Apulien – bei Sonne, Wind und Regen

Peschici

P1170893Ein paar Momente vor dem Boarding erfahren wir, dass sich unser Flug mit Eurowings um 30 Minuten verspäten wird, kurz darauf wird schon von zwei Stunden gesprochen. Dann heißt es, das Gepäck wieder aufnehmen und erneut einchecken. Statt über Stuttgart fliegen wir jetzt mit der Lufthansa nach München und von dort weiter mit Air Dolomiti nach Bari, unserem Ziel. Fünf Stunden Verspätung! Mit einem Shuttlebus geht es dann zum Autovermieter. Horst hatte unseren Wagen zwar bei CarDelMar gebucht, abgefertigt werden wir aber von Firefly, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Permanent legt man uns Stolpersteine in den Weg, sei es eine nicht ausreichend gedeckte Kreditkarte, vermeintlich nicht ausreichender Versicherungsschutz und Ähnliches. Dann endlich nehmen wir den begehrten Autoschlüssel in Empfang und fahren los. Hartmut hat sich als Fahrer angeboten und seine Sache gut gemacht. Fährt er am ersten Tag noch wie ein Deutscher, so hat er seinen Fahrstil in der Zeit danach doch dem des Gastlandes angepasst. Bis Peschici, unserem ersten Ziel, sind rund 180 Kilometer zurückzulegen, aber das Navi zeigt eine Fahrzeit von über drei Stunden an. Und  die brauchen wir dann auch. Anfangs kommen wir gut vorwärts, aber dann, im Parco Nazionale del Gargano, geht es nur noch auf engen Serpentinen weiter. Und das dauert. In Peschici angekommen ist der Stress aber noch nicht vorbei, wir können das Hotel einfach nicht finden – trotz zwei eingestellten Navigationsgeräten. Immer wieder fragen wir Passanten nach dem richtigen Weg, häufig ist die Verständigung schwierig, bis sich, endlich, ein freundlicher Mann findet und uns mit seinem Auto zum Ziel lotst. Um 22:30 Uhr betreten wir das Hotel „La Colletta“, checken ein und freuen uns, dass der Wirt noch ein paar Bruschettas serviert und auch über ausreichend Getränke verfügt. Das Haus liegt außerhalb der Stadt und wir hatten wohl eine nicht korrekte Adresse.

Apulien, italienisch Puglia, ist eine im Südosten des Stiefels liegende Region. Gut 4 Millionen Menschen leben hier. Typisch für diese Gegend sind das helle Licht, das wir auch beim Fotografieren feststellen, das weite Landschaftsbild, steile Felsklippen, knorrige Olivenbäume und das immer in Reichweite erscheinende adriatische Meer. Aber immerhin kann sich Apulien auch mit 800 Kilometer Küste brüsten, sandig oder zerklüftet.

Am nächsten Morgen, nach einem typischen italienischen Frühstück, steigen wir in unseren Ford und orientieren uns in Richtung Rodi Garganico. Häufig halten wir an und fotografieren die Adrialandschaft und die fotogenen Kalkfelsen. An hervorragenden Motiven mangelt es heute und auch an den anderen Tagen nicht. Von Foce di Varano fahren wir auf einer kleinen Straße bis Capoiale, auf der einen Seite den Lago di Varano, auf der anderen die Adria. Über eine zweite Landzunge geht es dann weiter bis zum Hafen von Lesina, dieses Mal liegt der Lago di Lesina zu unserer Linken. Aber es gibt nicht viel zu sehen, geschweige denn ein geöffnetes Café, und so verlassen wir den Ort und fahren auf einer belebteren Straße nach Termoli. Attraktive, meist dunkelhäutige Frauen warten am Wegesrand. Etwas Probleme bereitet uns das Tanken an einer Automatenstation, nicht wegen der, im Vergleich zu Deutschland, höheren Preise, sondern wegen der Handhabung.

Am Hafen ist schnell ein Parkplatz gefunden. Wir gehen ins Zentrum der gut 30.000 Einwohner zählenden Stadt und suchen uns draußen auf der Piazza einen Tisch zum Kartenspielen. Die Sonne scheint und Italien zeigt sich von seiner besten Seite. Am Castello Svevo, einem Stauferkastell, bitten uns zwei Frauen, ein Foto von Ihnen zu machen und dieser Bitte kommen wir natürlich gerne nach.

Auf der Rückfahrt wundere ich mich wieder über die unglaubliche Menge an Olivenbäumen. Kurz vor Peschici halten wir noch an einer Stelle, wo wir einen guten Blick auf den Hafen werfen können. Von hier, aber auch von Vieste und Rodi, legen Fähren zu den Tremiti lnseln ab. Die Isole Tremiti gelten als ein begehrtes Tagesausflugsziel. Hätten wir mehr Zeit zur Verfügung, wären wir wahrscheinlich auch einmal hinüber gefahren. Zumindest sind sie in Sichtweite und wir können einen Blick auf die Eilande werfen. Peschici, ca. 4.500 Einwohner, liegt auf einem Hügel und Hartmut muss gehörig aufpassen, um die engen Serpentinen zwischen der Küstenstraße und dem höher gelegenen Ortskern unfallfrei zu überstehen. Dann ist unser Hotel erreicht. Vor dem Haus gegenüber tragen die Orangenbäume reife Früchte. Zum Abendessen überrascht uns der Wirt mit Pasta mit Meeresfrüchten und gebratenem Fisch. Freundlicherweise schreibt er mir die italienische Bezeichnung einiger Köstlichkeiten auf dem Teller auf und so weiß ich heute, dass zu den Spaghetti u. a. Bären- oder Grillenkrebse serviert wurden, aber auch Gambas und Pulpo. Wir sind die einzigen Gäste.

Am nächsten Morgen scheint die Sonne. Frohgemut steigen wir in unseren Ford und brausen los, meistens haben wir das Meer in Sichtweite. Olivenbaumplantagen, Kakteen oder Felder mit gelben und roten Blüten sorgen immer dafür, dass wir genügend Pausen einlegen. Eine phantastische Küstenlandschaft begleitet uns die ersten Kilometer, schroffe Felswände, Kalkfelsen in allen Variationen. Über Vieste fahren wir bis Manfredonia, einen Aufenthalt haben wir vorher nahe der Baia di San Felice an einem mächtigen Turm eingelegt, wo auch ein Bus mit älteren einheimischen Ausflüglern hält.  Obwohl mittlerweile Wolken aufgezogen sind ist das Panorama um den Arco di San Felice, das sich uns erschließt, einmalig. Ein geschäftstüchtiger Mann hat einen Stand aufgebaut und verkauft Souvenirs und einheimische Produkte. Die Werbung einer bayerischen Brauerei ziert seinen Sonnen- bzw. Regenschirm.

Nun haben wir das Gebirge hinter uns gelassen und flott geht es weiter bis Barletta, die gut ausgebaute Straße führt größtenteils an der Adria entlang. Eine kleine Magenverstimmung macht mir zu schaffen, ob es am gestrigen Wein liegt? An einer Wegeskreuzung stoppt uns eine Polizeikelle, aber Hartmut meistert diese Kontrolle souverän und nach kurzer Zeit dürfen wir weiterfahren. Da das Castel del Monte unser nächstes Ziel ist, fahren wir ab Barletta in südlicher Richtung und erreichen die Stadt Andria. Ein heftiger Regen hat eingesetzt und manche Straßen scheinen angesichts der Wassermassen gar nicht befahrbar zu sein. Wir füttern unser Navigationsgerät mit dem Kastell – und fahren im Kreis. Auch die Beschilderung hilft uns nicht weiter, und das bei diesem starken Verkehr und den engen nassen Straßen. Schließlich, nach diversen Versuchen, haben wir doch die richtige Richtung eingeschlagen, erreichen den Parco Nazionale dell`Alta Murgia und etwas später ist das imposante auf einem Berg errichtete Gebäude auch schon in Sichtweite. Obwohl gesperrt, wagen wir es, die Straße direkt zum Parkplatz zu befahren, steigen aus und beginnen mit der Besichtigung.

Das Castel del Monte ist ein Bauwerk aus der Zeit des Stauferkaisers Friedrich II. und gilt als wichtigstes Zeugnis staufischer Baukunst. Der im 13. Jahrhundert erstellte Repräsentationsbau, auch „steinerne Krone Apuliens“ genannt, gehört seit 1996 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Über die Funktion des achteckigen rund 25 Meter hohen Kastells wird unterschiedlich berichtet. So soll es eine Bedeutung als Jagdschloss oder Wehrbau haben, eine andere Erklärung meint, dass hier der Staatsschatz aufbewahrt wurde. Warum Friedrich II. die oktonale Form gewählt hat ist nicht hinreichend erforscht, möglicherweise soll diese Form einen Bezug zum Morgenland herstellen. Aber es gibt auch andere Theorien. Um den achteckigen Innenhof erheben sich zwei Stockwerke mit jeweils acht Sälen.

Jetzt ist es nicht mehr weit bis Bari. Und es naht eine weitere Überraschung: Auf beiden Seiten der Straße erkennen wir die ersten Trulli. Diese für Apulien typischen Rundhäuser bilden ein interessantes Fotomotiv und wir halten mehrere Male an für einen Schnappschuss. Zipfelmützengleich ragen sie auf Olivengärten oder zwischen Weinreben empor. Im Reiseführer lese ich, dass ein Trullo, so der Singular, ohne Mörtel, also als Trockenmauerwerk, errichtet wurde.  Sein Dach verjüngt sich nach oben und wird mit einem Stein, dem so genannten Zippo, abgeschlossen.

Auf der Weiterfahrt geraten wir in einen Wolkenbruch und warten unter einer Brücke, bis sich das Unwetter beruhigt hat. Links und rechts der Fahrbahn wächst der Wein auf riesigen Feldern. Dann erblicken wir die ersten Häuser der apulischen Hauptstadt, fahren am Stadio San Nicola vorbei und erreichen kurz darauf unsere nächste Herberge, das Hotel „Campus“.

Bari

Jetzt sind wir also in der Metropole Apuliens, der mit über 320.000 Einwohnern größten Stadt, im Großraum Bari sollen doppelt so viele Menschen leben. Das Hotel ist nicht schlecht, weist aber auch Gebrauchsmängel und Abnutzerscheinungen auf. Zwar verfüge ich über ein geräumiges Doppelzimmer, kann mir aber vorstellen, dass es nicht jedem Gast gelingt, sich durch die enge Duschöffnung zu zwängen. Es regnet immer noch, als wir uns auf die Suche nach einem Restaurant machen. Schließlich landen wir im „Chagall“, holen die Karten heraus und warten, bis es 20:00 Uhr wird. Dann, nämlich, öffnet die Küche und wir haben nicht die geringste Lust angesichts dieses Wetters weiter durch die Straßen der nicht so reizvollen Vorstadt zu marschieren. Und wir machen alles richtig, der Wein mundet und die Antipasti, Pasta und Pizza treffen genau unseren Geschmack. Manchmal ist die Verständigung etwas holprig, aber wir kommen immerhin gut klar.

Am nächsten Morgen, einem Samstag, steigt unsere Stimmung beträchtlich, denn es hat aufgehört zu regnen und heller warmer Sonnenschein strahlt vom Himmel. Nach dem üblichen Frühstück gehen wir durch die etwas tristen Straßen zum Zentrum. Unterwegs schauen wir uns noch den Wochenmarkt an. Das Fisch- und Meerestiersortiment gefällt mir. Über eine Fußgängerbrücke beim Bahnhof erreichen wir die Innenstadt und sehen rechterhand am Corso Cavour das Teatro Petruzzelli mit seiner eindrucksvollen rotbraunen Fassade. Kurz darauf, hinter der Banca d`Italia, erhebt sich die Camera di Commercio, also die Handelskammer. Es versteht sich, dass sich Hartmut als aktiver Mitarbeiter dieser Branche für ein Foto in Position stellt. Nachdem wir uns das Teatro Margherita von außen ansehen konnten ist nun auch der Hafen erreicht. Fischer befördern ihren Fang vom Boot oder bessern die Netze aus, andere verkaufen den Fisch an vorbeikommende Passanten. Frischer geht es nicht. An einem Tisch wird lautstark dem Kartenspiel gefrönt, beobachtet von zahlreichen Kiebitzen.

Nun ist es nicht mehr weit bis zur Altstadt. Als erstes gehen wir über die Piazza Mercantile. Zahlreiche Bars und Restaurants haben Tische und Stühle herausgestellt und warten auf ihr Wochenendgeschäft. Durch enge Gassen hindurch erreichen wir die Basilica di San Nicola. Die aus weißem Kalkstein errichtete romanische Prachtkirche erinnert zuweilen an eine Festung. In der Krypta findet gerade ein Gottesdienst statt. Nachdem wir uns noch die Kathedrale angesehen haben, suchen wir einen freien Tisch, erfrischen uns, essen ein leckeres Eis, holen die Karten hervor und spielen.

Das Castello Normanno Svevo steht als letztes auf unserem heutigen Besichtigungsprogramm. Über eine Brücke, die den trockenen Burggraben überspannt, betreten wir den Innenhof, entrichten drei Euro Eintritt  und sehen uns die Wehranlage an. Sie wird zurzeit aufwändig restauriert. Zeitweise wurde die Burg als Kerker genutzt. In den Räumen ist eine Ausstellung untergebracht. Dann geht es heimwärts und ich freue mich auf das bevorstehende Bundesligaspiel, dass ich wegen seiner Wichtigkeit am Lifeticker verfolgen möchte und werde. Jedoch, über das Ergebnis müssen wir den Mantel des Schweigens decken. Zum Abendessen gehen wir in das Ristorante „Joseph“ und werden zum Glück wunderbar bedient, sodass sich meine Laune auch wieder verbessert. Schade, dass wir später in der Umgebung kein Lokal mehr finden, um ein paar Runden Skat zu spielen.

Auch am Sonntag freuen wir uns über ein angenehmes Frühlingswetter. Mit dem Auto fahren wir zunächst nach Polignano a Mare und von dort bis Monopoli. Immer an der Adria entlang, ein paar Mutige baden im doch noch recht kühlen Meer. Wir stellen das Fahrzeug ab und wandern zum Castello Carlo V, dann weiter  zur benachbarten Bastione Santa Maria mit den zwei Kanonen und werden mit einem herrlichen Ausblick auf das Hafenpanorama belohnt. Die Hafenstadt Monopoli, knapp 50.000 Einwohner, erlangte ihren Aufschwung im Mittelalter durch Handel mit Oliven, Wein und Mandeln. So steuern auch wir in der Altstadt einen Laden an und versorgen uns mit Wein, Olivenöl und anderen heimischen Spezialitäten. Später, beim Verbrauch oder Verzehr dieser kulinarischen Souvenirs, werden wir uns immer an die Tage in Apulien erinnern können.

Auf kleinen Wegen fahren wir heimwärts, häufig müssen wir anhalten, da die herrliche Naturlandschaft mit den gelben Blüten oder roten und blauen Blumen ein begehrtes Fotomotiv darstellen, ebenso die Trulli, an denen wir unterwegs vorbeikommen. Manchmal schreckt eine Eidechse auf und huscht davon. In der Nähe von San Vito finden wir ein kleines Strandrestaurant, das „Cala Ponte“, und stärken uns mit frischen Meeresfrüchten.

Abends haben alle bekannten Lokale in der Umgebung geschlossen und wir sind gezwungen, ins Zentrum zu gehen. An der Piazza Mercantile gibt es noch ein paar freie Tische im „Il Sedite“. Hier speisen wir und dürfen anschließend auch noch bleiben und Karten spielen. Eigentlich wollten wir uns zum Hotel zurückfahren lassen, doch trotz mehrfacher Nachfragen gelingt es uns nicht, ein Taxi aufzutreiben. Noch ein letzter Absacker im „Est!“ und dann ist die Reise beendet.

Am nächsten Morgen startet das Flugzeug pünktlich und auch der Weiterflug von Stuttgart nach Bremen mit Germanwings in Vertretung von Eurowings  erfolgt ohne Verspätung. Horst reklamiert die Probleme beim Hinflug und nach ein paar Tagen teilt uns die Gesellschaft mit, dass wir angemessen entschädigt werden. Und so stehen einer nächsten Reise alle Türen offen.

 

 

 

 

 

Horst Wehrse