Neun Monate strenger Winter – Drei Monate Winter

Neufundland-Labrador (Teil 1)Cape Rose Blanche an der Südwestküste Neufundlands

So beschreiben Einheimische ihr gefühltes Wetter. Vielleicht nennen sie sich selbst ja deshalb mit einer  großen Portion Herzenswärme schlicht und einfach nur „Newfies“.

Bei aller Übertreibung ein Körnchen Wahrheit ist vorhanden. Mit durchschnittlichen Schneehöhen von 3.50m und Spitzen bis zu 7m trifft diese Einschätzung für das nördlichere Labrador sicherlich eher zu als für Neufundland mit kontinentalem bis subarktischem Klima. Auf der Insel trotzt der Winter dem Frühling nur bis Ende Mai und beginnt meist erst wieder Ende September. Jedoch das tägliche Wettererlebnis steckt voller Überraschungen.Wintereinbruch an der Nordosküste Neufundlands

Urplötzlich fallen zu dieser Jahreszeit die Temperaturen noch weit unter den Gefrierpunkt, gekrönt durch dichtes Schneetreiben, so dass Winterdienst und Schneeschieber Sonderschichten fahren. Die kleinen Siedlungen scheinen in ihre Winterstarre zurück zu fallen. Am folgenden Tag dagegen klettert das Thermometer rasch wieder auf sonnige 15–20 Grad, um das Herz dann am dritten Tag mit sintflutartigen, vom Sturm gepeitschten Regengüssen zu erfreuen. Wirklicher Verlass ist eigentlich nur auf die meteorologische Unbeständigkeit.

Kanadas nördliche Schwester

Sie haben „Neues Land Gefunden“  die früheren sibirischen Dorset Paleo Eskimos. Vor ca. 2.000 Jahren landeten sie zum ersten Mal an der Südwestspitze der Insel. Die Klimaverhältnisse mit der dazu gehörigen Fauna und Flora waren ihnen von ihrer Heimat her nur allzu vertraut. Also blieben sie einige Jahrhunderte, bis dann um das Jahr 1000 herum die ersten Vikinger mit ihrem Anführer Leif Eriksson das Eiland (wieder-)entdeckten, und ab dem 15.Jh. die europäische Kolonisierung einsetzte.

Und heute? Die Lebensverhältnisse sind rau geblieben, wenn auch durch unsere modernen Errungenschaften erheblich erleichtert. Man muss seinen „inneren Mittelpunkt“ finden, erklärte uns eine deutsche Auswanderin aus Dresden, die hier seit gut 10 Jahren lebt. „Dann kann man es hier gut aushalten.“

Die zänkischen Schwestern

Politisch stieß die Provinz Neufundland -Labrador erst 1949 zu Kanada. Ob sie damit glücklich geworden ist? Man mag es bezweifeln, wenn man die Sticheleien anderer Provinzen über diese nordische Region wirklich ernst nimmt.  Provinz Alberta z.B. tönt: „Wir haben kultivierte Städte mit Weinkellern.“ Und ihre Schwester Ontario prahlt: „Wir haben Kultur, Weinkeller und die Rocky Mountains“. Die Dritte im Bunde, British Columbia nennt sich ein „Schaufenster, das für sich selbst spricht“, und selbst die atlantische Kollegin Nova Scotia spottet: „Wir sind Magnet für Kreuzfahrtschiffe“. Ja, ja, sie alle hacken auf dem armen Eiland herum: „Alles, was ihr vorzeigen könnt, sind Felsen, Moore und eine armselige Wirtschaft. Ihr seid ja nicht einmal wirklich mit Kanada verbunden“.

Allerdings vergessen wurde bei diesen verbalen Abkanzelungen aber der häufige, undurchdringliche Nebel. Besonders auf der südöstlichen Halbinsel Avalon sieht man in den sprichwörtlichen „Nebeln von Avalon“ so gut wie nichts mehr.  Erklärlich ist diese Weglassung aber schon. Denn mindestens die westliche, pazifische Provinz British Columbia und ihr östliches Pendant Nova Scotia können mit ähnlichem Nebeldickicht  aufwarten, wie wir auf unserer vorherigen Nordamerikareise in 2011 des Öfteren feststellen durften.

Oder ist diese Schwesternliebe nicht eher ein Ausdruck von Neid? Denn die nördlichste Provinz ist einer der neuen touristischen Hot Spots, rangiert unter den weltweiten Top Ten neben den Seychellen und Abu Dabi.

Und das Argument mit der „armseligen Wirtschaft“ gilt seit 1997 nicht mehr, seitdem riesige offshore-Ölvorkommen die Wirtschaft der Provinz boomen lassen.

Also legen wir diese Eifersüchteleien einfach beiseite, lassen wir uns lieber einfangen von der rauen Schönheit der Landschaft mit seinen Hügeln und Bergen, teilweise völlig felsig kahl, teilweise dicht bewaldet, bis 800m hoch. Lassen wir in uns die Spannung wachsen, wann wir  Eisberge sichten, Wale oder Delphine bei ihrem Spiel beobachten können, bzw. einem oder mehreren der 120.000 bis 140.000 auf der Insel beheimateten Elche begegnen. Lassen wir uns einhüllen in die entgegenkommende Freundlichkeit der Bewohner und nicht abschrecken von dem unüberhörbaren  Dialekt ihrer Sprache. Hören wir ihren Geschichten zu, egal ob wirklich passiert oder in der Welt der Legenden anzusiedeln.

 

Exkurs: „Devil’s hand / Teufels Hand

Eine kleine Kostprobe der vielfältigen Geschichten gefällig? Dann einfach weiterlesen:

Die kleine Stadt Fortune Harbor in der Notre Dame Bay bot einst die Kulisse eines sehr eigenartigen Ereignisses. Ein Mann namens Kincheler liebte Kartenspielen über alle Maßen und prahlte stets damit, dass nichts und niemand ihn von einer Partie abhalten könne. Auf der Suche nach Mitspielern wanderte  er eines Nachts viele Meilen weit, nur um ein Spiel und hoffentlich Gewinn machen zu können. In einer von Gott verlassenen Bar wurde er schließlich fündig. Immer wieder rühmte es sich vor seinen Spielpartner, dass er selbst mit dem Teufel  ein Spiel riskieren und diesen besiegen würde.

Nach dem Spiel auf dem Heimweg durch felsiges Gelände begegnete er  einem Fremden. Man kam miteinander ins Gespräch, wobei sich schnell herausstellte, dass auch der geheimnisvolle Unbekannte das Glücksspiel verehrte. Schnell  war man sich einig, in freier Natur auf einem platten Felsbrocken  eine Partie zu wagen.

Stundenlang waren die Beiden in ihr Spiel vertieft. Kincheler gewann  eine Partie nach der anderen. Als der Fremde  deswegen immer ärgerlicher wurde, bemerkte Kincheler einen nervös hin und her wippenden Schwanz, der unter dem Mantel des allmählich völlig aufgebrachten  Spielpartners hervorlugte. Kincheler legte erneut eine Gewinnerkarte auf den Tisch. Außer sich vor Wut schlug der mysteriöse Mann mit der Faust äußerst hart auf die Steinplatte . Anschließend löste er sich  urplötzlich in Luft auf. Der Schlag war so heftig, dass der Faustabdruck noch heute  wie eingemeißelt in dem Felsen zu sehen ist.

Darum merke: Der Teufel liebt es nicht zu verlieren…… Ankunft auf Neufundland

 

Ankunft mit Hindernissen

Nachdem unsere gewünschte morgendliche Abfahrt der Autofähre  von Nord Sydney in Nova Scotia wegen Unwetters kurz vorher gecancelt und wir auf die Nachtfähre vertröstet wurden, verlief dann aber doch noch alles glatt, so dass wir bei Tagesanbruch des 16.Mai an der kalten und regnerischen Südwestspitze Neufundlands nach einer relativ ruhigen Überfahrt wieder festen Boden unter die Füße bekamen. Der Ankunftshafen heißt Channel-Port-Aux-Basques, was schon das Interessanteste am diesem Städtchen darstellt.

Beim ersten Eintasten auf der Insel lief uns zunächst ein kleiner Schauder über den Rücken, nicht vom Regen sondern von den Namen der Orte, die wir kurz darauf durchfuhren: „Isle Aux Morts / Insel für die  Toten“ oder „Burnt Island / Verbrannte Insel“. Waren wir hier wirklich gut und richtig aufgehoben?

 

Exkurs: Neufundländerhunde als Lebensretter

Die Ortschaft „Isle Aux Morts“ weiß in ihrer Geschichte aber auch von einer wundersamen Rettung aus dem Jahr 1828 zu berichten. Der Neufundländer einer Familie Harvey spielte dabei die Hauptrolle, denn er entdeckte als erster ein kurz vor der Küste auf einem Felsen gestrandetes Schiff. Wegen dichten Nebels war für die Schiffbrüchigen das rettende Ufer nicht sichtbar. Das Schiff mit 163 Passgieren und Besatzung drohte auseinander zu brechen. Gemeinsam mit dem vom Hund alarmierten Herrchen stieß man zu den Schiffsbrüchigen vor und geleitete die armen Seelen durch das eiskalte, fast mannshohe Wasser sicher ans Ufer. Neufundländer

Zum Andenken an diese Rettungsaktion wurde der „Rettungsweg“ an der Küste als Gedächtnisweg ausgebaut. Und wer das kalte Wasser nicht scheut, kann bei Ebbe gefahrlos den Felsen zu Fuß erreichen, auf den das Schiff auflief. Der  jährliche Gedächtnislauf soll stets an diese Heldentat erinnern, ebenso wie die Grabstätte von „Herr und Hund“. 

Im weiteren Verlauf der Fahrt folgte dann aber ein grandioses Cap dem anderen, natürlich felsig und Leuchtturm bewehrt. Cape Rose Blanche, Cape Ray, Crow Head oder  Cape Bonavista mögen prototypisch für viele weitere genannt werden. Alle lohnen die oft mehrere hundert Kilometer langen Abstecher und Rundfahrten auf Atem raubenden Küstenstraßen.Fischerdorf Salvage an der Nordostküste Neufundands

 

Exkurs:  John Cabot und Cape Bonavista

Hier am Cape Bonavista im hohen Norden der Insel landete als erster Europäer in den ersten Tagen des Mai 1497 der Venetianer John Cabot (Giovanni Caboto) mit seinem Schiff THE MATTHEW. Ebenso wie sein Landsmann Christoph Columbus war Cabot auf der Suche nach einem Seeweg nach Asien. Beauftragt vom damaligen englischen König Heinrich VII nahm er diesen Teil Insel für die englische Krone sofort in Besitz. Dieser Akt gilt als Start für  die „Überseeherrschaft Großbritanniens in der Neuen Welt“.

 

Ein- und Rundblicke

Nicht nur in den Moorgebieten strotzt die Insel vor Seen. Jeder der ca. 500.000 Inselbewohner könnte glatt mindestens einen von ihnen sein Eigentum nennen, es blieben immer noch genügend „öffentliche“ übrig. Gespeist werden diese Gewässer von unzähligen Bächen und Flüssen, mit und ohne Wasserfall oder Stromschnellen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Angeln – besonders auf Lachs und Forelle – eine sehr beliebte Freizeitbeschäftigung auf der Insel darstellt. Für den Sommer, werden diverse „Lachsfestivals“ angekündigt.Südwestküste Neufundlands

Jetzt im Frühling in der Tausaison quellen die Flüsse fast über. In der Stadt Deer Lake im Westen musste der regionale Staudamm weitgehend geöffnet werden. Er drohte  den Wassermassen nicht mehr standzuhalten. Da erwies  es sich dann als das kleinere Übel, mindestens einen Campingplatz und recht viele Flussgrundstücke zu fluten.

Der insgesamt über 7.000km lange TransCanadaHighway durchtrennt  als Hauptverkehrsader auf  seinen letzten 920Km die Insel in einen Nord- und einen Südteil.  Während der Nordteil an schroffe Fjordlandschaft erinnert, bleibt der Süden überwiegend flach mit weiten Stränden.

Die nördlichen neufundländischen Küsten sind alles andere als einsame Natur, vielmehr be- oder fast schon zersiedelt von kleinen und kleinsten Dörfern mit oft nur 8(!) bis 50 Einwohnern. Glücklicherweise wurde die Bebauung der Landschaft angepasst. Hübsche Einzelhäuser aus Holz mit meist riesigen Grundstücken drum herum prägen das Bild. Und mag die Gemeinde auch noch so klein sein, mindestens zwei Kirchtürme ragen empor. Der Anblick dieser Kirchen ist so abwechslungsreich, dass man sich gar nicht daran satt sehen kann.Grates Cove an der Nordostküste Neufundlands

Exkurs: Lourdes

Und hier und da gibt es auch Besonderheiten. Über eine wollen wir hier berichten. So staunten wir nicht schlecht, als an der Südwestküste am Wegesrand ein Wegweiser mit dem Hinweis „Lourdes Parish Grotto / Heilige Grotte von Lourdes“ auftauchte. Neugierig geworden, suchten wir die Gemeinde auf. Und siehe da, in dem Park der katholischen Gemeindekirche stand eine Nachbildung der echten französischen Grotte samt einer Statue der Heiligen Bernadette Soubirous, sowie einem Behälter mit „geweihtem Wasser“. Dieses „Heiligtum“ entstand 1987 anlässlich der 75-Jahrfeier (!) der Kirchengemeinde, wegen derer der damalige Pfarrer extra nach Lourdes gepilgert war. Papst Johannes Paul II soll diese „kanadische Pilgerstätte“ gesegnet haben.

 

Und greifen wir doch noch einmal das Stichwort „Klein- und Kleinstgemeinden auf.

Exkurs : Umsiedlungsprogramm

Diese Zersiedelung erweist sich wohl als immer größer werdendes Problem für die Regierung. Um ihr Herr zu werden, versuchen die Provinz- gemeinsam mit der Bundesregierung dagegen vorzugehen, indem sie wahre „Umsiedlungsaktionen“ initiieren. Offensichtlich aber mit nur mäßigem Erfolg. Ins Auge gefasst sind dabei alle Gemeinden mit weniger als 500 Einwohnern. Den Bewohnern werden Entschädigungen für den Neustart an einem anderen Ort gezahlt, Bauland ist in den neuen, größeren Gemeinden extra dafür ausgewiesen. Jedoch nicht jeder Einzelne kann für sich an dieser Aktion teilnehmen. Um in den Genuss der Fördermittel zu kommen, müssen bei einer Bürgerbefragung über die Teilnahme an einem Umsiedlungsprogramm einer Gemeinde mindestens 70% der Wahlberechtigten dafür stimmen. Dann werden die Entschädigungsgelder auch individuell ausgezahlt. Resultat laut einem Pressebericht vom 22. Mai 2013: Von rund 3000 Minigemeinden, in denen eine solche Befragung durchgeführt wurde, haben seit 2007 erst vier positiv abgestimmt und sich aufgelöst. Hauptargumente gegen eine Umsiedlung sind nicht  ggf. unzureichende Entschädigungszahlungen sondern vielmehr emotionale Argumente.  Bodenständigkeit und Alterspyramide  geben oft den Ausschlag. Und welches logische Argument kann schon  die  Aussage aushebeln: „Hier wohnen wir, hier haben unsere Eltern und Großeltern gewohnt, und hier sollen auch unsere Kinder und Enkelkinder leben“ oder „Viele von uns im Dorf sind jetzt bereits 70 bis 80 Jahre alt. Und dann noch mal umsiedeln?“ Nun, da helfen auch noch so gut gemeinte Hinweise auf Bedrohung durch Sturmfluten oder auf das immer wiederkehrende „Abgeschnittensein von der Außenwelt“ in den Wintermonaten nichts.

Wer die Einsamkeit sucht muss die Teerstraßen verlassen und auf ausgewaschenen Schotterstraßen ins Landesinnere dieser Halbinseln vordringen. Pech nur, wenn dann  nach einer schier endlosen, rumpligen „Fahrt ins Nirgendwo“ mit idyllischem Übernachtungsplatz in freier Natur und in Erwartung einer grandiosen Aussicht entweder auf die Bergketten oder auf den Atlantik  am nächsten Morgen   alles in dichten,  undurchdringlichen Nebel gehüllt ist. Denn als unberechenbar erweisen sich die schnelllebigen Wetterumschwünge.

St. John’s.St. John's

Die Insel- und Provinzhauptstadt mit ihren rund 100.000 Einwohnern lehnt sich mit ihrem Namen tatsächlich an die biblische Gestalt „Johannes des Täufers“ an. Zwei über der Stadt thronende monumentale Kirchen, „The Anglican Cathedral Of St. John The Baptist“ und „The Basilica Cathedral Church“ unterstreichen diesen Bezug.

Die eigentlichen Sehenswürdigkeiten liegen einige Kilometer außerhalb des Stadtzentrums. Zu empfehlen ist deshalb eine der zwei- bis vierstündigen  Stadtrundtouren mit Kleinbussen. So erreicht man am besten den östlichsten Punkt Kanadas und Nordamerikas mit dem ältesten Leuchtturm des Landes (1895) und dem Provincial Park „Cape Spear“ (eröffnet 1983 von Prince Charles und Lady Diana), das niedliche Fischerdorf „Petty Harbor“, den seit John Cabot aber auch im Zweiten Weltkrieg bedeutsamen „Signal Hill“, die Fjordsiedlung mit dem lateinischen Namen „Quidi Vidi“, und nicht zu vergessen das „Fort Amherst“.  Sie alle sind Highlights im touristischen Angebot der Stadt. Ein Umweg zur 35km südlich gelegenen Ortschaft Bay Bulls lohnt schon allein wegen einer mehrstündigen Schiffsexkursion in das „Witless Bay Ecological Reserve“ mit seiner grandiosen Fels- und Vogelwelt.St. John's Cape SpearSt. John's Signal Hill mit Fort Amerst

 

Exkurs: Who’s that Knocking / Der Poltergeist (Tale)

Alle diese Exkursionen sind  ihr Geld wert, nicht zuletzt auch wegen der Reiseleiter, die es geschickt verstanden, Informatives mit Unterhaltsamem zu verknüpfen. So blieben natürlich auch bei der Stadtrundfahrt bzw. der Schiffsexkursion kleine Anekdoten nicht aus. Unser Fremdenführer, der uns an diesem Tag als einzige Gäste seiner Vormittagstour (quasi eine Privattour) voller Stolz „seine“ Stadt präsentierte, wusste unter dem Motto „Believe it or not / Glaub es oder lass es“ u.a. folgende Begebenheit zu erzählen:

Im Jahre 1883 erbaute der Kaufmann John Foran in St. John’s in der Waterstreet ein vier Stockwerke hohes Hotel. Zu seiner Zeit war es eines der größten Gebäude der Stadt.

Eines Nachts, als alle Gäste bereits schliefen, ertönte ein lautes Klopfgeräusch aus einer der Dachkammern. Es war ein derartig durchdringender Lärm, dass bald jedermann davon aufgeschreckt wurde.  Intensive Untersuchen ergaben keinerlei Aufschluss über die Herkunft des Lärms. 

Wenn auch für diese Nacht wieder Ruhe einkehrte, so wiederholte sich das grausame Spiel jedoch in den beiden folgenden Nächten.

Um den Ruf des Hotels nicht völlig zu ruinieren, wurde eine super Party organisiert quasi als Nachtwache. Obendrein postierte man noch zwei Wachen vor der besagten Hotelzimmertür.

Und…… nichts geschah! Das Poltern hörte auf und kam danach auch nicht mehr wieder. 

Der Raum wurde verschlossen. Die Erinnerung an das mysteriöse Poltern verblasste allmählich. Es kehrte  wieder Ruhe und Geschäftigkeit in den Hotelalltag ein.

Einige Monate später kam ein Fremder nach St. John’s und bat im besagten Hotel um ein Zimmer. Das Hotel war bis unter den Dachfirst belegt mit Ausnahme des Geisterzimmers. Und so wurde dieser Raum doch noch einmal vermietet.

Tief in der Nacht jedoch erzitterte das ganze Haus vom Lärm wie von hefitgen Hammerschlägen, begleitet von zornigem Gebrüll. Schnurstracks drang man in das Zimmer ein. Der Logiergast lag auf seinem Bett, vollbekleidet, in kalter Todesstarre.

Als der Leichnam zur Beerdigung überführt wurde, einige Tage später, war in dem Zimmer ein prustendes Ge3räusch vernehmbar, so wie Luft aus einem Luftballon entweicht. Erst als sich Erde über dem Sarg auftürmte, endete auch dieses Pfeifen. Und der Poltergeist hat bis heute keinen Laut mehr von sich gegeben.

Wer gut zu Fuß ist, dem seien in der Innenstadt empfohlen das „Railway Coastal Museum“, das ausgezeichnete „GeoCenter“ oder die Mixtur aus Historischem Museum und einer Kunstgalerie „The Rooms“. Zur Erholung klettert man dann einige Terrassenstraßen höher in den „Pippy Park“ (Pardon! Aber er heißt wirklich so.). Bequemer geht es in einem der unzähligen Down Town Cafés in der Waterstreet (wohlgemerkt, das sich Erholen!).

Bei St. John‘s an ein verschlafenes Provinznest zu denken, verbietet sich, denn seit den bereits erwähnten Ölfunden und deren offshore-Ausbeutung (nach rund 17-jähriger Erkundung) hat sich die Stadt zu einer wahren Boomtown entwickelt. In der Innenstadt werden kastenförmige Bürokomplexe der Ölfirmen errichtet. Der relativ kleine, durch Bergketten geschützte Naturhafen ist vollgestopft mit Versorgungsschiffen für die gut 300Km entfernten Bohrinseln.

Etwas Besonderes musste man sich einfallen lassen, um die Bohrinseln draußen im Atlantik vor den Eisbergen zu schützen, die im Labradorstrom an ihnen vorbeidriften. Hierfür wurden Sonderschiffe konstruiert, die die Eisberge ablenken sollen, sobald einer der Kolosse auf Kollisionskurs mit einer Bohrinsel schwimmt. Also versucht man die „eisigen Hochhäuser“ entweder weg zu schleppen oder aber einfach zu  sprengen.

Bei so viel Technik im Hafen fallen die wenigen Fischkutter kaum noch auf. Quasi abgeschoben, drängen sie sich in einer abgelegenen Ecke zusammen. Und so gerät dieser traditionelle Erwerbszeig neben der Landwirtschaft immer stärker aufs Abstellgleis. Drastisch herabgesetzte Fangquoten sowie sinkende Preise – und hiervon besonders betroffen ist  der Hummerfang – verstärken diesen Trend.

Exkurs: Hummerfang in Nöten

Wie es auch bereits in Nova Scotia anklang, gerät die Hummerfischerei in  immer stärkere Nöte. Zum einen ist die jährliche landesweite erlaubte Fangquote nunmehr auf 200.000t limitiert, wohingegen früher mitunter bis zu 500.000t gefangen wurden.

Zum anderen fallen die Verkaufspreise derart in den Keller, so dass dem Hummerfang droht, ein Verlustgeschäft  zu werden. „Leben kann davon heute schon fast niemand mehr“, berichtete ein Fischer in der landesweiten Zeitung „The Telegam“. Als Demonstrationsteilnehmer gegen die Fangquotenregelung und für staatlich garantierte Preise machte er „seine“ Rechnung auf: Pro Pfund Hummer (in Nordamerika nicht 500g sondern nur ca. 450g)  zahle ihm die Genossenschaft in etwa C$3,50 (in Nova Scotia, wo ähnliche Protestaktionen ebenfalls liefen, waren es nur C$2,50). Bei der ihm gestatteten Fangquote könne er dann pro  Monat in der Fangsaison maximal C$2.500 bis C$3.000 erzielen. Von dieser Summe müsse er rund 50% an Treibstoffkosten abziehen. Da ein Fangkutter immer mit mindestens zwei Leuten besetzt ist, sei auch der „Mitfahrer“ mit 40%-50% der verbleibenden C$1.500 zu entlohnen. Das ihm verbleibende Geld stelle noch lange nicht „seinen persönlichen Gewinn“ dar, denn weitere Betriebskosten wie Schiffsunterhaltung, Versicherungen, Steuern etc. müssten ja auch berücksichtigt werden. Mit einem rechnerischen Reingewinn von C$600 bis C$700 pro Monat (ca. €450 bis €550; Stand; Mai 2013) könne gewinnbringender Hummerfang auf Dauer nicht mehr betrieben werden.

Fortsetzung folgt

 

 

 

 

 

 

Wolf Leichsenring

Gabriele & Wolf Leichsenring „Die Welt ist ein Buch. Und wer zu Hause bleibt, liest nur eine Seite darin“, lautet ein Spruch des weltoffenen Heiligen Augustinus (354-430 AD). Gabriele & Wolf Leichsenring sind lesefreudig. Mit einer einzigen Buchseite haben sie sich noch nie zufrieden gegeben. Wohnmobilisten seit nunmehr 30Jahren – und somit völlig „hoteluntauglich“ - blättern sie stetig im „Buch der Erde“, haben sich darin bereits recht vielfältige Kapitel erarbeitet. Sie reisen überall dorthin, wohin das Wohnmobil sie trägt. Dabei scheuen sie nicht davor zurück, ihr WoMo auch einmal für eine längere Schifffahrt verladen zu lassen, z.B. nach Nordamerika. Seitdem sie ihren früheren beruflichen Pfaden (Lehrtätigkeiten) den Rücken gekehrt haben, stehen Langzeitreisen in fernere Ecken unseres Erdballs auf dem Programm. Mit der Zeit würden sicherlich viele der gewonnen Impressionen im Nebel der Erinnerungen verblassen oder gar gänzlich verschwinden. Um dem vorzubeugen, werden Berge von Fotos geschossen und regelmäßig Reiseberichte geschrieben. Damit nicht genug! Anfragen von Zeitungsverlagen ließen und lassen sie „live von unterwegs“ berichten. Blogs, sowohl auf der eigenen Website ( http://ga-wo.leichsenring.net/reisen/ ) wie auch schwerpunktmäßig für den Reisebuchverlag „traveldiary“, Hamburg, ergänzen das Schreibprogramm. Somit erscheint es dann nur konsequent, dass derartige Aktivitäten schließlich in der Publikation mehrerer Bücher mündeten mit den Themenschwerpunkten „Nordamerika“ und „Marokko“. Als gefragte Dozenten berichten sie in Form von DiaVorträgen über ihre Reisen, wobei die Zuhörerschaft sich entweder den eigenen Erinnerungen hingeben, auch einmal neue Pläne schmieden, ihren Wissensdurst stillen oder sich einfach in Träumereien fallen lassen kann. Bewährt hat sich Arbeitsteilung der beiden Globetrotter: Mit ausgeprägtem, motivsicherem Blick bannt Gabriele Leichsenring das Gesehene und Erlebte in ihre Kameras. Die entsprechenden Texte stammen aus der Feder von Wolf Leichsenring. Und so arbeiten sich diese neugierigen, vom Fernweh heimgesuchten Weltenbummler durch das dicke Buch des Globus‘. Wer aber auch eine andere – künstlerische – Seite dieser beiden Reiseautoren kennenlernen möchte, der rufe einfach deren weitere Website auf: http://ga-wo.leichsenring.net/kreativ/