Ubud, Bali

„Wir möchten zu Han Snel“. Die Haushälterin guckt uns entgeistert an, als hätte sie soeben den Leibhaftigen gesehen.

„Moment bitte. Ich hole Frau von Han“, sagt sie, als sie sich wieder eingekriegt hat und trippelt davon.

„Was is denn mit der los?“, will Tim wissen. „Hat sie meine Schönheit geblendet?“ Wir lachen.

Ubud entwickelte sich schon in den 30er Jahren zum Kunstmekka Balis und zum Lieblingsdorf zahlreicher europäischer und amerikanischer Künstler. Mit Unterstützung der lokalen Fürstenfamilie gründeten der Deutsche Walter Spies und der Holländer Rudolf Bonnet die Malerschule Pitha Maha, die amerikanische Ethnologin Margaret Mead stellte hier Feldforschungen an und Vicki Baum schrieb in Ubud die meisten Kapitel ihres Romans „Liebe und Tod auf Bali“. Han Snel kam als holländischer Soldat nach Indonesien und liess sich Ende der Vierzigerjahre auf Ubud nieder. Er baute ein Haus mitten in den Tropen, zeugte Kinder, malte, sammelte Kunst und lebte selbstbestimmt. Der klassische Aussteiger der damaligen Zeit. Seine Lebensgeschichte inspirierte uns nach Ubud zu kommen.

Um das Haus und das Bildermuseum zieht sich ein kleiner tropischer Garten. In der Mitte ein runder Pavillion, in dem wir jetzt platzgenommen haben und warten. Es hat wieder zu regnen begonnen. In der Sonne silbern glitzernde Regenfäden bedecken Ubud mit einem schwülen, feuchten Dampf. Ein Frangipanibaum steht vor dem Eingang des Hauses. Der betörende, starke Duft seiner weissen Blüten legt sich schwer auf unsere schwitzenden Gesichter.

„Hierher wäre ich auch ausgewandert. Ein Paradies“, sage ich etwas neidisch.

„Und womit würdeste das bezahlen?“, fragt Tim.

„Du könnest doch arbeiten und ich würde ein bisschen Kunst machen.“

„Umgekehrt wär ich einverstanden“, sagt Tim und wischt sich den Schweiss von der Stirn.

„Unglaublich diese Hitze! Dabei schifft es den ganzen Tag.“ Nach fünf Minuten ist die Haushälterin wieder da. Sie trägt die traditionelle balinesische Tracht. Ihr orangenfarbener Sarong ist mit Goldbrokat bestickt. Ihr pechschwarzes Haar hat sie zu einem strengen Knoten zusammengebunden, was sie älter aussehen lässt.

„Einen Moment noch, bitte“, sagt sie und serviert uns frische Zitronenlimonade. Tim fischt die Eiswürfel aus seinem Glas und wirft sie hinter sich ins Gras. Ein Pfau hastet an die Stelle, wo das Eis gelandet ist, wohl in der Erwartung eines Leckerbissens. Unverrichteter Dinge stolziert er wieder davon. Die blauen Federn seines langen Schwanzes schleifen durch das nasse Gras. In Bali ist alles mystisch, exotisch, wie in einem fernen Märchenland. In einem kleinen Teich am Ende des Gartens schwimmern Lotosblüten. Unter den Schatten, die sie werfen glitzern exotische Fische. Sanft plätschert der Regen aufs Wasser.

„Der hat’s nicht schlecht hier, der alte Holländer“, sinniert Tim.

„Guten Tag. Ich bin Han´s Frau“. Wir erheben uns. Die Frau, die jetzt den Pavillon betritt lächelt uns freundlich zu und hält uns die Hand hin. Sie ist in den Fünfzigern, vielleicht auch älter. Asiaten sehen oft jünger aus. Sie kommt westlich daher, trägt ausgewaschene Jeans. Ihr langes, glattes Haar fällt auf ihr weisses Poloshirt.

„Es ist heiss heute“, sagt sie und bittet uns, uns wieder zu setzen. Mit einem bunten Fächer wedelt sie vor ihrem Gesicht herum. Eine junge Frau huscht in den Pavillon, gibt Frau Snel einen flüchtigen Kuss auf die Wange und springt wieder davon.

„Meine Tochter.“

„Very beautiful“, sagt Tim.

„Yes“, antwortet die Frau und lächelt sanft. Sie hat etwas trauriges in ihrem Blick.

„Was wollen Sie von meinem Mann?“, will sie wissen.

„Seine Geschichte hat uns nach Bali geführt. Deshalb würden wir ihn gern einmal kennenlernen.“

„Das ist schön“, sagt sie und gibt der Haushälterin ein Zeichen. Kurze Zeit später serviert sie uns einen alkoholischen Drink.

„Han´s Lieblingsdrink“, sagt sie und prostet uns zu. Das Zeug fährt ein. Die Hitze tut das ihre dazu. Meine Glieder werden urplötzlich angenehm schwer. Alles fällt von mir ab. Ich könnte mich auf ewig hier in diesem Gartenpavillion niederlassen.

„Malen Sie auch?“, fragt uns Frau Snel nach einer kurzen Kunstpause. Wir nicken. Unsere Wangen glühen. Sie kippt den Rest ihres Drinks weg.

„Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Sammlung“, sagt sie. Wir trotten hinter ihr her in das kleine Museum neben dem Wohnhaus. In dem länglichen Raum hängen Bilder von Snel – Bilder Balinesischer Schönheiten, die an die Werke Gauguins erinnerten, die er von den Frauen in Tahiti gemalt hatte – und Bilder verschiedener balinesischer Künstler. Nichts, was einen vom Hocker hauen würde. Meine Schläfen pochen vom Alkohol.

„Wo ist jetzt der alte Holländer?“, flüstert mir Tim zu.

„Jetzt warts halt ab, der wird schon noch kommen“, sage ich und schwanke durch den Raum. Ein Gecko schreit den berühmten Gecko-Ruf.

„Klingt ein bisschen wie ´Fuck you´, oder?“, sag ich und kichere.

Frau Snel erzählt uns vom Leben auf Bali. Sie spricht mehr zu sich selbst. Die kleine Haushälterin giesst uns Drinks nach. Frau Snel verträgt eine ganze Menge.

„Fehlt nur noch dass sie anfängt zu kiffen!“, sagt Tim.

„Pssscht“, zische ich. Frau Snel lacht halskatharrig. Wir haben alle inzwischen glasige Augen.

„Was ist das eigentlich für ein Gesöff, was die uns da auftischt?“, will ich wissen.

„Ist doch egal. Hauptsache es wirkt.“ Die Haushälterin kichert hinter vorgehaltener Hand. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie sich in der Küche auch den einen oder anderen gegönnt hat. Langsam dunkelt es ein. Noch immer regnet es.

„Bleiben Sie doch zum essen“, sagt Frau Snel. „Wir würden uns freuen.“

„Und Ihr Mann wird auch dabei sein?“, frage ich.

„Ich glaube nicht, dass er es einrichten kann“, sagt sie und zieht die Nase hoch. Wir werfen uns einen bedeutungsschwangeren Blick zu.

„Los, wir haun jetzt ab“, lallt Tim und erhebt sich behäbig.

„Könnten Sie dann vielleicht ein Treffen an einem anderen Tag organisieren?“, will ich wissen.

„Das geht nicht“, sagt sie forsch und steht auf.

„Wieso nicht?“, frage ich leicht enttäuscht.

„Jetzt lass sie doch, er will eben nicht!“, sagt Tim und leert sein Glas.

„Wir sind flexibel, wir können ihn jederzeit, wo er will, treffen“, will ich nicht aufgeben und ziehe einen Schmollmund. Bereits im Gehen ruft sie uns fast fröhlich ihre Antwort zu: „Han ist vor zwei Wochen gestorben“. Wir sind zu spät gekommen. Wieder einmal.

Susann Klossek