Die Stadt meiner Träume

Vom Aufwachen in New York bis zum Schlafengehen in San Francisco sind insgesamt 20 Stunden vergangen. Um 3 Uhr nachts nach NY-Zeit, also um Mitternacht nach der Ortszeit von San Francisco, kommen wir endlich hundemüde im Hotel Hyatt an der Fisherman’s Wharf an.

Wie in New York, steht auch am Anfang unseres Aufenthaltes eine geführte Stadtrundfahrt auf der Tagesordnung. Auch diesmal haben wir eine gute Stadtführerin. Sie ist eine Landsfrau, die vor vielen Jahren hierher ausgewandert ist.

Unsere Tour durch die Stadt verläuft wie folgt: Fisherman’s Wharf, Washington Square, Hyde Street, Chinatown, Union Square, Old St. Mary’s Cathedral, Bankenviertel, City Hall, Opera House, Symphony Hall, Alamo Square (viele alte viktorianische Häuser), Twin Peaks, Castro (Little Switzerland, da sehr hügelig), Height Ashbury (früher Hippies, heute Yuppies), Golden Gate Park, Presidio, Golden Gate Brücke, Sausalito, dann an der Küste entlang zurück zum Hotel.

Die Stadt übertrifft an Schönheit alle meine Erwartungen. Was für eine Prachtstadt! Ich habe bereits das Glück gehabt in drei schönen Städten ähnlicher Größe gelebt zu haben. Alle diese Städte (Budapest, Wien, München) verfügen über prächtige Bauten, Parkanlagen, über Berge (oder zumindest eine Bergsicht bei Föhn), sowie über einen Fluss mit etlichen hübschen Brücken.

San Francisco besitzt keinen Fluss mit Brücken. Anstelle eines Flusses gibt es hier die fantastische San Francisco Bucht. Anstelle von vielen Brücken „meiner Städte“ stehen hier „nur“ zwei. Eine davon ist die „BRÜCKE“ schlechthin, die Golden Gate Bridge. Sie ist die berühmteste Hängebrücke der Welt und das Wahrzeichen von San Francisco. Majestätisch schwebt sie in 67 Metern Höhe über dem Eingang der Bucht. Der Brückenkörper und die beiden haltenden Pilonen sind rotbraun. Letztere ragen wie zwei Himmelsleitern in die Höhe (227 m hoch). Sie stehen
1,28 km voneinander entfernt, die Gesamtlänge der Brücke beträgt
2,8 km. Sie ist begehbar und abends festlich angeleuchtet. 1937 wurde sie unter der Leitung von Chefingenieur J.B. Strauß fertig gestellt, der sich dazu wie folgt geäußert hat: „Es brauchte zwei Jahrzehnte und 2000 Millionen Worte, die Leute vom Nutzen der Brücke zu überzeugen, aber nur vier Jahre und 35 Millionen Dollar, sie zu bauen.“ (Diese Summe entspricht in heutiger Kaufkraft von 500 Millionen Dollar).

Die zweite Brücke, die Bay Bridge ist ebenfalls eine Meisterleistung der Ingenieurkunst. Sie ist insgesamt 8,3 km lang und sogar 1 Jahr älter als ihre „kleine“ Schwester. Sie besteht aus zwei Hängebrücken und einer Fachwerkbrücke, die miteinander verbunden sind. Doppelstöckig überspannt sie die Bucht zwischen San Francisco und Oakland mit einer Zwischenlandung auf der Insel Yerba Buena. Leider ist sie nicht begehbar, wie ihre Brückenschwester, daher nicht so berühmt und bewundert. Oben fahren die Fahrzeuge nach San Francisco und unten nach Oakland. Nachts ist sie sowohl durch die Fahrlichter des Durchgangsverkehrs als auch durch Lichterketten beleuchtet.
Es fehlen noch die Berge in San Francisco im Vergleich zu „meinen“ Städten. Man wird dafür mit einer Anzahl von Hügeln (Hills) „entschädigt“. Meines Wissens nach gibt es über 40 Hills mit einer Höhe von 60 – 280 m. Viele davon sind im oberen Bereich unbebaut. Dort befinden sich öffentliche Grünflächen mit Wiesen und altem Baumbestand. Die Anwohner können hier Picknick machen, spazieren, Hunde ausführen, Drachen steigen lassen oder Joggen, je nach Lust und Laune. Das finden wir super. Elegante viktorianische Häuser sieht man in den tieferen Hügellagen. Von den zwei höchsten Hügeln, den Twin Peaks, hat man einen fantas-tischen 360° Panoramablick. Am liebsten würden wir uns hier bis zum Abend aufhalten, um die Stadt bei Nacht zu sehen. Die Reiseleiterin ruft nach uns, wir fahren also weiter.
Weitere Höhepunkte unserer Tour sind die Busfahrt zur Golden Gate Bridge, sowie die Fahrt über die Brücke nach Sausalito. Dieses Hafenstädtchen war früher ein Hippieviertel, heute ist es ein exklusiver Wohnort mit schönem Blick auf die Bucht vor San Francisco. Unsere Stadtführerin bewohnte hier, zusammen mit anderen Künstlern und Studenten, damals ein Hausboot direkt überm Wasser. Sie kriegt noch heute glänzende Augen, wenn sie sich an diese tolle Zeit erinnert. Mehr über die Schönheit dieser Stadt erzähle ich nicht. F.s.d.h.®-Prinzip.
Nach der Rundfahrt bekommen wir Lust auf mehr. In unserem New Yorker Hotel hatten wir das auf Anhieb sympathische Paar Inge und Rainer kennen gelernt. Rainer hat in seinem Leben schon viel geschuftet. Aber er hat rechtzeitig erkannt, dass es genug ist und ging vor ein paar Monaten in den Ruhestand. Seither ruht er „in sich“, wie seine bessere Hälfte immer schon. Zu Inges unerschütterlicher, innerer Ruhe passt gut die nach außen gerichtete Umtriebigkeit. Diese äußert sich in vielen, schönen Reisen, die die beiden in den letzten Jahren gemeinsam unternommen haben. Mit ihnen und der „Fliegercrew“ Anne und Ralf starten wir nun zu sechst zu den Piers, die sich unweit von unserem Hotel befinden. Wir, die “Bordbesatzung“, stellen bald fest, dass die neu zugestiegenen „Insassen“, also Inge und Rainer, tolle Typen sind, mit denen man Pferde stehlen kann. Oder aber gut essen, da sie meistens Hunger haben. Wie wir jetzt übrigens ebenfalls. Die Gerüche der Krabbenküchen am Fisherman’s Wharf ziehen uns unwiderstehlich an. Wir fackeln nicht lange. Bald speisen wir gemeinsam und zufrieden die vielgepriesene Krabbensuppe und spülen reichlich mit Bier nach.
In dieser gelockerten Atmosphäre entsteht nun unser „6-er Pack“ für die Dauer der Weltreise (und auch danach). Wir wollen gemeinsam die Welt sehen, essen, trinken, lachen, jetzt und für die „Ewigkeit“. (Ralf möchte auch noch fliegen, am besten tagtäglich, wir anderen eher seltener).
Als Schnapsidee erweist sich unser Wunsch gleich Cable Car fahren zu wollen. Die Warteschlange an der Station ist enorm. Wir geben dieses Vorhaben für heute auf und gehen mit Inge und Rainer zu viert zurück zu den Piers. Dort trennen sich unsere Wege nochmals. Die Frauen gehen zielstrebig zum Giradelli Square, um dort zu shoppen. Rainer und ich dagegen schlendern an der Bucht entlang zum Aquapark und weiter zum Municipal Pier. Hier haben wir einen guten Ausblick auf die Insel Alcatraz, die Skyline der Stadt, Möwen und Kormorane, beobachten einen verspielten Seelöwen, Kite-Surfer in der Ferne, sowie einige Langstre-ckenschwimmer in der Nähe. Brrrr!
Das Letztere wäre nichts für uns bei der geschätzten Wassertemperatur von 14-15° C. Dazu noch Wind und Wellen. Nach einiger Zeit treffen wir die Frauen wieder und helfen ihnen beim Tragen diverser Einkaufstüten ins Hotelzimmer zurück.

Inzwischen ist es Abend geworden. Die Luft ist kühl und es nieselt leicht. Wir ziehen uns wetterfest an und gehen zum Pier 39. Dort sehen wir uns die an der Anlegestelle lümmelnden Seelöwen an. Nett, aber der Gestank ist fürchterlich. Nachher spazieren wir zwischen den Geschäften, Souvenirläden und den zahlreichen Fischrestaurants in Piernähe. Inge und Rainer haben rein zufällig wieder Hunger. Das trifft sich gut, weil es uns auch so geht. Also zurück zu den Piers. Wir setzen uns einfach an einen Tisch im Freien bei Fisherman’s Grotto. Die Veranda wird zum Glück per Strahler von oben erwärmt. Hier vertilgen wir gemütlich eine Unzahl von Krabben und Shrimps mit Pommes und schicken fleißig Bier und Weißwein hinterher. So lässt es sich doch aushalten, hier in der Fremde, die uns bereits jetzt nicht mehr fremd, sondern vertraut erscheint.

Alexander Fonth ist „In 41 Tagen um die Welt“ – die Berichte zu den weiteren 40 Reisetagen finden sich in seinem nagelneuen Buch

Alexander Fonth