LIGHTHOUSE LOBSTER LUNENBURG

Eine Rundreise per Wohnmobil durch die nordöstliche Provinz Kanadas, NOVA SCOTIA

Camping at its Best

Camping at its Best

Wie kommen wir auf diesen Titel? Ganz einfach: Wir haben Menschen „vor Ort“ gefragt, mit welchen Begriffen sie ihre Provinz charakterisieren würden. Die überwiegende Mehrheit unserer Gesprächspartner nannte mehr oder minder spontan diese Begriffe. Also machen wir sie uns auch zu eigen und berichten überwiegend hierüber.

Cap mit Einsamkeit und Möwenschrei

Cap mit Einsamkeit und Möwenschrei

Fast über die gesamten 14 Tage dieser Rundtour auf der Küstenstraße meinte das Wetter es gut mit uns. Bei fast sommerlichen Tagestemperaturen (nachts natürlich noch bitter kalt) und häufig strahlendem Sonnenschein reiht sich ein wunderbarer Ausblick an den anderen. In die unzähligen Buchten schmiegen sich von buntfarbigen Häusern geprägte Fischerdörfer. Schroffe, felsige Caps an der Süd- wie an der Nordküste bilden die Standorte mindestens ebenso farbenfroher Leuchttürme. Und damit erklärt sich auch der erste Begriff. Das Ganze nennt sich demzufolge auch „LIGHTHOUSE Trail“, also „Route der Leuchttürme“.

Jetzt, in den ersten Maiwochen  haben erwartungsgemäß noch fast alle touristischen Einrichtungen geschlossen, wie z.B. National oder Provincial Parks, Museen  oder Campingplätze. Noch herrscht „Tourismus light“ ohne entsprechende Angebote.    Die eigentliche Saison beginnt erst Mitte/Ende Mai, häufig noch später. Das hat andererseits den Vorteil, an den meisten malerischen Orten in der Regel allein weilen zu dürfen. Und was gibt es Romantischeres, als in einem für Besucher noch nicht geöffneten aber  nicht verschlossenem Nationalpark nichts anderes wahrzunehmen als den vielstimmigen Chor der Natur bzw. auf einem Cap mit Rundumblick einen bilderbuchhaften Sonnenuntergang  und hinterher wegen des „Rollenden Wohnzimmers“, sprich Wohnmobils, am nächsten Morgen an gleicher Stelle einen mindestens ebenso beeindruckenden Sonnenaufgang erleben zu dürfen. Der Alltag gerät in Vergessenheit, wenn als letzter abendlicher Laut ein herzzerreißender Möwenschrei wahrgenommen wird, der sich dann bei Tagesanbruch wiederholt.

Sonnenuntergang am Leuchtturm

Sonnenuntergang am Leuchtturm

„LIGHTHOUSE“ macht sich auch die Kirche als Begriff nutzbar. Sie stellt sich dar als „Leuchtturm des Lebens“. Ein besonders ausgewiesener „Evangeline Trail“ führt zu den schönsten Kirchen der Region. Oftmals beherbergt ein kleiner Ort zahlreiche Gotteshäuser unterschiedlicher Glaubensausrichtung.  Heftig wird um neue Mitglieder geworben, die Vielfalt der Werbesprüche kennt kaum Grenzen. Zwei von ihnen seien hier erwähnt. Eine Baptistengemeinde ließ uns wissen: „Come in as You are, leave renewed / Komm herein, wie du bist, und gehe wie neugeboren wieder hinaus“. Kurz danach entdeckten wir das Wortspiel: „God reigns, Son (sun?) shines / Gott regiert, der Sohn strahlt“.

Verlassen wir die Leuchtkräfte, wenden wir uns dem Alltäglichen zu. Küste, Meer und Fischerei bilden eine Einheit. Besonders ausgeprägt zeigt sich in Nova Scotia der Hummerfang, womit wir beim Begriff LOBSTER wären.

Hummerfischer

Hummerfischer

Die 300Km südwestlich von Halifax gelegene Gemeinde Barrington nennt sich „Hummerhauptstadt Kanadas“  Aber eigentlich lebt hier jede Küstengemeinde von diesem Erwerbszweig.

Wie wir in einem Gespräch mit einem dieser Fischer erfuhren,  gilt ab Ende Mai  das saisonale Fangverbot. Also wird bis dahin „geerntet, was das Meer hergibt“, ergänzte er Augen zwinkernd. Auf die Frage nach Fangquoten blieb er  auffallend wortkarg.

Hummerfallen ähneln Käfigen aus stabilem Draht, denn natürlich werden die Tiere lebendig gefangen, in großen Strömungsbecken zwischengelagert und in der Regel auch lebendig verkauft. Bei den moderaten Preisen im Direktverkauf vom Fischer (mit Gehäuse ca. €15/Kg, ohne €30) schmeckt diese Delikatesse gleich doppelt so gut. Wer einen noch lebenden Hummer erwirbt, sollte aufpassen, dass feste, breite Gummibänder um die Scheren gespannt sind; sonst kann es obendrein noch schnell einmal einen Finger kosten.

Hummerfischers Treibholz-Thron

Hummerfischers Treibholz-Thron

Randbemerkung: Eigentlich dachten wir, wir tourten durch Kanada. Doch plötzlich tauchten uns wohlbekannte Ortsnamen auf: Westberlin und als Ortsteil davon Ostberlin. Hat man hier die Geschichte verschlafen?

Gut aufgepasst hingegen haben die Einwohner des Küstenortes Shag Harbor an der Nordküste der Provinz. Laut Informationstafel gab es hier 1967 ein sogenanntes „UFO-Unglück“, wobei ein „leuchtender Himmelskörper“ lange regungslos über dem Meer gehangen haben soll und dann abstürzte. Nachforschungen von Polizei und Militär ergaben jedoch keine verwertbaren Befunde.

Da bleiben wir lieber beim Genuss, wenn auch nicht mehr so aktuell und so direkt. Es gab und gibt aber einen Orden, der sich dem „vermehrten Lebensgenuss“ verschrieben hat. Er nennt sich „L’ORDRE DE BON TEMPS“ (frei übersetzt: „Vereinigung für Fröhlichkeit und gutes Essen“) Das Ganze reicht zurück in das 16./17. Jahrhundert, als Franzosen und Engländer sich noch um die Vorherrschaft Nova Scotias bekriegten. Die Briten behielten schließlich die Oberhand. Heute respektieren sich beide Kulturkreise uneingeschränkt, was sich unter anderem in der Zweisprachigkeit zeigt.

Der Ursprung dieses Ordens besitzt einen durchaus ernsten Hintergrund, denn zu jener Zeit gab es über mehrere Jahre hinweg eine ungewöhnlich hohe Sterberate, nicht durch den Krieg sondern durch Skorbut hervorgerufen. Besonders die Franzosen vermuteten die Ursache für die Krankheit in dem eintönigen, erlebnisarmen Alltagsleben und nicht in einseitiger, schlechter Ernährung. Daraufhin gründete sich der o.g. Orden mit dem Ziel, „bessere Lebensqualität“ zu schaffen, einerseits durch Überwachung der Moral, andererseits aber stärker  noch durch ausgedehnte Festmahle mit Musik und Theater für die gesamte Bevölkerung. Auch heute lebt diese Tradition als eine Form der  französischen „Acadienkultur“ fort.

Verlassen wir „Neuschottland“ für einen kurzen Abstecher , um einen winzigen Blick auf die nordwestlich gelegene  PRINCE EDWARD ISLAND (PEI) zu riskieren. Diese Insel stellt eine eigene Provinz dar. Sie gilt als „Fehmarn Kanadas“. Über die 13Km lange kostenpflichtige „Costitution Bridge“ erreicht man das grüne Eiland. Eigentlich hätten wir ca. C$45 Maut bezahlen müssen. Die Privatstraße hinter dem Touristenbüro am Brückenende erwies sich jedoch als wohltuender, Kosten sparender Schleichweg (Aber nicht weitersagen!).

Den gesamten Inselausflug über hatten wir das Gefühl, durch eine englische Parklandschaft oder eine  Gartenbauausstellung zu schlendern, so gepflegt und farbenfroh präsentierte sich die Insel.

Als „Grün“ erweist sich PEI  in doppelter Hinsicht. Saftig grüne Felder, umgeben von ebenso grünen Nadelwäldern, prägen die Natur. Und am „Nordkap“ mit der angrenzenden Gemeinde „Norwegen“ dient der dort errichtete Windpark als Prototyp für die immer wieder betonte politische Ausrichtung:  „Natur & Technologie in perfekter Harmonie“. Auffallend sind in der Tat auch als sichtbares Resultat der vorherrschend regenerativen Energiegewinnung die zahlreichen  Ladestationen – privat wie öffentlich – für Elektroautos.

Demgegenüber beurteilt man aber auch als überwiegend „politisch ökologisch korrekt“ die Argumente eines jungen Insulaners, Kartoffelfarmer von Beruf, der in den Wintermonaten im Ölfördergeschäft sein Brot verdient: „Fracking“ gilt in Kanada als umweltschonende, ungefährliche Technologie. So haben wir es bei abendlichen small talks gleichermaßen von der Land- wie der Stadtbevölkerung bestätigt bekommen.  Was einige Kilometer Ortswechsel doch bewirken können!

Doch widmen wir uns wieder unserem NOVA SCOTIA. Es fehlt ja noch der dritte Begriff: LUNENBURG.

Das pittoreske Fischerstädtchen, dessen zum Meer hin ausgerichtete Straßenzüge sich terrassenförmig über dem Hafen erheben, steht unter Denkmalschutz als UNESCO Weltkulturerbe.

Lunenburg Waterfront

Lunenburg Waterfront

Schon im Vorfeld waren wir auf die dort angesiedelte Geschichte der „Bluenose“ gestoßen, konnten uns aber keinen rechten Reim darauf machen. Nun, woher könnte man bessere Informationen erhalten als von der örtlichen Presse? Gedacht, getan – wir hinein in die Redaktion des „The Lunenburg County Progress Bulletin“. Lassen wir den Redakteur Robert Hirtle die Geschichte kurz erläutern: „Bluenose war ein Schiff, ein Schooner, welches 1921 erbaut wurde. Es diente zwar auch der Fischerei. Eigentlich aber war es ein Regatta taugliches Schiff für die jährlichen Wettrennen in der Klasse „Fischflotte“ gegen die Amerikaner. Bis zu seinem Verkauf 1938 hat das Schiff nicht eine einzige Regatta verloren. Dem neuen Besitzer gingen allerdings die finanziellen Mittel zur Unterhaltung und Teilnahme an diesen Regatten aus. Folglich verkaufte er es an einen Bootshändler in die Karibik. Dort sank das Schiff 1946 aus bis heute unerklärlichen Gründen. Die „Bluenose“ als Symbol kanadischer Überlegenheit über den US-Nachbarn sollte aber nicht einfach auf dem Meeresboden in der Vergessenheit verschwinden. Also entschloss man sich, durch einen Schiffsnachbau die glorreichen Zeiten wieder aufleben zu lassen.  In Anwesenheit hoher Prominenz, nicht zuletzt des kanadischen Verteidigungsministers, erfolgte 1963 der Stapellauf der „Bluenose II“. Die Presse jubelte mit der Überschrift „Eine kanadische Ikone wird ein zweites Mal zu Wasser gelassen“  Die zahlreichen Redner betonten, dass nunmehr heutige und zukünftige Generationen von  gleichem Stolz erfüllt sein dürfen wie ihre Eltern, Großeltern und Urgroßeltern.“ Soweit die nicht ohne hintergründiges Lächeln gegebenen Erläuterungen des Journalisten.

Zum Schluss noch zwei Begriffe, die bei der Nennung den ersten dreien nur knapp unterlegen waren.

Der eine heißt LOUISBURG mit dem CAPE BRETON. Die ehemalige Festung beherbergte nicht nur das Flottenhauptquartier der jeweils gerade übermächtigen Kriegspartei, sondern bildete in dem dauernden Wechsel zwischen Franzosen und Engländern die wichtigste Schlüsselposition zur Beherrschung Nova Scotias. Mehrmals völlig geschleift und wieder aufgebaut, lockt sie, wie auch der moderne gleichnamige Ort heute Scharen von Touristen an.

Und wer dann von Geschichte genug hat, taucht auf dem CAPE BRETON tief ein in unberührte Natur, bis hinauf zum entsprechenden Nordkap. Die Landschaft durchstreifend, u.a. auf dem berühmten Cabot Trail, sind Parallelen zu den schottischen Highlands unübersehbar. In seinem Nationalpark erreichen wir  in den „Höhenlagen“ mit nur etwas mehr als 500m bereits subarktische Klimabedingungen. Verkrüppelte, durch Sturm, Schnee und Frost gezeichnete Tannenwälder wechseln ab mit Hochmooren und kahlen, felsigen Ebenen, auf denen höchstens noch zarte Ansätze von Heidekraut sichtbar werden.

Der andere Begriff hat uns zunächst doch nicht wenig erstaunt: LAUGHING /Lachen. Ja, und in der Tat, es passt: Tag für Tag erleben wir, wie berechtigt dieser Terminus ist. Neben der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft begegnen wir doch immer überwiegend Menschen mit einem Lächeln in den Gesichtszügen und meistens zu einem Scherz bereit.

Aber mal ehrlich, definiert sich Nova Scotia wirklich überwiegend durch Begriffe, die mit dem Buchstaben „L“ beginnen? Um bei der Wahrheit zu bleiben, wir haben ein wenig nachgeholfen. Mindestens ebenso häufig wurde die Kultur der  sogenannten Mi‘kmaq-Ureinwohner genannt. Hierüber haben wir aber bereits berichtet in unserem Buch „Atlantik Pazifik Atlantik“ über unsere erste Nordamerikareise (erhältlich im Buchhandel, direkt beim Oldesloer Von-Hausen-Verlag, oder per e-mail über wolf@leichsenring.net ).

Wir verabschieden uns von Nova Scotia, um per Schiff in nördlichere Regionen, d.h. nach Neufundland-Labrador überzusetzen. Von dort melden wir uns dann in ca. vier bis sechs Wochen wieder. In der Zwischenzeit raten wir zu einem Aussprachetraining des folgenden Satzes: „A wife from Western Wentworth waits for a waitress in the Westchester Station’s waitingroom“.

Text: Wolf Leichsenring

Wolf Leichsenring

Gabriele & Wolf Leichsenring „Die Welt ist ein Buch. Und wer zu Hause bleibt, liest nur eine Seite darin“, lautet ein Spruch des weltoffenen Heiligen Augustinus (354-430 AD). Gabriele & Wolf Leichsenring sind lesefreudig. Mit einer einzigen Buchseite haben sie sich noch nie zufrieden gegeben. Wohnmobilisten seit nunmehr 30Jahren – und somit völlig „hoteluntauglich“ - blättern sie stetig im „Buch der Erde“, haben sich darin bereits recht vielfältige Kapitel erarbeitet. Sie reisen überall dorthin, wohin das Wohnmobil sie trägt. Dabei scheuen sie nicht davor zurück, ihr WoMo auch einmal für eine längere Schifffahrt verladen zu lassen, z.B. nach Nordamerika. Seitdem sie ihren früheren beruflichen Pfaden (Lehrtätigkeiten) den Rücken gekehrt haben, stehen Langzeitreisen in fernere Ecken unseres Erdballs auf dem Programm. Mit der Zeit würden sicherlich viele der gewonnen Impressionen im Nebel der Erinnerungen verblassen oder gar gänzlich verschwinden. Um dem vorzubeugen, werden Berge von Fotos geschossen und regelmäßig Reiseberichte geschrieben. Damit nicht genug! Anfragen von Zeitungsverlagen ließen und lassen sie „live von unterwegs“ berichten. Blogs, sowohl auf der eigenen Website ( http://ga-wo.leichsenring.net/reisen/ ) wie auch schwerpunktmäßig für den Reisebuchverlag „traveldiary“, Hamburg, ergänzen das Schreibprogramm. Somit erscheint es dann nur konsequent, dass derartige Aktivitäten schließlich in der Publikation mehrerer Bücher mündeten mit den Themenschwerpunkten „Nordamerika“ und „Marokko“. Als gefragte Dozenten berichten sie in Form von DiaVorträgen über ihre Reisen, wobei die Zuhörerschaft sich entweder den eigenen Erinnerungen hingeben, auch einmal neue Pläne schmieden, ihren Wissensdurst stillen oder sich einfach in Träumereien fallen lassen kann. Bewährt hat sich Arbeitsteilung der beiden Globetrotter: Mit ausgeprägtem, motivsicherem Blick bannt Gabriele Leichsenring das Gesehene und Erlebte in ihre Kameras. Die entsprechenden Texte stammen aus der Feder von Wolf Leichsenring. Und so arbeiten sich diese neugierigen, vom Fernweh heimgesuchten Weltenbummler durch das dicke Buch des Globus‘. Wer aber auch eine andere – künstlerische – Seite dieser beiden Reiseautoren kennenlernen möchte, der rufe einfach deren weitere Website auf: http://ga-wo.leichsenring.net/kreativ/