In Tianjin

In Tianjin

Dieser Beitrag nimmt an der Wahl der besten Reiseberichte China teil. Am Ende des Berichts könnt Ihr Eure Wertung abgeben!

Eine Übersicht der teilnehmenden Berichte findest Du hier.

Leipzig
Mittwoch, 8. Juni 2011
14h
Im Internet entdecke ich eine Anzeige: Deutschlehrer für die Sommermonate gesucht. In Tianjin (VR China).

14.16h
Meine Online-Bewerbung ist fertig. Ich schicke sie ab.

24 Stunden später
Ich telefoniere mit der Leiterin des Goethe-Sprachlernzentrums Tianjin. Nach einer Stunde ist klar – ich habe den Job!

Juni 2011
Die folgenden Tage verbringe ich damit, Reisepass und Visum zu beantragen, ein Flugticket zu kaufen und aus der Stadtbibliothek große Einkaufstaschen gefüllt mit Sprachlern-CDs nach Hause zu schleppen, die ich niemals hören werde.
Dafür höre ich immer und immer wieder eine laute Stimme, die in meinem Kopf fröhlich krakeelt: „Ich fliege nach China. Ich fliege nach China. Ich fliege nach China …“

In der Anzeige war von zwei offenen Stellen die Rede. Eine gute Freundin bewirbt sich und wird ebenfalls engagiert. Jetzt steht endgültig fest – der Sommer kann nur großartig werden.

Genau wie ich hat Anne schon vieles gemacht in ihrem Leben. Und genau wie ich hat sie noch nie als Deutschlehrerin gearbeitet.
Unterrichts- und Lehrerfahrungen habe ich jedoch reichlich, ich war schon an einigen Schulen und Bildungseinrichtungen tätig und hoffe, dass die praktisch-pädagogische Erfahrung meine absolute China-Unkenntnis ein wenig ausgleichen kann.

Freitag, 8. Juli 2011, Peking
Ich bin gelandet.
Und ganz überrascht darüber, dass mir die Orientierung am Pekinger Flughafen (nach Atlanta der größte der Welt) so leicht fällt. Schnell finde ich den Taxistand und lasse mich zum Südbahnhof fahren. Dort will ich ein weiteres Superlativ betreten: den schnellsten Zug der Welt. Der braucht für die 150 Kilometer zwischen den Metropolen Peking und Tianjin nur wenig mehr als eine halbe Stunden und verkehrt – Wunder über Wunder – im Straßenbahntakt. Alle 15 Minuten startet ein Zug in Peking und schießt raketenschnell in den Süden.

Leider verliert diese Zauber-Bahn einiges von ihrer Faszination durch die Schwierigkeiten beim Ticketkauf. Ich brauche zwanzig Minuten, um den richtigen Ticketschalter zu finden. Ein Glück, dass unsere zukünftige Chefin in weiser Voraussicht per Mail einige existentiell wichtige chinesische Sätze geschickt hat, die ich nun anderen Reisenden unter die Nase halten kann. Unter anderem steht auf meinem Zettel: 在哪里买去天津的票? Die angegebene Übersetzung scheint zu stimmen. Die Frage „Wo kann ich ein Zugticket nach Tianjin kaufen?“ wird nach einigen Fehlversuchen tatsächlich mit einem Deuten auf die richtige Warteschlange beantwortet. In dieser Schlange stehe ich dann geschlagene sechzig Minuten.
Als ich endlich mein Ticket erhalte, muss ich feststellen, dass es fest an einen Zug gebunden ist. Und der fährt erst zwei Stunden später. Müde setze ich mich auf meinen Rucksack und warte.

Als ich dann ein paar Tage später lese, dass diese Hochgeschwindigkeitsbahn gar nicht mehr der schnellste Zug der Welt ist, enttäuscht mich das dann auch nicht mehr.

In Tianjin
Das Ziel meiner Reise, die Industrie- und Handelsstadt Tianjin, die fast immer von einer weichen Schicht milchigen Smogs umschmeichelt wird, gehört zu den Boom-Towns Chinas. Hunderte von westlichen Firmen haben hier Niederlassungen; etwa zehn Millionen Menschen leben im Verwaltungsraum der Stadt. Obwohl: Die Quellen sind da nicht ganz einheitlich. Einige sprechen auch von 15, andere sogar von 20 Millionen Einwohnern.

Das Viertel, in dem Anne und ich wohnen, befindet sich zwar im Zentrum, verbreitet aber kleinstädtische Beschaulichkeit. Es wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von europäischen Besatzungsmächten errichtet. So findet man hier Bauhausgebäude neben Jugendstilvillen und spitzgiebeligen Wohnhäuser die auch in einem Vorort von London stehen könnten.

In einem dieser europäischen Häuser sind auch wir untergekommen. Unser kleines Hotel ist gut in Schuss, jedes Zimmer besitzt nicht nur Fernseher und den obligatorischen Wasserkocher, sondern auch Internetanschluss und ein eigenes Badezimmer. Die Matratzen sind hart wie Stein. Prima, ich schlafe gerne hart.

An ein paar Einschränkungen muss ich mich aber doch gewöhnen. Die Farbe der Handtücher ist von einem undefinierbaren Gelb-Grau, gleiches gilt für die Keramik im Badezimmer. Zwar haben die Chinesen vor tausend Jahren das Klopapier erfunden, seitdem aber scheinbar keine nennenswerten Fortschritte in Sachen Sanitärtechnik gemacht. Konkret bedeutet dies, dass das Toilettenpapier nach Gebrauch nicht in die Kanalisation gespült werden darf (die wahrscheinlich noch aus der Zeit der Ming-Dynastie stammt), sondern im Mülleimer entsorgt werden muss.
Zum Glück kommt jeden Tag eine Putzfrau vorbei. Die leert nicht nur den Mülleimer im Bad, sondern kehrt auch den Teppichboden im Schlafzimmer mit einem feuchten Reisigbesen.

Über meinem Bett hängt das Bild einer leicht bekleideten Schönheit. Neben dem Fernseher liegen bonbonbunte Visitenkarten von Massage- und anderen Studios. Das Sortiment von Kondomen, Ölen und undefinierbaren „Kosmetikprodukten“ auf dem Nachttisch lässt darauf schließen, dass mein Zimmer auch stundenweise vermietet werden könnte.

Vom Hotel aus sind es keine zwanzig Minuten Fußweg zur Fremdsprachenuniversität, an der sich unsere Arbeitsstätte befindet.

In der Schule
Das Goethe-Sprachlernzentrum, das von den Schülern einfach nur „Gööde“ genannt wird, und von dem nur die wenigsten wissen, warum und nach wem es so benannt wurde, befindet sich in einem herrschaftlichen kolonialen Altbau mit hohen Räumen, morschen Fensterrahmen und bester technischer Ausstattung. In jedem Klassenzimmer steht ein Computer mit Internetanschluss, ein Beamer und eines dieser Wunderdinger, mit denen man Unterlagen abfilmen und direkt auf die Leinwand projizieren kann. Ich weiß schon jetzt, dass es mir schwerfallen wird, ab Herbst wieder in deutschen Schulen arbeiten zu müssen.

Die Kollegen und Vorgesetzten sind großartig, die Schülerinnen und Schüler meistens auch.
Fast alle sind sie zwischen 18 und 28 Jahre alt, und fast alle möchten sie einmal in Deutschland studieren. Es gibt aber auch Ausnahmen: zum Beispiel meine jüngste Schülerin; sie ist erst dreizehn, ein schüchternes Mädchen, dessen Mutter in zweiter Ehe mit einem deutschen Mann verheiratet ist. Mutter und Stiefvater leben nun schon seit einigen Monaten in der Bundesrepublik, die Tochter wird von einer Tante betreut und soll bald nach Europa nachreisen. Zuerst soll sie aber mit einem Sprachkurs fit für das fremde Land gemacht werden.

Sie hat’s gut – weil sie noch keine 16 Jahre alt ist, könnte sie auch ganz ohne Sprachkurs ihrer Mutter nach Deutschland folgen. Für ältere Kinder von in Deutschland lebenden Chinesen (und anderen Ausländern) ist ein Nachzug nur möglich, wenn sie ausreichende Sprachkenntnisse besitzen. Das Gleiche gilt für die chinesischen Ehepartner von deutschen Frauen und Männern.

Von unseren Kollegen erfahren wir, dass diese Prüfung für einige der Deutschschüler ein ganz großes, angstbesetztes Thema ist. In vielen chinesischen Städten rekrutiert sich die Sprachschulkundschaft vor allem aus der ständig wachsenden Zahl chinesischer Frauen, die einen deutschen Mann kennengelernt und geheiratet haben (die Kombination: deutsche Frau – chinesischer Mann gibt es natürlich auch, sie kommt aber selten vor. Wahrscheinlich, weil viel mehr Männer als Frauen von ihren Firmen aus Europa nach Asien entsandt werden).

Oft haben beide Ehepartner schon jahrelang zusammen in China gelebt, aber das entbindet die Frau nicht von der Deutschprüfung, die sie zu absolvieren hat, will sie ihren Lebensmittelpunkt in die Bundesrepublik verlegen. Für manche Betroffene ist dieser Test alles andere als einfach. Erst recht nicht, wenn sie schon älter ist, ihr Schulbesuch Jahre zurückliegt und sie zu Hause mit dem Ehemann nur Chinesisch spricht.

Weil die Hürde „Sprachprüfung“ also für einige unüberwindbar ist, müssen Wege gefunden werden, um den Familiennachzug trotzdem möglich zu machen.
Eine häufige Strategie zur Lösung des Problems ist diese: Wenn eine Betroffene nicht nur verzweifelt, sondern auch wohlhabend genug ist, geht sie nicht selbst zur Prüfung, sondern engagiert eine sprachkundige Stellvertreterin, welche die geforderte Leistung erbringt. Natürlich wird von deutscher Seite alles getan, einen solchen Betrug durch strenge Ausweis- und Identitätsprüfungen zu verhindern. Das hat vor allem eine Folge: Die Methoden der Schwindler werden immer raffinierter.

So ist beispielsweise in Schanghai in den letzten Jahren eine regelrechte Schummelindustrie für europäische Sprachen entstanden, in der kriminelle Banden im großen Maßstab die Dienste von professionellen Prüfungspfuschern anbieten. Es heißt, dass die Kriminellen sogar mit Schönheitschirurgen zusammenarbeiten, die bei Bedarf das Double optisch an den Originalprüfling angleichen. Fliegt der Betrug trotzdem auf, müssen Auftraggeber und Fake-Prüfling die Konsequenzen tragen, während die kriminellen Hinterleute im Dunkeln bleiben und weiterhin ihren Geschäften nachgehen können.

Zum Glück ist die Stadt Tianjin und unser Institut von dieser Problematik kaum betroffen. In den Klassen sitzen keine – wie es im Pädagogenjargon heißt – „bildungsfernen“ Hausfrauen, sondern unterrichtserprobte Nachwuchsakademiker.
Und nicht nur das dreizehnjährige Mädchen mit dem deutschen Stiefvater bemüht sich emsig um den Erwerb der deutschen Sprache, auch seine Mitschülerinnen und Mitschüler sind sehr strebsam bei der Sache.

Von den Kollegen habe ich mir sagen lassen, dass chinesische Schüler und Studenten einen lehrerzentrierten strengen Frontalunterricht gewohnt seien, bei dem Eigenaktivität und Kreativität unerwünscht sind. Dieses Bild bestätigt sich in meinen ersten Unterrichtsstunden: In allen Klassen, die ich betreue, sitzen brave Studenten, die mit großen Augen an meinen Lippen hängen und konzentriert vor sich hin schweigen. So extravagante europäische Unterrichtsmethoden wie Gruppenarbeit oder Diskussionsrunden scheinen ihnen völlig unbekannt zu sein und rufen jedes Mal dezentes Unbehagen hervor.

Zum Glück sind die chinesischen Studenten wie wild bei der Sache, wenn ich die geordneten Unterrichtsmethoden ganz sein lasse und eine Spielaktion starte. Dann ist die Klasse wie ausgewechselt. Bereitwillig verlassen alle ihre Stühle und lassen sich auf kollektives Gehampel, fröhliches Gerenne oder das Singen lustiger Lieder ein. Zu meinen liebsten Unterrichtsutensilien gehört ein gelbes Plastikhuhn, das regelmäßig mit angstvoll aufgerissenem Schnabel laut quiekend durch den Klassenraum fliegt, und das meine Schüler bei jedem Einsatz in laute Heiterkeit und wildes Gelächter treibt.

Die Verständigung zwischen mir und meinen Schülern ist – gerade in den Anfängerkursen – nur mit viel Kreativität möglich. Sie sprechen (noch) kein Deutsch, ich spreche kein Chinesisch. Dafür bediene ich mich einer übertriebenen Mimik und entwickle ein täglich größer werdendes Repertoire an pantomimischen Ausdrucksmitteln. Außerdem schmiere ich dilettantische Zeichnungen an die Tafel und flüchte mich, wenn alle anderen Mittel versagt haben, in den Gebrauch englischer Vokabeln. Erst nach einigen Wochen merke ich, dass es mit den Englischkenntnissen vieler Schüler nicht besser bestellt ist als mit ihrem Deutsch. Zum Glück kann ich mich darauf verlassen, dass offen gebliebene Fragen und eventuelle Unklarheiten am nächsten Tag mithilfe meiner chinesischen Kollegen geklärt werden können. Denn ich unterrichte die Klassen nicht alleine, sondern im Wechsel mit einheimischen Lehrern, kann also nicht ganz so viel Schaden anrichten.

Die chinesischen Mitarbeiter des Sprachlernzentrums sind nicht nur sehr angenehme Unterrichtspartner, sondern auch eine unerschöpfliche Quelle für landeskundliche Informationen. Viele der Kollegen haben mehrere Jahre in der Bundesrepublik gelebt, sprechen fließend die deutsche Sprache und haben einen klugen Blick auf beide Kulturen. Sie haben auch so manches von der westlichen Denk- und Lebensart angenommen. Einige bezeichnen sich deshalb als „Bananen“ – außen gelb, innen weiß.

Test the West
Das Interesse für westliche Lebensart ist aber nicht nur bei unseren Kollegen groß. Westliche Produkte sind hier Statussymbole, Automobile aus deutscher Produktion Verkaufsrenner und Kaffee DAS neue Modegetränk der aufstrebenden Mittelklasse. Auch in der Mode zeigt sich überall der westliche Einfluss. So ist bei beiden Geschlechtern das Tragen von T-Shirts sehr beliebt, auf denen Sätze in englischer Sprache stehen. Dass diese oft nicht einmal den allerelementarsten orthographischen Anforderungen genügen, stört hier keinen. Bei einem sonntäglichen Einkaufsbummel entdecken Anne und ich ein T-Shirt mit dem Aufdruck „The miilion doiiar dress – Fashion trend for you“. Wir sind begeistert.

Einen noch größeren Anlass zur Freude beschert uns ein mehrsprachiges Hinweisschild in der Kathedrale von Tianjin, welches die Besucher über korrektes Verhalten während des Gottesdienstes informiert. Die ersten Sätze lauten knapp und klar: „NO SMOKING“ und „NO LOVE“.
Keine Liebe – bis jetzt hatte ich die christlichen Gebote irgendwie anders interpretiert. Noch interessanter wird es am Ende des Schildes. Dort dürfen wir lesen: „DO NOT DESTOROY EVERYTHING“.
Da können wir sofort zustimmen.

Cost the Ost
Die Freude an exotischen Wörtern macht auch vor unseren Studenten nicht halt. Ganz im Gegenteil, sie hat sogar Auswirkungen auf die Namensgebung. Fast alle haben sie sich einen neuen, einen europäischen Namen zugelegt. Einerseits kommt mir das etwas seltsam vor, andererseits machen die englischen und deutschen Zweitnamen auch vieles leichter für mich. In meinen drei Klassen habe ich es mit insgesamt mehr als 50 Menschen zu tun, die Namen tragen, die ich nie zuvor in meinem Leben gehört habe. Namen, bei denen ich nicht erkennen kann, ob sie männlich oder weiblich sind und von denen ich nur eines weiß: Ich spreche sie völlig falsch aus.

Es ist eine große Erleichterung für mich, dass ich mit mir vertrauten Namen arbeiten kann.
Aber es ist auch befremdlich, die asiatischen Schüler mit „Benjamin“, „Inge“, „Hannes“ oder „Peggy“ anzusprechen. Ganz besonders seltsam geht es in einem meiner Anfängerkurse zu. Dort ist bei der Namenswahl wohl einiges schiefgelaufen, so dass ich es mit Leuten zu tun habe, die „Dittlinde“ oder „Alwine“ heißen. Mein Favorit ist übrigens ein junger Mann, der den schönen deutschen Namen „Adler“ trägt. Ein Wort, das er allerdings kaum aussprechen kann – das „R“ bereitet ihm nämlich große Probleme.

Dass die chinesische Sprache kein „R“ kennt, ist übrigens ein Vorurteil. Viele Chinesen bringen sogar ein ganz besonders schönes, „Rollendes-R“ zustande, die Leute aus Peking sind sogar berühmt dafür.
Aber leider sitzen die nicht in meinem Unterricht.

Von 50 Schülern tun sich 48 verdammt schwer mit diesem Laut, das „R“ ist bei ihnen nur ein heiseres Gurgeln, das sie irgendwo ganz tief unten in ihren Hälsen fabrizieren. In jeder Klasse versuche ich, mit theaterpädagogischen Stimmübungen das „R“ dort hin zu manövrieren, wo es hingehört – in den Mundraum, nahe bei den Zähnen. Bei einigen Schülern landet das „R“ schließlich auch tatsächlich dort, und wenn es das erste Mal einigermaßen rund und rollend rauskommt, flippen alle völlig aus vor Freude und Begeisterung.

Neben dem regulären Unterricht leite ich auch die Theatergruppe des Sprachlernzentrums. Bei der geht es ganz allein um Spaß, Spiel und Bewegung. Jeden Freitagnachmittag tobe ich mit einem Dutzend junger Chinesen, zwei deutschen Kolleginnen und einem Gummihuhn durchs Institut. Es herrscht ausgelassene Partystimmung, es wird getanzt, geschwitzt und improvisiert. Ganz nebenbei erarbeiten wir eine kleine Aufführung, in der wir verschiedene Szenen aus bekannten Filmen nachspielen. Harry Potter, E.T. und Titanic sind mit von der Partie, außerdem noch eine Variante von Mr. & Mrs. Smith, bei der sich die beiden Darsteller mit sichtlicher Freude durch den Klassenraum jagen und mit Gegenständen bewerfen.
Am Ende unserer Performance versinkt die Titanic, und während Rose (alias: Kate Winslet, alias: Inge) weinend auf einem zum Floß zweckentfremdeten Schultisch liegt und ihrem Jack (alias: Leonardo DiCaprio, alias: Bob) beim Versinken zuschaut, stimmt Schülerin Laura, die hoffentlich bald in Deutschland Musik studieren wird, die herzzerreißende Schnulze „My heart will go on“ an.

Im Park
Singen, Tanzen und Musizieren sind hier überhaupt ganz groß angesagt. Und man braucht dafür auch nicht ins Theater oder in eine Karaoke-Bar zu gehen. Im Park in unserem Kiez können wir zu jeder Tageszeit großen und kleinen Menschengruppen dabei zusehen, wie sie Musik machen oder sich zu den Takten der verschiedensten musikalischen Stilrichtungen bewegen. Nach dem Abendessen setzen Anne und ich uns häufig auf eine Parkbank und beobachten, mit einer Dose Bier oder Eistee in der Hand, die Leute bei ihren zahlreichen kulturellen und sportlichen Aktivitäten.

Der Hauptact jedes Abends findet auf dem zentralen Platz des Parks statt. Es sind bestimmt hundert Menschen, die sich hier zu den lautsprecherverstärkten Klängen europäischer Tanzmusik tummeln und sich paarweise im Walzertakt aneinander vorbeischieben. Nur ein paar Meter weiter gastiert eine kleine Gruppe energiegeladener Frauen mittleren Alters, hört chinesische Schlagermusik aus dem mitgebrachten Radio und macht eine Art Aerobic-Synchrontanz. A propos Schlager: Die aktuelle chinesische Musik hat sich viele westliche Einflüsse einverleibt. Während meines Aufenthalts höre ich immer wieder europäische und amerikanische Popsongs in chinesischer Übersetzung, einmal sogar eine Variante eines bekannten Lieds der Berliner Band 2Raumwohnung.

Während also in der einen Ecke des Parks zu den verschiedensten Musikrichtungen getanzt wird, hat sich am gegenüberliegenden Ende eine Gruppe von Jazzmusikern getroffen. Eine Stunde lang jammen sie munter drauflos. Obwohl, es ist manchmal nicht ganz klar, ob sie schon musizieren oder noch damit beschäftigt sind, die Instrumente zu stimmen und sich auf der Suche nach der richtigen Anblastechnik für Saxophon und Klarinette befinden.

An einem schönen Sonntagmorgen ist es meinen zwei deutschen Sommerkurskolleginnen und mir gelungen, Bekanntschaft mit einigen älteren Männern zu schließen, die sich zum gemeinsamen Singen und Musizieren verabredet hatten. Bereitwillig nahmen uns die Herren in ihre Combo auf und ließen eine der Kolleginnen sogar auf der mitgebrachten Kniegeige spielen. Leider gelang es uns aber nicht, mit ihnen im Kanon „Bruder Jakob“ zu singen, obwohl dieses Lied in China unter dem Titel „Kleiner Tiger“ ein ganz großer Kinderlied-Hit ist.

Sonntag, 21. August
Heute wird auch gesungen, denn heute ist mein Geburtstag!
Nachdem wir den Tag in Helen’s Bar bei westlich inspirierten Speisen und Getränken angenehm vertrödelt haben, gehen wir am Abend zu dritt in ein tibetisches Restaurant. Dieses wirbt stolz damit, das erste und beste vegetarische Lokal in Tianjin zu sein. Außerdem hat es eine bebilderte Speisekarte, was Analphabeten wie uns sehr entgegenkommt.

Wir geben unsere Bestellung auf und bleiben nur in Sachen Getränke bescheiden: dreimal Wasser. Die Stimmung steigt sprunghaft, als wir merken, dass eine der Plastikflaschen, die man uns gebracht hat, nicht mit Wasser, sondern mit klarem Schnaps gefüllt ist. Nachdem wir alle gekostet haben, wird der Besitzer des Lokals über den Irrtum informiert.
Dem guten Mann ist die Verwechslung sichtlich unangenehm, er entschuldigt sich wort- und gestenreich und gerät schließlich völlig aus dem Häuschen, als er erfährt, dass ich Geburtstag feiere. Alle drei spekulieren wir darauf, dass diese Mitteilung für Getränkenachschub auf Kosten des Hauses sorgen wird. Der Wirt flitzt auch tatsächlich sofort los, verschwindet in einem Hinterraum und steht schon nach ein paar Sekunden wieder an unserem Tisch. In der Hand hält er jedoch keine Flasche, sondern einen großen, bunten Kalender, auf dem ein buddhistisches Kloster abgebildet ist. Diesen Kalender lässt er nun mit ernster Würde, unter Absingen traditioneller Segensformeln sehr, sehr hingebungsvoll über meinem Kopf kreisen. Zuvor hat er mir noch rasch ein tibetisches Mantra eingeschärft, welches ich nun brav immer wieder vor mich hin murmele.
Meine Kolleginnen ersticken fast an unterdrücktem Lachen, und mir fällt es ebenfalls sehr schwer, Haltung zu bewahren. Es dauert einige Minuten, bis das Ritual vorbei und unser Essen auf dem Tisch ist. Satt, fröhlich und gesegnet gehen wir schließlich nach Hause.

Freitag, 26. August
Es ist mein letzter Tag in Tianjin. Morgen werde ich nach Peking fahren und zurück nach Deutschland fliegen.
Am späten Nachmittag gibt es die allerletzte Lehrerkonferenz, gefolgt von einer kleinen Kursabschlussparty, bei der meine Komödiantengruppe ihre Filmszenen zeigt. Das Publikum ist begeistert, die Schauspieler glücklich und ich bin stolz wie Bolle. Am liebsten würde ich die den ganzen Theatertrupp in meinen Rucksack packen und mit nach Deutschland nehmen.

Samstag, 27. August
8h
Ich sitze am Bahnhof von Tianjin und warte auf meinen Zug nach Peking. Ich denke an Anne, die nun schon seit zwei Stunden auf dem Weg nach Schanghai ist. Sie hat’s richtig gemacht, ihren Chinaaufenthalt um eine Woche verlängert und erkundet nun auf eigene Faust das Land. Ich würde gerne mit ihr tauschen.

Frankfurt am Main
Sonntag, 28. August
14.00h
Ich bin gelandet. Staune darüber, dass hier so wenig Menschen unterwegs sind, steige in den leeren und langsamen Zug nach Leipzig und bin fünf Stunden später wieder in meiner Wohnung.
Das war’s.

Dieser Beitrag nimmt an der Wahl der besten Reiseberichte China teil.

Aktuelle Jury-Wertung: 2

Auch Ihr könnt Eure Bewertung abgeben. Bitte orientiert Euch am Schulnotensystem (1=sehr gut, 6=ungenügend).

Angela Kobelt
10 Comments
  • Friedrich Krause
    Posted at 16:13h, 02 November

    Vielen Dank für diesen Beitrag – äußerst informativ und unterhaltsam!

  • Sabine
    Posted at 17:08h, 02 November

    Toller Beitrag, interessant, auch mal etwas über Unterrichtserfahrungen in China zu lesen! Ich würde eine 1 geben!

  • Monika
    Posted at 12:14h, 07 November

    Treffend beschrieben- Sehr guter Beitrag!
    Von mir eine 1 !

  • Julia
    Posted at 16:08h, 07 November

    Ein äußerst spannender, herrlich komischer und interessanter Bericht. Ich würde eine 1 vergeben!

  • Blanka
    Posted at 20:14h, 07 November

    Großartig! Toller Bericht. Ich würde eine 1 geben!

  • Antje
    Posted at 21:29h, 07 November

    Ich habe den Bericht sehr gern gelesen, weil er sowohl unterhaltsam als auch anschaulich ist. Vielen Dank für den Einblick! Ich gebe eine 1.

  • marlen
    Posted at 21:49h, 07 November

    Ich habe sehr gelacht. Herrlich komischer Bericht. Ich möchte auch nach China! Ich gebe auf jeden Fall Note 1 !

  • Ursula Kobelt-Hill
    Posted at 22:49h, 09 November

    Dieser sehr gut geschriebener ,äußerst anschaulicher,unterhaltsamer und informativer Bericht hat mich in seiner Lebendigkeit sehr angesprochen und beeindruckt

    Sehr gut! (1 )

  • Ursula Kobelt-Hill
    Posted at 22:54h, 09 November

    Dieser sehr gut geschriebener, äußerst anschaulicher, unterhaltsamer und informativer Bericht hat mich in seiner Lebendigkeit sehr angesprochen und beeindruckt.
    Sehr gut! (1)

  • Siri Pahnke
    Posted at 14:06h, 10 November

    So ist die interkulturelle Wirklichkeit, Verwirrungen und Unglaublichkeiten! Großartig! Würde gern mehr lesen!
    Sehr gut!