von ausserhalb, ein weiterer LKW rueckt an, zwei rote Loewen beginnen zu tanzen, der gelbe Drache springt wieder aus dem Tempelhinteren hervor und ich erwarte die Konfrontation der verschiedenen Wesen. Doch weit gefehlt, denn mit dem LKW kommen zwei andere Maenner angefahren, einer in einem gruenen Samurai-Outfit, einer in einem blauen. Mit rituellen Bewegungen gewinnen sie zuerst Durchlass zwischen den beiden Loewen, umgarnen dann den Drachen, der sich ebenfalls von ihrem guten Wesen ueberzeugt. Ich frage nach, was diese beiden Maenner symbolisieren und der Lehrer, der gerade Schicht bei mir hat (es ist der Opa) erklaert mir, dass es zwei gute Goetter sind, die jetzt die Geister der Hoelle einfangen werden. Und dank meiner unqualifizierten Frage, fangen wir jetzt nochmal bei den Basics an! „Komm“ lautet die Aufforderung und da man in Asien das Alter ehren soll, tue ich natuerlich, wie mir geheissen. Der Opa fuehrt mich in die Hoelle und erklaert unterwegs jedem, der uns begegnet irgend etwas auf chinesisch – wahrscheinlich wer ich bin – vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein. In der Hoelle begegnen wir den beiden Samurais wieder, um deren Geisteszustand es nicht besser gestellt ist, als um die drei Trance-Kids. Dann gehen wir weiter zu den Hauptgoettern und da ich das ja schon gelernt habe, sind meine Zwischenfragen qualifizierter und ich ernte ein zufriedenes Nicken, so dass ich auch noch zu Kapitel 3, den Goettern des Himmels gefuehrt werde.

Ich glaube ich schreibe irgendwie doch nur ueber ein Thema heute, irgendwie wird das gerade ziemlich lang …

Ich bedanke mich natuerlich artig, streune wieder herum, unterhalte mich wieder mit den Loewentaenzern, die mich fragen, ob es denn schrecklich langweilig sei? Ich beschreibe ihnen darauf einen deutschen Gottesdienst und sie ziehen ihre Frage zurueck.

Inzwischen stehen 4 von chinesischen Papiermachern hergestellte Pferde rund um den „Altarvorplatz“, deren Handwerkskunst ich nur bewundern kann. Das sei gar nichts, hoere ich daraufhin, die Loewen und Drachen seien auch aus Papier. „Aus Papier?!“ „Natuerlich!“ Wieder werde ich engepackt, wir gehen zu einem Loewen und ich darf meinen Kopf drunterstecken. Papier! Unglaublich, aber nur so kann der riesige Kopf leicht genug werden, um diese Artistik zu vollfuehren.

Wieder zurueck ist die Prozession fortgeschritten, das „Baby“ mit der geschnittenen Zunge zieht mit einem duennen Pinsel Muster ueber die Papierpferde. Den Pinsel dippt er in ein Schaelchen mit – ich vermeide es, die Frage zu stellen, ob es rote Farbe oder das Blut aus seiner Zunge ist, aber ich glaube, ich weiss die Antwort auch so. Anschliessend werden die Papierpferde mit echtem Hafer gefuettert und die Haufen aus Gebetszetteln vor ihnen rituell entzuendet. Ich stehe direkt neben einem Pferd und spaetestens jetzt rieche ich selbst wie eine Fackel. Zudem wohne ich der Prozession inzwischen ueber 2 Stunden bei, habe schon einige Kilometer in den Knochen heute und brauche glaube ich noch eine Dusche und mein Bett.

Singapur Million Dollar Duck Race Weitere News jetzt nur noch in Kurzform:

2. Singapore One Million Dollar Duck Race 2002
Gestern war ich beim Duck Race. Ich hatte mir fuer 5 Euro (die an einen guten Zweck gehen) eine der 123.500 Quietscheenten gekauft, die an den Start gingen und war mir eigentlich einig, dass meine schon allein deshalb die erste im Ziel sein muesste, weil die Einheimischen ihre wahrscheinlich alle roesten und zubereiten wuerden. Der Nachmittag war eine lustige Aktion, ich hoffe, die Bilder sind etwas geworden, ein hoehere Zoom waere allerdings nicht schlecht gewesen. Gewonnen habe ich jedenfalls nicht, die ersten 50 Enten wurden bepreist, meine war entweder zu lahm oder ist von einer Asiatin gekapert worden!

So, das reicht mal wieder. Ich hoffe, das war Euch nicht zu viel Singapur, aber der naechste Bericht wird wohl auch ueber Malaysia handeln …

Jens Freyler