Erlebnis Antarktis

Es ist soweit. Eine Stimme ertönt aus dem Lautsprecher: „In Front erblicken Sie gleich den ersten Eisberg dieser Reise.“ Die See ist ruhig, und das Wasser liegt bleiern vor mir. Eine beklemmende Stille und der wolkenverhangene Himmel verstärkt die abweisende, düstere Stimmung. Nur ein schmaler blau und rosa leuchtender Lichtstreifen weckt die Hoffnung auf ein grandioses Naturereignis. Da ist er, und es stockt mir der Atem. In makellosem, strahlendem Weiß erhebt sich majestätisch und zugleich elegant der Berg aus dem dunklen Meer und taucht die düstere, kalte Umgebung in ein phantastisches Licht. Es scheint, als stütze er sich auf eine stahlblau schimmernde, meterhohe Eisfläche, um sich lange am Leben zu erhalten. Die imposanten, steilen, wie von Messern geschliffenen Gletscherwände lassen die unermessliche Dimension dieses Giganten erahnen. Die „Nordnorge“, immerhin 100 Meter lang, 25 Meter breit und 8 Stockwerke hoch, erscheint dagegen wie ein unbedeutender Winzling.

Erlebnis Antarktis

Erlebnis Antarktis

Unfassbar, dieser Koloss macht nur 30% der Eisinsel aus, 70% schwimmen als unsichtbare Bedrohung jeden Schiffes unter der Wasseroberfläche. Auch driftet er etwa 10 Kilometer täglich, also 7 Meter in der Minute, in wärmere Gewässer ab und schmilzt allmählich. Ein ähnlicher Vorgang wurde damals der „Titanic“ zum Verhängnis.
In die Betrachtung versunken, stelle ich mir vor, wie das Gebilde von riesigen Tankern transportiert wird. Diese unerschöpfliche Süßwasserquelle könnte dann den südlichen Ländern der Erde, in denen Tod bringender Wassermangel herrscht, zugute kommen. Genau das wurde mit viel Geld und Tatkraft versucht. Ohne Erfolg. Dieses Wunderwerk der Natur, das als kostbares, reines Wasser viel Leid lindern könnte, ist nicht bereit, sich den Menschen zu beugen.
Die „Nordnorge“ erreicht die Antarktische Halbinsel. Von nun an ist „Außendeck fünf“ der Platz, an dem ich den ganzen Tag verweile. Kompetente Referenten halten Vorträge über Pinguine, Robben und Nahrungskette. Es ist aber schwer, sich von dem überwältigenden Anblick loszureißen. Eine Natur von grandioser Schönheit zieht vorbei, und ich erlebe diese wie im Rausch.
Keine Menschen, keine Städte, keine Zivilisation. Nur Eis, Wasser, Licht und Luft. Die Sinne sind hellwach. Ich spüre den kalten Wind und die Sonne auf der Haut. Ich rieche das salzige Wasser des Südpolarmeers, und die Ohren erfassen die Stille der Einsamkeit. Die Augen aber können sich nicht satt sehen an dem gleißenden, weißen Licht des Himmels, den gewaltigen Gletschern, Eisspalten und Inseln und der typisch intensiven blauen Farbe, die sie manchmal annehmen.
Nur wenn die Eiskristalle der Gletscher und Eisberge ohne Einschlüsse sind, kann das Licht, das aus blauen Wellenlängen zusammengesetzt ist, ungehindert durchdringen. Das macht die stahlblaue oder blauviolette Farbe aus.

Atemberaubend ist die Fahrt durch den Antarktischen Sund und das Weddellmeer. Der Himmel erstrahlt in blauem Licht und das Meer liegt wie ein unendlicher, grüner Gletschersee zu meinen Füßen. Die Atmosphäre ist von einer unnahbaren, kühlen Schönheit beherrscht. Tafeleisberge ragen mit betörender Ausstrahlungskraft in den Himmel. Sie werden vom Eisschelf, einer gewaltigen, schwimmenden, glatten Eisfläche, die mit dem Festland verbunden ist, abgesprengt. Andere Eisberge sind vielfältige, der Fantasie keine Grenzen setzenden Kunstwerke, die in ihren typischen Farben leuchten und einen hinreißenden Kontrast zu den schwarzen Basaltfelsen bilden. In der Ferne verschmilzt ein stahlblaues Eisfeld mit dem blauen, unendlichen Horizont. Der Zauber hält mich stundenlang gefangen und prägt sich unauslöschlich in das Herz.
Die Fahrt führt durch den spektakulären Lemaire-Kanal, auch „Kodakkanal“ genannt. Er ist nur einige hundert Meter breit, 15 Kilometer lang, und eine Herausforderung für jeden Kapitän. Mitten im Kanal schieben sich die schneebedeckten Flanken der 1.000 Meter hohen Berge immer näher an das Schiff heran. Gletscher rahmen das Ufer mit steil abbrechenden Eiswänden ein. Treibeis knirscht und knackt bedrohlich unter dem Bug, und das Schiff schlingert nur langsam durch den abenteuerlichen Seeweg. Nach dem Kanal eröffnet sich für mich eine ganz andere Eiswelt. Die Sonne strahlt vom Himmel und der Blick fällt auf eine zauberhafte Gletscherwelt. Auf großen Eisschollen ruhen sich Robben und Pinguine aus und lassen sich von dem riesigen Schiff nicht stören.
Wieder wird die 800 Kilometer breite Drake-Passage überquert. Pinguine, Robben, Orkas und Albatrosse habe ich auch noch gesehen, und die Augen sind völlig erschöpft.
Noch zwei Mal schließe ich die Augen, um neue Eindrücke vom Kap Hoorn und den chilenischen Fjorden mit Regenwald zu verarbeiten.

Dann endlich! Mein Traum ist Wirklichkeit geworden. Nach langer Zeit stehe ich nun selber auf einem Deck der „Nordnorge“, die mich an die Antarktische Halbinsel bringt. Ich warte auf den Ruf des Kapitäns: „Vor uns sehen Sie gleich den ersten Eisberg dieser Reise.“
Gestern Nacht – Silvester – hat die „Nordnorge“ Ushuaia verlassen. Diese Stadt gilt als die südlichste der Welt und liegt im argentinischen Teil von Feuerland, direkt am Beaglekanal. Gegen Morgen erreicht das Schiff die Drake-Passage. Sie zeigt ihre Gefahren nicht, die See ist ruhig.
Meine Kamera und das Fernglas sind bereit und ich beo-bachte den leicht bewölkten Himmel. Dort, weit in der Ferne: Mein erster Eisberg. Ich bin aufgeregt. Langsam fährt die „Nordnorge“ darauf zu und ich staune. In sanftem Blau ragt ein riesiger Koloss erhaben in den Himmel. So schön und vollkommen, dass es mir den Atem nimmt und ich den Blick nicht von ihm wenden kann. Langsam gleitet die „Nordnorge“ darum herum und ich darf das Wunderwerk der Natur lange ansehen. Meine Sinne sind hellwach. Diese Schönheit darf ich nun mehrere Tage genießen.

Ihren Weg ins ewige Eis der Antarktis setzt Eva-Maria Schultz-Gerstein in unserem Buch „Erlebnis Antarktis“ fort…

Eva-Maria Schultz-Gerstein