Im Reich der Eiskönigin

MS Ushuaia in der Antarktis

MS Ushuaia in der Antarktis

Mit einem ehemaligen Forschungsschiff in die Antarktis

Bereits kurz nach der Abfahrt liegen zwei Drittel der Passagiere in ihren Kojen und stöhnen leise vor sich hin. Ich hatte mir noch in Deutschland eine fünffache Notfall-Medikamentation zurecht gelegt: Reisetabletten mit dem einschläfernden Wirkstoff Dimenhydrinat, Akupressurbänder zur Stimulation von Anti-Seekrankheits-Nerven an den Handgelenken, wirkstoffgetränkte Pflaster zur Beruhigung des Gleichgewichtssinns im Innenohr, homöopathische Notfalltropfen sowie eine Flasche edlen französischen Cognac – nur um festzustellen, dass alles nichts hilft. Stöhnend stolpere ich zur Reling, wanke anschließend ins Bett, ziehe das Laken über den Kopf, versuche das bösartige Rumoren in meinem Bauch zu ignorieren und beginne, die Minuten zu zählen. Von Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt, bis zu unserem Ziel, der antarktischen Halbinsel, sind es ca. 450 Seemeilen durch die sturmgepeitschten Gewässer der Drake Passage. Zwei Tage wird unser Schiff, das in Ohio gebaute ehemalige US-amerikanische Forschungsschiff MS Ushuaia (Baujahr 1970), mit seinen 70 Passagieren und 41 Crewmitgliedern dazu bei voller Fahrt (26 km/h) benötigen. Zwei Tage, 2.880 heftig schaukelnde Minuten… Ist es das wirklich wert? Gott, ist mir übel!

Willkommen im Reich der Eiskönigin

Eine halbe Ewigkeit später wache ich früh am Morgen auf. Die Sonne scheint zum Bullauge herein, die Koje steht still. Wie eingefroren liege ich auf meinem Bett. Ein Blick zum Wecker: 4 Uhr morgens. Sind wir da? Oder wird es gleich wieder losgehen? Ich stehe auf, klettere durch die schmalen Gänge auf das Oberdeck der MS Uhshuaia. Das Schiff liegt im spiegelglatten Wasser eines 500 Meter breiten Kanals, dessen Wände aus häusergroßen Eismassen bestehen. Scharfkantige Berge ragen aus den Gletschern, Eisberge treiben im tiefblauen Wasser, unsichere Sonnenstrahlen spielen im Schnee. Von Backbord her höre ich einen ungewohnten Laut. Ich drehe mich um, sehe, wie sich der Rücken eines Buckelwals aus dem Wasser schält und mich seine hocherhobene Schwanzflosse willkommen heißt. Die Eiskönigin hat uns Einlass gewährt in ihr verwunschenes Reich!

Die nächsten Tage vergehen im Flug. Dick eingepackt in Thermounterwäsche, Fleecejacke, Schneehose, Parka und Rettungsweste klettern wir immer wieder in die Zodiacs, kleine, aber ausgesprochen robuste Schlauchboote, landen an Orten, von denen ich schon als Kind geträumt habe: Paradise Bay, Neko Harbour, Cuverville Island. Ringsum türmen sich Eisberge gen Himmel, Pinguine laufen schnatternd vorbei, geheimnisvoll knarren und knarzen die Gletscher.

An einem entlegenen Strand genieße ich den antarktischen Sommer und döse zwischen kleinen Eisbrocken ein. Als ich aufwache, liegt drei Meter entfernt ein Seeleopard und sonnt sich auf den Steinen. „Schnell, ein Foto!“, schießt es mir durch den Kopf, doch dann lasse ich die Kamera im Rucksack stecken – und genieße einfach nur den Augenblick. „Es ist so wunderschön“, sage ich und der Seeleopard wackelt zur Bestätigung sanft mit den Bartspitzen.

Walfänger, Touristen, Forscher

Die Antarktis ist die letzte große Wildnis, ein Kontinent der Extreme, kalt, frostig, windig, abgelegen, tödlich, wunderschön. Unberührt ist diese Wildnis allerdings schon lange nicht mehr: Immer wieder finden wir an Land die Knochen gigantischer Wale, die Überreste von Harpunen und halb versunken in Foyn Harbor sogar ein rostiges ehemaliges Walfängerboot – der Kapitän konnte das in Brand geratene Boot gerade noch in seichtes Wasser steuern und seine Crew an Land retten.

Heute werden die Wale mit Fotoapparaten gejagt. „Ist das besser?“, frage ich Susanna, die auf der britischen Antarktisstation Port Lockroy als Forscherin und „Mädchen für alles“ arbeitet.

„Of course it’s difficult“, sagt Susanna und fährt in akzentfreiem Deutsch fort, „immerhin besuchen pro Jahr mehr als 12.000 Touristen die Antarktis – was natürlich nicht ohne Auswirkungen bleibt. Wir haben aber zumindest das Glück, dass es sehr strenge Regeln gibt, die von den Veranstaltern auch meist rigoros eingehalten werden: Nie dürfen mehr als 100 Personen zeitgleich an Land, in Regionen mit Pflanzen (so zum Beispiel auf den Südshetland-Inseln) müssen alle zur Schonung der Vegetation auf festgelegten Pfaden strikt in Reihe gehen, die Stiefel werden vor jedem Landgang desinfiziert, die Mitnahme jeglicher Dinge wie Knochen, Steine, Federn ist verboten. Letztlich ist die Antarktis seit dem internationalen Antarktisabkommen von 1961 – das mitten im Kalten Krieg von den USA, der UdSSR und weltweit 10 weiteren Staaten unterzeichnet wurde – und insbesondere seit der Verlängerung/Ergänzung von 1991 ein gewaltiger großer Naturpark. Und ich habe schon das Gefühl, dass den meisten, die die anstrengende Reise hierher ans Ende der Welt auf sich nehmen, auch viel an dieser einzigartigen Natur liegt.“

„Also alles gut im eisigen Paradies?“, frage ich.

„Es ist widersprüchlich“, sagt Susanna. „Nehmen wir zum Beispiel unsere Station, Port Lockroy. Die Pinguine, die hier überall auf den Wegen herum liegen und unsere Veranda zentimeterdick mit ihrem Kot überziehen, sind vor einigen Jahren erst frisch hier angekommen – und lassen sich offensichtlich von den zahlreichen Touristen, die hier im antarktischen Sommer anlanden, auch nicht stören. Genauer: Die Kolonie gedeiht prächtig. Dafür sind im Bereich der gesamten antarktischen Halbinsel in den letzten Jahren die Temperaturen deutlich gestiegen, was u.a. die Vermehrung der Kieselalgen beeinträchtigt, von denen sich der Kleinkrebs Krill ernährt – der wiederum die zentrale Nahrungsquelle von so ziemlich jedem Tier hier in der Antarktis darstellt. So gibt es im Bereich der Südshetland-Inseln beispielsweise eine gut beforschte Kolonie von Adeliepinguinen, die in den letzten Jahren von 1.500 auf 400 Brutpaare zurück gegangen ist. Das Problem ist also eher die globale Erwärmung; und deren Folgen bekommen wir hier in diesem sensiblen Umfeld besonders schnell und besonders deutlich zu spüren. Vom Ozonloch und meinem ständigen Sonnenbrand mal ganz zu schweigen…“

Etwas bedrückt lasse ich den Blick über die Bucht schweifen. Gut 500 Meter entfernt kalbt ein Gletscher, eine Welle rollt durch die Bucht heran und bricht sich an den rundgeschliffenen Felsen von Port Lockroy. „Trotzdem ist es ein gutes Jahr für die Antarktis“, lächelt Susanna zum Abschluss. „So dürfen seit dieser Saison keine großen Kreuzfahrtschiffe, die auf der Basis von absolut umweltschädlichen Schweröl fahren, antarktische Gewässer ansteuern – eine Havarie dieser Schiffe wäre eine echte Katastrophe für die Antarktis gewesen.“

Drei Staaten – trotzdem Niemandsland

Gleich drei Staaten erhaben Anspruch allein auf die antarktische Halbinsel (Chile, Argentinien, Großbritannien) und stützen diesen mit den unterschiedlichsten Methoden: Chile sieht zum Beispiel die Halbinsel als natürliche Fortsetzung der Anden und damit des eigenen Landes an. Argentinien hat auf der entlegenen Station Esperanza 1978 das erste „antarktische“ Baby entbinden lassen. Und Großbritannien hat schließlich in Port Lockroy das südlichste Postamt der Welt eröffnet – und vertreibt dabei Briefmarken, die jedem Philatelisten das Herz höher schlagen lassen.

Dennoch ist, so spüre ich es bei jedem Schritt und jedem Atemzug, die Antarktis Niemandsland, oder, wie im Antarktisvertrag von 1961 festgehalten wurde, ein Kontinent für Frieden, Forschung und Umweltschutz. Ein entlegener Kontinent fern am Ende der Träume, der ganz den Robben, Pinguinen, Walen, Albatrossen und Seeschwalben gehört – und uns nur kurz als Gästen Einlass gewährt.

„Es ist so wunderschön“, murmle ich ein weiteres Mal vor mich hin, spüre meine Eisfieber erneut in die Höhe schnellen, renne in voller Montur fünf Minuten am schwarzen Vulkanstrand von Deception Island entlang, reiße mir sämtliche Klamotten vom Leib, nehme Anlauf, springe ins Wasser (2,1° Celsius) und bin schließlich ganz da.

Dass das antarktische Bad vielleicht sein Eisfieber abgekühlt hat, Thomas Heller aber trotzdem unheilbar am Reisefieber leidet, diagnostizieren seinen beiden Bücher „Overland“ (3. Auflage 2011) und „Zwölf Fotos für Nordkorea“ (2009)…

Thomas Heller