Guilin / Yuangshou

Guilin / Yuangshou

Dieser Beitrag nimmt an der Wahl der besten Reiseberichte China teil. Am Ende des Berichts könnt Ihr Eure Wertung abgeben!

Eine Übersicht der teilnehmenden Berichte findest Du hier.

Mein Auslandssemester führte mich im Jahr 2009 in die chinesische Provinz Zhejiang nach Hangzhou. Neben dem Studieren des chinesischen Rechts und der chinesischen Sprache unternahm ich mit meinen deutschen Mitstudenten viele Reisen um das Land kennenzulernen.

Vor meiner Abreise habe ich von meiner Oma eine DVD von BBC über China bekommen. Ich kann mich noch erinnern, wie mir diese DVD anschaute und sofort von der Landschaft Südchinas beeindruckt war. Die Berge und die Reisterrassen in der Provinz Zhuang schienen schon auf dem Bildschirm so beeindruckend, dass ich beschloss auch dieses Gebiet Chinas zu erkunden.

Durch Zufall habe ich gesehen, dass ein Zug von Hangzhou nach Guilin fährt. Dass die Fahrtzeit 20 Stunden betrug hatte mich eigentlich nicht beeindruckt.

Meine Freundin Lea hatte schlechte Laune: „das klappt doch sowieso nicht“, „soviel Stress für nüscht“. Ich musste ihr kräftig in den Arsch treten, damit sie aufhörte zu murren und mich zum Ticketschalter begleitet. Wir wollten Zugtickets für die Fahrt nach Guilin kaufen und eigentlich glaubte ich selbst nicht daran, dass wir das schafften – schließlich sagte unsere chinesische Freundin Amy, dass sie Tickets knapp sein werden.

Die lange Warteschlange am Ticketschalter unterstützte meine Hoffnungslosigkeit. Als wir dann an der Reihe waren, gab ich der Dame den Zettel auf dem die Nummer des Zuges stand, mit dem wir fahren wollten. Als wir wenig später 1000 Yuan zahlen sollten, sind wir fast ausgeflippt vor Freude. Wir hatten unsere Zugfahrkarten! Es ging noch heute nach Guilin!

Der Zug Nummer K 537 ging am Abend um 19:05 Uhr von der Hangzhou East Station. Wir hatten die teuerste Kategorie gebucht – Soft Bed für 476 Yuan. Soft Bed bedeutet, dass wir in einem Abteil mit 2 Doppelstockbetten reisen werden. Es gibt auch die Hard Bed Kategorie. Dort sind in einem Zugwagon 66 Betten aufgereiht – jeweils 3 übereinander. Kein Abteil, keine Privatsphäre. Da wir aber ca. 20 Stunden unterwegs sein werden, wollten wir angenehm reisen.

Wir mussten zurück in die Uni und anschließend die Koffer für unsere Reise packen. Auch eine Unterkunft hatten wir noch nicht rausgesucht. Wir wollten gegen 17:00 Uhr zum Bahnhof fahren, da wir noch die Rückfahrkarten holen mussten. Letztendlich standen wir aber erst um 17:45 Uhr am Haupttor unseres Campusses zur Abfahrt bereit.

Dann begann das Taxi-Hunting und die Preisverhandlung. Der erste Fahrer wollte 200 Yuan für die Fahrt haben. Wir wussten nicht wo der Bahnhof ist, jedoch ahnten wir, dass 200 Yuan eindeutig zu viel waren. Das Taxameter wollte er nicht einschalten. Also nahmen wir ein anderes Taxi und bezahlten bei Ankunft am Bahnhof 56 Yuan – 200 Yuan wären also wirklich überteuert gewesen.

Wir kamen 45 Minuten vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof an. Wir fanden die entsprechende Wartehalle ohne Probleme und als unser Zug aufgerufen wurde, sagte mir eine Dame, dass wir zu Gleis 4 laufen müssten.

Im Zug angekommen nahmen wir erst einmal unser Abteil in Augenschein. Wie überall in China durfte man auch hier nicht so genau hinsehen. Ein kleines Abteil mit 4 Betten. Die Ecken waren vergilbt und schmutzig, aber für 20 Stunden war es in Ordnung. Der Zug an sich war ziemlich alt, aber so richtig abscheulich war die Toilette! Das war die ekligste Toilette, die ich bisher in China gesehen habe. Es hat so sehr gestunken, dass Lea der Würgereiz überkam. Das ehemals silberne Blech war stark verrostet. Auf dem Boden waren sämtliche Fäkalreste am Boden kleben geblieben, sodass man nach der Benutzung der Toilette eigentlich seine Schule von unten hätte waschen müssen.

Nach der Abfahrt kam eine Schaffnerin und nahm uns unsere Fahrkarten ab. Diese wurden, für die Dauer der Fahrt gegen Chipkarten eingetauscht. Außerdem wurden unsere Passdaten aufgenommen. Mit uns reiste eine junge Chinesin. Sie war nicht sehr kommunikativ, legte sich hin und hörte Musik.

Nun saßen wir hier. In einem Zugabteil in Richtung Guilin. Wir wussten nicht was uns dort erwartet. Wir wollten die Reisterrassen und den Li-River sehen – mehr hatten wir von unserem Ziel noch nicht ausgemacht. Wir fuhren also los – völlig ohne Plan. Und Übrigends auch ohne Rückfahrkarte, da wir es nicht mehr geschafft hatten, in Hangzhou eine zu kaufen. Immerhin hatten wir noch ein Hostel gebucht. Noch ein paar Stunden zuvor war es für uns fast undenkbar, dass diese Reise wirklich stattfinden sollte bzw. konnte.

Unser Trip! Wir freuten uns, dass wir diese Reise allein, zu zweit, unternehmen konnten. Sonst waren wir immer in einer großen Gruppe unterwegs. 20 Stunden Zugfahrt lagen nun vor uns. 20 Stunden für die Berge, die Reisterrassen und das etwas andere China.

Schlafen konnten wir eigentlich relativ gut. Die Betten waren nicht die bequemsten und das Ruckeln des Zuges führte dazu, dass wir in der Nacht ab und zu wach wurden, aber generell haben wir eigentlich ganz gut geschlafen. Im Abteil war es sehr warm – die Klimaanlage funktionierte nicht, sodass Lea und ich am Morgen total klebten und uns auf eine Dusche freuten.

Als ich um 8:30 Uhr wach wurde, regnete es draußen. Es waren schon einige Berge und Reisfelder zu sehen. Ich schaute ewig aus dem Fenster. Draußen huschten Felder vorbei, die mit Büffeln beackert wurden. Es war ein unbeschreibliches Gefühl in diesem Zugabteil zu sitzen und die Landschaft vorbeifliegen zu sehen. Die Berge, die Karstberge, sind ein charakteristisch für die südchinesische Landschaft. Sie entstanden im Laufe von 200 Millionen Jahren durch Muschelkalk.

Als klar war, dass ich nach China gehen würde, war auch klar, dass ich im Rahmen dieser Reise nach Peking fahren würde. Was ist ein Aufenthalt in China ohne die Mauer besucht zu haben? Den Gedanken nach Guilin zu fahren, hatte ich schon in Deutschland, jedoch war das Stattfinden dieser Reise aufgrund des hohen Flugpreises nicht so selbstverständlich. Und nun saß ich hier in dem Abteil auf dem Weg nach Guilin – das machte mich unendlich glücklich und sorgte für Gänsehaut.

Ohne einen Plan sind wir losgefahren. Hals über Kopf – von einem Moment auf den anderen. Ich konnte zum Glück noch Mama und Papa Bescheid sagen, dass ich für 5 Tage weg sein würde. Wir wussten nicht was uns erwartet. Unser Hostel liegt in Yangshuo. Laut Reiseführer ist die Landschaft dort schöner als direkt in Guilin, sodass wir dort das Hostel gebucht hatten. Gegen 14:25 Uhr kamen wir in Guilin an und überlegten, wie wir nach Yangshuo kommen sollten. Im Reiseführer wurde es nicht empfohlen die 1,5 Stunden mit dem Bus zu fahren, da die Einheimischen die Touristen früher aus dem Bus locken würden, um sie in einem anderen Hotel unterzubringen. Sie rechnen mit der Ahnungslosigkeit und Ortsunkenntnis der Touristen und wollen damit ihr Geld verdienen.

Auf dem Bahnhofsvorplatz standen überall Menschen und warben für ihre Taxis oder Busse. Wir überlegten wie viel wir für 1,5 Stunden Fahrt zahlen sollten. Nach Hangzhou Downtown fahren wir 45 Minuten und zahlen ca. 90 Yuan. Also beschlossen wir für diese Fahrt nicht mehr als 200 Yuan zu bezahlen – auch dieser Preis ist eigentlich noch zu hoch, aber wir durften jetzt nicht allzu wählerisch sein.

Die erste Dame bot uns 265 Yuan. Das war zu viel. Ein Chinese, der gut Englisch sprach, bot uns an, uns für 180 Yuan mitzunehmen. Wir willigten ein. Er selbst fuhr aber nicht, sondern ein Freund von ihm. Ich weis nicht, ob wir uns inzwischen an den rasanten chinesischen Fahrstil gewöhnt haben, aber der Mann fuhr total langsam. Belastend war auch, dass uns sein Beifahrer die ganze Zeit vollquasselte. Wahrscheinlich war es für ihn schön mal Englisch zu reden, aber Lea und ich wollten einfach die Landschaft genießen. Wie wir dann später erfahren haben, waren die 180 Yuan für diese Taxifahrt zu viel. Wir hätten problemlos mit dem Bus fahren können, Kostenpunkt: 15 Yuan!

Nach 2 Stunden Fahrt kamen wir bei unserem Hostel an. Es lag in einer kleinen Seitengasse. Nachdem wir bezahlt und unser Zimmer bekommen hatten, Nummer 112, wollten wir eigentlich gleich Duschen gehen und anschließend die Gegend erkunden. Thomas, der Eigentümer des Hostels, wollte uns aber noch die Aussicht vom Dach zeigen.

Wir folgten ihm auf die Dachterrasse und er begann sofort seine Angebote für Touristen zu unterbreiten Er stellte uns einen Plan für die nächsten 3 Tage auf. Eine Höhlenwanderung mit Schlammbaden, eine Fahrt zu den Reisterrassen, eine Fahrradtour und eine Flussfahrt auf dem Li – insgesamt für 1000 Yuan (ca. 100 Euro) pro Person! Das wollten wir nicht. Nach ewigem Hin und Her, Handeln und Ablehnen buchten wir die Fahrt zu den Reisterrassen. Allein hätten wir sie sowieso nicht machen können. Etwas anderes wollten wir nicht buchen, da wir uns erst im Dorf nach den Preisen erkundigen wollten.

Unser Zimmer war das bisher schlimmste dass wir in einem Hostel in China hatten. Es lag direkt bei der Rezeption, sodass es in der Nacht oft laut war. Thomas nahm ein Moskitospray und ging damit die Ecken ab, da überall Mücken saßen. Die Wände waren mit dunklen Flecken übersät, wobei wir nicht erkennen konnten, ob es sich um Dreck oder tote Insekten handelte. Die Luft war feucht und das Bettzeug klamm. Das Bad war ca. 2 mal 2 Meter groß und in der Mitte des Raumes befand sich die, in den Boden eingelassene, chinesische Toilette. Eine direkte Klospülung gab es nicht. Wir konnten mit der Dusche nachspülen oder aber mit dem Wasserhahn. Wenn man den nämlich aufdrehte, wurde das Wasser, das in den Ausfluss des Waschbeckens lief, durch ein Rohr durch den Raum geleitet und kam dann aus der Wand, sodass es Richtung Klo floss. Ein wunderbares Zimmer also!

Nachdem wir Duschen waren, gingen wir etwas Essen und sahen uns die Stadt an. Durch Yangshuo schlängeln sich zwei große Hauptstraßen. Die Xi Jie ist ein echter Ausländermagnet. Viele Restaurants warben mit westlichem Essen, MC Donalds und KFC durften da natürlich auch nicht fehlen.

Für die Chinesen gibt es nur das westliche Essen. Sie machen keinen Unterschied zwischen italienischem, französischem, deutschem oder griechischem Essen. Aber wir unterscheiden auch nicht zwischen süd- oder nordchinesischem Essen, zwischen den einzelnen Provinzen oder Städten. Es herrschte eine schöne Altstadtatmosphäre. Wir konnten draußen sitzen und essen, es wimmelte von Menschen, überall waren Verkaufsstände und im Hintergrund waren die Karstberge zu sehen. Von der Hauptstraße zweigte sich eine kleine Seitengasse ab, in der die chinesischen Restaurants angesiedelt waren. Auch dort waren die üblichen Verkaufsstände und -läden zu finden. Es wurde Fisch verkauft, Krabben und anderes Krabbelzeugs.

Lea und ich setzen uns an einem See auf die Steine, genossen unser Essen und den Ausblick auf die Berge. Im Hintergrund hörten wir chinesische Musik und alle paar Minuten spielte jemand auf einer der Flöten die er verkaufte. Das war China – die Musik untermauerte dieses Gefühl sehr passend. Inzwischen war es 21 Uhr und wir waren müde. Am nächsten Tag mussten wir früh raus. Um 7:30 Uhr werden wir aufbrechen – in Richtung der Reisterrassen!

Die Nacht war schlimm. Durch die Zimmernähe zur Rezeption war es ständig laut, sodass wir schlecht geschlafen haben. Lea und ich sind natürlich viel zu spät aufgestanden was dazu führte, dass wir ohne Frühstück das Hostel verließen. Für Lea war das kein Problem – sie ist kein „Frühstücksmensch“. Aber ich liebe Frühstück und brauche morgens schnell etwas im Magen. An der Rezeption wurden wir von Thomas abgefangen. Inzwischen war es 7:35 Uhr und der Bus wartete. Trotzdem ging er mit uns in eine „Bäckerei“ wo wir uns schnell etwas zum frühstücken holten. Wie wir später feststellen durften schmeckten die brötchenähnlichen Dinger aber nicht. Als wir am Bus ankamen, waren noch zwei Plätze frei, allerdings nicht nebeneinander. Lea saß in der letzten Reihe in der Mitte. Ich musste mich ein paar Reihen davor neben einem Chinesen platzieren.

Unausgeschlafen und ohne vernünftiges Frühstück am Morgen neben einem Chinesen im Bus. Ich wurde natürlich vollgequasselt– woher komme ich? was mache ich hier? wie lange bleibe ich hier? Und letztendlich … Gibst du mir deine Telefonnummer? NEIN! „Ich habe keine chinesische Nummer“ log ich. Er guckte verwirrt und fragte sich wahrscheinlich, wie man 6 Monate in China leben kann, ohne eine chinesische Handynummer zu haben. Ich erfuhr einiges von ihm. Er kam aus Peking, arbeitete bei einem Telefonanbieter und machte hier einen Kurzurlaub. Er war hier geboren und auch schon mal in Deutschland – vom Kölner Dom war er sehr begeistert.
Chinesen sind ein komisches Völkchen. Sie reden so viel. Wir haben inzwischen die Erfahrung gemacht, dass sie den Kontakt zu uns Ausländern meist suchen um Englisch zu sprechen bzw. um ihr Englisch zu verbessern. Außerdem habe ich festgestellt, dass man immer sehr schnell nach der Telefonnummer oder anderen Kontaktdaten gefragt wird. In Deutschland fragt man erst nach dem Namen – hier ist es die Telefonnummer.

Was mir inzwischen auch sehr stark auffällt ist, dass Chinesen sich ständig vordrängeln. Ob es im Supermarkt ist, oder in der Mensa. Ständig schwubst ein Chinese vor uns in die Schlange – „ich steh doch hier nicht zur Dekoration!“ Außerdem grüßen sie nicht. Das ist uns zum Beispiel auf der Zugfahrt aufgefallen. Wenn in Deutschland jemand ein Zugabteil betritt, in dem sich schon Fahrgäste befinden, dann begrüßt man ihn: „Guten Tag“ oder auch nur ein Nicken, aber man grüßt. In China ist das nicht der Fall. Wir empfinden dieses Verhalten als unhöflich. Hier ist es allerdings normal.

Die Busfahrt zu den Reisterrassen sollte 3 Stunden dauern. In einer Pause fragte ich den Chinesen, ob er mit Lea die Plätze tauschen könnte. Er schien nicht begeistert, willigte aber ein. Zuerst wurde ein kleines Dorf namens Huangluo Yao Village angefahren. Dies lag auf dem Weg zu den Reisterrassen und war bekannt dafür, dass dort Frauen mit sehr langen Haaren wohnten. Diese Frauen schnitten sich nie ihre Haare und trugen sie auf dem Kopf zu einem Kranz zusammengerollt. Bis zur Hochzeit müssen sie ihre Haare durch ein Tuch verdecken. Das Dorf hat als „the first village with long hairs“ den Guinness Rekord – die längsten Haare waren 2 Meter lang.

Uns wurde eine Führung durch das Dorf angeboten – für 50 Yuan. Lea und ich wollten das aber nicht. Wir verbrachten die Zeit damit, die Gegend auf eigene Faust zu erkunden. An den Bergen schlängelte sich ein Fluss entlang. Da wir auf die andere Seite des Flusses wollten, mussten wir eine Hängebrücke überqueren, die sehr wackelig war. Drüben angekommen, saßen wir dann am Wasser. Um uns herum schwirrten Schmetterlinge, die ungewöhnlich groß waren. Es war lustig mit anzusehen, wie die Chinesen auf der anderen Seite des Flusses wild durch die Gegend huschten, um einen der Schmetterlinge zu fotografieren. Außerdem beobachteten wir kleine, süße Küken im Wasser. Sie watschelten hintereinander zwischen den Steinen entlang um sich dann im Fluss zu baden.

Es ging weiter in Richtung der Reisterrassen. Wir mussten in einen kleineren Bus umsteigen, da der Große die Fahrt auf die Berge nicht geschafft hätte. Am Parkplatz angekommen ging es zu Fuß weiter – eine steile Treppen hinauf, vorbei an Verkaufs- und Souvenirständen, Feldern auf denen Menschen arbeiteten, Pferden und Futterstationen. Es gab viele Stände an denen man Obst kaufen konnte – von Bananen über Orangen bis Pomelo und Tomaten. Auch Schnick Schnack konnte man an jeder Ecke erwerben – Stickarbeiten, Buddhafiguren und Essstäbchen.

Außerdem wurden am Wegesrand lebende Schildkröten angeboten. Sie sind ein Symbol für Langlebigkeit und Macht (wang ba tang). Auch gefüllte Schildkröten stellen keine Seltenheit dar. Beine, Arme und Kopf sind noch dran und sie liegen auf dem Rücken. Der Panzer ist gefüllt mit Ananas, Reis, Bohnen oder Fleisch.

Der Weg führte vorbei an großen Holzhäusern, die an die Berghänge gebaut wurden. Damit die Häuser zum Hang hin stehen können, sind sie zum Teil auf Holzpfählen gebaut. Zwischendurch machten wir Halt in einem Restaurant. Dort bestellten Lea und ich den für diese Gegend typischen Bamboo Reis. Das ist Reis, der in einem Bambusrohr über dem Feuer erwärmt wird. Außerdem gab es Erdnüsse mit Hühnerfleisch, Lauch und Zwiebeln. Nach dem Essen ging es weiter. Inzwischen hatten wir unzählige Treppen hinter uns, aber oben angekommen, wurden wir mit dem atemberaubenden Ausblick auf die Reisfelder belohnt.

Leider hatten wir keinen weiten Blick, da das Wetter nicht das Beste war – es regnete etwas. Die Terrassen waren zum Teil mit Wasser gefüllt, was wirklich schön aussah, da das Wasser im Licht schimmerte. Auf den Terrassen, die sich über die Berghänge zogen, sah ich vereinzelt die Menschen arbeiten.

Zwei Dinge hatten wir uns für Yangshuo vorgenommen. Die Berge anzuschauen, also die Li-Fluss-Tour, und die Reisterrassen. Nun waren wir also an einem Ziel angekommen. Wir haben 24 Stunden Reise hinter uns gebracht um diese Terrassen zu sehen und nun standen wir dort. Reis. Das ist es doch woran man denkt wenn man „China“ hört. Wir waren quasi bei seinem Ursprung.

Auf dem Weg nach unten bestaunten wir die Gebäude, die so dich an die Hänge gebaut waren, dass ich Angst um die Arbeiter bekam. Es scheint eine unvorstellbare Knochenarbeit zu sein, da sämtliche Arbeitsutensilien von den Menschen den Berg hinaufgetragen werden mussten. Unten angekommen ging es dann mit dem Bus 3 Stunden zurück nach Yangshuo.

In Yangshuo angelangt, saßen wir den Rest des Abends in der Altstadt und genossen Frühlingsrollen und Reis mit Ei. Da wir draußen saßen, wurden wir oft gefragt, ob wir etwas kaufen wollten. Die Auswahl war groß: DVD´s, Flöten, Blumenkrätze, Postkarten und bestickte Taschen. Einem Mann haben wir dann etwas abgekauft. Lea und ich unterhielten uns und merkten gar nicht, dass wir von ihm beobachtet wurden. Er stand ein paar Meter von uns entfernt und schnippelte an einem Stück Papier herum. Dann zeigte er mir ein Bild von meinem Profil, das er in ein schwarzes Blatt geschnitten hatte. Im Hintergrund hatte er noch die Berge angedeutet. Diese persönlichere Erinnerung fand ich so toll, dass ich ihm das Bild abkaufte.

Für den nächsten Tag hatten wir uns Fahrräder vom Hostel gemietet und wollten ein bisschen durch die Gegend düsen.

Am nächsten Morgen radelten wir mit unseren Rädern zu einem Restaurant um zu Frühstücken. Es gab lecker Toast mit Käse, Ei und Erdbeermarmelade. Auf dem Weg zum Frühstückshostel merkten wir, dass die Räder nicht gut waren. Bei Leas Rad funktionierten die Bremsen nicht richtig, sodass wir beschlossen die Räder zurückzubringen bzw. sie umzutauschen. Wir wollen ja sicher unterwegs sein ….

Einen Plan für diesen Tag hatten wir noch nicht. Fahrradfahren. Aber wohin? Also setzten wir uns aufs Rad und radelten los. Nach einer Weile kehrten wir aber um, da wir Angst hatten, dass wir uns verfahren könnten – einen Stadtplan hatten wir nicht. Zwischendurch hielten wir an einer Brücke mit Blick auf den Li River. Wir sahen die kleinen Bambusboote und die Wasserbüffel am Ufer des Flusses. Es war ein tolles Gefühl mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Wir stellten fest, dass wir inwischen beinahe jedes Fortbewegungsmittel in China genutzt hatten. Mit dem Flugzeug nach Peking, mit dem Zug nach Shanghai, mit dem Taxi nach Hangzhou und mit dem Fahrrad durch Yangshuo. Eine Bootsfahrt wollten wir ja auch noch machen. Also fuhren wir zurück in die Stadt um in einem Reisebüro die Li-Fluss-Tour zu buchen. Wir überlegten, ob wir das gleich heute noch machen sollten, da es am morgigen Tag zeitlich knapp werden könnte. Wir wollten mit dem Zug um 17 Uhr abfahren – hatten aber immer noch keine Tickets. Die wollte ein Mann von unserem Hostel für uns besorgen.

Wir buchten die Bootsfahrt für den gleichen Tag um 14:30 Uhr. Unser Boot sollte zwischen Xingping und Yangdi fahren, was bedeutete, dass wir nach Xingping noch mit dem Bus fahren mussten. Bis zur Abfahrt hatten wir noch zwei Stunden Zeit, sodass wir mit dem Rad noch ein wenig die Stadt erkundeten. Vorbei an einer Bummelstraße, in der man Souvenirs kaufen konnte, fuhren wir zu einem kleinen Aussichtspunkt von dem auch einige der Boote ablegten. Dort saßen wir eine Weile – bis uns zwei Chinesen entdeckten und Fotos machen wollten. Unzählige Fotos. Fotos allein von uns, Fotos mit ihnen beiden zusammen, Fotos mit einem von Beiden usw. Warum wollten Chinesen Fotos von und mit Europäern haben? Was machen sie damit? „Guck mal, den habe ich heute gesehen!“ Oder was? Guckt sich diese Bilder noch jemand an? Inzwischen habe ich angefangen im Gegenzug auch einfach Fotos zu verlangen – und wenn ich sie danach lösche – ist mir auch egal! Mitmachen ist die Devise! Oft bemerken wir, dass auch heimlich Bilder von uns gemacht werden. Da wird das Handy gezückt und abgedrückt. Lustig ist es immer, wenn sich jemand „ganz zufällig“ fast neben uns hinstellt und dann in die Kamera grinst. Als ob uns das nicht auffällt ….

Pünktlich um 14:30 Uhr waren wir am Reisebüro. Außer uns schien niemand diese Bootstour gebucht zu haben. Ein junges Mädel brachte uns zur Busstation. Sie sagte, dass wir in Xingping aussteigen sollen und von dort mit dem Boot abfahren würden. Auf dem Rückweg sollten wir dann zu dem Busbahnhof zurück und von dort würden wieder Busse nach Yuanshuo fahren. Gut – das hört sich einfach an, aber das ist es in China ganz gewiss nicht. Außerdem sagte sie, dass wir während der Fahrt nicht einschlafen sollten, da wir auf unsere Taschen aufpassen müssen. Na toll!

Nun saßen wir da. In einem kleinen Bus voller Chinesen, von denen mit Sicherheit keiner Englisch konnte. Mal wieder ohne Plan auf dem Weg ins Nirgendwo. In Xingping aussteigen …. Wo soll das sein? In diesem Bus gab es keine Ansage „nächste Station Xingping“ oder eine entsprechende Anzeige. Bus konnte man dieses Gefährt eigentlich auch nicht nennen. Es war mehr ein größerer Transporter. Eigentlich gab es dort Sitzplätze für ca. 20 Mann … eigentlich, denn wenn mehr Menschen mitfahren wollen, dann fahren auch mehr mit. Uns war ziemlich mulmig und wir überlegten, ob wir aussteigen sollten. Wir hatten keine Quittung darüber, dass wir für die Bootsfahrt bezahlt haben. Diese nahm uns das Mädel ab, als sie uns zum Bus brachte. Uns fiel aber erst später auf, dass sie sie uns nicht wiedergegeben hatte. Was nun, wenn wir dort ankamen und etwas vorzeigen mussten?

Die Fahrt ging durch kleine Dörfer. Vorbei an Reisfeldern auf denen Menschen mit ihren Büffeln arbeiteten. Die Häuser in denen die Menschen wohnten, würden in Deutschland höchstens als Gartenlaube dienen. Teilweise hatten sie keine Fenster und die Dächer waren kaputt. Einen Putz hatten die Häuser nicht– es war der nackte Stein. Vor den Häusern hing die Wäsche, es lag Schutt auf dem Boden und Kinder spielten vor dem Haus. Am Straßenrand standen Menschen mit ihren Obstständen und die Bauern trieben ihre Büffel über die Straße.

Der Bus hielt unterwegs mehrfach an. Es wurde Essen herein und herausgegeben. Irgendwann merkte ich, dass der Bus als Transportmittel für die Lebensmittel genutzt wurde, um sie von einem Dorf in das andere zu befördern. Die Dame, die am Anfang der Fahrt unser Geld eingesammelt hatte, nahm die Sachen immer an der Tür entgegen.

Ich wusste vom Reisebüro, dass die Fahrt ca. 1 Stunde dauern würde, also schätzte ich ab, wann wir angekommen sein müssten. An einer Haltestelle wurden wir dann aus dem Bus gewunken. Wir wussten nicht, ob wir richtig waren, stiegen aber aus. Eine Frau erklärte uns, dass sie unsere Reiseführerin sei. Wir sollten ihr zum Boot folgen. Von Wasser war aber weit und breit noch nichts zu sehen. Wir trotteten ihr hinterher. Vorbei an unzähligen Souvenirständen, Obstständen und wild wachsendem Bambus.

Wieder liefen wir an Häusern vorbei, von denen es nicht vorstellbar ist, dass dort Menschen wohnten. Der Unterschied war hier ziemlich extrem. Auf der einen Seite werden schöne Andenken für die Touristen verkauft und auf der anderen Seite sitzen die Menschen in Häusern, in denen wir uns nicht wohlfühlen würden. Manchmal überkam mich ein gewisses Peinlichkeitsgefühl, wenn wir mit unserer Kleidung, die sauber und „neu“ ist, durch eine solche Straße oder Stadt laufen. In solchen Momenten wird einem bewusst, wie gut man es selbst hat. Ein solches Gefühl hatten wir in Shanghai nicht, denn dort fielen wir (zumindest in dieser Hinsicht) nicht auf.

Wir wussten, dass wir eine Bootsfahrt machen würden. Allerdings wussten wir nicht, mit was für einem Boot wir fahren. Schon am Vormittag dachte ich, dass es toll wäre mit einem kleinen Bambusboot zu fahren und … wir fuhren mit einem solchen kleinen Boot. Ein Boot mit 3 Bänken auf denen jeweils 2 Personen Platz gefunden hätten. Lea und ich waren aber allein. Die Fahrt sollte 2 Stunden dauern.

Der Li Jiang Fluss ist 437 km lang und schlängelt sich durch die beeindruckende Landschaft der Karstberge. Es war beeindruckend. Die Berglandschaft ist so einzigartig und die Formen so skurril, dass es beinahe unheimlich ist. Das die Sonne nicht schien und der Himmel bedeckt war, unterstützte diesen unheimlichen, aber doch sehr angenehmen und beeindruckenden Anblick. Alles ist grün und bewachsen. Am Ufer wächst der Bambus und die Fischer sitzen mit den Kormoranen auf ihren Booten und fischen. Die Komorane tragen einen Halsring. Dieser soll verhindern, dass die Vögel nach dem Tauchen einen gefangenen Fisch hinunterschlucken. So werden in China und Japan die Vögel für den Fischfang verwendet.

Zwei Wasserbüffel schwammen 2 Meter von uns entfernt durch das Wasser. Nach einem Viertel des Rückweges fiel der Motor unseres Boots aus und Lea und ich schauten uns mit großen Augen an. Der Mann hinter uns fing tatsächlich an zu paddeln! Wir würden mit funktionierendem Motor noch ca. 45 Minuten für den Rückweg brauchen. Wie lange sollten wir brauchen, wenn er die ganze Zeit paddeln müsste?!? Nach einer Weile versuchte er den Motor nochmal zu starten und es klappte – für 2 Minuten fuhren wir wieder. Dann paddelte er wieder. Der gute Mann tat mir leid. Beim zweiten Startversuch hielt der Motor dann aber bis zum Ende durch.

Als wir aus dem Boot stiegen, fingen wir an uns Gedanken zu machen, wie wir nach Yangshuo zurückkommen würden. Ein Mann sprach uns an, dass er uns in einem Minitaxi zum Busbahnhof bringen könnte. Eigentlich wollten wir den Weg den wir gekommen waren aber zurücklaufen, um in Ruhe Fotos zu machen und ein paar Andenken zu kaufen. Wir überlegten, ob das Minitaxi zur Organisation dieses Ausflugs gehörte und versuchten dem Mann verständlich zu machen, dass wir lieber laufen wollen. Er sagte uns, dass der letzte Bus um 19 Uhr fährt und wir das nicht schaffen würden. Es war 17:30 Uhr – klar schaffen wir das! So ging das eine Weile hin und her, bis er uns schließlich gehen ließ.

Wir machten uns auf den Weg zum Busbahnhof – wo immer der war. Eigentlich könnte man ja denken es sei ganz einfach ihn zu finden, wir mussten nur den Weg laufen, den wir gekommen waren. Da unsere „Reiseführerin“ auf dem Hinweg aber schnell gelaufen ist und wir sehr mit unserer Umgebung beschäftigt waren, hatten wir Probleme den Weg zu finden. Irgendwann standen wir dann mitten auf der Straße und rannten von einem Bus zum anderen um zu fragen wohin sie fuhren. Keiner fuhr nach Yangshou. Uns kamen Europäer entgegen und wir fragten sie, in welche Richtung wir zum Busbahnhof laufen müssten. Busbahnhof … eigentlich ein falsches Wort für einen solchen Ort. Es ist mehr ein Sandparkplatz auf dem ein paar kleine Busse stehen. Sie zeigten uns die Richtung und als wir den „Bahnhof“ erreicht hatten, wurden wir gleich in Empfang genommen. Wir wurden gefragt wohin wir wollten und schwubs saßen wir in dem entsprechenden Bus. Wir zahlten 12 Yuan und ab ging die Post.

Oft wussten Lea und ich nicht wie es weitergehen sollte. Wie kommen wir an unser Ziel und wie erreichen wir es mit unseren spärlichen Sprachkenntnissen? Es ging immer irgendwie weiter und es gab eigentlich nie Probleme. Man musste die Sache nur auf sich zukommen lassen und dann klärte sich alles von allein. Wir waren nie so weit, dass wir wirklich Hilfe gebraucht haben. Beruhigend ist, dass wir immer Telefonnummern von einigen chinesischen Freunden in unseren Handys gespeichert haben. Es würde immer jemanden geben, den wir hätten anrufen können, wenn wir Probleme gehabt hätten.

Auf diesem Ausflug ist mir aufgefallen, wie sehr man Dinge über Bord wirft, die man in Deutschland gelernt hat bzw. was man für Sachen macht, die man zu Hause nicht machen würde. „Steige nie mit einem Fremden ins Auto“ oder „gehe nicht mit Fremden mit“. All das bringt in China nichts. Es fängt schon damit an, dass man anderen blind vertrauen muss, da man anderenfalls nicht das gewünschte Ziel erreicht. Eine Quittung für die Bootsfahrt mussten wir Übrigends nicht vorzeigen. Wie auch immer das mit der Kommunikation geklappt hat, aber die Leute wussten, dass wir gezahlt hatten, woher wir kamen und wohin wir wollten.

Zurück in Yangshuo sind wir essen gegangen. Wir haben wieder lange draußen vor dem Restaurant gesessen, uns von den Moskitos zerstechen lassen und gequasselt. Am nächsten Tag sollten wir abreisen und wollten aus diesem Grund nicht so lange schlafen um den Tag noch nutzen zu können.

Wir sollten mit dem Zug Nummer K 860 um 19:05 Uhr von Guilin abfahren. Thomas, der Mann von dem Hostel, sagte uns, dass wir von der Busstation um 14 Uhr losfahren mussten um pünktlich zu sein. Von dort fahren alle 10 bis 15 Minuten Busse nach Guilin.

Das Wetter war herrlich – die Sonne schien und es war richtig warm. Nach unserem Frühstück gingen wir noch einmal durch die Stadt. Wir setzten uns neben einem kleinen Wasserfall auf die Steine und genossen die Sonne. Unten sahen wir die Männer mit ihren Bambusbooten und den Kormoranen.

Wir genossen die letzten Momente in Yangshuo. Wir wurden ziemlich wehmütig, da wir diesen schönen Ort wieder verlassen mussten. Die Bauern auf den Feldern und die Berge, die die Stadt fast umschlingen sind einzigartig.

Es standen viele Busse auf dem Bahnhof und ich sprach mehrere Fahrer an um nachzufragen, welcher Bus nach Guilin fährt. Es fand sich keiner. Irgendwann ging ich zum Fahrkartenschalter und versuchte der Frau zu erklären, dass wir nach Guilin wollten und wissen wollen welcher Bus der Richtige wäre. Sie schrieb mir 14:22 und 14:55 auf. Yuan oder Uhr? Ich verstand nicht und gab ihr Geld. Letztendlich bekam ich dann heraus, dass um 14:22 Uhr der Bus nach Guilin fuhr und das Ticket 14,55 Yuan kostete. Aber welcher Bus? Sie zeigte auf einen leeren Platz und ich nahm an, dass der Bus dann wohl noch kommen würde.

Auf der Fahrt lies ich alles noch einmal Revue passieren. Ich genoss ein letztes Mal den Anblick der Berge. Ich habe in den letzten Tagen viel gesehen. Die Obststände am Straßenrand mit den Bananen, Pomelo und Mandarinen huschten an mir vorbei. Neben den Türen der Häuser waren meist rote Bänder mit Schriftzeichen angehangen. Ich sah die Baracken, in denen Motorräder und Schutt lagen und die Fahrräder mit den kleinen Nebenwagen in denen fast alles transportiert wurde. Von Obst über Müll bis zu Getränken und Personen. Die Menschen saßen am Straßenrand im Schatten der Bäume. Sie verkaufen etwas, spielen Spiele oder träumen vor sich hin.

Am Bahnhof angekommen fanden wir sofort die richtige Wartehalle. Sie war riesig – hier war die hohe Bevölkerungsdichte Chinas gut erkennbar. 5 Züge wurden dort gleichzeitig abgefertigt – die Menschen schliefen auf den Sitzen.

Lea und ich besuchten noch einmal die Toilette und die war der Knaller. Was die Chinesen sich alles ausdenken ist echt der Hit. Eine Art Dachrinne zog sich am Boden durch den ganzen Raum und war durch Kabinen getrennt. Das bedeutet also, dass der Letzte das, was der Erste „gemacht“ hatte, an sich vorbeisausen sah… Alle paar Minuten wurde automatisch gespült.

Als dann unser Zug aufgerufen wurde, wollten alle Menschenmassen auf einmal durch die kleine Tür auf den Bahnhof hinaustreten – also kein Unterschied zu Deutschland. Lea und ich warteten ein paar Minuten, damit wir mit unserem Gepäck Bewegungsfreiheit hatten. Unser Abteil war in Wagen 8, Bettchen 10 und 12. Wir schliefen beide oben. Diesmal konnte das Zugpersonal sogar einen kleinen Brocken Englisch. Wieder gaben wir unsere Fahrkarten ab und bekamen die Chipkarten und wieder wurden unsere Passdaten aufgeschrieben.

Im Zug lernten wir auch eine Österreicherin kennen. Sie wohnte die letzten 2 Monate in Yangshuo und nahm dort Tai Chi Unterricht. Jetzt war sie auf dem Weg nach Shanghai, da ihr Freund sie besuchen kommen sollte. Sie war Juristin in der zweitgrößten Bank Österreichs und hatte sich Freizeit für 6 Monate raus gearbeitet. Wir gingen zusammen im Speisewagen etwas essen und tauschten unsere Erfahrungen über China aus. Die nächste Zeit wollte sie mit dem Rucksack durch China reisen. Später dachte ich darüber noch einmal nach und stellte fest, dass ein solcher Aufenthalt bestimmt sehr viel zur Selbstfindung beiträgt. 6 Monate in einem solchen Land zeigt einem Seiten an einem selbst, die man vorher nicht unbedingt erwartet hätte. Ich musste bei mir zum Beispiel feststellen, dass ich ruhiger und gelassener mit allem umgehe als ich es im Vorfeld erwartet hätte. Ich wusste, dass mich nichts schnell umhauen würde, aber mit einer solchen innerlichen Ruhe habe ich nicht gerechnet.

China ist ein Land, in dem man seine eigenen Grenzen testen und kennenlernen kann. Ich habe meine Grenze bisher noch nicht erreicht. Es gab noch keinen Augenblick in dem ich mit einer Situation nicht umgehen konnte oder etwas nicht vertrug. Es gab keinen Moment in dem ich zweifelte oder mir sehnlichst wünschte, zu Hause zu sein. Im Gegenteil. Ich genieße das Leben hier, die Menschen, die Atmosphäre und die Ruhe. Als Lea auf dem Hinweg im Zug die Toilette gesehen hatte, hatte sie ihren ersten Grenzmoment. Auch dort war der meine noch nicht erreicht. Natürlich war die Toilette schrecklich dreckig und stank, aber mir kam nicht der Würgereiz. Es führte sowieso kein Weg daran vorbei, diese Toilette zu nutzen.

Schon bevor ich aus Deutschland losgeflogen bin habe ich versucht, mich nicht über Dinge aufzubringen, die ich nicht ändern kann. Jetzt und hier kann ich das ganz super und bin deutlich ruhiger geworden. Vielleicht etwas zu ruhig, weil ich dadurch Dinge hinnehme, die ich nicht unbedingt hinnehmen müsste.

Die Nacht im Zug war nicht so angenehm wie die auf der Hinfahrt. Der Zug ruckelte öfter und heftiger, was dazu führte, dass Lea und ich uns ängstlich ansahen. „War unsere Mahlzeit im Speisewagen jetzt unsere letzte?“ Oh man. Nein, so schlimm war es nicht – Lea malte sich nur immer das schlimmste aus. „Wie in einem Film – eben noch jemanden kennengelernt, gelacht und Spaß gehabt und dann kippt der Zug um und wir sind tot“ Aber wir kamen heil an und fuhren mit einem Taxi zur Unterkunft. Schnell huschten wir über den Campus, damit uns keiner sah. Erst eine Dusche, dann unter die Leute.

Dieser Beitrag nimmt an der Wahl der besten Reiseberichte China teil.

Aktuelle Jury-Wertung: 3,25

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