Eine Insel mit nem Felsen…

Claudia im Wind, Hamburg - Helgoland„… und dem tiefen weiten Meer,
mit Möwen schwarz und weißen,
und hohen Klippen einher
nun wie mag die Insel heißen
ringsherum ist schöner Strand
jeder sollte einmal reisen
auf das schöne Helgoland!“

oder so ähnlich war doch da ein Lied, das seit meiner Jugendzeit nicht mehr aus meinem Kopf geht.

Und da Claudia einmal die Elbe von Hamburg aus hoch und runter fahren wollte, kann man doch gleich noch das kleine Stückchen dranhängen und bis Helgoland schippern.

Das perfekte Datum dafür? Der Hamburger Hafengeburtstag, denn da ist eine Schiffstour entlang der zahllosen Segler, die die Stadt aufsuchen und sich mit Kreuzfahrern und Museumsschiffen gemeinsam präsentieren ansonsten nur kostspielig zu erlangen.

Also standen wir gestern morgen in aller Frühe auf den St. Pauli Landungsbrücken und boardeten den hochmodernen Katamaran Halunder Jet. Unglaublich schnell soll er sein, 37 Knoten schaffen, was allerdings nicht mehr als 67 km/h sind. Das ist das, was der ein oder andere mit dem Auto schon im Stadtverkehr fährt, dieses Tempo könnte unser „Jet“ als Höchstgeschwindigkeit aufbieten. Ein echter Jet würde damit wohl kaum das Abheben schaffen.

Viermaster Sedov, Hafengeburtstag Hamburg162km liegen vor uns, auf der Elbe wird der Halunder Jet aber immer auch wieder in langsamer Fahrt unterwegs sein müssen und in Wedel und Cuxhaven sind auch noch Zwischenstopps geplant. 4 Stunden bis Helgoland also, bis zur einzigen deutschen Hochseeinsel, die Kaiser Wilhelm II. 1890 bei der britischen Krone gegen Sansibar eintauschte. Ohne die Reize Sansibars beurteilen zu können letztlich ein guter Tausch, denn Helgoland gehört noch heute zu Deutschland (zum Landkreis Pinneberg in Schleswig-Holstein genauer gesagt), während die Inselgruppe Sansibar in den 60ern zuerst in Teilen unabhängig wurde und dann das britische Commonwealth gegen einen Bundesstaatenstatus des Landes Tansania eintauschte. Da hat die Königin wohl mit Zitronen gehandelt…

Doch los geht es, ab in die Sonne, denn der Wetterbericht hat für Hamburg heute Gewitter angekündigt, während es für die Hochseeinsel einen Sonne-und-Wolken-Mix geben soll. Das der erste Teil des Berichtes in jedem Fall stimmt, ist nach wenigen Minuten klar, wir haben noch nicht abgelegt, als Blitze zucken, der Himmel Donner grollen lässt und Regen über Hamburg niedergeht. Nicht gerade die schönsten Fotos der Segler ergeben sich so auf der Ausfahrt, doch unser Ziel ist ja die Sonne und darauf kann man sich immer freuen ;-)

Hummerbuden auf HelgolandUnd das auch mit gutem Grund! Denn als wir Helgoland nach langer Fahrt und einer letzten schaukeligen Stunde auf hoher See (die wir mit zahllosen anderen Gästen auf dem kleinen Außendeck verbracht haben) Helgoland erreichen, erwartet uns die versprochene Sonne auch. Der Himmel ist blau, der Anleger bietet endlich wieder festen Boden unter unseren Füßen und das Objektiv unserer Kamera hat leider ein bisschen Salz-Spritzwasser abbekommen, so dass die Hummerbuden einen kleinen Schleier tragen, der ihre Farbenpracht aber nicht bremsen kann. Willkommen auf Helgoland!

Mit zahllosen Gepäcktrolleys im Gefolge gehen wir mit einem leichten Tagesrucksack bestückt an den farbenfrohen Buden entlang und schlendern erst einmal einige Schritte durch die Unterstadt – denn Helgoland ist zweigeschossig gebaut. Die lange Anna, der rote Felsen im Meer, ist ja das bekannte Wahrzeichen von Helgoland. Doch genau genommen ist der wesentliche Teil der Insel ein großer roter Felsen… der aber auch zu einer Seite seine tieferliegende Strandumrandung hat, die der Mensch sicherlich auch in den letzten Jahrhunderten mit Beton etwas tragfähiger gestaltete.

Möwe, Helgoländer SehenswürdigkeitDoch unten wollen wir uns erst einmal nicht zu lange aufhalten, nehmen den Fahrstuhl (60 Cent ist doch mal ein fairer Preis, oder?) in die Oberstadt und suchen uns erst einmal ein schickes Fischrestaurant mit Außenbestuhlung in der Sonne. Schnell ist der leckere und frische Fisch auf dem Tisch, hier trägt selbst Backfisch einen selbstgemachten Panadenmantel und keinen von Iglo. An Festland wieder akklimatisiert, mit gutem Essen gestärkt, wollen wir uns jetzt die Sehenswürdigkeiten der Insel erkunden und uns auf den Klippenwanderweg machen.

Zuerst eine Stippvisite in der denkmalgeschützten Kirche, dann vorbei an Schule und Vogelstation (nur Dienstag und Freitag nachmittag geöffnet) und an einer Schrebergartenkolonie (die spinnen die Helgoländer!) stoßen wir auf den Klippenwanderweg. Ja, wir wollen die ganze Insel umrunden! Wer jetzt „Oh Gott“ ruft, hat wohl eher Sylt, Fehmarn oder Rügen vor Augen, auf Helgoland ist das gut zu machen, 1,5 Stunden kündigt uns die Inselkarte an und solche Angaben sind erfahrungsgemäß hoch gegriffen.

Die lange Anna, HelgolandWas die Helgoländer Sehenswürdigkeiten sind, ist im Grunde schnell erzählt. Es sind die farbenfrohen Hummerbuden, es ist der zoll- und steuerfreie Einkauf, es sind die Vögel (nein, nicht nur die eine Möwe auf diesem Foto!) und es ist die lange Anna.

Und mit letzterer fangen wir an. Was man von vielen Fotos von Helgoland kennt und was wie eine ungeschützt in wilder See stehende Felsnadel aussieht, ist ein Stück Festland, das vor einiger Zeit von den nagenden Wellen abgesprengt worden ist (die Engländer haben das mit dem Sprengen auch mal versucht, aber nur einen Krater hinterlassen). Wie zerbrechlich solch ein Konstrukt ist, scheinen die Insulaner aber zu wissen, denn was die meisten Fotos nicht zeigen ist, dass man einen Schutzdamm um die Felsnadel errichtet hat. Richtig ja auch, wer will schon, dass der Landraub weitergeht, schließlich wollen wir unsere Hochseeinsel ja länger behalten als die Engländer ihr Tauschobjekt.

Aus diesem Grund ist der nahe Zugang an die Felskante vor der roten Nadel inzwischen auch gesperrt, zu sehr leider der Felsen unter den vielen Besuchern. Doch „auf Helgoland ist nichts weit“, wie die Verkäuferin in einem Duty Free-Laden verlautbart, und so gibt es auch genug Punkte, von denen aus man gute Fotos vom roten Felsen schießen kann – selbst ohne professionelles Fotoequipment.

Eine Lummenwand auf HelgolandUnd ohne solches kommt man auch ziemlich nah an die verschiedenen hier brütenden Vogelkolonien heran, die sich die Felsnischen untertan gemacht haben und diese in Massen bebrüten. Inzwischen ist das kleine Federvieh schon geschlüpft und zittert im harten Wind und in der Vorahnung, dass der einzige Weg aus der Kinderstube heraus der Sprung in die Tiefe ist. Und das wird auch kommen, üblicherweise Anfang Juni steht auf Helgoland der Lummensprung an (woher kommt wohl der Name Lummaland bei Jim Knopf…?). Lummen gehören zu den hier brütenden Vogelarten und wenn das Gekreische der Eltern (man kennt das vielleicht aus der eigenen Familie…) den Jungen irgendwann zu heftig wird, dann springen die jungen Lummen Anfang Juni von den Klippen, überlegen sich dann, ob das so eine gute Entscheidung war, breiten die Flügel aus und schwupps wurde aus einem Kücken ein Vogel… und schon kreisen tausende weitere Vögel um den roten Hochseefelsen.

Basstölpel - falls ich richtig zugehört habe - auf HelgolandMan könnte meinen auch jetzt ist der Lummensprung schon nicht mehr weit, denn das Gekreische der Vögel ist ohrenbetäubend, die Felswände pickepacke voll mit jungen und älteren Vögel und viel Auslauf haben die knappen Nischen wirklich nicht zu bieten. Aber so ein Kücken lebt wohl genügsam bis zu dem Tag an dem es fliegen lernt und ihm das Meer zu Füßen liegt.

An den vielen Punkten, von denen man die Vogelkolonien gut beobachten kann, verharren wir einige Zeit und schießen zahllose Fotos, dank sei der Erfindung der Digitalkameras!

Das Wetter bleibt uns hold und bei den 3,5 Stunden, die wir auf der Insel Zeit haben, bevor der Halunder Jet wieder zur Rückreise plant, haben wir auf jeden Fall ein bisschen Farbe ins Gesicht gekriegt.

Gipfelbuch auf HelgolandKein Wunder, waren wir doch so nah am Wasser und gleichzeitig so nah an der Sonne – schließlich haben wir auch den höchsten Berg des Landkreises Pinneberg erklommen und uns ins Gipfelbuch (kein Scherz) eingetragen, denn immerhin misst diese Erhebung hier 61,3m über Normalnull. Ja, und auch dieser Anstieg ist in den 3,5 Stunden Landgang gut zu meistern ;-)

Nach einer Shoppingrunde – Zigaretten brauchen wir leider nicht, sind aber wirklich günstig, Alkohol trinken wir nicht viel, nehmen wir aber mal was mit, Süßigkeiten sind vielleicht nicht wirklich günstig, gibt es dafür aber in den typischen Duty Free-Sondermegapackungen – machen wir uns auf den Rückweg zum Halunder Jet, auf den Rückweg vorbei an der Wattinsel Neuwerk nach Cuxhaven und in die Elbmündung, zum Willkommhöft in Wedel und schließlich in den Hamburger Hafen.

Zwangsläufig stellt man sich beim Rückweg die Frage, ob sich 4 Stunden Hinfahrt und 4 Stunden Rückfahrt für 3,5 Stunden Aufenthalt lohnen. Mit 4 Stunden Flug käme man sonst locker zu diversen Inseln und Urlaubsgebieten.

Vielleicht ist auch diese Frage mit Jim Knopf zu beantworten:

„Jeder sollte einmal reisen in das schöne Lummaland!“

Jens Freyler