Von Glocken, Engeln und Aposteln – Wisconsin

…. oder : Das Land, wo Milch und Honig fließen

Wisconsin - Diary Country

Wisconsin – Diary Country

Irdisches

Und das ist nicht im übertragenden Sinn gemeint. Nicht umsonst wurde Wisconsin der Spitzname „America’s Diaryland“ verliehen, was so viel bedeutet wie „Amerikas größte Molkerei“. Wie schon in Iowa und Minnesota bestimmen Mais- und Sojabohnenanbau die Optik. Unterbrochen wird dieser Wechsel der Felder gelegentlich durch leuchtend gelbe Flecken und Flächen. Jetzt Anfang bis  Mitte August entfalten die Sonnenblumen ihre volle Pracht. Goldgelb schimmernde Flächen bedecken die wellige Landschaft.

Die gelben Flecken und Punkte hingegen rühren her von den Caps der Golfspieler auf den zahlreichen Golfplätzen. Dieser Volkssport hat aber offensichtlich nicht nur Freunde. Am Wegesrand in der Nähe einer dieser Freizeitarenen sahen wir ein Schild mit folgendem handschriftlichem Spruch: „Golf is what men do, when they are too tired to mow the lawn / Männer spielen immer dann Golf, wenn sie zu müde sind, den Rasen zu mähen“. Verbirgt sich dahinter etwa ein tiefsitzendes Eheproblem?

Zurück zur Natur! Erheblich stärker fallen die saftigen Weideflächen ins Auge. Viehzucht mit gutem „Holsteiner Vieh / Holstein Cattle“ bilden den Hauptfaktor der Landwirtschaft. In der „Wisconsin-Schweiz“ mit Höhen zwischen 200m und 350m rollt man gemächlich hügelauf und bergab und fühlt sich zeitweilig auf Almen versetzt, zwar nicht so hoch aber ebenso malerisch anzuschauen mit ihren von bunten Feldblumen gespickten Wiesen.

Bleiben wir noch ein wenig bei der Milchwirtschaft. Sie bietet so viele Anlässe „Cheese“ zu sagen. Wen wundert es also, dass in Wisconsin ca. 60% des gesamten amerikanischen Käses hergestellt werden. Besonders der Cheddar hat es den Amerikanern angetan. Ihn gibt es in allen Spielarten und Geschmacksrichtungen. Allein die Namen der verschiedenen Sorten machen Appetit. Hier ein kurzgefasster Auszug aus der Angebotspalette einer Käsefarm: Mild Cheddar. Medium Cheddar, Two-Tone Cheddar, Cheddar Curds, Blueberry Cobbler Cheddar, Apple Cinnamon Pie Cheddar, Caramel Cheddar, Horseradish Cheddar, Pepper Jack, Peppercorn Cheddar Mediterranean Sunset Cheddar, Sweet Cranberry Cinnamon Cheddar, Mango Fire Cheddar with Honey usw. usw.

New Holstein

New Holstein

Kiel

Kiel

Es waren ungefähr 70 verschiedene Sorten aufgelistet. Und wo haben wir dieses „Käse-Wunderland“ ausfindig gemacht? In einem Dörfchen namens KIEL nahe bei NEW HOLSTEIN.  Wer sich damit noch nicht zufrieden geben will, der folge dem „Cheese Country Trail“ im Süden Wisconsins.

Damit wären wir beim Honig. Der bescheidene „Honey Creek“ plätschert gemächlich durch die Wiesen. In Wirklichkeit ergießen sich aber wahre Honigströme über das Land.   Zu verdanken haben wir diese süßen Ströme natürlich einem stark ausgeprägten Imkerwesen, besonders gut dargestellt und erläutert im „Honey Acres Museum“ in Ashippun. Das dieser Erwerbszweig so prägend für den State geworden ist, liegt gar nicht so sehr an den oben erwähnten von Blumen übersäten Sommerwiesen. Eine viel größere Rolle spielte und spielt dabei vielmehr der plantagenmäßige Anbau von Cranberries, dieser überaus gesunden Beere. In mehr als tausend Produkten werden sie verarbeitet. Das Zentrum des Cranberrykulturen liegt im zentralen Wisconsin, in Warrens, der „Cranberry-Hauptstadt der Nation“ Das dortige „Cranberry Discovery Center“ erlaubt einen tieferen Einblick in Wesen und Bewirtschaftung dieser Früchte.

Cranberries links - Blaubeeren rechts

Cranberries links – Blaubeeren rechts

Die „Cranberry“ erhielt ihren Namen übrigens von früheren europäischen Siedlern, welche meinten, die Blüte der Beere sähe dem Kopf und dem Hals eines Kranichs ähnlich. So hieß sie denn früher auch „Craneberry“. Der Rest ist Sprachabschleifung.

Kranich, heißt das folgende Stichwort. Die „International Crane Foundation“ unterhält bei der Stadt Baraboo eine Schutzstation für diesen seltenen und vom Aussterben bedrohten Vogel. Dabei werden hier alle 15 weltweit bekannten Kranicharten gehegt und gepflegt, sowohl in Feuchtgebieten wie auch in offener Prärielandschaft.

International Crane Foundation

International Crane Foundation

Baraboo zeichnet sich noch durch eine weitere hervorragende Attraktion aus, der „Circus World“. Eine einmalige Sammlung von Zirkuswagen und Kostümen, sowie eine beeindruckende Dokumentation über „Zirkusmusik und Musiker“ beinhaltet das großflächige Ausstellungsgelände. Damit nicht genug, pro Tag werden jeweils vormittags und nachmittags je eine Zirkusvorstellung sowie Zaubershow präsentiert, von weiteren Shows ganz zu schweigen. Der Eintrittspreis ist sensationell zu nennen, lediglich $16 pro Person (Stand: August 2013). Dies alles geschieht im Angedenken der berühmtesten amerikanischen Zirkusfamilie, der Gebrüder Ringling. Diese fünf Brüder haben um die Wende des 19./20. Jahrhunderts ein riesiges Zirkusimperium aufgebaut und zum Erfolg geführt.

Circus World in Baraboo

Circus World in Baraboo

Wisconsin präsentiert sich als perfektes Urlaubsland. Mit seinen rund 15.000 Seen, die beiden großen Lake Superior im  Norden und den Lake Michigan im Osten nicht mitgezählt, bildet auch dieser State ein El Dorado für Wassersportler und Angler. Nicht umsonst nennen Wisconsian ihn „H²O-Utopia“ bzw. ganz bescheiden „The Cream oft the Crop“, also die „Crème de la Crème“.

Auf der Sommerwiese

Auf der Sommerwiese

Beschaulichkeit ist angesagt in den Badeorten am Ostufer des Lake Michigan nördlich von Milwaukee. Sheboygan, Manitowoc, Two Rivers, Kawaunee und alle die anderen haben sich fein herausgeputzt für ihre Gäste. Für uns Wohnmobilisten erweist sich dieser Küstenabschnitt als paradiesisch. Überall findet man direkt am Seeufer kleine Parks und Recreation Areas mit guten Parkmöglichkeiten, wo man problemlos auch übernachten kann, vielfach mit Seeblick und Feuerstelle. Obendrein sind die wenig geliebten Hinweise „No Overnightparking“ nur selten zu entdecken.

Lake Michigan

Lake Michigan

Wenn man erst einmal soweit nördlich gelangt ist, ergibt sich der Abstecher weiter nach Norden auf die „Green-Bay-Halbinsel“ im „Door County“ wie von selbst. Wir haben diesen Streckenabschnitt „Cherry Trail“ getauft. Kirschplantage reiht sich an Kirschplantage. Andere Obstsorten sind ebenso zahlreich vorhanden. Der Hofverkauf mit allen möglichen Obst- und Gemüsesorten blüht zu moderaten Preisen, jetzt Anfang August waren natürlich insbesondere Kirschen, Pfirsiche und Blaubeeren im Angebot. Dieser Aspekt allein lohnt schon die Fahrt auf die gut 70km lange Halbinsel.

Aber natürlich besonders auch wegen der wunderhübschen Küstenstädtchen oder Fischerdörfer wie Sturgeon Bay, Baileys Harbor, Sister Bay, Egg Harbor, Gills Rock, und wie sie noch alle heißen mögen. Alle auf sanften Tourismus getrimmt, ist es eine wahre Wonne, durch sie hindurch zu schlendern. Ein glutroter Sonnenuntergang über dem Lake Michigan rundet derartige paradiesische Eindrücke dann ab.

Nicht beschaulich hingegen zeigt sich der Urlaubsort Wisconsin Dells, ein wenig landeinwärts. Er ist das Gegenteil von Ruhe und Erholung. Ein „Fun- oder Adventurepark“ folgt dem anderen, der ganze Ort lebt von Spielhöllen, Spaßbuden und Discos. In Zeitungen heftig beworbene Bustouren, ein- sowie mehrtätige, finden dort ihr Ziel. Die Straßen quellen über von Mensch und Auto. So fanden wir den sicherlich gut gemeinten Verkehrshinweis auch nicht weiter verwunderlich: „Drive as if you owned the car, not the road / Fahre so, als ob du das Auto besitzt, nicht die Straße“. Solche Schilder basieren in der Regel ja oft auf längeren Erfahrungswerten, bevor sie aufgestellt werden.

Himmlisches

Womit wir bei der Überschrift zu diesem Kapitel wären.

Im wahrsten Sinne die GLOCKEN läuten kann der Besucher im „Bell Museum“ in Germantown (dicht bei Milwaukee). Eingebettet in den „Dheinsville Historic Park“        lassen sich mehr als 5.000 Glocken aus aller Welt bewundern, die kleinste so groß wie eine Nadelkuppe Die Größte besaß  ein Gewicht von ca. einer Tonne. Alle Glocken waren gefertigt aus Metall, Holz, Stein, Keramik und Vulkangestein.

Einige Kilometer südöstlich, in Beloit bietet sich die Gelegenheit, im „Angel Museum / Engelsmuseum“ der Welt größte Sammlung an Engelsdarstellungen zu erleben. Untergebracht in einem ehemaligen, renovierten historischen Kirchengebäude, blicken die rund 12.000 Engelsfiguren auf den Betrachter. Nach eigener Zielsetzung möchte diese Non-Profit-Organisation in dem Besucher „ eine einzigartige, persönliche Erfahrung zum Leben erwecken, welche den menschlichen Geist anregt und bereichert“.

Dieses Kriterium könnte auch auf dem „Brandy-Wein-Trail“ erfüllt werden, nicht weit vom Engelsmuseum entfernt. Unterwegs hieß Zurückhaltung das Gebot der Stunde, nicht so sehr wegen des angekündigten Brandy-Weines. Die Versuchung lag eher im „Rural Route 1 Popcorn“ in Montfort. Natürlich, wo Mais in Hülle und Fülle vorhanden ist, gedeiht auch das Popcorngeschäft vortrefflich. Eine solche Auswahl an verschiedenen Sorten wird aber kaum ein weiteres Mal zu finden sein. An der Popcornbar gilt freie Selbstbedienung, abgerechnet wird am Ende. Maisprodukte sollen ja ausgesprochen gesund sein, egal ob mit Caramel-, Honig-, Schokoladen-, Erdbeerüberzug oder käsig, salzig, süß-sauer als Geschmacksrichtung.

Cave of The Mounds

Cave of The Mounds

Führte dieser Weg tatsächlich schnurstracks in die Hölle? Nun, das nicht gerade, aber direkt in ihre örtliche Nähe unter die Erde. Ja, wenn „Hölle“ so aussieht wie die „Cave oft the Mounds“, dann möchte man dort gern länger verweilen. Bei konstanten 11°C sind diese Höhlen eher kühl zu nennen. Die oftmals kristallene Schönheit ihrer Formationen schlägt den Besucher in ihren Bann.

Nicht zwölf APOSTEL sondern immerhin  22 künden von der Schönheit des Lake Superior an dessen Südküste bei der Bayfield-Halbinsel. Diese Inselgruppe steht durch das „Apostle Islands National Lakeshore“ wie ein National Park unter besonderem Naturschutz des National Park Service. Die einst nur von den Ureinwohnern dünn besiedelten Inseln und Inselchen haben sich zum Teil in aktive Urlaubsparadiese verwandelt, besonders die größte unter ihnen, die Madeleine. Die meisten jedoch bleiben unbewohnt als Naturforschungsgebiet.

Apostle Islands National Lakeshore

Apostle Islands National Lakeshore

Devil’s Island zeichnet sich durch seine Höhlen aus, die sich über  Millionen Jahre hinweg in das felsige Ufer gewaschen haben. Der Inselname rührt aber nicht von dem äußeren der Insel her sondern von den Geräuschen die dort zu vernehmen sind. Schon bei wenig Wind geben die die Uferhöhlen geheimnisvolle Pfeiftöne von sich, in etwa so, „wie das Fegefeuer in Teufels Hölle lodert“.

Lake Superior Devils Island

Lake Superior Devils Island

Auf mehreren Inseln wurden im 19. Jahrhundert Leuchttürme errichtet. Ob sie viel genützt haben, sei dahin gestellt. Heute jedenfalls bietet die Tourismusbranche Schiffstouren als „Wrack-Besichtigungs-Touren“ an.

Alle Leuchttürme waren natürlich besetzt mit Leuchtturmwärtern und ihren Assistenten. Sie sollen ca. 100 Stunden pro Woche Arbeitszeit gehabt haben. Bleibt aber immer noch genügend aufgabenfreie Zeit, die zum großen Teil mit einem Wettbewerb „Wer hat den schönsten Garten“ gefüllt worden sein soll.

Fast vier Stunden per Boot durch diese grüne Inselwelt zu gleiten, bietet vielerlei Beobachtungsmöglichketen besonders hinsichtlich der Tierwelt. Kormorankolonien sind dabei ebenso zu entdecken, wie Bald Eagles und mit etwas Glück Schwarzbären. Dabei soll die Stockton Insel die dichteste Population an Schwarzbären in ganz Nordamerika haben. Wen wundert es darum, dass sie sich in dieser Inselwelt zu mutigen Schwimmern entwickelt haben und auch die Nachbarinseln besuchen und so ihren Lebensraum erweitern.

Lake Mchigan-Abendstimmung

Lake Michigan-Abendstimmung

Schließen wir dieses Kapitel mit einer Randbemerkung noch einmal zum Thema „Cheese“, dieses Mal verknüpft mit Sport“. Die Footballmannschaft der Stadt Green Bay am Lake Michigan spielt unter dem Namen „Green Bay Packers“ seit vielen Jahren in der amerikanischen Nationalliga. Ihr örtlicher Fanclub nennt sich „Cheeseheads / Käseköpfe“ Wie Anfang August der renommierten, USA-weiten Tageszeitung USA TODAY zu entnehmen war, wurde bei dem Club ein wohl nicht ganz geringer Dopingskandal aufgedeckt. Der Fanclub soll seinen Football-Lieblingen daraufhin die Freundschaft gekündigt haben mit der Ankündigung, kein Footballspiel mehr besuchen zu wollen. „Believe it or not / Glaub es oder lass es“, mag man da nur noch hinzufügen.

 

 

Wolf Leichsenring

Gabriele & Wolf Leichsenring „Die Welt ist ein Buch. Und wer zu Hause bleibt, liest nur eine Seite darin“, lautet ein Spruch des weltoffenen Heiligen Augustinus (354-430 AD). Gabriele & Wolf Leichsenring sind lesefreudig. Mit einer einzigen Buchseite haben sie sich noch nie zufrieden gegeben. Wohnmobilisten seit nunmehr 30Jahren – und somit völlig „hoteluntauglich“ - blättern sie stetig im „Buch der Erde“, haben sich darin bereits recht vielfältige Kapitel erarbeitet. Sie reisen überall dorthin, wohin das Wohnmobil sie trägt. Dabei scheuen sie nicht davor zurück, ihr WoMo auch einmal für eine längere Schifffahrt verladen zu lassen, z.B. nach Nordamerika. Seitdem sie ihren früheren beruflichen Pfaden (Lehrtätigkeiten) den Rücken gekehrt haben, stehen Langzeitreisen in fernere Ecken unseres Erdballs auf dem Programm. Mit der Zeit würden sicherlich viele der gewonnen Impressionen im Nebel der Erinnerungen verblassen oder gar gänzlich verschwinden. Um dem vorzubeugen, werden Berge von Fotos geschossen und regelmäßig Reiseberichte geschrieben. Damit nicht genug! Anfragen von Zeitungsverlagen ließen und lassen sie „live von unterwegs“ berichten. Blogs, sowohl auf der eigenen Website ( http://ga-wo.leichsenring.net/reisen/ ) wie auch schwerpunktmäßig für den Reisebuchverlag „traveldiary“, Hamburg, ergänzen das Schreibprogramm. Somit erscheint es dann nur konsequent, dass derartige Aktivitäten schließlich in der Publikation mehrerer Bücher mündeten mit den Themenschwerpunkten „Nordamerika“ und „Marokko“. Als gefragte Dozenten berichten sie in Form von DiaVorträgen über ihre Reisen, wobei die Zuhörerschaft sich entweder den eigenen Erinnerungen hingeben, auch einmal neue Pläne schmieden, ihren Wissensdurst stillen oder sich einfach in Träumereien fallen lassen kann. Bewährt hat sich Arbeitsteilung der beiden Globetrotter: Mit ausgeprägtem, motivsicherem Blick bannt Gabriele Leichsenring das Gesehene und Erlebte in ihre Kameras. Die entsprechenden Texte stammen aus der Feder von Wolf Leichsenring. Und so arbeiten sich diese neugierigen, vom Fernweh heimgesuchten Weltenbummler durch das dicke Buch des Globus‘. Wer aber auch eine andere – künstlerische – Seite dieser beiden Reiseautoren kennenlernen möchte, der rufe einfach deren weitere Website auf: http://ga-wo.leichsenring.net/kreativ/