Colorado Plateau – Indianerland und Naturparks (Teil 1)

Capitol Reef National Park

TEIL I: VON MOAB NACH MEXICAN HAT

 

Capitol Reef National Park / Utah

Es ist ein wüstenartiges Hochland, fast so groß wie Deutschland. Wind und Regen modellierten in Millionen von Jahren die ockerfarbenen Sandstein-Mesas aus der Steinfläche heraus, und Flüsse schürften tiefe Canyons hinein. Eine Anzahl der schönsten Naturparks unseres  Planeten sind hier zu bewundern. In den Rocky Mountains entspringt der Fluss, der dem Plateau seinen Namen gab: der Colorado River.

Eine Quelle des Patriotismus der Amerikaner ist die Liebe zu ihrem Land, zu ihren weiten, einsamen und wilden Landschaften, zu ihren Wüsten, wo sie noch den Atem der Abenteurerzeit zu spüren glauben, einer Ära, in der die Siedlertrecks durch die Wildnis nach Westen vordrangen. Die Nachkommen der Pioniere von damals sind heute mit Wohnwagen, Wohnmobilen, Geländewagen, Motorrädern und sonstigem fahrbaren Gefährt unterwegs – die Vorfahren trieb ihr Traum von einer neuen Existenz, die Menschen heute, ihre Sehnsucht der Uniformität der Städte zu entfliehen und die Einmaligkeit der Natur zu erleben. Den Schutz der urtümlichen Naturwelten lassen sich die Amerikaner auch einiges kosten. Nirgendwo sonst auf unserer Erde gibt es mehr Naturparks als in den Vereinigten Staaten. Der National Park Service verwaltet eine Fläche von etwa  340.000  Quadratkilometern, nahezu die Größe Deutschlands. Das wüstenhafte Colorado Plateau, mit seinem Reichtum an Landschaftsformen und Farben, ist für Naturschutzgebiete wie geschaffen.

Goblin Valley State Park / Utah

 

Vor vierzig Millionen Jahren

Fast im Mittelpunkt des Plateaus liegt das  Four Corners Monument, der einzige Ort in den Vereinigten Staaten, an dem vier Bundesstaaten aneinandergrenzen: Utah, Colorado, New Mexico und Arizona. Das Plateau ist die Oberfläche eines kolossalen Blocks aus Gesteinsschichten verschiedenen Alters. Das Gebiet war seit dem Erdaltertum, vor über  500  Millionen Jahren, immer wieder von Meeren bedeckt, auf deren Grund sich Sedimente ablagerten. Während der Aufwölbung der Rocky Mountains, vor 40 bis 80 Millionen Jahren, wurde auch das Colorado Plateau emporgehoben, dabei zerbrach es in viele Einzelplateaus. Die großen Temperaturunterschiede des Wüstenklimas beschleunigten die Verwitterung, der Fels zerbröselte und die Erosion besorgte den Abtransport des Schutts durch Wasser und Wind. Flüsse, wie der Colorado-, der Green- und der San Juan River gruben im Laufe der Jahrmillionen imponierende Canyons in die Landschaft.  So entstand schließlich die Landschaft, wie wir sie heute sehen, mit den Tafelbergen, die auf Spanisch Mesas heißen, mit den Felsnadeln und Canyons – und  einem fantastischen Reichtum an Formen und Farben. Geologen nehmen an, dass das Plateau vor 40 Millionen Jahren um etwa 800 Meter höher als heute war. Dieser Nivellierungsvorgang ist auch heute noch nicht abgeschlossen. Wenn die Naturkräfte weiterhin so wirken, dann ist das Plateau nach Hochrechnungen der Wissenschaftler in etwa 40 Millionen Jahren wieder eingeebnet.

Die Geologen denken in Zeiträumen unvorstellbarer Größe. Aber was kann man sich schon unter 40 Millionen Jahren vorstellen? Im Zeitalter der Relativitätstheorie ist auch ein anderes Zeitsystem denkbar. Wenn wir beispielsweise die Zeitspanne von der geschätzten Entstehung der Erde, vor etwa 5 Milliarden Jahren bis heute, auf 1 Tag mit 24 Stunden projizieren, dann sind das nur etwas mehr als 11 Minuten – den heutigen Menschen, den „homo sapiens“, würde es erst seit 2 Sekunden geben.

 

Canyonland Nationalpark, Utah

 


Arches Nationalpark, Utah

Nationalparks und die Große Stiege

 

Im Norden und Osten begrenzen die Rocky Mountains das Plateau, im Süden der Mogollon Rim und im Westen das Great Basin; die Hocheben liegt im Schnitt  um die 2.000 Meter hoch und erstreckt sich über eine Fläche von über 330.000 Quadratkilometern, beinahe so groß wie Deutschland. Die meisten der bekanntesten Naturschutzgebiete im Südwesten der Vereinigten Staaten liegen auf dem Colorado Plateau: im Norden Capitol Reef, Arches und Canyonlands; im Südwesten und Westen eine imposante Galerie der Naturwunder: The Grand Staircase – Die Große Stiege.  Drei der spektakulärsten National Parks liegen auf dieser Treppe: Grand Canyon, Zion und Bryce Canyon.  Es ist in der Tat eine Folge von Stufen erkennbar, geformt aus Terrassen und Steilabfällen, die durch die verschiedenen Gesteinsschichten gebildet werden. Die erste und unterste Stufe im Süden beginnt im Flussbett des Colorado Rivers im Grand-Canyon und wird vom Kaibab-Plateau und den Nordabfall in den Canyon gebildet. Es ist erdgeschichtlich die älteste Schicht, die Geologen nennen sie auch „Schokolade- Schicht“ wegen ihres schokoladefarbenen Gesteins. Der Zion Canyon ist in Nord-Südrichtung in eine weiße Schicht der Riesenstiege eingeschnitten, daher haben die Berge des Zion Parks auch diese charakteristische fahl-graue Farbe. Im Norden bilden das Paunsaugunt Plateau und die Pink Cliffs, wie der Hang im Osten zum Bryce Canyon hinunter heißt, die letzte und oberste Stufe der Treppe, sie ist erdgeschichtlich die jüngste. Der Anfang dieser Riesentreppe, der Colorado River, liegt auf einer Seehöhe von etwas über 700  Metern, die höchsten Erhebungen des Paunsaugunt Plateaus reichen an die  2.800  Meter heran – dazwischen liegen über 200 Kilometer Luftlinie. Die Gesteinsschichten verlaufen jedoch auf den monumentalen Treppen nicht waagrecht, sondern wölben sich  auch schon auf den unteren Stufen in große Höhen auf, das Kaibab-Plateau etwa liegt teilweise schon auf über 2.800 Metern. Das ist noch nicht alles, was uns das Colorado Plateau zu bieten hat. Es  kommen noch zahlreiche National Monuments und State Parks dazu – und das größte Indianerreservat der Vereinigten Staaten, die Navajo Reservation.

Wilson Arch, Utah

 

Am San Juan River

 

 

Der Ort Mexican Hat erlebte Ende des 19. Jahrhunderts einen Ansturm von Abenteurern, die nach Gold und Öl suchten. Heute leben weniger als 100 Menschen ständig hier. Der kleine Flecken am Ufer des San Juan Rivers, im südöstlichen Teil

Utahs nahe der Grenze zu Arizona, besteht nur aus einigen Tankstellen und mehreren Motels. Seinen Namen bekam er von einem Felsturm, dessen Kuppe wie ein mexikanischer Sombrero ausschaut. Das alles klingt nicht besonders einladend – doch vielen Besuchern geht es so wie mir: Dieser Platz bleibt als etwas Besonderes im Gedächtnis haften. Rundherum wüstenartige, einsame Landschaft, und bei Dunkelheit strahlt über dem silbern funkelnden San Juan River ein Sternenmeer, zum Greifen nahe, wie man es nur in der klaren Luft der Wüste erleben kann.

 

Ein Patriot aus Arizona

 

Das Motel San Juan Inn liegt direkt am Fluss, die Rezeption ist in einem geräumigen mit Holz getäfelten Ausstellungsraum für indianisches Handwerk untergebracht. In einer Ecke steht eine schon ziemlich mitgenommene Ledersitzgarnitur, gemütlich, und am Abend meistens besetzt. Hier kann man die neuesten Informationen über den Zustand des einen oder anderen Offroad-Trails erfahren.

David aus Tucson in Arizona, ihm gehört das chromfunkelnde Motorrad-Ungetüm vor der Tür, erzählt gerade über seine Tagestour. Von Moab in Utah sei er heute schon um sieben Uhr früh weggefahren, für ihn ist dieses Städtchen das Mekka aller Motorrad-Enthusiasten. Und dann schildert er begeistert seine Tour: – Kurz nach Moab sei er zum Wilson Arch, einem gigantischen Sandsteinbogen, hinaufgeklettert; bei einem Abstecher in den Canyonland Nationalpark hätte er  dort nach einem mühsamen Fußmarsch den Zusammenfluss des Green Rivers mit dem Colorado River fotografiert; nachmittags sei er von der 191er auf die 95er nach Westen  abgebogen und hätte die imposanten Steinbögen im Natural Bridges  National Monument besucht; und schon am späteren Nachmittag,  sei er auf dem Cedar Mesa Plateau auf der 261er nach Süden gefahren und zum Moki Dugway gekommen, einem großartigen Aussichtpunkt: Das Plateau endet hier an einer 300 Meter hohen Felswand, an der sich die staubige Schotterstraße nach unten  schlängelt, der Blick auf das San Juan County hinunter ist grandios;  Mexican Hat ist  vom Moki-Dugway-Ausblick nur mehr etwa 15 Kilometer Luftlinie entfernt – jetzt ist er rechtschaffen müde und nach einem oder auch zwei Bier wird er schlafen gehen. –  David ist mit seinem Vollbart, den langen Haaren, dem Kopftuch, in den Farben Arizonas blau-rot-gold, das er nach Art der Seeräuber am Hinterkopf zusammengebunden hat und seiner ärmellosen Pelzjacke eine abenteuerlich aussehende Gestalt, und doch gehört er zu dieser Landschaft. Er ist mächtig stolz auf sein Land – da kommt zuallererst Arizona und  erst danach die Staaten. Zum Schluss verkündigt er allen, die weiter nach Süden wollen eine phantastische Zeit im schönsten Land der Welt – in Arizona.

 

Mexikanisches Frühstück

 

 

Am nächsten Tag verheißt der sonnige Morgen einen wolkenfreien Tag mit bester Sicht. Es ist erst 8 Uhr früh. Die gemütliche, zum Motel gehörige, Old Bridge Bar & Grille scheint eine beliebte mexikanische Kneipe zu sein, denn das Lokal  ist schon ziemlich voll; nicht nur Motel-Gäste, sondern auch Einheimische verkehren hier.

Schon zum Frühstück gibt es mexikanische Kost: „Huevos Rancheros“, das sind gebratene Maistortillas mit Spiegelei, geriebenem Käse und Zwiebeln – das wird für eine Weile reichen. Betrieben wird das Lokal von Navajo-Frauen, und es funktioniert alles wie am Schnürchen, sie kommen jeden Tag in der Früh aus dem Navajo-Reservat, das gleich am gegenüberliegenden Ufer des San Juan Rivers beginnt.

In der gemütlichen Westernkneipe vergeht die Zeit wie im Flug. Die meisten Frühstücksgäste haben das Lokal schon verlassen. Auch für mich ist es Zeit aufzubrechen. Heute wartet eines der berühmtesten und lengendenhaftesten Gefilde des Wilden Westens auf mich – das  Monument Valley. 

 

Franz Haslinger

Mexican Hat, 08/2008

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Franz Haslinger