China verstehen

Dieser Beitrag nimmt an der Wahl der besten Reiseberichte China teil. Am Ende des Berichts könnt Ihr Eure Wertung abgeben!

Eine Übersicht der teilnehmenden Berichte findest Du hier.

Völlig unverhofft verbrachten eine Freundin und ich den Juli und August 2011 als Deutschlehrerinnen am Goethe-Sprachlernzentrum der Fremdsprachenuniversität Tianjin. Tianjin ist eine Hafenstadt mit – je nach Quelle – 3,8 bis 12,3 Millionen Einwohnern, ca. 120 km südöstlich von Peking, von der wir bis dato noch nie gehört hatten.
Zwischen dem Entdecken der Stellenanzeige im Internet und unserem Aufbruch nach China vergingen keine 30 Tage, sodass uns gar keine Zeit blieb, eventuell wieder zur Besinnung zu kommen und nach der ersten Euphorie über unsere telefonisch erhaltenen Zusagen doch noch in Panik auszubrechen.

Im Gegensatz zu meiner Freundin hatte ich bisher nicht nur Europa niemals verlassen, sondern noch nie im Leben unterrichtet, schon gar nicht Deutsch als Fremdsprache, und war vor meinem ersten Unterrichtstag aufgeregt wie nie zuvor in meinem Leben.

Guten Tag, mein Name ist Annegret Schenkel!

Chinesischer Unterricht ist meist noch Frontalunterricht, d.h. der Lehrer steht vor der Klasse und doziert. Sehr beliebt ist im chinesischen Fremdsprachenunterricht die „speak after me“-Methode, bei der die Schüler stumpf mehrmals das vom Lehrer Vorgesprochene wiederholen. Sehr überrascht war ich dann anfangs auch, wenn meine Schüler, besonders die Anfänger, ungefragt und ungebeten im Chor meine Worte wiederholten.

In Deutschland vermittelt man den Stoff eher lernerzentriert, d.h. dass der Lehrer eben nicht vorn steht und etwas vorträgt, was die Schüler wiederkäuen sollen. Stattdessen sollen die Schüler durch eine abwechslungsreiche Unterrichtsgestaltung mit viel Gruppenarbeit und Spielen selbst aktiven werden.
Schwierig war das in meinem Anfängerkurs, in dem ich mich 14 zuerst sehr scheuen, aber aufgeschlossenen Chinesen gegenübersah. Für viele war ich der erste Ausländer, dem sie in ihrem Leben begegneten, und dem sie, einem Tipp meiner Freundin folgend, auch gleich die Hand schütteln mussten. Und so sah meine erste interaktive Lehrmethode aus, die gleichzeitig die erste Lehrmethode meines Lebens war: Forschen Schrittes marschierte ich in die Klasse hinein, begrüßte jeden Chinesen mit einem kräftigen deutschen Handschlag, wozu ich (innerlich verzagt) schmetterte: „Guten Tag, mein Name ist Annegret Schenkel!“

Einige schauten mich nur verängstigt oder verdutzt an, andere hatten das Muster schnell durchschaut und antworten ihrerseits mit Sätzen wie „Guten Tag, mein Name ist Catherine!“

Catherine? Wieso denn Catherine? Man sollte doch meinen, ein Chinese hieße Li Yongcun oder Han Fan. Und das stimmt natürlich auch. Nur ist es eben in China bei jungen Leuten beliebt, sich selbst westliche Namen zu geben oder sich von Sprachlehrern einen Namen aussuchen zu lassen. Im Unterricht lassen sich die chinesischen Schüler dann ganz selbstverständlich so ansprechen. Eine befremdliche Vorstellung, plötzlich meinem Namen, auf den ich seit 32 Jahren höre, einen neuen aus einer anderen, vollkommen fremden Sprache hinzuzufügen.
Drei meiner Schüler hatten noch keinen westlichen Namen und wünschten sich einen von mir. Eine schwere Aufgabe, der ich auch nur äußerst ungern nachkam, da es mir sehr anmaßend vorkam, diesen jungen Menschen, die ich gerade seit drei Minuten kannte, einen mir angemessen erscheinenden Namen zu geben. Denn mir war noch nicht ganz klar, ob sie diese westlichen Namen wollten, weil sie es als modern und fortschrittlich empfanden, oder weil sie es mir als des Chinesischen nicht mächtigen Europäer leichter machen wollten. Ein wenig überfordert von der Situation wählte ich schnell Bastian, Max und Mia, womit die so Benamsten auch sofort zufrieden waren.

Die nächsten fünf Stunden verbrachten wir damit, auf alle erdenklichen Arten zu grüßen und den eigenen Namen zu nennen sowie den Namen des Gegenübers zu erfragen.

In den folgenden Tagen lernte ich, alles, was ich mir von meinen Schülern wünschte, pantomimisch darzustellen. Wenn ich wollte, dass sie ihr Buch aufschlugen, hielt ich mein eigenes Buch in die Höhe, schlug es langsam für alle sichtbar auf und sprach dazu laut und deutlich die Worte: „Wir schlagen jetzt unser Buch auf.“ Von den sechs Wörtern, aus denen der Satz bestand, kannten die Schüler null, da wir zu diesem Zeitpunkt noch kein einziges davon gelernt hatten. Stand auf dem Programm ein Hörtext, legte ich eine Hand hinters Ohr, blickte großäugig in die Runde und artikulierte langsam den Satz: „Wir hören jetzt einen Hörtext!“, wobei ich mit der anderen Hand noch zusätzlich hektisch auf mein Ohr zeigte. Bekannte Wörter in diesem Satz: wiederum null.

So tasteten sich meine Schüler und ich langsam voran, und nach Ablauf der sieben Wochen konnten sie auf unterschiedlichem Niveau Verben konjugieren und Substantive deklinieren, sie konnten sich vorstellen, im Restaurant bestellen, über ihre Hobbys sprechen und vieles mehr. Und das, obwohl das chinesische Sprachsystem ein vollkommen anderes ist, das kaum auf Grammatik, sondern vielmehr auf unterschiedlichen Betonungen basiert. Ich hingegen konnte plötzlich unterrichten. Ich war sehr stolz auf meine Schüler und ihre Fortschritte und sagte ihnen das auch, was wiederum sie stolz machte. Während des Sommers hatten meine Schüler allmählich ihre Scheu vor dem fremden europäischen lăoshī (Lehrer) verloren und waren nun traurig, dass ich im Fortgeschrittenenkurs nicht mehr ihre Lehrerin sein würde.

Amy Winehouse ist tot. Tot ist man, wenn man nicht mehr lebt.

Zu mitunter kuriosen Situationen führten die gewaltigen kulturellen Unterschiede. In der Lektion „Krankheit & Gesundheit“ sollten die Schüler Sätze bilden, in denen ausgedrückt wird, wer zurzeit welche Krankheit hat und was diese Person deswegen nicht tun kann. Ein paar Tage zuvor war Amy Winehouse gestorben, und um einen kleinen Scherz zu machen, bildete ich folgenden Beispielsatz: „Amy Winehouse kann heute nicht aufstehen, denn sie ist tot.“ Als Reaktion hatte ich mir zumindest milde Belustigung gewünscht, doch als tatsächliche Reaktion erfolgte: nichts. Stattdessen blickte ich in 14 ausdruckslose, aber nach wie vor interessierte Gesichter.
Die Erklärung des Phänomens ist ganz einfach: Der erste Teilsatz wurde nicht verstanden, da Amy Winehouse meinen Schülern gänzlich unbekannt war. Die 19- bis 28-jährigen Chinesen kannten zwar Lady Gaga, aber Amy Winehouse war dann doch etwas zu undergroundig, als dass man in China schon von ihr gehört hätte. Teilsatz Nummer zwei enthielt die neue Vokabel „tot“, die sich ja nun durch den Umstand, dass Amy Winehouse in China keine große Nummer ist, nicht von selbst erklärte, wie ich mir erhofft hatte. Nun galt es also pantomimisch zu erklären, was „tot“ bedeutet, ohne auf Englisch auszuweichen (was zwar in China kaum beherrscht wird, von meinen Studenten aber schon), da eine der Richtlinien des Sprachlernzentrums darin bestand, möglichst nur die „Zielsprache“, also Deutsch, zu sprechen. Ich tat also etwas, was jeder Europäer tun würde, wenn er einem seiner Sprache Unkundigen das Wort „tot“ erklären möchte: Ich zeichnete ein Kreuz auf ein Stück Papier. Doch schon während ich den ersten Strich zog, wurde mir klar, dass das ein fruchtloses Unterfangen würde, da diese christliche Symbolik in China sicher nicht verstanden würde. Und genauso war es dann auch. Erneut erntete ich nur verständnislose Blicke, die auch mein hilflos vorgetragener Satz „Tot ist man, wenn man nicht mehr lebt.“ nicht klären konnte. Nachdem ich nun doch ausnahmsweise einmal auf Englisch auswich, war natürlich sofort alles klar, und auch mein kleiner Scherz wurde endlich verstanden.

Einen großen Triumph erlebte ich, als sich am letzten Unterrichtstag mein Schüler Mason, der in Berlin an der Musikhochschule studieren möchte, einen neuen Namen wünschte, da er mittlerweile erkannt hatte, dass Mason ein englischer Name ist. Zwar hatte ich ja nun wieder die unangenehme Pflicht, vollkommen willkürlich einen Namen zu vergeben, freute mich aber doch ein wenig und wählte nach einiger Überlegung „Simon“, was man zur Not ja auch englisch aussprechen kann.

One Night in Shanghai

Nach dem Ende des Sommerkurses blieb mir noch eine Woche Zeit, um mich ein wenig außerhalb von Tianjin, wo ich mich schon sehr zu Hause fühlte, umzusehen.

Als Erstes fuhr ich mit dem Schnellzug nach Schanghai. Die 1318 km lange Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Peking und Schanghai wurde erst am 30. Juni 2011 eröffnet, dem Tag meiner Ankunft in China. Da es in den darauffolgenden Wochen immer wieder zu technischen Problemen und am 23. Juli sogar zu einem schweren Unfall kam, mussten alle Züge langsamer fahren als eigentlich vorgesehen. Trotzdem schaffte der Zug die 1186 Kilometer von Tianjin nach Schanghai in nur fünf Stunden.

In Schanghai war alles noch größer als in Tianjin: Größere Wolkenkratzer, Straßen mit noch mehr Spuren, mehr Menschen und natürlich auch mehr Ausländer, aber immer noch nicht so viele, als dass man nicht vielen Chinesen als interessantes Anschauungsobjekt und Kameramotiv gedient hätte. Während die Menschen in Tianjin sich größtenteils damit begnügten, uns Nichtasiaten neugierig anzuschauen und ab und zu ihren gesamten englischen Wortschatz „Hello“ an uns auszuprobieren, gingen die Menschen in Schanghai etwas forscher zur Sache: Es war fast unmöglich, sich allein durch die Stadt zu bewegen, so wie ich es tat, und lange unbehelligt zu bleiben. Überall wurde ich von den sogenannten „Hellorufern“ verfolgt. Reagierte ich nicht, liefen sie mir einfach hinterher und riefen so lange unablässig „Hellohellohello“, bis ich mich umdrehte und ihren Gruß erwiderte. Während es meiner Freundin und mir in zwei Monaten Tianjin nur einmal passiert war, dass uns eine junge Chinesin auf der Straße verfolgte, um von uns Englischunterricht zu erhalten, wobei sie das von uns gesprochene Deutsch ganz sicher für Englisch hielt, schnappte bereits an meinem ersten Tag in Schanghai die Falle gleich mehrmals zu.
Als ich auf dem Weg zum People’s Park den People’s Square überquerte, konnte ich gerade noch zwei chinesischen Studentinnen entgehen, die mich in ein längeres Gespräch darüber verwickelten, was ich in China mache, wie es mir gefällt, wie lange ich schon hier bin usw. Ihre Fragen wollten kein Ende nehmen, und ich wollte einfach weitergehen, aber auch nicht unhöflich sein. Mit unzähligen „No, thank you!“ konnte ich sie schließlich davon überzeugen, dass ich wirklich nicht mit ins Teehaus, das sich natürlich gleich um die Ecke befände, kommen würde.

Im People’s Park angekommen bot sich mir dann ein äußerst skurriles Bild, das mir aber schon aus dem ARD-Weltspiegel bekannt war: Hunderte Chinesen drängten sich um an Wäscheleinen aufgehängte und unter Steine geklemmte Blätter, auf denen andere Chinesen die Vorzüge ihrer bisher leider noch unverheirateten Kinder anpriesen.
Anhand der Infos (unter anderem Alter, Größe, Ausbildung, und, eigentlich am wichtigsten: Gehalt und Besitztümer) suchen Eltern potenzielle Partner für ihre Kinder aus, nicht immer mit deren Wissen. Das Einzige, was ich zwischen all den chinesischen Schriftzeichen lesen konnte, waren die Geburtsdaten, die mir verrieten, dass die angepriesenen Kinder zwischen 26 und 34 Jahren alt waren. Ja, besonders im ersten Fall wird’s wirklich langsam Zeit. Einige Eltern hatten auch Fotos dabei, und alle schrieben fleißig die Infos der möglichen Kandidaten ab und tauschten Telefonnummern.
Dieses elterliche Engagement auf den jeden Sonntag stattfindenden inoffiziellen Treffen, das man durchaus als unerwünschte Einmischung empfinden könnte, ist auf dem Schanghaier Heiratsmarkt allerdings ganz normal.

Bluesky Chen

Bluesky Chen

Bluesky Chen

Einigermaßen geschafft setzte ich mich auf eine Bank an einem Teich und vertiefte mich in meinen Reiseführer. Doch kaum hatte ich zwei Minuten unbehelligt dagesessen, war es mit der Ruhe auch schon wieder vorbei, denn plötzlich hörte ich eine aufgeregte Kinderstimme: „Hello, my name is Bluesky Chen. What’s your name?“ Ich schaute auf und war von dem Anblick dermaßen überrumpelt, dass ich brav antwortete. Vor mir stand ein kleiner Junge. So wie ich es in der Schule gelernt hatte, sagte ich also im ganzen Satz: „Hello, my name is Anne.“
Das war das richtige Stichwort und sofort ging’s weiter. „Hello Anne! I will teach 1000 foreigners three sentences in Chinese. Today I’m gonna teach you three sentences in Chinese. The first one is: My name is Anne. Speak after me: Wǒ jiào Anne”, las Bluesky von seinem laminierten Kärtchen, das er in der Hand hielt, ab.
Mechanisch wiederholte ich Blueskys Worte: „Wǒ jiào Anne.“ Und wurde ausgiebig dafür gelobt: „Very good. You have a real talent for Chinese.“ Selbst wenn ich durch meine falsche Betonung gerade zwei Zentner Schweinefüße bestellt haben sollte, war Bluesky auf eine professionelle Art begeistert.
Ich sah mich um und entdeckte die Eltern des Knirpses, die mir wohlwollend und dankbar zulächelten, weil ich so eifrig bei der Sache war.
Als Nächstes lernte ich die Sätze „How much?“ (Duōshǎo qiàn?) und „I don’t understand!“ (Wǒ bù dǒng!)
Doch schon nahte die nächste Überraschung. Bluesky konnte alle europäischen Länder auswendig herunterbeten, aber nur, wenn er mit Island begann. Als ich auf seine zwar abgelesene, aber locker vorgetragene Frage „By the way, where are you from?“ wieder im ganzen Satz „I’m from Germany“ antwortete, sagte er „So your neighbouring countries are Luxembourg and Belgium“, was mich so verblüffte, dass ich antwortete: „Yes, my neighbouring countries are Luxembourg and Belgium, that’s right. But how do you know that?“
Der Vater schaltete sich ein und sagte: „He learned them.“
Ich: „So he learned all European Countries by heart?“
Vater, Stolz in seiner Stimme mitschwingend: „Yes, he knows them all, starting from Iceland.“

Bluesky wurde dann das Stichwort „Iceland“ gegeben, woraufhin er in einer Affengeschwindigkeit alle europäischen Länder von Nord nach Süd aufzählte, sogar Kosovo und Montenegro, allerdings glaube ich nicht, dass er wusste, wo ein Wort endete und das nächste begann.
Würde man ihm beispielsweise „Bulgaria“ oder „Latvia“ als Stichwort geben, würde Bluesky wahrscheinlich arge Probleme bekommen. Eine Auswirkung der bereits beschriebenen „speak after me“-Methode, die ich ja schon von meinen Schülern in Tianjin kannte. Ohne Sinn und Verstand Vorgesprochenes so lange zu wiederholen, bis es sitzt, hat Bluesky Chen zwar dazu verholfen, alle diese Worte nennen zu können, aber weiß er auch, was sie bedeuten? Gern hätte ich es ihn oder seinen Vater gefragt, doch ich war so verblüfft, dass ich es einfach nicht schaffte, die Frage zu formulieren.

Zum krönenden Abschluss gab mir der fünfjährige Chinese, der offensichtlich chinesische Schriftzeichen und lateinische Buchstaben lesen konnte, seine Visitenkarte, die ich artig mit beiden Händen entgegennahm, wie es in China Sitte ist.

Damit war Blueskys Arbeit erledigt, und er kniete sich zu meinen Füßen hin, um altersgemäß ein wenig im Dreck zu wühlen. Sein Vater erklärte mir auf mein Nachfragen, dass diese ganze Aktion zum „Social Training“ seines Sohnes gehört. Jeden Tag muss er sechs Ausländer ansprechen und ihnen seine drei Sätze beibringen. Ja, das wird sich sicher noch eine Weile hinziehen. Wenn es länger als bis zu seinem 18. Geburtstag dauert, können seine Eltern ja gleich um die Ecke ein Infoblatt mit Blueskys technischen Daten an eine Wäscheleine hängen und auf eine passende Partnerin hoffen, die vielleicht die Hauptstädte aller europäischen Länder aufsagen kann.

Natürlich sammelte sich während des Spektakels eine chinesische Schaulustigengruppe, die alles genau beobachtete. Als wir das obligatorische Foto machten, das wahrscheinlich unter der Bezeichnung „female foreigner at People’s Park, 28/08/2011“ auf seinem Facebook-Account landete, den ich auf seiner Visitenkarte entdeckte, wollte der Junge lieber spielen, wie wahrscheinlich sowieso die ganze Zeit, und musste erst mehrmals zum konzentrierten Lächeln aufgefordert werden. Als das Foto dann schließlich geschossen wurde, war Bluesky allerdings wieder voll da. Der Vater erzählte mir noch, dass ich heute bereits der vierte „foreigner“ sei, mit dem diese Show abgezogen wurde, und sein Sohn wohl schon etwas müde sei.
Nach unzähligen Dankesbekundungen der stolzen Eltern zogen die drei ab, und ich schaute ihnen kopfschüttelnd hinterher. Ein Vater aus der Zuschauermenge war inzwischen vom Ehrgeiz gepackt worden und zerrte seinen kleinen Sohn, der sich standhaft weigerte, näherzukommen, an der Hand ziemlich unsanft in Richtung der Bank, auf der ich saß, ließ ihn dann los und gab ihm einen kleinen Schubs nach vorn. Kaum losgelassen, floh der Kleine, sein Vater fing ihn ein, und alles fing wieder von vorne an. Ich tat natürlich, als bemerkte ich von alldem nichts.

Which language do you speak in Germany?

Während ich noch vorgab, in meinem Reiseführer zu lesen, eigentlich aber darüber nachgrübelte, was ich von dem Schauspiel, an dem ich gerade teilgenommen hatte, halten sollte, näherte sich bereits ein weiterer Trupp Ausländerjäger. Zwei Studenten und zwei Studentinnen bauten sich vor mir auf. Ihr Anführer, der das beste Englisch sprach, kam nach ein paar Begrüßungsfloskeln, ein wenig geheucheltem Interesse an meiner Person und der Vorstellung seiner Freunde, die zu Besuch aus Xian waren, gleich zur Sache: Ich solle doch mit in ein Teehaus zur Teezeremonie kommen. Natürlich sei es gleich um die Ecke. Kurz fragte ich mich, ob es sich dabei um dasselbe Teehaus handelte, in das mich auch schon die zwei Studentinnen auf dem People’s Square schleppen wollten. Standhaft versuchte ich mich zu wehren, doch der Student blieb hartnäckig, egal was ich sagte: Ich wolle mich ein wenig ausruhen. Perfekt, im Teehaus sitzt man doch ruhig am Tisch! Es wäre mir zu heiß. Super, das Teehaus ist klimatisiert! Vielleicht später. Das verstand er als „Hurra, natürlich komme ich mit, auf so eine Gelegenheit warte ich schon den ganzen Tag, endlich habt ihr mich gefunden!“

Es war absolut hoffnungslos. Ich hatte der chinesischen Übermacht nichts mehr entgegenzusetzen. Um vielleicht doch noch zu entkommen, murmelte ich erschöpft: „Just let me rest a little here.“ Das wurde als Einladung verstanden, sich gemeinsam mit mir auszuruhen, und die vier setzten sich. Es entspann sich ein Gespräch, das den Unterhaltungen, die ich bisher mit den Chinesen geführt hatte, mit denen das überhaupt möglich war, verdächtig glich. Zuerst wurden die wunderbaren deutschen Autos gelobt, alle Marken wurden aufgezählt, unter anderem Lamborghini. Ebenfalls nicht bekannt war die Tatsache, dass man in Germany German spricht und nicht auf der linken Straßenseite fährt. Ein großes Thema waren selbstverständlich meine unglaublich „white skin“, meine „beautiful high nose“ und meine unerreichte Schönheit ganz allgemein, die nur deshalb als solche bezeichnet wurde, da europäisches Aussehen in China als Schönheitsideal gilt. Wie würde ich denn meine Haut so weiß bekommen, wollten vor allem die Mädchen wissen, die bis dahin eigentlich nur ehrfürchtig geschwiegen hatten. Als ich schließlich etwas kraftlos meiner Meinung Ausdruck verlieh, dass ich es für falsch halte, dass sich Asiatinnen Schönheitsoperationen unterziehen, um nicht mehr wie Asiatinnen auszusehen, erntete ich uneingeschränkte Zustimmung, bin aber nicht sicher, ob die Mädels dabei nicht heimlich an ihren bevorstehenden Termin dachten, bei dem sie sich ebenfalls eine „high nose“ zaubern lassen wollten. Als „high“ bezeichnen Chinesen übrigens eine europäische Nase, deren Erhebung direkt zwischen den Augen beginnt, im Gegensatz zu chinesischen Nasen, die etwas flacher sind und ihren Ansatz etwas weiter unten im Gesicht haben. Über das Kind meiner deutschen Chefin in Tianjin, das sie mit ihrem chinesischen Mann hat, gerieten alle chinesischen Verwandten in helle Aufregung, weil sich beim sofort durchgeführten „nose check“ herausstellte, dass die Kleine Gott sei Dank mit einer „high nose“ gesegnet ist.

Als wir uns schließlich auf den Weg zum Teehaus machten, um dessen Besuch ich einfach nicht herumkam, trabten die beiden Studentinnen brav hinterher, während der Wortführer und sein Kumpel förmlich an mir klebten und jedes englische Wort, das sie von mir lernten, denn das war der einzige Grund, mit mir zu sprechen, begierig aufsogen.
Das Teehaus befand sich in einem Einkaufszentrum an der West Nanjing Road, also tatsächlich gleich um die Ecke, und die Studenten hatten dort einen Raum reserviert, in dem eine Teemeisterin mit uns eine klassische Teezeremonie abhielt. Jetzt konnte der Wortführer zu großer Form auflaufen, denn er wiederholte alles, was die Teemeisterin sagte, für mich auf Englisch. Während das Gespräch bisher von vielen „Anne, how do you say … in English?“ unterbrochen worden war, ich bereitwillig geantwortet und der Wortführer daraufhin jedes Mal unterwürfig mehrmals den Kopf gebeugt, die Handflächen aneinandergelegt und „Ah, thank you, thank you, thank you, thank you“ gesagt hatte, konnte er auf einmal recht flüssig sprechen.
Wir probierten sechs Teesorten, die alle sehr unterschiedlich schmeckten und spreizten dabei Finger ab, schwenkten kleine Schälchen, atmeten schnüffelnd tief ein, sogen Aromen auf, schlossen die Augen, kosteten schlürfend in drei kleinen Schlucken, rollten den Tee im Mund herum, alles wie von der Teemeisterin befohlen und dem Ritual entsprechend.

Gekostet hat der ganze Spaß dann 1500 Yuan (ca. 170 Euro), wovon jeder 300 Yuan übernahm. Eine horrende Summe. Nur mein Zugticket für die 1318 km von Schanghai nach Peking war teurer. Dafür bekam ich aber noch gratis und ungefragt die E-Mail-Adressen meiner vier neuen Freunde.

No slippers!

Drei Tage und ungezählte Absurditäten später fuhr ich mit dem Schnellzug nach Peking, wo ich nicht nur Seepferdchen und Skorpione aß und nahezu allein (in einer Gruppe mit 14 Touristen aus aller Herren Länder) auf der Großen Mauer spazierte, sondern auch das Mao-Memorial besichtigte.

An einem der schwülsten Tage, die ich in China erlebt habe, fand ich mich auf dem Platz des Himmlischen Friedens wieder, auf dem große Anzeigetafeln abwechselnd in Chinesisch und Englisch verkündeten, dass man zwischen 7 und 12 Uhr Mao-Memorial besichtigen konnte. Kosten sollte es nichts, Taschen und Kameras musste man vorher abgeben.

Es war 9.30 Uhr, und ich machte mich auf den Weg zur Taschenabgabe am Tor des Himmlischen Friedens. An einem kleinen Fenster saß eine ältere Chinesin, die mir ein Pappschild entgegenhielt, auf dem zu lesen war: „Do you want to visit this building or the Mao Memorial?“ Ich zeigte auf Mao Memorial, woraufhin sie auf den Preis weiter unten auf dem Schild zeigte: 25 Yuan (ca. 2,80 Euro) sollte die Taschenabgabe kosten. Die eigentliche Taschenabgabe verlief ebenfalls in völligem Schweigen. Über den Trick mit dem Schild war ich richtig begeistert, hatte ich doch in den vergangenen Wochen zu viele gescheiterte Kommunikationsversuche erlebt.

Ich stellte mich in eine von mehreren gar nicht mal so langen Schlangen, die sich zügig bewegten und seitlich um das Mao-Memorial herumführten. In regelmäßigen Abständen standen Polizisten neben den Wartenden und musterten diese ganz genau, also auch mich, von oben bis unten.

Dabei fielen dem Polizisten meine Schuhe auf, auf die er zeigte und mich dabei anherrschte: „No slippers!“ Da ich Flipflops trug, war mir nicht ganz klar, was er mir damit sagen wollte, und ich wollte munter weitergehen.
Doch davon hielt der Polizist nichts und zog mich aus der Schlange der wartenden Chinesen, deren Schuhwerk offensichtlich tadellos und dem Anlass angemessen war.
Meine englischen Erklärungsversuche, dass ich gar keine Slipper, sondern Flipflops trüge, prallten an ihm ab, natürlich, er verstand ja kein Wort. Mein zweites Argument, dass ich außerdem gerade meine Tasche für unglaublich viel Geld abgegeben hätte, enthielt das dem Polizisten bekannte Signalwort „Tasche“, woraufhin er offensichtlich glaubte, ich wolle meine Tasche abgeben, und mich energisch zu einer weiteren Taschenabgabestelle mitten auf dem Platz dirigierte. Nachdem ich diese einmal umrundet hatte und der Polizist wieder in der Menge verschwunden war, stellte ich mich in eine andere Schlange, wo ich natürlich sofort vom nächsten Polizisten ermahnt wurde: „No slippers!“ Ich ließ ein weiteres Mal meine englische Schmährede los und marschierte einfach weiter, ohne mich noch einmal umzudrehen. Anschließend versteckte ich mich immer hinter den vor mir laufenden Chinesen, wenn ich mich einem weiteren der Polizisten näherte, die die Schlange beidseitig auf ihrer gesamten Länge säumten. Außerdem versuchte ich, beim Gehen meine Flipflops nicht zu laut auf den Asphalt klatschen zu lassen, denn dieses unerwünschte Geräusch war vermutlich der Grund dafür, dass „Slippers“, sprich Flipflops, nicht erlaubt waren. Denn nichts sollte die heilige Ruhe des Großen Vorsitzenden stören. Sandalen waren übrigens erlaubt.

Kurz bevor man die Treppe zum Memorial erreichte, musste man noch einmal eine Sicherheitsschleuse wie am Flughafen passieren. Ich wurde gefragt, ob ich ein Mobiltelefon dabeihätte, was ich verneinte, denn das war ja sicher verwahrt in meiner Tasche am Tor des Himmlischen Friedens. Außerdem zeigte der Polizist auf meine Sonnenbrille, die meine Augen verdeckte, und sagte: „No glasses!“ Auf meine Füße schaute er zum Glück nicht, und die Brille setzte ich ab.
Vor der großen Treppe wurden die Wartenden in zwei Gruppen geteilt. Eine lief die rechte, die andere die linke Treppe hinauf und betrat die erste Halle des Memorials dann auch durch die rechte oder linke Tür. Am Fuß der Treppe war ein Blumenstand aufgebaut, wo man jeweils eine einzelne in Folie gewickelte gelbe Gerbera erwerben konnte, um sie dann in der ersten Halle des Memorials der überlebensgroßen Mao-Statue zu Füßen zu legen.
Sobald sie die erste Halle betraten, verstummten die Chinesen, die vorher laut durcheinandergeschnattert hatten, schlagartig. Hier gab es nun keine Polizisten mehr, sondern Soldaten, die die Blumenkäufer in die Mitte zur Statue trieben, damit sie ihre Blume zu den Hunderten, die dort bereits waren, legten. Vermutlich werden die Blumen abends wieder eingesammelt und am nächsten Tag erneut verkauft.
Dann betrat man die zweite Halle, die noch gigantischer war als die erste. Darin befand sich ein großer Glaskasten, in dessen Mitte er in einem Glassarg aufgebahrt lag: Mao Zedong, der Große Vorsitzende, den auch heute noch viele Chinesen verehren, und dessen Porträt nach wie vor zahlreiche Wohnzimmerwände und öffentliche Gebäude im ganzen Land schmückt. Mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen lag er da, bedeckt von einer chinesischen Flagge, das Gesicht von ihn umgebenden Lampen unnatürlich gelb angestrahlt.
Um einen Blick auf Maos Leiche oder seine Wachsfigur (Gegenstand zahlreicher Spekulationen) zu werfen, blieben gerade einmal zwei Sekunden, dann bedeuteten einem die Soldaten, schnell weiterzugehen. Ich wäre gern noch länger geblieben und hätte die Reaktionen der Chinesen beobachtet. Immerhin sah ich, wie einige Eltern ihre Kinder auf den Arm nahmen, damit sie besser sehen konnten.

Auf der Treppe, die vom Memorial wieder auf den Platz führte, setzte sogleich das Geschnatter wieder ein, die heilige Stille war vorbei, so plötzlich, wie sie eingesetzt hatte.
Natürlich waren hier mehrere Verkaufsstände mit Mao-Memorabilia aufgebaut.
Eine alte Frau wedelte mit einem Glücksbringer, der Maos Konterfei zeigte, vor meinen Augen herum und redete eindringlich auf mich ein. Ich zuckte hilflos mit den Schultern und sagte „Wǒ bù dǒng!“, so wie es mir Bluesky Chen einige Tage zuvor in Schanghai beigebracht hatte.
Und das war nicht das Einzige, das ich nicht verstand in diesem großen Land …

Wǒ bù dǒng!

China verstehen – so hieß das Buch, das mir mein Kollege Zhang Peng beim Abschied am Bahnhof von Tianjin in die Hand drückte, bevor ich in den Zug nach Schanghai stieg. Habe ich das Land in den neun Wochen, die ich in China verbrachte, verstanden? Nein, aber jetzt bin ich so fasziniert davon, dass ich es besser verstehen möchte.

Dieser Beitrag nimmt an der Wahl der besten Reiseberichte China teil.

Aktuelle Jury-Wertung: 2,25

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Annegret Schenkel