Brunftschreie und indisches Bier

Was für ein Gefühl! Nach fast 12.000km fuhren wir über die Grenze. Wir hatten es getan, wir waren tatsächlich mit dem Frosch nach Indien gefahren. Als erstes musste mein Kopftuch runter. Auch wenn einige männliche Overlander sagen, dass eine Touristin das Kopftuch in Pakistan nicht tragen muss, weil man es dort nicht so eng sehen würde, hatte ich es trotzdem aufgelassen. In Pakistan hatte man die ersten 1.000 Kilometer fast nie eine Frau auf der Straße gesehen. Hätte ich das Kopftuch abgesetzt, hätten alle noch mehr geguckt. Und wer weiß, ob da nicht dann doch einer dabei gewesen wäre, der sich in seiner Religion angegriffen gefühlt hätte. Die fünf Tage mit Kopftuch hatten den Kohl auch nicht mehr fett gemacht und ich blieb verhüllt. Trotzdem war ich froh, als ich meine plattgelegenen Haare endlich wieder an der frischen Luft tragen durfte. Als erstes zog ich ein knallrotes T-Shirt, eine enge Jeans und Flip Flops an. Weg mit dem tristen, schwarzen Labber-Outfit und den Turnschuhen!
Endlich war die Welt wieder bunt. Nicht nur an mir, sondern auch an allen anderen. Ansatzweise hatten sich zum Ende von Pakistan ein paar Farben in die Natur geschlichen. Saftiges, erfrischendes Grün war nach der langen kargen Landschaft in der Türkei im Iran und der Wüstenlandschaft Pakistans wie eine Erholung. Je weiter man Richtung Indien kam, desto öfter sah man Frauen, die kein Schwarz trugen. Doch ab der indischen Grenze stachen uns die Farben nur so ins Auge. Eine knallbunte Menge aus Frauen, Kindern und Männern rannte an uns vorbei, als wir mit dem indischen Zoll fertig waren. Pink, Orange, Türkis, Grün – alle Farben leuchteten. Es war Nachmittag und bald stand die Grenzschließung an, die jeden Abend mit einer Zeremonie gefeiert wurde. Zahlreiche Inder und Touristen kommen dafür jeden Abend mit Taxis und Rikschas hierher. Nur um das Spektakel mitzuerleben. Und das wollten wir auch sehen!

Wir waren die letzten der unproblematischen Grenzabwicklung gewesen und mussten uns ein wenig beeilen. Wir parkten den Frosch hinter den Straßen-Restaurants und gingen zurück. Auf Tribünen saßen hunderte von Indern die von einem Animateur in die richtige Laune versetzt wurden. Auf der pakistanischen Seite saß gerade mal ein Zehntel von dem, was nun auf der indischen Seite seine Grenzsoldaten feierte. Es war wie im Zirkus: Die Soldaten plusterten sich auf, marschierten in schnellen Schritten zur pakistanischen Grenze, salutierten und lieferten sich ein „wer ist männlicher und mächtiger“-Spiel mit den pakistanischen Soldaten. Zwischendurch gab es diverse Brunftschreie von den mit Hahnenkamm ausstaffierten Männern. Alles unter immensem Gejubel und Anfeuerungen der angereisten Inder. Es war herrlich. Die Tore wurden geöffnet, die Gegner schüttelten sich die Hände, gemeinsam wurden die Fahnen eingeholt. Wieder Anfeuerungsparolen der Inder, die die pakistanischen Rufe weit übertönten. Danach wurden die Tore wieder geschlossen, die Fahnen weggebracht und die Zeremonie war zu Ende. Fehlten eigentlich nur noch Tanz- und Gesangeinlagen à la Bollywood! Aber genauso verrückt, wie nach ihren Bollywood-Stars, waren die Inder nach ihren Grenz-Helden. Sie rannten von ihren Tribünen nach unten und ließen sich mit ihnen fotografieren. Alternativ auch mit einer großen blonden Deutschen, der man nun ständig die Hände schütteln wollte!

Mit einem breiten Grinsen gingen wir wieder zurück. Wir waren in Indien angekommen. Unfassbar! Bei unserem ersten indischen Bier spulten wir die letzten Wochen nochmal zurück. Knapp 12.000km lagen hinter uns, 9 Länder haben wir in den letzten 2 Monaten durchquert und nur einen Platten gehabt. Ab der Türkei ging es immer tiefer in die islamische Welt, ab dem Iran mit strikter Kleiderordnung, an die ich mich langsam gewöhnte. Wir erlebten eine unglaubliche Gastfreundschaft, faszinierende Städte und Landschaften und 1001-Nacht-Feeling.

Lange hatten wir von dieser Reise geträumt und sie geplant, die Situation in Pakistan verfolgt und überlegt, ob wir wirklich durchfahren. Damit auch alles glatt läuft, hatten wir einen riesigen Schwung an Glücksbringern und Beschützern dabei, die wir zum Abschied von Familie und Freunden bekommen hatten oder die sowieso schon an Bord waren: Ganesha, die heilige Tradition (meditierende Gurus), Jesus mit Maria und Josef, den Glücksfrosch mit Flügeln, zwei Glücksschweine, ein Glücks-Froschkönig, ein Elefant, eine Elfen-Schneekugel, Feen-Gedöns, zwei Schutzengel, ein Buddha, tibetische Altäre und vier Augen Allahs. So konnte uns gar nichts passieren, denn wenn einer unserer Beschützer ausfiel, konnte sofort der nächste einspringen. Okay, beim „Spuk meines Lebens“ im Iran wurde ein wenig geschlampt, obwohl das auch meine Schuld war. Denn ich hatte die heilige Tradition in meinem Schrank versteckt, um in der muslimischen Welt nicht anzuecken. Sie wurde danach natürlich sofort wieder an ihren Platz gehängt und wird seit dem nicht wieder abgenommen, komme was da wolle. Vielleicht verdanken wir ja auch ihr unsere gute und relativ einfache Durchfahrt durch Pakistan und dass die Bombenanschläge an zwei Orten, an denen wir auch waren, erst nach uns passiert sind. In Lahore wenige Stunden nach dem wir die Stadt wieder verlassen hatten, in Multan einen Tag später. Und wieder beherrschten negative Nachrichten die Schlagzeilen. Negative Nachrichten über ein Land, in dem uns die Menschen unglaublich gastfreundlich und positiv begegnet sind und die damit zu kämpfen haben, dass sie im Ausland alle als Terroristen abgestempelt werden. Ein Land, das uns beim Durchqueren alles andere als in Angst und Schrecken versetzt hat.

Auch wenn wir unsere Entscheidung für die Reise nach Indien inklusive der Route über Pakistan oft verteidigen mussten und es immer wieder Anschläge in diesem Land geben mag, so ist diese Entscheidung für uns doch die einzig richtige gewesen.

Wir sind nach 12.000 km in dem Land angekommen, das uns magisch anzieht. Und jetzt beginnt Indien – das bunte, verrückte und atemberaubende Indien!

Die Reise von Amelie und Till geht weiter, fast zwei Jahre sind sie bei ihrem „Abenteuer Hippie Trail“ auf dem Landweg nach Indien und Nepal (und zurück) unterwegs, wie sie detailliert in ihrem Buch berichten…

Amelie de Boer