On Tour 21-GB SCO „Kleinnorwegen – Die Shetland Inseln“

oder: Wo Ziegen, Schafe und Pferde fast die gleiche Größe haben

Typische Shetlandlandschaft

Typische Shetlandlandschaft

Wohin gehören eigentlich diese ca. 100 Inselchen und Inseln, die auf identischen Breitengraden mit Südgrönland oder Sibirien liegen, deren Nord-Süd-Ausdehnung sich auf 150km erstreckt, in der Ost-West-Richtung ungefähr die Hälfte, deren rund 21.000 Einwohner jährlich etwa 250 Regentage genießen dürfen, man vor katastrophal urplötzlichen Wetterumschwüngen nirgendwo sicher ist, gerade mal 15 Inseln bevölkert aber das Straßennetz beispielhaft ausgebaut ist und in Stand gehalten wird (selbst der letzte Feldweg ist geteert und frei von Schlaglöchern), demgegenüber aber 120.000 Schafe die Hügel- und Berglandschaft beweiden, in der fast überall weder Baum noch Strauch zarte Ansätze zeigen.

Sturmgepeitschte Küste Shetlands

Sturmgepeitschte Küste Shetlands

Fragt man den Politiker, so gibt er die eindeutige Antwort: „Natürlich zu Großbritannien“. Fragt man die Einwohner, dann differenziert sich das Bild: „Geographisch und politisch gehören wir zu Schottland, emotional zu Norwegen“.

Und das kam ganz einfach so: 1469 heiratete Prinzessin Margarethe von Dänemark James III, König von Schottland. Ihr Vater, der dänische König war knapp bei Kasse und konnte nicht den gesamten Brautpreis bezahlen. Deshalb gab er als Pfand die Orkney und die Shetland Inseln an die Schotten. Während der kommenden 200 Jahre versuchten die Dänen, die Inselgruppen auszulösen. Eine chronisch knappe Kassenlage ließ daraus aber nichts werden, so dass die Inseln schließlich endgültig in schottischen Besitz übergingen.

Mainland Westküste

Mainland Westküste

Mit diesem Deal haben sich die Inselbewohner bis heute noch nicht recht abgefunden. Und wie zum Trotz, wird bis in die Gegenwart weiterhin Norwegisch an den Schulen unterrichtet. Viele Hinweisschilder tragen neben Englisch auch die Namensbezeichnung in „Old Norse“. Der eigentliche Shetland-Dialekt zeigt sich als Mischung aus Englisch, gepaart mit Schottisch und Norwegisch, in Reinkultur für einen Ausländer kaum verständlich. Und schließlich wird immer wieder darauf hingewiesen, auch in Touristenbüros, dass die norwegische Stadt Bergen von Shetlands Hauptstadt Lerwick genauso weit entfernt liegt wie der englisch-schottische Fährhafen Aberdeen, oder, dass Englands Hauptstadt London sich weiter entfernt befindet wie Norwegens Kapitale Oslo.

Wer derart auf seine norwegischen Wurzeln pocht, pflegt in besonderer Weise das Wikingererbe. Selbstredend führt ein „Viking Trail“ an die hauptsächlichen Ausgrabungsstätten der „Norsemen“, ob nun nach Tingwall, Cunningsburg, Catpund oder Sumburgh auf dem südlichen Mainland oder hoch hinauf auf die nördliche kleine Insel Unst. Wikingerschiffe und ihre „Longhouses“ sind liebevoll wieder hergerichtet bzw. nachgebaut.

Shetlands Gebräuche und Folklore duften vielfach nach Norwegen. Der norwegische

Britain's nördlichste Kirche

Britain’s nördlichste Kirche

„Troll“ lebt hier z.B. fort als „Trow“. Ein traditionelles Wikingerfest, das „Up-Helly-Aa“, quasi eine Sonnenwendfeier, wird Jahr für Jahr an zahlreichen Orten Shetlands begangen. Dabei ziehen jeweils Ende Januar Fackelzüge durch die Orte. In Lerwick wird jedes Mal ein Wikingerschiff durch die Straßen geschleift und am Ende der Prozession öffentlich verbrannt, eine Reminiszenz an Wikingergebaren. Denn diese haben ja bekanntlich immer dort, wo sie sesshaft werden wollten, auch gleich nach der Anlandung ihre Schiffe dem Feuer preisgegeben. Ein gesondertes kleines Museum in Lerwick zeigt Ursprung und Entwicklung dieses Brauches.

Nordinsel Unst

Nordinsel Unst

Zusätzlich finden sich Überreste und Ausgrabungen aus der neolithischen Epoche oder der Eisenzeit überall auf den Inseln verstreut. Als besonders lohnenswert schält sich dabei ein Besuch der Ausgrabungsstätte „Jarlshof“ heraus, direkt in der Südspitze von Mainland gelegen. Doch auch andere, kleinere Ziele rechtfertigen auch einmal Umwege auf Schmalspurstraßen, sei es zu den Brochs (wie auch auf den Orkney Inseln als Wehrdörfer bezeichnet), den Böds (größere, ehemalige Siedlungshütten mit besonderer Bedeutung) oder zu den steinernen „Horse Mills“.

Später dann, nach den Wikingern, trieb es auch Hanseschiffe in diesen verlassenen Winkel der Erde. Auf dem Friedhof der ehemaligen „St. Olaf’s Kirk“ (12.Jh.) auf Unst befinden sich heute noch die Grabsteine zweier Hansekaufleute. Des Weiteren erzählt der „Bremen Böd“ von Shetlands langanhaltende Verbindungen zu den deutschen Hansekaufleuten.  Lerwicks „Lodberries“, frühere Lagerhäuser am Hafen mit direkter Beladungsmöglichkeit von Schiffen, legen gleichermaßen Zeugnis von Hanseeinflüssen und –aktivitäten ab.

Clearance Überrest P1150457Wer über die Inseln streift, entdeckt viele verlassene Hausruinen. Diese rühren nicht von einer sogenannten Landflucht oder dem Niedergang der Landwirtschaft her. Im Gegenteil, seit dem boomenden Ölgeschäft mit all seinen Vor- und Nachteilen entstehen inselweit neue Häuser und Wohngebiete, glücklicherweise in einer der Natur angepassten Architektur. Die erwähnten,  zerfallenen Häuser stehen quasi noch als Überreste einer Landvertreibung („Clearance“) in der Wende des 18./19.Jh. Geschäftstüchtige Adlige hatten den Wert der Schafzucht schnell erkannt. Da störten die damaligen Kleinbauern („Crofter“) nur. Den unrühmlichen Rest dieser Entwicklung kann sich jeder selbst ausmalen.

Die Shetland Inseln waren stets begehrtes Ziel von Forschern und Eroberern. Für Forscher, besonders Botaniker und Ornitologen, erweisen sie sich als „Garten Eden“. Die Geologen können sich ausgiebig der Erforschung früherer Vulkantätigkeiten hingeben. Eroberer fühlten sich hier ebenfalls schnell wohl, allein schon wegen des doch fruchtbaren Erdbodens und der Torfausbeute.

Fjordlandschaft

Fjordlandschaft

Für den touristisch Reisenden bieten sich unbeschreibliche Landschaftsbilder an den vielfältigen Cliffs mit ihren Fjorden, den strahlend weißen Sandbuchten und Stränden, den weit gefächerten Möglichkeiten von Tierbeobachtungen (besonders unzählige Arten von Seevögeln, aber auch Seehunden und manchmal auch Wale), den kilometerlangen Rundwanderungen in den Naturschutzgebieten mit ihren bunt getüpfelten Sommerwiesen. Doch man verlasse die ausgeschilderten Wege lieber nicht, da man sonst unweigerlich tief in den moderigen Grund der Hochmoore einsinkt.

Zum Schluss werfen wir noch einen Blick auf die weltbekannten Shetland Ponys. Sie sind ja die Miniaturausgabe von den uns eher vertrauten Exemplaren. Schwerpunktmäßig auf der Insel Unst und südlich von Lerwick galoppieren sie wild verwegen, hin und wieder auch tänzerisch über die Koppeln, meistens in Herden. Sie spielten einst in Shetlands Wirtschaftsentwicklung eine bedeutende Rolle. Neben dem Einsatz bei regulärer Landwirtschaftsarbeit, wurden sie im

idyllischer Standplatz

idyllischer Standplatz

Bergbau eingesetzt , denn sie waren klein aber auch kräftig genug, um in den Grubenschächten die scheren Loren ans Tageslicht zu ziehen. Diese Miniausgaben erreichen in der Tat wenig mehr als Schafs- oder Ziegenstatur und konnten sich deshalb problemlos in den engen Schächten bewegen.  Allerdings mussten die damaligen Minenbesitzer zu diesem, ihrem Glück erst gezwungen werden. Eine „Minengesetz“ aus dem 18.Jh. verbot, dass Frauen und Kinder nicht mehr in den Stollen für Transportarbeiten unter „beengten Verhältnissen“ („Cramped Conditions“) beschäftigt werden durften. Also schaffte man sich Arbeitskräfteersatz durch die Shetland Ponys. Und heute? Die Ponys dienen fast ausschließlich nur noch als touristisches Accessoire.

Wikingererbe

Wikingererbe

Schafscherer

Schafscherer

Auf diesem Tourabschnitt haben wir, wie schnell zu ersehen war, eine bilderbuchhafte, stets dem Fortschritt und der Humanität gegenüber aufgeschlossene Region bereist. Lassen wir zu guter Letzt noch einmal einen Einheimischen zu Wort kommen, der uns den Unterschied zwischen einem Orkadier und einem Shetlander erklärte: „Der Orkadier ist ein Bauer mit einem winzigen Fischerboot im Hafen. Der Shetlander ist ein Fischer mit einem Miniacker hinterm Haus“. Unsere Eindrücke von beiden Inselgruppen decken sich mit dieser Kurzcharakterisierung.

Wolf Leichsenring

Gabriele & Wolf Leichsenring „Die Welt ist ein Buch. Und wer zu Hause bleibt, liest nur eine Seite darin“, lautet ein Spruch des weltoffenen Heiligen Augustinus (354-430 AD). Gabriele & Wolf Leichsenring sind lesefreudig. Mit einer einzigen Buchseite haben sie sich noch nie zufrieden gegeben. Wohnmobilisten seit nunmehr 30Jahren – und somit völlig „hoteluntauglich“ - blättern sie stetig im „Buch der Erde“, haben sich darin bereits recht vielfältige Kapitel erarbeitet. Sie reisen überall dorthin, wohin das Wohnmobil sie trägt. Dabei scheuen sie nicht davor zurück, ihr WoMo auch einmal für eine längere Schifffahrt verladen zu lassen, z.B. nach Nordamerika. Seitdem sie ihren früheren beruflichen Pfaden (Lehrtätigkeiten) den Rücken gekehrt haben, stehen Langzeitreisen in fernere Ecken unseres Erdballs auf dem Programm. Mit der Zeit würden sicherlich viele der gewonnen Impressionen im Nebel der Erinnerungen verblassen oder gar gänzlich verschwinden. Um dem vorzubeugen, werden Berge von Fotos geschossen und regelmäßig Reiseberichte geschrieben. Damit nicht genug! Anfragen von Zeitungsverlagen ließen und lassen sie „live von unterwegs“ berichten. Blogs, sowohl auf der eigenen Website ( http://ga-wo.leichsenring.net/reisen/ ) wie auch schwerpunktmäßig für den Reisebuchverlag „traveldiary“, Hamburg, ergänzen das Schreibprogramm. Somit erscheint es dann nur konsequent, dass derartige Aktivitäten schließlich in der Publikation mehrerer Bücher mündeten mit den Themenschwerpunkten „Nordamerika“ und „Marokko“. Als gefragte Dozenten berichten sie in Form von DiaVorträgen über ihre Reisen, wobei die Zuhörerschaft sich entweder den eigenen Erinnerungen hingeben, auch einmal neue Pläne schmieden, ihren Wissensdurst stillen oder sich einfach in Träumereien fallen lassen kann. Bewährt hat sich Arbeitsteilung der beiden Globetrotter: Mit ausgeprägtem, motivsicherem Blick bannt Gabriele Leichsenring das Gesehene und Erlebte in ihre Kameras. Die entsprechenden Texte stammen aus der Feder von Wolf Leichsenring. Und so arbeiten sich diese neugierigen, vom Fernweh heimgesuchten Weltenbummler durch das dicke Buch des Globus‘. Wer aber auch eine andere – künstlerische – Seite dieser beiden Reiseautoren kennenlernen möchte, der rufe einfach deren weitere Website auf: http://ga-wo.leichsenring.net/kreativ/