Eine Mär (und mehr) über den Polarbär

Im Nachwort des Buches „In 41 Tagen um die Welt“ versprach ich mir (und Euch, liebe Leser) mehr Bescheidenheit, was meine künftigen Reiseziele betrifft. Nun muss ich Euch leider enttäuschen. Schuld daran ist wohl mein Buch. Nachdem meine Freunde und Bekannten es gelesen hatten, wollten sie mich nun gründlich loswerden und gaben mir haufenweise Ratschläge für neue Reiseziele. Sogar was mein Reiseproviant betrifft erhielt ich den Rat, dass ich diesmal keinesfalls Schreibzeug und Fotoapparat mitnehmen sollte.
Es wurde mir langsam zuviel und ich musste München wieder verlassen. Die Wahl des Reisezieles überließ ich dem Schicksal, indem ich die Nadel eines Kompasses kreiseln ließ. Welch ein Zufall; sie blieb in Richtung Nord stehen. Die Würfel sind also gefallen; auf gehts zu einer Nordlandreise!
Für einen alteingesessenen Münchner beginnt ja der Polarkreis bekanntlich bereits in Hamburg. Ab dort ist für mich alles Terra incognita, meine Kenntnisse sind über dieses Gebiet mehr als dürftig. Die einzige Ausnahme bildet nur der König der Arktis, der Polarbär. Ihn möchte ich unbedingt antreffen, nur hierfür nehme ich klirrende Kälte, Packeis, Eis- und Spitzberge, Mitternachtssonne, etc. billigend in Kauf.
Was ist schon eine Reise nach Afrika wert ohne Elefanten, China ohne Pandabären oder Australien ohne Kängurus für einen Tierfreund wie mich? Da würde ich sofort eine Reisepreisrückerstattung samt Schmerzesgeld vom Veranstalter verlangen. Selbstverständlich erwarte ich von meiner Nordlandreise eine Begegnung mit einem quicklebendigen, aber nicht um ihn zu jagen. Ich würde auch nicht meine gesunde Hüfte riskieren, wie ein blaublütiger Spanier, der in Afrika Elefanten erlegt. Ich selbst möchte den arktischen Herrscher nur respektvoll begrüßen und ein Erinnerungsfoto schießen, das wäre alles. Meine bessere Hälfte setzt ganz andere Schwerpunkte.
Unsere Schiffsreise begann in Hamburg, wo auf uns „ Der Liebling der Götter“, die MS Amadea wartete. Vor der Einschiffung nahmen wir uns noch zwei Tage Zeit, um die Stadt kennen zu lernen. Bereits im Hafen erfolgte die erste Begegnung mit einem „Seebären“; der bärtige Kapitän unseres Bootes für die Hafenrundfahrt ließ sogleich die zwei parkenden Kreuzfahrtsschiffe Queen Elisabeth und Queen Mary II „links liegen“. Bei strahlendem Sonnenschein bewunderten wir das emsige Treiben in und um den Hafen herum. Während der übrigen Zeit des Aufenthaltes versuchten wir, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten dieser schönen Stadt kurz zu besuchen. Nächstes Mal werden wir sicher besser vorbereitet „Mit Störtebeker durch Hamburg“ ziehen.
Die erste Station der Schiffsreise, Lerwick/Shetland-Inseln, bot noch keine Gelegenheit auf eine Eisbärensichtung. Die Bären waren hier wohl verhungert, da die Shetland-Ponys, pardon –Pferde zu flink sind. Sie haben ja zwei extra Gänge (Gangarten) im Vergleich zu anderen Pferderassen, erzählte uns die dortige Reiseführerin.
Polar Bär WarnungIn Island, wo wir in Akureyri und in Reykjavik an Land gingen, war die Chance auf eine Begegnung mit Eisbären ebenfalls gering. Das „Auswärtige Amt der Polarbären“ warnt ausdrücklich von diesem Land und das mit gutem Recht. Im Sommer 2008 trieben zwei Bären auf Eisschollen von Grönland zu der Nordküste von Island. Ein „Asylant“ wurde sofort von der Polizei erschossen, da Nebel aufzog und die Beamten befürchteten, dass die Bären dies ausnützen und im Hinterland untertauchen würden. Der auf You Tube veröffentlichte Film (von Schaulustigen aufgenommen) verursachte weltweit Empörung bei den Tierfreunden. Daraufhin versuchte ein Bärenexperte, den zweiten Flüchtling mittels Betäubungspatronen einzufangen. Er kam jedoch nicht auf die benötigte Entfernung von 30 Meter zum Tier heran. Der verängstigte Bär überhörte wohl oder nicht verstand die Aufforderung der Polizei „ Halt, stehen bleiben!“. ( In isländischer Sprache, wo in Grönland dänisch gesprochen wird!?). So fiel ein Schuss und mit dem Bären war Schluss. Damit leistete die Behörde wiederholt der isländischen Touristenindustrie einen Bärendienst. (Das ist meine Version nach der Quelle: Kristof Magnuson: Gebrauchsanweisung für Island, Piper Verlag). Auch der Ausbruch des unaussprechlichen Vulkans ( Eyafjallajökull) im Jahre 2010 und der mediale Hype hierüber lockt die Bären mit Sicherheit nicht so schnell in dieses Land. So gab es für uns keinen Eisbären im Eisland, wir mussten weiterfahren.
Während der Überfahrten von Island nach Ostgrönland und von dort weiter nach Spitzbergen lauschten wir gespannt den Vorträgen zweier Nordlandexperten (Klaus Kiesewetter und Herbert Everding). Wir erfuhren viel über Fauna, Flora, Klima und die Menschen dieser Region und sahen tolle und verblüffende Bilder. Auch über den König der Arktis hatten sie einiges zu berichten; über seine Gepflogenheiten, seinen Umgang mit Robben, Walrossen und Menschen, sowie seine Probleme mit der Klimaänderung. So wissen wir nun, dass der sprichwörtliche Bärenhunger keine Mär ist, sondern Wirklichkeit. Wir sahen Bilder von einen halben Dutzend Eisbären, wie sie sich gemeinsam an einem gestrandeten Wal gütlich taten. Diese sonst als Einzelgänger lebenden Tiere schlugen sich friedlich nebeneinander mit ca. 100 Kilogramm Walspeck pro Nase den Bauch voll. Anschließend Siesta, die Reste der Mahlzeit noch immer fest im Blick. Manche legten gar ein Nickerchen ein. Dann wurde das Gelage fortgesetzt. Die Mühsal des Robbenfangens blieb ihnen damit eine Weile erspart. Jedes Tier benötigt ca. 75 Robben pro Jahr neben Fischen, Vogeleier und Beeren. Dass Polarbären keine Kuscheltiere sind, ist bekannt. Sie sind flink und wendig, bärenstark und ausgezeichnete Schwimmer (bis zu 100 Kilometer von der Küste entfern wurden manche gesichtet). Es kommt immer wieder vor, das sie bei ihrer Nahrungssuche Menschen angreifen oder sogar töten.
Vor unserem Landgang auf Ammassalik/Ostgrönland wurde uns eingeschärft, dass wir die Ortschaft auf keinen Fall verlassen dürfen. Wir sollten unverzüglich zur Anlegestelle der Tenderboote zurückkehren, wenn das Nebelhorn unseres Schiffes dreimal ertönt. Bei der Besichtigung der Inuit-Siedlung Tasiilaq lauschten wir gespannt, wann die Huskys zu bellen anfangen würden und hofften sehr auf einen Bärenbesuch. Am Ortsende der Siedlung sahen wir tatsächlich bewaffnete Wächter und Eisbärenwarnschilder, jedoch keine Bären. Im Souvenirladen des Dorfes erwarb ich wenigstens einen bären- und geisterköpfigen Tupilaq und hoffte fortan auf seine magische Kräfte und Schutz, falls ich je dem arktischen Herrscher begegnen sollte.
Die nächsten zwei vorgesehenen Anlandungen an der Ostküste von Grönland sind ins Wasser bzw. ins Packeis gefallen, das unser Schiff von der Küste in 100-160 Kilometer auf Abstand hielt .Weiter also nach Spitzbergen.
Beim Kreuzen im Magdalenenfjord und im Königsfjord/Spitzbergen saß ich stundenlang mit dem Fernglas am Oberdeck und beobachtete jeden verdächtigen weißen Fleck an den Berghängen, es war leider nur Schnee. Andere sahen lieber den kalbenden Gletschern zu. In Ny Alesund gab es vor dem Landgang wieder die erwähnte Eisbärenwarnung an Bord. Es hieß sogar, dass die Türen der Forschungsstationen der verschiedenen Nationen immer offen stehen (als Fluchtweg), falls die Bären los sind. Wir wurden jedoch nur von brütenden Seeschwalben angegriffen. Im Sturzflug wollten sie uns „skalpieren“ oder zumindest unsere,
zur Abwehr hochgehaltene Regenschirme demolieren. In Longyearbyen ließen wir uns vor dem Schiff gleich mit einem Eisbären fotografieren (verkleideter Animator des Photo-Services).Das war ein Fehler. Ein ungarisches Sprichwort besagt folgendes; man sollte nie vorzeitig auf das Fell eines Bären anstoßen. Ein Prachtexemplar von einem Polarbären haben wir jedoch im Svalbard Museum gesichtet und fotografiert. Er wurde vermutlich vor 1973 erlegt, damals standen sie noch nicht unter Artenschutz. Seither dürfen sie nur aus Notwehr und aus max. 4 Meter Entfernung erschossen werden, wenn man dazu die ruhige Hand hätte, sagte uns schmunzelnd der Nordlandexperte. Uns blieb nur eine letzte Chance, auf einen lebenden Bär auf Spitzbergen anzutreffen; unser Schiff steuerte noch die russische Minensiedlung Barentsburg an .Die Genehmigung für den Landgang wurde von der Behörde erteilt, man hätte uns Gästen sogar russische Folklore präsentiert (mit oder ohne Bär?).Sorry Genossen! Starker auflandiger Wind mit hohem Wellengang = Anlandung riskant. Auch wenn die Landung gelingen sollte, wüsste man nicht, wann das Schiff vom Pier wegkommt, wobei unsere Liegeplätze/-zeiten in Norwegen bereits feststanden. Nicht mal im Schiffstheater, bei der Vorführung des Stückes „Dinner for One“ vor dem Nostalgie-Gala-Abendessen wurde mein „Bärenhunger“ gestillt; der Butler James stolperte nur statt eines Bären- über einen Tigerkopf. In der Nacht nach diesem „Unglückstag“, auf der Überfahrt von Spitzbergen nach Norwegen, passierten wir ohne besondere Vorkommnisse die sog. Bäreninsel; es erfolgte kein Piratenangriff auf unsere Lachsvorräte am Bord.
Die Strecke von Nordkap bis Bergen/Norwegen entlang der Hurtigroute ist zwar grandios, war jedoch bis zuletzt auch „bärenlos“. Bei unserer Wanderung auf den Hausberg von Bergen namens Floyen ertönte plötzlich dreimal das Nebelhorn eines Schiffes im Hafen. Eisbärenwarnung!? Keiner von uns lief jedoch mit Angstschweiß den Berg hinunter, sondern wir machten Scherze darüber. Kurze Zeit später tauchte aus dem dichten Fichtenwald ein Bär auf. Gutmütig lächelnd steht er vor einer Berghütte; er ist braun und aus Holz geschnitzt. Eigentlich hätte er ja keinen Grund gehabt uns anzulächeln, sein letzter Artgenosse wurde genau hier im vorigen Jahrhundert erschossen.
In Bremerhaven gehen wir von Bord. Hoher Seegang, klirrende Kälte, karge Landschaften; Vulkane, Geysire, Packeis bis zur Schmerzgrenze, Eis- und Spitzberge, Wasserfälle bei Mitternachtssonne. Die Fjorde und die Trolle, die Schweins- und die Buckelwale und „last but not least“ : die 4-Gänge Menüs a la carte. Aber kein einziger munterer Polarbär, nirgendwo! Ob ich eine Reisepreisminderung erwirken soll? Da nehme ich mitten in der Stadt Witterung auf. Eisbären in Bremerhaven? Ja doch!
Der Erste steht mitten in der Fußgängerzone. Mit einer riesigen Portion Eiswaffel in seinen Pranken scheint er mehr als zufrieden zu sein. Unweit von ihm parkt ein Kleintransporter mit aufgemalten Polarbärenkonturen an den Seitenwänden. Bei dem auflandigen Wind riecht es bald tierisch vom Hafen her. Dort erblicken wir an einer Felsenwand eine weiße Bärenstatue. Kein Warnschild, also nichts wie hin. Einige Minuten später kommt der große Augenblick für mich: vor mir steht wahrhaftig und quicklebendig der Ursus maritimus, der König der Arktis, umgangssprachlich der Eis- oder Polarbär! Diese Version von mir ist leider zu schön um wahr
zu sein. In Wirklichkeit liegt diese arme Kreatur am Betonboden seines Steingeheges und zeigt uns Schaulustigen fast regungslos und apathisch seinen königlichen Hintern. Vor ihm spiegelt sich das vermutlich lauwarme Wasser eines Schwimmbecken (wir sehen keine Eisblöcke).Neben mir erzählt jemand seinen Kindern, das der Bär traurig sei, da sein Kamerad vor Kurzem verstarb. Ich weiß den richtigen Grund doch ich schweige. „Der Mensch hat zwei Ohren und einen Mund, weil er mehr hören als reden soll“, heißt ein skandinavisches Sprichwort.
Euch, liebe Leser erzähle ich trotzdem, was mir der Eisbär zugeflüstert hat:
„ Die Länder, die du soeben bereist hast, sind eigentlich mein Königreich, meine verlorene Heimat, die ich nie betreten werde und nie kennen gelernt habe. Du hast dort nichts verloren, ich hier dagegen alles. Der König der Arktis ist hier kein Gast, nur euer Gefangener. Ihr, die selbsternannten Könige der Schöpfung seid gerade dabei, meine und auch eure Welt zu zerstören. Denkt bitte darüber nach.“
Verschämt und traurig verlassen wir sein Steinrefugium im Zoo am Meer. Im Souvenirgeschäft vor dem Ausgang glotzen uns die kleinen Plüschpolarbären an (21 Zentimeter, Made in China zu Euro 5,90). Wir möchten sehr hoffen, dass sie nicht bald die einzigen „Überlebende“ dieser stolzen Tiere sind, wie die Plastikdinosaurier. Wobei Letztere wenigstens nicht wegen unseres Tun und Lassens verschwunden sind.
Den Abschluss meines Nordland-Reiseberichtes bildet die im Titel angekündigte Mär, die wir am Bord von Herrn Herbert Everding freundlicherweise erhalten haben.
WARUM POLARBÄREN SO EINSAM WANDERN ?
(Märchen der Inuit)

Es war einmal ein Polarbär, der hatte sich in eine junge verheiratete Frau verliebt. Als Zeichen seiner Ergebenheit brachte er seiner Angebeteten immer wieder Robbenfleisch. Schließlich gab sie dem Werben des Eisbären nach. Der Bär aber warnte seine Geliebte davor, ihrem Mann von ihren heimlichen Zusammenkünften zu erzählen, denn er werde sonst alles daran setzen, den Liebhaber seiner Frau zu töten.
Der Mann zog jeden Tag hinaus, um Robben, Polarbären und andere jagdbare Tiere zum Unterhalt seiner Familie zu erlegen. Als er jedoch eines Tages ohne Beute zurückkam und auch in den nächsten Tagen kein Wild auftreiben konnte, verriet die junge verzweifelte Frau dem fast Verzweifelnden aus Mitleid, wo sich ihr Liebhaber versteckt hielt.
Polarbären sind jedoch mit ungewöhnlich feinen Sinnen versehen, und sie können sogar hören, was die Menschen über sie denken. Der Polarbär hatte deshalb mitbekommen, was seine Geliebte ihrem Mann zugeraunt hatte. Er verließ seinen Lagerplatz, bevor der Jäger sich näherte, und schlich zum Iglu der Frau.
Schon hob er seine gewaltigen Pranken, um das Schneehaus zu zerschlagen und die Frau zu töten. Doch dann fühlte sich er auf einmal wegen des verräterischen Verhaltens seiner Geliebten mehr von Trauer als von Rachsucht überwältigt. Zögernd ließ er die Tatzen sinken und rief der jungen Frau klagend zu: „Warum hast du unsere Liebe verraten!“. Dann wandte er sich um und wanderte, eine Tatze vor die andere setzend, schweren Herzens davon.
Seit jenem Tag sieht man männliche Polarbären so einsam und melancholisch durchs Land wandern.

Alexander Fonth