Ein prall gefüllter Fausthandschuh – Michigan

…oder Pferdestärken ohne Pferde

Pure Michigan

Pure Michigan

Das Bild des Fausthandschuhs bietet sich an, wenn man die Landkarte vom Süden her betrachtet. Und wie ein Deckel wölbt sich dann die nördliche Halbinsel, die sogenannte „Upper Penisula“, kurz nur „U.P.“ genannt, über die Fingerkuppen.

Auffallend viele Einwohner mit finnischen Wurzeln sind auf ihr anzutreffen. Gewürdigt wird diese historische Entwicklung nicht zuletzt durch die große Universität „Finlandia“ in Houghton.

Glückliche Wendung

Eigentlich wollten die Michiganer diesen als „unfruchtbare Wüste“ gebrandmarkten Landstrich überhaupt nicht haben. Sie mussten ihn jedoch als Trostpflaster in einem Gebietstausch für die südliche Stadt Toledo mit Ohio akzeptieren. Wie sich aber schnell herausstellte, entpuppte sich der Deal bald als Goldgrube, besser gesagt als äußerst ertragreiches Kupferabbaugebiet. Ortsnamen wie Copper Harbor zeugen noch heute von dem ehemals lohnenden Bergbau um die Jahrhundertwende (19./20.Jh.). Dieses Erbe wird bis heute museal bewahrt z.B. in den Freiluftmuseen von „Old Victoria“ bei Rockland, besser noch,  da inklusive Schachtbegehung,  im „Keweenaw National Historical Park“ in Houghton.

Heute lebt die „U.P.“ aber überwiegend vom Tourismus. Und sie hat ja auch mächtig viel zu bieten. Die gesamte Halbinsel erscheint wie ein einziger großer Wald, unterbrochen nur durch zahlreiche Seen, und natürlich das Südufer des Lake Superior mit seinen endlosen Sandstränden. Die Küstenorte haben sich wunderschön herausgeputzt und bieten dem Reisenden ein buntes Programm an Naturerlebnissen nebst vielerlei anderen Aktivitäten.

Einige Besonderheiten wollen wir hervorheben, wie z.B. den „Pictured Rocks National Lakeshore Park“ bei Munising. Eine hervorragende dreistündige Bootstour führt entlang dieser Bildern gleichen Felsformationen.

Kirchenväter als Siedler

Natürlich war auch vor den europäischen Siedlern das Land bewohnt von den verschiedenen Indianerstämmen. Aber nicht alle europäischen Besiedlungsaktivitäten waren auf Verdrängung der Urbevölkerung ausgerichtet.

Ein positives Beispiel lieferte hierzu der Jesuitenpater „Père Marquette“. Er stellte Hilfsangebote an die einheimische Bevölkerung in den Vordergrund, ohne dabei intensives Missionieren zu vergessen. Seine Reisen und sein Auftreten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sind bei dem größten der Indianerstämme, den Ojibwas, offensichtlich auf so fruchtbaren Boden gefallen, dass die Ojibwas sein Andenken auch heute noch ehren. In St. Ignace, direkt am südlichen Übergang zum „Michigan-Festland“ legt ein „Ojibwa Culture Museum“ hiervon Zeugnis ab, welches integriert ist in den „Marquette Mission Park“ mit Statue, Grabmal und einem Nachbau der ehemaligen Predigtstätte von „Father Marquette“ .

Weit blickt er über den Lake Superior, der katholische „Snowshoe Priest“ und spätere „Bishop Baraga“. In dem Örtchen L‘Anse hat man ihm zu Ehren eine riesige Statue errichtet, so hoch wie ein sechsstöckiges Haus. Dieser „Mann Gottes aus Slowenien“ aus der ersten Hälfte des

Snowschoe Priest in L'Anse

Snowschoe Priest in L’Anse

19. Jahrhunderts hat nicht nur erfolgreich viele damalige Indianerstämme zum Christentum bekehrt, er schrieb für die Ojibwa-Indianer auch eine heute noch verwendete Grammatik. Seine Missionsarbeit ließ ihn mangels anderer Möglichkeiten winters bis zu 700 Meilen auf Schneeschuhen (daher sein Spitzname) umherziehen, um in seine Gemeinden zu gelangen. Das Areal um die Statue, ein kleiner Park, hat sich zu einem Wallfahrtsort entwickelt.

Bei der Lektüre des offiziellen Flyers, erstellt durch die kirchliche „Bishop Baraga Foundation“ rieben wir uns allerdings die Augen, war dort doch zu lesen – Zitat: „Frederic Baraga, geboren am 29. Juni 1797 in Slowenien, einer ehemaligen österreichischen Provinz, nunmehr in Jugoslawien gelegen,……“ Oh,oh,oh! Was die Slowenen wohl dazu sagen würden, sind sie doch bereits 2004 der Europäischen Union beigetreten. Und Jugoslawien hörte bekanntermaßen ja auch bereits 2003 auf zu existieren.

Doch lassen wir die hohe Politik. Es gibt so viel anderes Erlebens- und Berichtenswertes auf und von unserer Tour.

Begegnungen

So kamen wir an einem der bezaubernden Sandstrände des Lake Superior mit einem amerikanischen Ehepaar ins Gespräch. Sie wussten voller Begeisterung und Stolz zu erzählen, dass sie im Mai diesen Jahres eine zehntätige Deutschlandrundtour per Bus unternommen hätten: Zwei Tage München zu Beginn, dann über Passau nach Linz und Wien, anschließend ging es weiter nach Prag und zurück schließlich per Flugzeug in die USA  ab Bratislava! Ja, ja! So manche topografische Kenntnis ist beim Flug über den Atlantik wohl buchstäblich im „Großen Teich“ versunken.

Ganz anders hingegen die Unterhaltung mit Jo Baurman, einem Angehörigen des Siouxstammes (gesprochen: Sju), der ca. 1980 für einige Zeit mit der „Army National Guard“ Deutschland besuchte. Seine präzisen Ortskenntnisse über Deutschland waren äußerst erstaunlich. So wusste er auch zu berichten, dass Michigan in etwa die Größe Deutschlands hat.

Sehr lebendig schilderte er uns Alltagseindrücke, wie er sie erlebt und empfunden hat. An einer Imbissbude z.B. reichte man ihm für den Verzehr einer  Bratwurst Messer und Gabel, was für „finger food“ erprobte Amerikaner mehr als seltsam ist. Begrüßungszeremonie mit Umarmung war ihm gleichfalls fremd, und er hätte große Schwierigkeiten gehabt, so erzählte er, sich daran zu gewöhnen. Als sehr eindrucksvolles Zeichen von Respekt bezeichnete er, dass in öffentlichen Verkehrsmitteln und auch zu anderen Gelegenheiten älteren Menschen von jüngeren der Sitzplatz angeboten wird. Diese Geste kenne er von seinem Heimatland gar nicht und würde sie sich wünschen.  Eigentlich schwärmte er nur von seinem ehemaligen Gastland.

Bärenvater Dean Oswald

Bärenvater Dean Oswald

Eine baumstarke Bärenliebe

Von eigener innerer Überzeugung geleitet, präsentiert sich Dean Oswald mit seiner  „Oswald’s Bear Ranch“ nahe der Stadt Newberry. Dean freute sich, dass er seine deutschen Sprachkenntnisse in unserem Gespräch aufpolieren konnte. Er war zwar nie in Deutschland gewesen, das Erlernen unserer Sprache mit Hilfe eines Buches und entsprechendem Audiomaterial bereitet ihm aber immer noch große Freude. Erstaunlich, wie gut er sich auf Deutsch ausdrücken konnte, obgleich er bei seiner Bescheidenheit immer mal wieder den Satz fallen ließ: „Ich brauche einen Übersetzer“.

Schwarzbär auf dem Gnadenhof

Schwarzbär auf dem Gnadenhof

Was bei uns in Norddeutschland der „Storchenvater“ ist, kann man hier getrost „Bärenvater“ nennen.  Vor nunmehr rund 30 Jahren brachte ihm, dem heute 78-Jährigen die Michigan Naturschutzbehörde (DNR – Department of Natural Resources) ein  verwaistes Bärenjungtier. Natürlich zog er es mit der Flasche groß. Und wie es so ist im Leben, gute Beispiele sprechen sich schnell herum. Bald wurde ihm ein zweites Junges gebracht, dann ein drittes usw. usw. Mittlerweile beherbergt seine Ranch rund 30 Schwarzbären jeden Alters und Größe, gleichfalls auch eine Art „Gnadenhof für Bären“. Betrieben wird das Anwesen als reiner Familienbetrieb. Alle haben ihre festen Aufgaben, einschließlich der Urenkel. Die State-Regierung zahlt ihm zwar Futtergeld für die Tiere, alles andere aber muss er erwirtschaften durch Eintrittsgelder und Spenden. Wir waren beeindruckt von der Tatkraft, dem optimistischen Schaffensgeist und der Lebensfreude dieses Mannes.

Sommerfestivals

Blueberry Brunch

Blueberry Brunch

Jetzt im Sommer ist die Saison aller Art besuchenswerter Festivals, einerseits die musikalischen, andererseits die volkfestähnlichen. Ein kleiner Ort mit Namen Paradise (!) und Zusatzbezeichnung „Capital of Blueberries / Blaubeerhauptstadt“ lädt an jedem dritten Wochenende im August ein zum „Wild Blueberry Festival“. Für nur sechs Dollar ersteht man den „Blueberry Brunch“ mit leckeren „Blueberry Pancakes“, jede Menge „Blueberry Pies“ und meterlange Tische voller Blaubeerkuchen. Eingerahmt ist diese Schlemmerei in einen     Kunsthandwerkermarkt mit auffallend vielen handgeschnitzten und geschmiedeten Kunstwerken. Ein passender musikalischer Rahmen von Künstlern aus der Region durchgeführt  lässt auch diese Seite nicht zu kurz kommen.

Etwas südlicher dann, auf dem „Michigan-Festland“, in Traverse City gibt es das Pendant. Das Ganze dreht sich dann lediglich um Kirschen, denn die Stadt, umgeben vom Lake Michigan und weitläufigen Obstplantagen nennt sich natürlich „Cherry Capital“.

Das Land zwischen den Meeren

Eigentlich ist dieser Slogan ja für Schleswig-Holstein reserviert. Aber er trifft auf Michigan ebenso gut zu, so dass wir ihn gern hinzuziehen. Er gilt sogar noch mehr als in unserem nördlichsten Bundesland. „Schleswig-Holstein meerumschlungen…“ heißt es wegen der Westseite mit der Nordsee und der Ostseite mit der Ostsee. Bis hierhin ist es identisch. Auf der Westseite liegt der Lake Michigan, auf der Ostseite der Lake Huron. Doch Michigan hat quasi als Deckel im Norden den Lake Superior. Das sind zwar alles Seen, aber von den Ausmaßen her wahre Meere. Nicht umsonst heißen die entsprechenden Museen auch „Maritime Museum“, sprich „Meeresmuseum“.

„Great Lakes – Unsalted! Shark Free! / Die Großen Seen – Ungesalzen! Frei von Haifischen!“ Wem dieser Slogan besser gefällt,… Wir haben ihn überprüft. Er entspricht der Wahrheit. Eigentlich bilden die fünf Seen – das größte Süßwasserreservoir der Erde –  ja lediglich einen einzigen See, mit der schmalen „Mackinaw Straße“. Beim Handschuh ist diese Wasserstraße dort, wo der Mittelfinger sitzt. Sie trennt „U.P.“ vom Michigan Festland.   Rund 1.000 Meilen ragt die Seenplatte vom St. Lorenz Strom ins Binnenland hinein. Die Niagara-Fälle werden geschickt durch den ca. 230 Meilen langen Erie-Kanal umschifft.

Sonnig, friedlich, im Morgen- wie im Abendlicht rötlich schimmernd,  erleben wir die Seen. Um jeden herum ist  ein eigener „Lake Circle Trail“, also jeweils eine landschaftlich besonders schöne Rundstraße ausgeschildert.

Boat Launch Übernachtungsplatz am Michigan See

Boat Launch Übernachtungsplatz am Michigan See

Hier flechten wir einen Übernachtungstipp für Campground resistente Wohnmobilisten ein. Nicht nur an den großen Seen, aber hier besonders häufig, folge man den Hinweisschildern „Boat Launch“ oder „Boat Landing“ bzw. „Public Access“. Nach wenigen Kilometern stößt man stets auf einen idyllischen Parkplatz mit Bootsrampe. Solche Plätze inklusive fre

zugänglicher Badestelle sind immer recht gut ausgebaut, da sie ja auch als Parkplätze für Autos mit Bootsanhängern dienen. Und keine Angst, wenn da noch einige Autos stehen. Diese sind in der Regel mit Einbruch der Dunkelheit weggefahren. Kein künstliches Licht, kein Verkehrslärm, vor dir einen unbeschreiblichen, einzigartigen Sonnenuntergang, das kann ein Campingplatz kaum bieten. Und mit etwas Glück hat man dir auch noch einen Wasserhahn, ein Toilettenhäuschen und einen „Firepit“, also einen Ring für Lagerfeuer gebaut.

Lauernde Gefahren

Wenn man diese Great Lakes so paradiesisch wie wir erlebt, mag man an die in ihnen lauernden Gefahren kaum glauben. Aber die Seen können wohl zur wahren Hölle werden. Nicht umsonst sollen in den letzten 400 Jahren rund 6.000 (!) Schiffe untergegangen sein. Besonders heftig schlug das Untergansschicksal in der Periode 1825 bis 1925 zu, dem Zeitraum der Umstellung von Holzschiffen auf stählerne Giganten und damit auch eines heftigen Anwachsens des Schiffsverkehrs. Insofern spricht man vom „ Shipwreck Century“, also dem Jahrhundert der Schiffswracks. Auffallend schwere Havarien gab es jeweils im Monat November. Hierin liegt wohl auch der Grund, warum die Ufer der Great Lakes  gleichsam zugepflastert sind mit Leuchttürmen. Allein der Lake Michigan beherbergt 103 solcher Türme: Insgesamt an allen Großen Seen beläuft sich die Anzahl auf gut 500. Mit der Entwicklung der GPS-Navigation haben die Leuchttürme zwar zum großen Teil ausgedient. Glücklicherweise werden die meisten von ihnen aber als „Heritage Site“, d.h. museal erhalten, oftmals mit der Möglichkeit, sie zu besteigen.

Schiffswrack - Huron See

Schiffswrack – Huron See

Kommen wir zurück auf die Schiffwracks. In Alpena, einer kleinen Stadt am östlichen Lake Huron  – und nicht  nur dort – werden sogenannte „Glass Bottom Boat Tours“ entlang der „Shipwreck Alley“ angeboten. Durch den Schiffsboden aus Glas sind in dem kristallklaren Wasser dann nicht wenige Wracks mit bloßem Auge auszumachen, eine lohnende zweistündige Rundtour.

Die schlafende Bärenmutter

„Auf der Flucht vor einem verheerenden Waldbrand durchschwamm eine Bärenmutter mit ihren beiden Jungen den Lake Michigan von Osten nach Westen. Die Bärin schwamm voraus, die beiden jungen folgten ihr, so schnell sie konnten. Als die Bärin das rettende Ufer erreicht hatte, kletterte sie auf eine Düne, um dort auf ihre Kinder zu warten.  Über dieses Warten schlief die Bärenmutter ein. Und sie schlief und schlief und schlief und träumte davon, dass ihre Jungen bereits an Land seien.  Doch die Kraft der Bärenkinder reichte nicht aus, um das rettende Ufer zu erreichen. Sie ertranken. Schlafend wartet die Bärin auch heute noch hoch oben auf der Düne auf die Ankunft ihrer Kinder.

Sleeping Bear Dunes am Michigan See

Sleeping Bear Dunes am Michigan See

Jeder Traum hat eine weitere Düne gebildet. Ihre toten Kinder hingegen sind verewigt als zwei Inseln im See, der nördlichen und südlichen Manitou Insel“. So berichtet die Legende der Ojibwa-Indianer über die Entstehung dieser Dünenlandschaft.

Die Bärin muss viele Träume gehabt haben, denn über knapp 50 Kilometer erstrecken sich die bis zu 60 Meter hohen Sandhügel. Wegen der Besonderheit der Landschaft ist dieser Küstenstreifen als „National Lakeshore“ unter besonderen Naturschutz gestellt.

Kein Weg ist zu weit

Denn andere, weitere Elemente des „Handschuhfutters“ sind es die Meilen für einen Umweg wert..

Auf dem Weg zum „Sleeping Bear Park“ empfehlen wir einen Stopp im Dorf Acme am Michigan See. „The Music House Museum“ gibt Einblick in die Pionierzeit der elektronischen Musik. Phonographen, Musikboxen, Leierkästen, Nickelodeons und sogenannte Tanzorgeln (nicht Kirchenorgeln), wie wir sie aus den frühen Jahren des 20.Jh. her kennen, präsentieren lustige und häufig laute Melodien. Kenner dieser Materie werden entzückt dem

Mortier-Tanz-Orgel

Mortier-Tanz-Orgel

dreistündigen, geführten Rundgang mit fachkundigen Erläuterungen folgen und sicherlich den beiden besonderen Orgeln lauschen. Es sind dies zum einen die „1924-Wulitzer-Theater-Orgel“, zum anderen die 1922 in Antwerpen gebaute „Mortier-Tanz-Orgel“. Als sie anfingen, in ihrer gesamten Klangvielfalt zu brausen und zu dröhnen, hob sich fast das Scheunendach.

Bleiben wir noch ein wenig bei der Musik, dieses Mal der sakralen. In einem der Vororte von Detroit, in Royal Oak steht eine prachtvolle katholische Kathedrale mit dem „National Shrine of Little Flower“. Die „Heilige Therese“, Little Flower genannt, hat hier um die Wende des 19./20.Jg. gewirkt. Angereizt durch ein Gespräch mit einem der Ministranten, besuchten wir an einem Samstag die 16.30Uhr Messe. Die Orgelmusik während der Messe klang in dem achteckigen Kirchenraum wie in einem hervorragenden Konzertsaal. Die ca. 300 Gläubigen saßen in einem Rund um den Altar herum, so dass der Priester während seiner Predigt um diesen herumschritt und so mit der Gemeinde in stetem Kontakt blieb.

Bemerkenswert fanden wir den Spruch auf einem Kirchenfenster in einem Seitenaltar. Dort war zu lesen: „Capital cannot do without Labor – Labor cannot do without Capital / Ohne Arbeitsleistung kann Kapital nichts bewirken – Ohne Kapital kann Arbeitsleistung nichts erreichen“, ein recht bemerkenswerter Spruch für ein Gotteshaus.

Von der Musik zur darstellenden Kunst gleitet man auf dem Weg nach Detroit, also wieder Richtung Lake Huron. In der Michigan-Universität in Saginaw, beim Handschuhvergleich örtlich im Daumensattelgelenk, sind rund 200 Skulpturen des Künstlers Marshall M. Fredericks zu bewundern. Die kleinste, gerade mal Fingerhut groß, kontrastiert mit der größten, einer vier Stockwerke hohen „Christus am Kreuz“-Darstellung.

Wie ein Zeigefinger ragt das Kreuz auf dem Grottennachbau von „Our Lady of the Woods Shrine“ empor. Das Dorf Mio, am unteren Zeigefinger unseres Michigan-Handschuhs gelegen, hat einen wahren Grotten- und Skulpturengarten erschaffen. Ob nun die Heilige

Grottenberg in Mio

Grottenberg in Mio

Jungfrau von Lourdes, die Marienerscheinung im portugiesischen Fatima, die Schwarze Madonna von Tschenstochau oder oder oder. Sie alle sind hier vertreten und können in jeweils einer eigenen Grotte angebetet werden.

Religiös bleibt es auch in Cass City, im Daumen unseres Handschuhs. Die in Felsen geritzten „Sanilac Petroglyphen“  stellen Symbole frühindianischer Kulturen dar, meist in Form von Menschen und Tieren. Dieser Ort bedeutet für die dort ansässigen Native American Gruppen auch heute noch ein Heiligtum. Zu besonderen Anlässen und an besonderen Feiertagen pilgern ganze Familien dorthin, um zu beten und zu opfern. Ganze Schulklassen werden an diese heiligen und geschichtsträchtigen Felsen geführt, um die „Geschichte ihrer Väter und Vorväter“ kennenzulernen.

Teilweise leichte Kost

Einen erheblich „zugänglicheren Genuss“ kann man nur einige Kilometer weiter, in Frankenmuth gönnen. Bayrisches Flair prägt die Atmosphäre. Und als Krone bietet sich „Bronner’s Christmas Wonderland“ an, die größte Weihnachtseinkaufsmeile der Welt.

Christmas Wonderland in Fankenmuth

Christmas Wonderland in Fankenmuth

Christbaumschmuck aus aller Herren Länder ist dort ebenso ausgestellt, wie man der permanenten Beschallung mit „Stille Nacht, Heilige Nacht“ in allen möglichen Sprachen nicht entgehen kann. Hinzu kommt als Denkmal zu diesem weltbekannten Weihnachtslied ein originalgetreuer Nachbau der Kapelle in Oberndorf bei Salzburg, wo am Heiligen Abend 1818 dieses weltberühmte Lied zum ersten Mal erklang. Die „Weihnachtsmall“ wirbt damit, dass sie an mindestens 361 Tagen im Jahr geöffnet hat.

„Plüschig – Kuschelig“ – wie können Teddybären zutreffender beschrieben werden. Wer ihre Herstellung einmal erleben möchte, begebe sich ins Handschuhhandgelenk, nach Chelsea. In der dortigen „Teddy Bear Factory“ erfährt man viel Wissenswertes über die Kuscheltiere, nicht zuletzt auch über ihren deutschen Erfinder, Richard Steiff.

Und warum „Teddy“ ? – Ganz einfach. Kein Geringerer als der frühere amerikanische Präsident Theodore Roosevelt, mit Spitznamen „Teddy“ genannt, liebte Bären und Bärenjagd über alles. Und so war es dann für einen Karikaturisten ein Leichtes, für den „Teddy“ einen „Teddybären“ zu zeichnen.

Und schon haben wir wieder die amerikanischen Präsidenten im Blickpunkt und ihre Museen bzw. Libraries.  Gerald Ford, der durch  die Watergate Affäre ungewollt ins Amt geschubste Nachfolger Nixons ist ein berühmter Sohn Michigans. Sein politisches Erbe wird hochgehalten in Grand Rapids bzw. Ann Arbor.

Hoffentlich für immer Vergangenheit

Die dunkle Seite der deutschen Geschichte holt uns ein in Farmington Hills bei Detroit mit dem Holocaust Memorial Center. Das spröde Äußere des Gebäudes soll an die Rauheit der Konzentrationslager erinnern. Die zu einem Kunstwerk umgestalteten Eisenbahnschienen legen Zeugnis ab von den unmenschlichen Transporten. Der Museumsteil klagt nicht so sehr an, sondern stellt vielmehr Fragen, wie alles geschehen konnte. Nicht ausgelassen wurde auch die Frage nach der eigenen Verantwortung oder des „Nicht-Wissen-Wollens“ angesichts der Nazi-Herrschaft mit der systematischen Judenvernichtung. Ein einprägsamer Spruch lieferte die entsprechende Antwort: „Responsibility – it’s not only up to us. IT’S UP TO YOU! / Verantwortung – Das ist nicht nur unsere Sache. Es ist DEINE Angelegenheit!“. Diese Aufforderung hat an Aktualität nichts eingebüßt. Eine weitere Moeglichkeit, sich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen, boten die zahlreichen, von hinten beleuchteten Glaswaende, an die die Besucher von ihnen ergänzte ausliegende Zettelchen kleben konnten. Diese waren vorbereitet mit den zwei Ueberschriften „I’m glad I…“ und  „I wish I hadn’t…. ( Ich bin froh , ich…. / Ich wünsche, ich hätte nicht…..) Diese Klebemarker hingen  wie zufällig an den Glaswänden, hinterließen aber beim Besucher den Eindruck, unbedingt gelesen werden zu wollen. Sie waren zu jeder Zeit austauschbar, also reine Gedankenblitze.

Am unteren Ende des Ringfingers, in Big Rapids wird ein weiteres dunkles Kapitel der jüngsten Geschichte, dieses Mal der amerikanischen, aufgeschlagen. „Jim Crow“ steht als Synonym für die 90 Jahre  währende Diskriminierung und Verfolgung (ca. 1870 bis 1960) der afro-amerikanischen Bevölkerung. Die dortige Ferris State University hat sich mit dem „Jim Crow Museum“ dieses Themas angenommen.

Das „System der Rassentrennung“ war mehr als eine „Nur-für-Weiße“-Forderung. Mit dem militanten Arm insbesondere durch den „Ku Klux Klan“ unterstützte die Bewegung jede Form von Gewalt gegen die farbige Bevölkerung. Daneben werden authentische Exemplare der Millionen von Alltagsgegenständen ausgestellt, welche die „African Americans“ ins Lächerliche zogen.

Aus und vorbei? Mitnichten! Die „Jim Crow Ära“ reproduziert sich offensichtlich  bis in die Gegenwart und richtet sich nicht zuletzt auch gegen den aktuellen amerikanischen Präsident. Eine Graphik zeigt Vertreter des Ku Klux Klan in ihren Kutten, die einen fliehenden Barak Obama bedrohen. Betitelt ist die Darstellung mit: „Run Obama Run!“.

Pferdestärken ohne Pferde

„Michigan – Detroit – Henry Ford“, das Dreigestirn der Autoindustrie.

Über die Stadt selbst gibt es eigentlich nur wenig zu berichten. GM (General Motors) soll vielleicht mit seinem gläsernen Wolkenkratzer am Ufer des Detroit Rivers die trübe Atmosphäre überstrahlen. Es gelingt nicht. Das Stadtbild präsentiert sich eher trostlos. Verfall ist angesagt. Riesige, vermüllte  Plätze mit Bauruinen prägen überwiegend das Bild der

Detroit Downtown

Detroit Downtown

Innenstadt. Ein wenig Ausgleich dazu bietet die Flussinsel „Belle Isle“ mit ihrem Park.

Aber wer diese Gegend bereist, tut das sicherlich eher mit der Absicht, die Geschichte des Automobils zu erkunden.  Denn hier erfand man ja vor nunmehr gut 100 Jahren die „Horseless Carriage / Pferdelose Kutsche“. Das kultur-technische Erbe wird folgerichtig auch entsprechend gewürdigt. Die Kulturpflege beginnt mit einer eigenen „Automotive Trail“, der von Norden her ins Herz der Autoindustrie führt. Fehlen darf natürlich auch nicht die „Hall of Fame“ (deutsch: Ruhmeshalle) der Größen dieser Industrie. Einen besonderen, sehr sehenswerten Akzent setzt das „The Henry Ford“-Village in Dearborn, unweit des Stadtzentrums der Automonopole. In dieser Region lebt alles mit und dreht sich um unsere nicht mehr wegzudenkende Erfindung des Individualverkehrs.

Anfänge der Automobilindustrie

Anfänge der Automobilindustrie

Zwei Sprüche stachen auch hier wieder hervor. Der erste war herausgegeben vom amerikanischen Automobilclub „AAA“ und richtet sich an den Umweltschutzgedanken und einem wünschenswerten Ansteuern von Reisezielen: „Go Michigan this summer and be a gas watcher / Fahre diesen Sommer nach bzw. bleibe in Michigan und sei somit ein ‚Bezinverbrauchsaufpasser‘.

Der andere Gedanke wird dem überaus erfolgreichen Henry Ford selbst zugeschrieben: „ Success is relative. The more success, the more relatives.“ Frei übersetzt heißt dieses  Wortspiel: „Erfolg ist relativ. Je mehr Erfolg du hast, desto mehr Verwandte hast du auch.“ Ja, der Erfolg zeitigt viele Freunde.

Das haben wir doch im kleinen Finger

Am Ufer des Michigan Sees treffen wir wiederum auf nette europäische Nachbarn. In der Stadt Holland dreht sich alles um holländische Windmühlen, Holzschuhe und Käse. In den „Windmill Island Gardens“ fühlten wir uns schon fast wie zu Hause. Der Unterschied liegt eigentlich nur im Wetter. Einheimische nennen es kurz und bündig „steamy“, also „heiß und feucht wie Wasserdampf“.

Pictured Rocks National Lake Shore

Pictured Rocks National Lake Shore

 

 Wolf Leichsenring

 

Wolf Leichsenring

Gabriele & Wolf Leichsenring „Die Welt ist ein Buch. Und wer zu Hause bleibt, liest nur eine Seite darin“, lautet ein Spruch des weltoffenen Heiligen Augustinus (354-430 AD). Gabriele & Wolf Leichsenring sind lesefreudig. Mit einer einzigen Buchseite haben sie sich noch nie zufrieden gegeben. Wohnmobilisten seit nunmehr 30Jahren – und somit völlig „hoteluntauglich“ - blättern sie stetig im „Buch der Erde“, haben sich darin bereits recht vielfältige Kapitel erarbeitet. Sie reisen überall dorthin, wohin das Wohnmobil sie trägt. Dabei scheuen sie nicht davor zurück, ihr WoMo auch einmal für eine längere Schifffahrt verladen zu lassen, z.B. nach Nordamerika. Seitdem sie ihren früheren beruflichen Pfaden (Lehrtätigkeiten) den Rücken gekehrt haben, stehen Langzeitreisen in fernere Ecken unseres Erdballs auf dem Programm. Mit der Zeit würden sicherlich viele der gewonnen Impressionen im Nebel der Erinnerungen verblassen oder gar gänzlich verschwinden. Um dem vorzubeugen, werden Berge von Fotos geschossen und regelmäßig Reiseberichte geschrieben. Damit nicht genug! Anfragen von Zeitungsverlagen ließen und lassen sie „live von unterwegs“ berichten. Blogs, sowohl auf der eigenen Website ( http://ga-wo.leichsenring.net/reisen/ ) wie auch schwerpunktmäßig für den Reisebuchverlag „traveldiary“, Hamburg, ergänzen das Schreibprogramm. Somit erscheint es dann nur konsequent, dass derartige Aktivitäten schließlich in der Publikation mehrerer Bücher mündeten mit den Themenschwerpunkten „Nordamerika“ und „Marokko“. Als gefragte Dozenten berichten sie in Form von DiaVorträgen über ihre Reisen, wobei die Zuhörerschaft sich entweder den eigenen Erinnerungen hingeben, auch einmal neue Pläne schmieden, ihren Wissensdurst stillen oder sich einfach in Träumereien fallen lassen kann. Bewährt hat sich Arbeitsteilung der beiden Globetrotter: Mit ausgeprägtem, motivsicherem Blick bannt Gabriele Leichsenring das Gesehene und Erlebte in ihre Kameras. Die entsprechenden Texte stammen aus der Feder von Wolf Leichsenring. Und so arbeiten sich diese neugierigen, vom Fernweh heimgesuchten Weltenbummler durch das dicke Buch des Globus‘. Wer aber auch eine andere – künstlerische – Seite dieser beiden Reiseautoren kennenlernen möchte, der rufe einfach deren weitere Website auf: http://ga-wo.leichsenring.net/kreativ/