Taiga Tundra Teepees

Taiga Tundra Teepees

Am Überlaufkanal des Wasserkraftwerkes

Am Überlaufkanal des Wasserkraftwerkes

Und so beschreiben wir routenmäßig auf unserer Fahrt noch einmal ein „U“, nämlich vom Norden kommend hinunter an den Sankt Lorenz Strom und später dann etwas weiter westlich wieder hinauf in den Norden an die Hudson Bay. Doch eins nach dem anderen. Zunächst gilt:

In drei Tagen ist Sommer

Nein, wir reden nicht über eine Wettervorhersage. Aber wir erinnern uns: Am Ende des vorherigen Blogs / Artikels befanden wir uns noch weit nördlich, in Labrador, wo wir doch eher einen Spätwinter denn einen Frühsommer erlebten. Für einen „richtigen“ Sommer müssen wir also nunmehr erst einmal 550Km südlich fahren bis nach Baie-Comeau an den Sankt Lorenz Strom, immer auf der Route 389. Um es vorweg zu nehmen: Als wir „unten“ ankamen, herrschten mit 20-25°C tatsächlich sonnig sommerliche Temperaturen

Gleich hinter Labrador City beginnt die Provinz Québec mit der Bergbaustadt Fermont. Aber auch Provinzgrenzen haben ihre Eigenheiten. Wir staunten nicht schlecht, als für den „Grenzübertritt“ mögliche Kontrollen angekündigt wurden, z.B. ob Alkohol sowie  „andere verbotene Dinge“ wie Rauschgift und offene Waffen mitgeführt werden.  Für Nichtkanadier können auch schon mal Personalausweis oder Pass verlangt werden. Zum Glück blieb es bei den Ankündigungen.

Wieso aber drei Tage, um bei einer relativ kurzen Entfernung in südlichere, wärmere Gefilde zu gelangen?

Blindflug auf der Route 389

Blindflug auf der Route 389

Nun, die Route 389 hat so ihre Eigenarten. Von den 550km sind ca. 200Km reine Schotterstraße, wie der TransLabradorHighway (TLHwy). Das bremst „Schnellfahrer“ schon einmal aus. Die übrige Strecke ist zwar geteert, aber nur rund 100Km sind relativ „störungsfrei“ befahrbar. Der Rest ist in einem so miserablen Zustand, dass es auch nicht schneller als auf der Schotterpiste vorangeht.

Diese Route 389 dient darüber hinaus mangels Alternativen als Hauptverkehrsader in den Norden, vom Verladehafen Baie-Comeau zu den immensen Tagebauminen in Fermont und Labrador City. Damit nicht genug, insgesamt fünf Wasserkraftwerke (Manic Nr. 1 bis Nr. 5) müssen zusätzlich mittels dieser Route beliefert werden. Somit wälzt sich der gesamte Schwerlastverkehr über diese schmale Straße. Ein Sattelzug (Acht- bis Zehnachser) folgt dem anderen, gen Norden vollbeladen mit schwerem Gerät, gen Süden in der Regel leer. Man trifft auf kaum einen LKW, der nicht mit Überbreite fährt. Ausgesprochen pikant sind dabei diejenigen Gefährte, die Fertighäuser transportieren. Da bleibt dann für den Gegenverkehr kaum noch Platz. In der Regel fahren diese LKW auch nicht allein, sondern im Zweier- bis Viererpack. Hin und wieder werden sie von einem Begleitfahrzeug eskortiert. Nach dem fünfzigsten Haustransport haben wir aufgehört zu zählen.Elefantenrennen auf der Route 389

Blindflug auf der Route 389

Eher locker sieht man Geschwindigkeitsbegrenzungen. Die erlebten „Elefantenrennen“ erinnern doch stark an das stressgeplagte Fahrerverhalten auf europäischen Autobahnen. Hinweisschilder mahnen zwar zu ruhigerem Fahrverhalten, aber ob es etwas nützt? So sahen wir z.B. das Schild: „Une Limitation à Tout!  Même au Stress! / Alles hat eine Grenze, sogar der Stress!“.

Es stockt einem schon der Atem, wenn sich die LKW auf dieser bergigen, von Kuppen und Kurven übersäten Straße rücksichtslos überholen. Denn eigentlich konnten alle Verkehrsteilnehmer das Gleiche sehen wie wir, oftmals nämlich nichts. Auf der Schotterstraße waren wir alle unweigerlich in eine dicke Staubwolke gehüllt, egal ob bei Gegen- oder Überholverkehr. Steigungen und Gefälle betrugen vielfach zwischen 10% und 20%. Man fühlte sich auf einer Berg- und Talbahn. Einen Vorteil hatten diese Staubmassen aber doch. Von den Hügelkuppen aus waren die entgegenkommenden LKW schon von weitem hervorragend ausmachen, sozusagen als „Rauchzeichen der Moderne“.

Eine Besonderheit stellen die zahlreichen, einspurigen Brücken auf dieser Fernstraße dar. In der Regel sind sie aus Holz, viele nur ausgerüstet mit zwei aus Balken gezimmerten Fahrspuren, genagelt auf ein hölzernes Quergerüst. Beim Anblick solcher Flussquerungen bekommt man schon Bedenken, ob sie neben einem Fußgänger  ein noch mitgeführtes Fahrrad tragen können. Wir haben uns gefragt, wie sich LKW-Überbreite und ausgewiesene vier Meter Brückenbreite miteinander vertragen.  Eine ausgefeilte Technik löste den Widerspruch. Fast alle Sattelzüge sind mit Hubbühnen ausgestattet. Die Fracht wird also um ca. 50cm über die niedrigen Geländer geliftet, die Zugmaschine hat an jeder Seite dann noch gut zwei Zentimeter Platz, und schon geht es im Zeitlupentempo hinüber. Die Holzkonstruktionen ächzen und stöhnen zwar an allen Ecken und Kanten, aber noch soll nichts passiert sein. Dieses Procedere verlangt von den Fahrern sicherlich höchstes Können  und kostet viel Geduld, denn es dauert mitunter doch schon mal eine Stunde, bis sich so ein Brückenstau aufgelöst hat. Die verlorene Zeit kann ja aber danach durch zügiges Fahren wieder eingeholt werden.

Wie auch auf dem TLHwy gibt es keine Telefonnetzabdeckung. Zur Sicherheit wurden in Abständen von ca. 50Km Nottelefone eingerichtet und zwei „Relais“, sprich Tankstellen mit Motelbetrieb. Die Monopolsituation dieser Tankmöglichkeiten spiegelte sich in den Preisen wider: Am Relais zahlten wir C$1,86 pro Liter Diesel, der „Normalpreis“ hingegen lag üblicherweise zwischen C$1,29 bis C$1,33.

Preiswerter wenn auch nicht unbedingt angenehmer war es da für den Radfahrer, den wir auf dieser Route trafen. Ausgerüstet mit Zelt im Fahrradanhänger quälte er sich über diese Piste. Vorgenommen hatte er sich einen Rundkurs von gut 3.000Km, auch über den gesamten TLHWy. Aber so recht angetan von seinem Projekt war er nach den ersten 500Km nicht mehr. Unzählige, heftige Widrigkeiten ließen doch keine wirkliche Freude aufkommen.

Versetzen wir uns nun übergangslos von Baie-Comeau gut 700Km westlich nach Val-d’Or und starten dort eine neue „Nordische Runde“, sozusagen entlang des zweiten Schenkels des  „U“. Wer mehr über die Zwischendistanz wissen möchte, dem empfehlen wir unser Buch „Atlantik – Pazifik – Atlantik“ über unsere vorherige Amerikareise. Darin wird dieser Streckenabschnitt ausführlich beschrieben.

Und weil es so schön war….

….. machen wir uns noch einmal – ein letztes Mal – auf in den Norden, nämlich an die Hudson Bay.

Taiga pur auf der TransTaiga Route

Taiga pur auf der TransTaiga Route

Diese Gegend ab Val d’Or nordwärts heißt ganz offiziell „Hinterland“ der Provinz Québec. Der Landstrich ist schnell beschrieben: Absolute, immerwährende Stille in der Tundra, Taiga, soweit das Auge reicht, die Gerüche des nordischen Waldes und nachts ein kristallklarer Blick auf den überwölbenden Sternenhimmel. Die Region ist übersät mit tausenden von Seen und Flüssen sowie endlosen Wäldern. Dieses „Hinterland“ liefert der Provinz Québec aber auch ihren Reichtum. Drei Säulen stehen dafür bereit: die Forstwirtschaft, der Bergbau (Gold, Silber, Kupfer, Zink) und die Energiewirtschaft mit ihren zehn Wasserkraftwerken.

Politisch nennt sich das Gebiet „Baie-James“, touristisch wird es verkauft als „Der wahre Norden Québecs“. Die dreißigtausend Einwohner, davon 16.000 Crees als First Nation sind auf 350.000qkm² verteilt, also auf ein Gebiet fast so groß wie Deutschland.

Bevor zu Beginn des 17. Jahrhunderts die „europäischen Abenteurer“ sich in dieser Region niederließen, herrschten hier uneingeschränkt die Ureinwohner, nämlich jene „Crees“. Auf der Suche nach einem Wasserweg nach Asien entdeckte Sir Henry Hudson als erster diese riesige Meeresbucht, die heute seinen Namen trägt. Ihre südliche „Blinddarmbucht“  und die ganze Gegend wird benannt nach seinem Kartographen, Thomas James, der 1631 eine erste „Lagekarte“ veröffentlichte und mit ihr mehr oder minder bewies, dass diese Route wohl nicht die richtige in den Orient sein könnte.

Fuchs auf Route 109 zur Hduson Bay

Fuchs auf Route 109 zur Hduson Bay

Egal wie, der Pelzhandel gelangte in Eintracht mit den Ureinwohnern zu  schneller Blüte. Dieses Verdienst um die friedvolle Handelsentwicklung schreibt man nicht zuletzt auch der rasch gegründeten „Hudson-Bay-Compagnie“ zu.

Erschlossen wird die Nordregion durch hauptsächlich drei Straßen mit einer Länge von insgesamt 1,700Km: Die Route Baie-James (Rte 109), die Route du Nord und die Route Transtaiga. Nur ein Drittel davon ist geteert, der Rest Schotterstraße. Um in die nördlichste Kommune Radisson zu gelangen, nimmt man am besten die Route 109 „La Route de la Baie-James“, d.h. 620Km auf zwar geteerter Straße, oft sehr holprig mit zum Teil tiefen Querrinnen. Das Fahrgeräusch erinnert an eine Zugfahrt auf alten, früher schlecht verschweißten Schienen, „dmdm – – – – dmdm“ Aber nur über eine solche Trasse dringt man ein in das wirkliche „Herz der Taiga“. Ortschaften gibt es entlang dieser Straßen nicht. Bei Kilometer 381 hat sich ein Motel mit Restaurant und Tankstelle etabliert, der einzigen Tankmöglichkeit auf der gesamten Strecke. Sonstige Möglichkeiten jedweder Versorgung sind unterwegs Fehlanzeige.

Wer diese Route befahren möchte, muss sich zu Beginn in der Rangerstation registrieren lassen, mit Ausweis und Passfoto, Kfz-Nummer und ungefähre Zeitangabe, wann man oben im Norden sein wird und dann natürlich auch wieder zurück im Süden. Bei der Rückkehr darf man nicht vergessen, sich wieder aus der Liste der Nordreisenden streichen zu lassen, denn sonst löst man ggf. eine Suchaktion u.a. mit Hubschraubern aus. Und das kann teuer werden!

Da es natürlich auch hier in der Wildnis keine Handynetzabdeckung gibt, sind wiederum Nottelefone am Wegesrand installiert (ca. alle 50Km). Die ersten 150Km sind, nicht zuletzt wegen der Holztransporte, noch relativ rege befahren. Anschließend jedoch ist man mit sich so gut wie allein.

Route 389 durch die Taiga

Route 389 durch die Taiga

Hervorragend aufgearbeitet als „touristische“ Strecke hat man diese Route seit einigen Jahren. Ein Wegeführer beschreibt detailliert, an welcher Kilometermarkierung entweder eine Informationstafel, ein SOS-Telefon aufgestellt, ein Rastplatz mit wunderschönem Ausblick oder sogar ein einfacher Übernachtungsplatz für Zelte und Wohnmobile  ausgebaut sind. Übernachtungsplatz oder „Camping rustique“ bedeutet, oft mit Balken abgeteilte oder einfach  im Gebüsch frei geschnittene Stellplätze, Holzhausklo, Tisch-Bankkombination mit Feuerstelle. Und das alles abseits der ohnehin schon ruhigen Straße, in der Regel an einem Fluss oder See gelegen. Man kann nur sagen: Für  Natur liebende Camper ein Hochgenuss.

Wenn da bloß nicht stets diese Mücken, Stechfliegen und andere Quälgeister wären. Bei Kälte und Regen hält sich ja alles noch in Grenzen. Aber wehe die Sonne zeigt sich…. Man weiß nicht, was man sich lieber wünschen sollte. In beiden Fällen ist es mit genussvollem „Outdoor-Leben“ schwierig.

Trösten wir uns. Es leidet nicht nur der Mensch unter der Insektenplage. Auch die Tierwelt hat ihre Probleme mit den Myriaden von Plagegeistern. Zwei Beispiele mögen dieses Phänomen verdeutlichen. Laut Pressemitteilung nebst dazugehörigem Foto von Mitte Juni 2013 floh eine ausgewachsene Elchkuh vor den  Moskitostichen in das Zentrum des Städtchens Amos am Südende der Route 109, denn bekanntermaßen sind Stadtgebiete recht insektenfrei. Und selbst die sonst so scheuen Kaninchen, im Juni von den Resten des Winterfells wie mit weißen Söckchen bekleidet, verlassen das schützende Unterholz und suchen baum- und strauchfreie Sandflächen, um sich dort „einzuscharren“ und sogar auf die Seiten zu wälzen.

Einfahrt zum unterirdischen Wasserkraftwerk

Einfahrt zum unterirdischen Wasserkraftwerk

Nach gut zwei Tagen ist man „oben“ im Dorf Radisson angelangt. Die rund 350 Einwohner sind hauptsächlich beschäftigt bei „Hydro Québec“. Diese Energiegesellschaft hat seit 1976 zehn Wasserkraftwerke in dieser Wildnis errichtet. Entlang des von Ost nach West fließenden Grand Rivière und eines seiner südlichen Nebenflüsse reihen sie sich auf wie auf einer Perlenschnur, weitere 800Km hinein in die zum Teil unwegsame Taiga. Dieser Grand Rivière erzeugt auf seinen 800Km Länge genügend Gefälle, nämlich 600m, um all diese Kraftwerksprotze in Betrieb zu halten. Sie versorgen die gesamte Provinz Québec zu 98% mit Strom.

Wahrzeichen der Crees in Chisasibi

Wahrzeichen der Crees in Chisasibi

Zwei Wasserkraftwerke sind zur Besichtigung freigegeben. Auf Voranmeldung (möglichst 48 Stunden vorher) kann man teilnehmen an zwei je vierstündigen Besichtigungstouren mit dem Bus. Der Sicherheitsstandard ist hoch. Wiederum muss der Personalausweis vorgelegt werden. Alles wird säuberlich registriert. Jeweils zwei Sicherheitsleute begleiten die kleinen Gruppen auf den geführten Touren. Natürlich ist Fotografieren innerhalb der Werksanlagen strikt verboten, im Außengelände sieht man das nicht so streng.

Bei der einen Anlage handelt es sich um das größte unterirdische, in Felsen gehauene Wasserkraftwerk der Welt. Nach einer Fahrt durch einen ca. 2Km langen Felstunnel gelangte man schließlich in die knapp 500m lange Halle für acht Turbinen. Das zweite, überirdische Kraftwerk erwies sich als nicht minder riesig. Wir ersparen uns hier technische Einzelheiten wie Megawattangaben etc. Das ist alles schnell nachzulesen.

Ein anderer Aspekt drängte sich in den Vordergrund: Es stimmte uns schon sehr nachdenklich, welche Anstrengungen der Mensch unternimmt bzw. unternehmen muss, um den wachsenden Energiehunger zu stillen. Wir wollen auch nicht eine kräftige Portion Ehrfurcht vor dieser Konstruktionsleistung verhehlen, besonders auch wegen der durch subarktisches Klima geprägten  widrigen Umstände. Bis zu gleichzeitig 6.000 Beschäftigte gab es auf den verschiedenen Baustellen. Heute hingegen wird jedes Kraftwerk im alltäglichen, störungsfreien Betrieb von lediglich 15 Beschäftigten betreut.

Kommen wir noch einmal zurück auf die Ureinwohner dieser Region, die Crees. Ursprünglich ein Nomadenvolk, das hauptsächlich mit den Karibuherden durch das Land zog, sind viele nunmehr doch sesshaft geworden. Aber immer noch siedeln viele Crees lieber in ihren Zelten, Tepees genannt, an Seeufern oder Flussläufen als in Häusern. Von der Straße aus, am Ende von Trampelpfaden kann man hin und wieder derartige  Zelte entdecken.

Teepee der Crees-gut versteckt

Teepee der Crees-gut versteckt

Ca. 100Km westlich von Radisson befindet sich der regionale Hauptort der Crees  Chisasibi. Der Ortsname bedeutet ebenfalls „Grande Rivière“, genau wie der Fluss, an dem das rund 4.000 Einwohner zählende Städtchen liegt. Eingebettet ist der Ort  in ein großes Reservat, in dem die First Nation People nach eigener Gesetzgebung schalten und walten können, durch Verträge und Parlamentsabgeordnete verbunden mit  Provinz- sowie Bundesregierung.

Ihre eigene ursprüngliche Sprache wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts durch den Methodistenmissionar James Evans in Schriftform gefasst. Er hat für sie eine sogenannte Silbensprache erfunden. Heute, inmitten der französischsprachigen Provinz Québec, bevorzugen die Crees als zweite Amtssprache aber eher Englisch.

Natürlich haben auch die Crees eine Wandlung zur Moderne vorgenommen, oftmals „so schnell wie ein Blitz“. In immer stärkerem Maß stehen sie einem zeitgemäßen Schulsystem und beruflichen Ausbildungsmaßnahmen offen gegenüber. Es geht das geflügelte Wort um: „Eine gute (Aus)Bildung ist der neue Büffel“. Dieser Spruch besagt, dass in früheren Zeiten der „Büffel“ praktisch und symbolisch alles Lebensnotwendige lieferte, Nahrung, Kleidung und Schutz durch die Felle zur Herstellung von Zeltwänden. Man hat  demnach erkannt, dass heute eine adäquate Bildung diese Funktionen in immer stärkerem Maße übernehmen kann.

Viele traditionelle Lebensformen sind jedoch erhalten geblieben besonders bei den noch nicht völlig sesshaft gewordenen Stammesangehörigen. Mehr darüber erfuhren wir am kanadischen Tag der „First Nations People“, dem 21. Juni.

So teilen sie das Jahr nicht in vier sondern in sechs Jahreszeiten ein. Die Natur mit ihren Gegebenheiten gibt dabei den Ausschlag. Elch- und Niederwildjagd im September/Oktober läuten das „Cree-Jahr“ ein, gefolgt von einer quasi „Winterstarre“ im November und Dezember, während derer sich lediglich um Holzvorrat und die Herstellung von Kleidung gekümmert wird.  Januar/Februar hingegen sind der Fallenjagd auf Pelztiere gewidmet, da in diesen Monaten die beste Pelzqualität erreicht werden soll. März und April dienen zum Umzug in die Sommerlager und gleichzeitig einer weiteren, dieses Mal intensiven Jagdperiode auf Elche. Im Mai und Juni beginnt die Jagd auf Wildgänse. Im Laufe der Zeit ziehen viele Crees mit samt Familien dann von einem Lagerplatz zum anderen. Bleiben noch Juli und August, die reserviert sind für Fischen, Beerenpflücken, Freizeit und Festlichkeiten. Allmählich bricht man dann auch wieder auf in die Gemeinschaftsgebiete.

In vielfältiger Form erzählt man sich natürlich auch Cree-Legenden. Es heißt, dass solche Legenden vorzugsweise während der Wintermonate erzählt werden, damit die darin eventuell vorkommenden Geister und Ungeheuer nicht hervorgelockt werden. Man nimmt nämlich an, dass diese Winterschlaf halten. Aber eigentlich verbergen sich praktische Gründe hinter dieser Sitte, wie uns ein First Nation Angehöriger wissen ließ. Denn gemäß dem o.g. „Kalender der sechs Jahreszeiten“ ist man ja fünf Perioden lang äußerst beschäftigt. Erst die sechste, die „Winterstarre“ bietet Zeit und Gelegenheit, die Werte der Familie und der Gemeinschaft zu stärken, wozu das verstärkte Erzählen von Legenden gehört.

Einen gewissen Bekanntheitsgrad hat diese autochtone Volksgruppe noch für ihre Voraussagungen erlangt. Die auch in Europa von der Umweltbewegung der 1980ger Jahre gern verwendete und wohl bekannteste lautet:

„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

Man muss hinzufügen, dass der Ursprung dieser Gedanken nicht unumstritten ausschließlich den Crees zugeschrieben wird.

Sommersonnenwende an der Hudson Bay

Sommersonnenwende an der Hudson Bay

Sei es drum, derartige Gedanken bleiben bewegend, zumal noch an einem dieser besonderen Punkte der Natur, in unserem Fall die von Sagen umwobenen Ufer der Hudson Bay.

Es war sicherlich Zufall, dass wir die Nacht der Sonnenwende dort inmitten des Cree-Reservats verbringen durften. Der unbeschreiblich einzigartige Sonnenuntergang am Meereshorizont, gefolgt von einem Fast-Vollmond bei sternenklarem Himmel ließ ein Nachdenken über solche Weisheiten nicht zur Ruhe kommen.

Zumindest so lange nicht, bis wir durch mehrere Schüsse aus unseren Gedanken und Träumen gerissen wurden. Was war geschehen? Wir glaubten uns in tiefster Einsamkeit, seit geraumer Zeit kein menschliches Wesen vernehmbar. Und obendrein zog klischeehaft auch noch ein Wildgänseschwarm über unsere Köpfe hinweg. Des Rätsels Lösung: Das mannshohe Gebüsch war „gespickt“ mit unsichtbaren Jägern. Wie wir dann nach unseren Schrecksekunden im Gespräch erfuhren, nehmen viele Kanadier und Amerikaner in der Woche um die Sommersonnenwende einen sogenannten „Goose Break“, d.h. eine Urlaubswoche, um auf Wildgans- oder Entenjagd zu gehen. Die Jäger hatten sich  alle nicht nur gut getarnt, sondern sie waren auch in dicke Kleidung vermummt. Die Nächte der Sommersonnenwende brachten nämlich auch noch einmal frostige Nachttemperaturen mit sich. Da waren dann die 35°C Sommertemperaturen wieder „unten im Süden“ schon fast wie ein Schock.

Wolf Leichsenring

Wolf Leichsenring

Gabriele & Wolf Leichsenring „Die Welt ist ein Buch. Und wer zu Hause bleibt, liest nur eine Seite darin“, lautet ein Spruch des weltoffenen Heiligen Augustinus (354-430 AD). Gabriele & Wolf Leichsenring sind lesefreudig. Mit einer einzigen Buchseite haben sie sich noch nie zufrieden gegeben. Wohnmobilisten seit nunmehr 30Jahren – und somit völlig „hoteluntauglich“ - blättern sie stetig im „Buch der Erde“, haben sich darin bereits recht vielfältige Kapitel erarbeitet. Sie reisen überall dorthin, wohin das Wohnmobil sie trägt. Dabei scheuen sie nicht davor zurück, ihr WoMo auch einmal für eine längere Schifffahrt verladen zu lassen, z.B. nach Nordamerika. Seitdem sie ihren früheren beruflichen Pfaden (Lehrtätigkeiten) den Rücken gekehrt haben, stehen Langzeitreisen in fernere Ecken unseres Erdballs auf dem Programm. Mit der Zeit würden sicherlich viele der gewonnen Impressionen im Nebel der Erinnerungen verblassen oder gar gänzlich verschwinden. Um dem vorzubeugen, werden Berge von Fotos geschossen und regelmäßig Reiseberichte geschrieben. Damit nicht genug! Anfragen von Zeitungsverlagen ließen und lassen sie „live von unterwegs“ berichten. Blogs, sowohl auf der eigenen Website ( http://ga-wo.leichsenring.net/reisen/ ) wie auch schwerpunktmäßig für den Reisebuchverlag „traveldiary“, Hamburg, ergänzen das Schreibprogramm. Somit erscheint es dann nur konsequent, dass derartige Aktivitäten schließlich in der Publikation mehrerer Bücher mündeten mit den Themenschwerpunkten „Nordamerika“ und „Marokko“. Als gefragte Dozenten berichten sie in Form von DiaVorträgen über ihre Reisen, wobei die Zuhörerschaft sich entweder den eigenen Erinnerungen hingeben, auch einmal neue Pläne schmieden, ihren Wissensdurst stillen oder sich einfach in Träumereien fallen lassen kann. Bewährt hat sich Arbeitsteilung der beiden Globetrotter: Mit ausgeprägtem, motivsicherem Blick bannt Gabriele Leichsenring das Gesehene und Erlebte in ihre Kameras. Die entsprechenden Texte stammen aus der Feder von Wolf Leichsenring. Und so arbeiten sich diese neugierigen, vom Fernweh heimgesuchten Weltenbummler durch das dicke Buch des Globus‘. Wer aber auch eine andere – künstlerische – Seite dieser beiden Reiseautoren kennenlernen möchte, der rufe einfach deren weitere Website auf: http://ga-wo.leichsenring.net/kreativ/