Oman – Das Land der weißen Städte

Der Morgen bricht an und ich bin sehr neugierig auf dieses bemerkenswerte Land. Werde ich Frauen Auto fahren sehen, vielleicht sogar ohne den verhüllenden Tschador?
Ich habe allerdings einen Ausflug in die Hajar Berge und nach Nizwa gebucht und kann wohl diese Frage nicht beantworten, da ich nicht auf den Fischmarkt in Maskat gehe, auf dem man eher auf einheimische Städter treffen wird.
Erst einmal aber erlebe ich die Einfahrt in den Naturhafen von Maskat und diesen Anblick finde ich atemberaubend schön und spektakulär. Diese kleine Stadt, die die kleinste Hauptstadt der Welt und nach Singapur die sauberste Stadt ist, liegt in einer schmalen Bucht, die von einer steilen Bergkette des Hajar-Gebirges umgeben ist. Auf zwei Bergkuppen erheben sich die mächtigen Lehmbauten der portugiesischen Forts Mirana und Jalala, die wie Wächter der Stadt auf den Kuppen thronen. Wunderschöne alten Kaufmannshäuser säumen die kleine Corniche am Hafen. Sie sind mit Balkonen und arabischen Ornamenten geschmückt, und sie strahlen in einem blendenden Weiß. Mitten in dieser Häuserreihe steht eine Moschee, die sich mit ihrer blaugoldenen Kuppel und einem blaugoldenen Minarett hervorhebt. An den Hang schmiegt sich ein ausgedehnter Park, und vor diesem einzigartigen Küstenstreifen liegen viele kleine und bergige Inseln.
Spektakulär und alles bestimmend aber ist die riesige weiße Skulptur eines Weihrauchofens, der auf einem dieser Berge hell in der Morgensonne leuchtet. Sie ist wahrlich ein beein-
druckender Anblick!
Ich kann meinen Blick von dieser außerordentlich imposanten Landschaft kaum abwenden, aber das Schiff legt am Kai an. Ich muss nun zum Bus gehen, falls ich heute noch mehr sehen will.
Der Hafen ist sehr belebt und Container werden hin und her bewegt. Das ist überaus erfreulich nach der Tristesse im Hafen von Bandar-e Abbas.
Zwischen zwei Bergen schafft sich diese Stadt Raum in das Hinterland, und durch diesen schmalen Streifen fahren wir nun. Kleine Häuser heften sich an die Berghänge, strahlen leuchtend weiß vor den grauen Felsen. Ich sehe keine Hochhäuser, und ich erfahre vom Reiseleiter, dass es nur ein Hochhaus im Oman gibt; es ist das braune Schokoladenhaus in Maskat, das 25 Stockwerke hat. Ich aber sehe nur weiße Häuser, die manchmal mit etwas Farbe geschmückt sind, und höchstens 6 Stockwerke besitzen. Ich bin begeistert.
Über eine breite Straße fahren wir schnell am Flughafen entlang in Richtung der Saiq Ebene und ich komme gar nicht dazu, in die Autos zu gucken, um zu sehen, ob eine Frau am Steuer sitzt. Mich hält der Anblick dieser wunderschönen Bauten und Moscheen am Straßenrand immer wieder gefangen. Ebenso schön finde ich, dass die gegenwärtig vielbefahrenen Straßen mit Blumenrabatten in der Mitte geschmückt sind. Im Augenblick sind die Cafés und Plätze menschenleer, aber es ist noch früh am Tage.
Wir lassen die Stadt hinter uns und kommen auf die Saiq Ebene, die einer kargen Steinwüste gleicht und bis auf 3.000m ansteigt. Ihr höchster Berg ist der Jebel Schams mit einer Höhe von 3.075m. Ich sehe fett grünende Oasen, die etwas versteckt in windgeschützten tiefen Mulden liegen, und etliche trockenen Akazienbäume stehen auf der sandigen Ebene. Ich bin hingerissen, denn meine Sehnsucht nach dem Anblick einer Wüste wird hier nun vollständig gestillt. Die Steinmassen enthalten Unmengen der unterschiedlichsten Metalle, wie z.B. Malachit und Eisen, und dadurch erscheint das Gebiet bunt wie ein Malkasten. Am schönsten finde ich die weinroten Felsen, die ich ab und zu sehe. Dieses Hajar-Gebirge ist wegen der vielfältigen Metallarten im Felsgestein ein Eldorado für die Arbeit der Geologen, erfahre ich.
In der steinigen Landschaft leuchten hin und wieder Sandflächen – in einer Wüste kann Sand in 24 unterschiedlichen Farbschattierungen leuchten – in vielfältigen Farbtönen in der Sonne, und ausgetrocknete Wadis schlängeln sich durch dieses bergige Hochland. Aber auch Häuser, natürlich weiße, stehen am Wegrand, und ich kann manchmal erkennen, wie viele Ehefrauen ein Mann hat. Ich sehe sogar einmal drei Reihenhäuser nebeneinander, die also für drei Ehefrauen bestimmt sind. Sie sind mit einer Mauer umgeben, in die Tore mit schönen schmiedeeisernen Verzierungen eingelassen sind. Nur selten erkenne ich größere Ortschaften, die sich direkt unterhalb der Berghänge geschützt befinden. Die pittoresken und stacheligen Akazienbäume geben der grandiosen Landschaft einen bizarren Charakter, vor allen Dingen dann, wenn sie sich alle in eine Richtung strecken, vom Wind gezeichnet.
Diese wüstengleiche Hochebene finde ich unvergleichlich schön und ich freue mich, dass ich den ganzen Tag in ihr verbringen darf.

UNESCO Weltkulturerbe Nizwa, Oman

UNESCO Weltkulturerbe Nizwa, Oman

Langsam erreichen wir Nizwa, das zwischen den Bergen des Saiq Plateaus und in einer großen Palmenoase eingebettet ist. Diese kleine Bergstadt hat durch die Abgeschiedenheit ihren ländlichen Charakter bewahren können, denn sie wurde erst 1976 durch eine Asphaltstraße mit Maskat verbunden. Ich sehe noch viele Lehmhäuser und naturbelassene Straßen. Nizwa war bis ins 12. Jahrhundert die Hauptstadt des Landes, und sie ist bis heute das religiöse Zentrum der Ibaditen. Der Mittelpunkt der Stadt ist das Nizwa Fort.
Als ich aus dem Bus steige, fällt mir als erstes die große blaugoldene Kuppel der Moschee auf, die sich in der strahlenden Sonne majestätisch aus dem alten Stadtviertel hervorhebt. Dieses alte Viertel ist von einer 12 Kilometer langen Lehmmauer umgeben.
Ich wandere durch das Stadttor und befinde mich mitten im malerischen Souk. Genüsslich durchstreife ich nun diesen Ort mit seinen kleinen Geschäften, Arkaden und Plätzen. Hier befolge ich auch den Rat des Reiseleiters, der uns in ein Geschäft führt, in dem es den besten Weihrauch geben soll; hell und in kleinen Tropfen. Ich kaufe etwas davon ein und ergänze das kostbare Geschenk mit getrockneten und wohlriechenden Rosenblüten; aber ein Weihrauchstövchen finde ich hier nicht. Nach ihm muss ich also später noch suchen. Ich ergötze mich an der Betrachtung der Silberarbeiten der berühmten Khanjars, der legendären Silberdolche, und unterschiedlich große Holztruhen mit prachtvollen Intarsien-Arbeiten wecken mein Interesse.
Neben diesem eher touristischen Viertel entdecke ich einige Markthallen, an denen jede Ware seine eigene Halle hat, sei es Gemüse oder Fleisch. Jedes Eingangstor ist mit anderen wunderbaren islamischen Ornamenten geschmückt. Leider werden in den Hallen die Waren schon abgeräumt, so dass ich das geschäftige Treiben nicht mehr ausgiebig genießen kann.
Ich erlaube mir, so geruhsam hier hindurch streifen, da uns wieder viel Zeit zur Verfügung steht.
Nun gehe ich noch hinauf zum Fort. Allein der mächtige Gewehrturm aus Lehm, der einen Durchmesser von 24 Metern hat, beeindruckt mich. Er ist im Kern mit Erde gefüllt, so dass er jedem Beschuss standhalten konnte. Der Innenhof ist mit einem mächtigen Mauerwerk umgeben, das oben mit abgerundeten Zinnen abgeschlossen wird. An den schlichten Wänden hängen ab und zu einfache Laternen. An anderen Wänden entdecke ich eine einzelne rustikale Kaffeekanne und altes Handwerkszeug, das an ihnen aufgehängt wurde. Die Räume sind mit vielfältig gestalteten Holzdecken ausgekleidet, und eine Treppe führt hoch zu den Zinnen. Von hier aus habe ich einen prachtvollen Rundblick in die Landschaft der Saiq Ebene.

Folgen Sie Eva-Maria Schultz-Gerstein weiter auf Ihrer Reise um den Golf nach Sanaa in Ihrem Buch „Arabische Halbinsel„…

Eva-Maria Schultz-Gerstein